Tibetpolitik

Artikel zum Thema Tibetpolitik der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Buddhanatur - Das Potential für die Erleuchtung (Teil I)

Wir alle möchten Glück erleben und Leid vermei- den —nicht nur in dieser Existenz, sondern auch in den darauf folgenden Leben. Nach buddhistischer Sicht trennt sich im Tod das Bewußtseinskontinuum vom Körper. Dieses Bewußtsein verbindet sich wieder mit einem neuen Körper, und ein neues Leben beginnt. Würde unser Geist, nachdem wir gestorben sind, zu lebloser Materie, so bräuchten wir uns über zukünftige Leben keine Gedanken zu machen. Da der Geist als Kontinuum sich aber immer weiter fortsetzt, sollten wir unsere Aufmerksamkeit auch auf die Zeit nach dem Tod richten und uns entsprechend vorbereiten.

Der Buddha hat darauf hingewiesen, daß es wichtig ist, die Fehler des Geistes zu beseitigen und die Tugenden zu entwickeln. Die Religion lehrt zu diesem Zweck umfangreiche Mittel. Auf der einen Seite gibt es in unserem Geist viele negative Eigenschaften wie Gier, Haß, Neid, Eifersucht, Stolz, die die eigentlichen Ursachen des Leids sind. Wenn man Glück erreichen will, muß man den Geist von diesen negativen Aspekten reinigen. Der Buddha selbst ist diesen Weg gegangen und hat durch die vollständige Reinigung von allen Fehlern den Zustand des endgültigen Glücks erlangt, die Erleuchtung. Diesen Weg hat er für die Menschen aufgezeigt.

Oft taucht die Frage auf, ob es für uns überhaupt möglich ist, es dem Buddha gleichzutun. Manchmal sind wir entmutigt, weil wir uns selbst zu wenig zutrauen und glauben, daß wir zu wenig Kraft und Entschlossenheit besitzen, um dieses Ziel überhaupt anzustreben. Eine Methode, das mangelnde Selbstvertrauen zu überwinden besteht darin, sich mit dem Thema »Buddhanatur« zu beschäftigen. In uns selbst ist das Potential zur Buddhaschaft vorhanden; dieser Gedanke stärkt den Mut und die Entschlossenheit, die nötig sind, um diesen Weg zu gehen und das Ziel erreichen zu können. So kann man Gewissheit erlangen: Wenn ich alles Nötige tue, dann werde ich das Ziel erreichen. Wende ich die entsprechenden Mittel an, so kann ich den Geist von allen Verblendungen und Fehlern reinigen.

Der Buddha lehrt in einem Sutra, daß jedes Lebewesen die Anlage in sich trägt, die Buddhaschaft erreichen zu können. Über diese Veranlagung zur Buddhaschaft lehrt auch Maitreya. Dazu gibt es noch weitere Kommentare, beispielsweise von Asanga, auf die ich mich im folgenden stütze. Ich werde darlegen, wie die vier buddhistischen Hauptschulen — der Vaibhāshikas, Sautrāntikas, Cittamātrin und Mādhyamikas — die Buddhanatur erklären. Die Erklärungen werden zunehmend genauer; die Mādhyamika- Lehrmeinung gilt als die höchste Schule.

Begierdelosigkeit ist Teil des Geistkontinuums

Die Vaibhāshikas verstehen die Buddhanatur folgendermaßen: Die Buddhanatur ist der Faktor der Begierdelosigkeit im Geistkontinuum eines Lebewesens, der die substantielle Ursache dafür bildet, daß eine Person die Eigenschaften eines Heiligen oder eines Feindzerstörers erlangen kann. Als Heiliger gilt, wer die direkte Einsicht in die endgültige Wirklichkeit erlangt hat. Ein Feindzerstörer hat sich mit Hilfe dieser Meditation aus dem Daseinskreislauf befreit und alles Leiden zusammen mit seinen Wurzeln aufgegeben.

Um die endgültige Wahrheit unmittelbar zu erfahren, müssen die entsprechenden Ursachen im Geist vorhanden sein. Die Begierdelosigkeit ist nach dieser Schule die substantielle Ursache für diese Einsicht. Um diese wiederum hervorzubringen, gibt es vier substantielle Ursachen — eine direkte Ursache und drei indirekte Ursachen:

Der Buddha hat gesagt, daß die Zufriedenheit mit einfacher Kleidung, einfacher Nahrung und einfacher Wohnung die Veranlagung zu einem Heiligen sei. Damit sind die drei indirekten Ursachen angesprochen, die zur Erleuchtung führen. Genügsamkeit ist eine wichtige Voraussetzung für den geistigen Pfad. In reichen Ländern wie Deutschland verwenden wir viel Zeit darauf, immer Besseres und Luxuriöseres zu erwerben; mangelnde Genügsamkeit kostet sehr viel Zeit und Kraft. Wer auf dem geistigen Pfad Fortschritte machen möchte, sollte daher als Voraussetzung Genügsamkeit üben.

In der heutigen modernen Gesellschaft ist es unmöglich, ein ganz und gar bescheidenes Leben zu führen; das ist auch nicht notwendig. Vielmehr geht es um die innere Haltung in bezug auf die Dinge, um unsere Aufmerksamkeit für unsere eigene Existenz und das, was nach dem Tod passiert. Wir werden eine neue Geburt annehmen. Das Streben nach Luxus kann uns in diesem Leben vorübergehendes Glück verschaffen, es wird uns aber in bezug auf zukünftige Leben nicht weiterhelfen. Wir sollten daher nicht unser ganzes Bemühen auf diese vergänglichen Dinge richten. Wenn wir an ein nächstes Leben glauben, werden wir nicht mehr an den Dingen dieses Lebens hängen.

Freude am religiösen Pfad

Eine weitere Veranlagung zu einem Heiligen besteht in der Freude, negative Eigenschaften aufzugeben und heilsame Eigenschaften zu üben, an der Freude am Lernen und in der Kontemplation über diese Dinge. Diese Freude ist die direkte substantielle Ursache, daß eine Person den Zustand der Heiligkeit auf dem Pfad verwirklicht. Warum führen diese Ursachen zum Zustand der Heiligkeit? Der Kommentar sagt: Wer sich — auf der Grundlage der Genügsamkeit in Kleidung, Nahrung und Wohnung — in der Meditation übt, seine negativen Eigenschaften aufgibt und seinen Geist reinigt, wird das Verlangen nach »mein«, nach Besitz abwenden.

Durch die Freude am Aufgeben der Leidenschaften wird das Hängen am Selbst beseitigt, und so führt die Begierdelosigkeit zur Heiligkeit. Durch die Genügsamkeit werden die manifesten Begierden nach den Gütern dieses Lebens, nach dem, was man als »mein« bezeichnet, abgewendet. Dadurch wird die Person ein Heiliger, aber noch kein Feindzerstörer. Wer die vollkommene Befreiung von allen Leiden wünscht, muß über die eigentliche Bestehensweise seiner Person meditieren und darüber, daß alles Entstandene unbeständig, befleckt und mit Leid verbunden ist, daß alle Phänomene leer und ohne Selbst sind, und daß nur Nirvāna der endgültige Frieden ist.

Wenn man über diese Dinge meditiert, wie es auch in den Vier Wahrheiten des Buddha gelehrt wird, entwickelt sich die Sicht der eigentlichen Wirklichkeit. Zuerst muß man etwas darüber lernen, dann tiefer darüber kontemplieren und schließlich die Erkenntnisse, die man dadurch erlangt hat, mit konzentrativer Meditation verbinden. Dadurch entwickelt sich die direkte Einsicht in diese Wahrheiten, wie sie einen Heiligen auszeichnen. Diese Art der Meditation ist die direkte substantielle Ursache für den Zustand der Heiligkeit. Das alles benötigt aber als Grundlage die indirekten Ursachen, nämlich die genannten Arten der Genügsamkeit.

Diese Aussagen der Vaibhāshikas sind leicht nachzuvollziehen und vom praktischen Gesichtspunkt her sehr wertvoll. Die eigene Lebensführung ist wichtig, wenn man Fortschritte auf diesem Weg machen möchte, denn starkes Verlangen behindert die eigene Befreiung aus dem Daseinskreislauf.

Veranlagung zur Befreiung

Die Aussagen der Sautrāntikas sind etwas genauer als die der Vaibhāshikas. Diese Schule sagt, daß es im Geist der Lebewesen eine Wirkungskraft gibt, die den Samen für einen unbefleckten Geist bildet. Dieses Potential ist seit anfangsloser Zeit in den Lebewesen vorhanden und kann zur Befreiung entwickelt werden. Wenn sich die Person noch in einem gewöhnlichen Zustand als Lernender befindet, also noch nicht die Befreiung erreicht hat, kann diese Veranlagung noch Schaden nehmen.

Das Potential erschließen — durch Hören, Kontemplation und Meditation

Die Cittamātra-Schule, die zum Großen Fahrzeug (Mahāyāna) gehört, beschreibt die Buddhanatur, den Samen für einen unbefleckten Zustand, als ein Phänomen mit drei Aspekten: Erstens existiert dieser Same seit anfangsloser Zeit im Geist der Lebewesen und wird von Leben zu Leben weitergetragen. Zweitens ist dieser Same nichts, was durch wechselhafte Ursachen und Umstände neu entsteht und wieder vergeht; diese Anlage ist von Natur her vorhanden. Drittens gehört das Potential zur Sinnesquelle des Geistes, ist also im geistigen Bewußtsein zu suchen und nicht in einem Sinnesbewußtsein. Die Cittamātrin führen als Beleg für diese drei Aspekte ein Sutra des Buddha an, in dem er von dieser Veranlagung zu einem Bodhisattva spricht.

Dieses Potential für einen unbefleckten Geist wird von den Cittamātrin unterteilt in die natürlich anwesende Buddhanatur und in die Veranlagung, die weiterentwickelt werden muß. Das heißt: Solange man dieses Potential nicht nutzt und nichts unternimmt, um es zu stärken, sondern seinem gewöhnlichen Leben nachgeht, kann es nicht weiterentwickelt werden. Erst wenn man durch Lernen, Kontemplation und Meditation dieses Potential in sich aktiviert, wandelt es sich von der natürlich anwesenden Veranlagung in die zu entwickelnde Veranlagung.

Drei Fahrzeuge, drei Veranlagungen

Im Mahāyāna wird von drei Arten der Erleuchtung gesprochen: die Erleuchtung eines Hörers und die Erleuchtung eines Alleinverwirklichers — beide gehören zum Kleinen Fahrzeug — als auch die Erleuchtung eines Bodhisattvas als Resultat des Großen Fahrzeugs.

Die ersten beiden Arten der Erleuchtung dienen hauptsächlich dem persönlichen Wohl; sie bestehen in der eigenen Befreiung aus dem Daseinskreislauf. Auch auf den Pfaden eines Hörers und Alleinverwirklichers werden Tugenden geübt, die auf das Wohl der anderen gerichtet sind: Liebe und Mitgefühl, der Wunsch, daß die Lebewesen frei sein mögen von Leid und seinen Ursachen und daß sie Glück und die Ursachen für Glück finden mögen.

Der Übende nimmt aber nicht die besondere Verantwortung für das Glück und Leid aller fühlenden Wesen auf sich, also die Verpflichtung, alles zu tun, was nötig ist, damit die Lebewesen von ihren Leiden freikommen und Glück erlangen. Diese außergewöhnliche Geisteshaltung und der Wunsch nach Buddhaschaft, nach vollkommener Erleuchtung zum Wohle aller Lebewesen, wird auf den beiden Pfaden im Kleinen Fahrzeug (Hïnayāna) nicht entwickelt. Dies sind besondere Eigenschaften, die einen Bodhisattva auszeichnen. Entsprechend erreicht ein Bodhisattva ein höheres Ziel, nämlich die Buddhaschaft, in der nicht nur das höchste eigene Wohl, sondern auch das höchste Wohl für andere verwirklicht ist. Ein Bodhisattva braucht hierfür eine besondere Geisteskraft.

An dieser Stelle führt Asanga in seinem Kommentar ein Zitat aus dem »Schmuck der Mahāyāna-Sutras« von Maitreya an, daß es drei verschiedene Veranlagungen gibt, wenn man noch nicht in den Pfad eingetreten ist. Aufgrund dieser drei verschiedenen Charaktere enstehen bei den Lebewesen, sobald sie in einen geistigen Pfad zur Erleuchtung eintreten, drei unterschiedliche Arten der Wertschätzung.

Jemand mit der Veranlagung zum Hörer schätzt einen Pfad, der zur persönlichen Befreiung führt. Er hat die Neigung, sich in der Gemeinschaft mit anderen zu üben, um dieses Ziel zu erreichen, beispielsweise in einer Klostergemeinschaft. Der Alleinverwirklicher strebt ebenfalls als hauptsächliches Ziel die persönliche Befreiung an. Doch neigt er weniger dazu, sein religiöses Leben in einer Gemeinschaft zu führen, sondern meditiert und versenkt sich in Abgeschiedenheit. Er hat außerdem den Wunsch, zu einer Zeit in der Welt zu erscheinen, wenn kein Buddha anwesend ist. Ein Alleinverwirklicher möchte dann seine Erfahrungen und Einsichten weitergeben können.

Das Ziel eines Bodhisattvas ist nicht in erster Linie die persönliche Befreiung, sondern die Erleuchtung zum Wohle der anderen; dies ist sein Hauptanliegen, denn er schätzt alle anderen Lebewesen mehr als sich selbst. Deshalb sucht er eine Erleuchtung, in der ihm alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen, den Lebewesen zu helfen, damit sie sich selbst befreien können. Er sieht, daß nur ein Buddha diese Fähigkeiten vollständig besitzt, denn nur ein Buddha ist frei von allen Fehlern und verfügt über die Fähigkeiten und Tugenden, die ihn in jeder Hinsicht befähigen, den anderen zu helfen. Um diesen Zweck zu erfüllen, strebt ein Bodhisattva die vollkommene Erleuchtung eines Buddha an.

Drei Veranlagungen, drei Arten der Übung

Aufgrund dieser drei Veranlagungen und Wertschätzungen gibt es drei verschiedene Arten der Übung auf dem Pfad: Ein Hörer übt die Weisheit, mit der er erkennt, daß die Person leer ist von einem eigenständigen, substantiell existierenden Selbst. Diese Erkenntnis ist mit der kleinen Ansammlung von Verdienst verbunden. Es heißt, daß er frühestens nach drei Leben seine Erleuchtung erlangt.

Ein Alleinverwirklicher entwickelt die Weisheit, die nicht nur erkennt, daß die Person leer ist von einem eigenständigen und substantiell existierenden Selbst, sondern auch, daß alle Phänomene leer sind in dem Sinne, daß sie keine Objekte sind, die vom wahrnehmenden Bewußtsein verschiedene Entitäten sind. Das erfassende Bewußtsein und das erfaßte Objekt sind leer davon, verschiedene Entitäten zu sein. Diese Leerheit, die letztliche Existenzweise aller Phänomene, wird nach Cittamātra-Auffassung von einem Alleinverwirklicher zusätzlich zu der Selbstlosigkeit der Person erkannt. Zudem hat er die geistige Kraft, während 100 Weltzeitaltern und länger Verdienst anzusammeln. Durch seine größere Ansammlung von Verdienst und die Schulung einer noch weitergehenden Weisheit erlangt er die Erleuchtung eines Alleinverwirklichers.

Nur ein Bodhisattva übt die Einsicht in die Leerheit aller Phänomene. Außerdem sammelt er sehr viel mehr Verdienst an. Er hat eine so große geistige Kraft, daß er über drei Perioden von zahllosen Zeitaltern alle Handlungen übt, die zum Wohle der anderen auf dem Wege zur Buddhaschaft geübt werden müssen, wie Freigebigkeit, Geduld und so weiter. Er sammelt damit die zwei Anhäufungen von Verdienst und Weisheit an, die notwendig sind, um alle Hindernisse des Geistes aufzugeben und den Zustand der Allwissenheit eines Buddha zu erlangen.

Die Veranlagung zum Mahāyāna ist weitreichender, weil auf diesem Pfad viel mehr Tugenden entwickelt werden müssen als auf dem Pfad zur eigenen Befreiung. Das kommt auch in dem tibetischen Wort »Fahrzeug (Tegpa)« zum Ausdruck. »Tegpa« heißt »tragen«. Ein Fahrzeug ist im religiösen Sinne eine Geisteshaltung, die etwas trägt. Einmal trägt sie die Verantwortung für das persönliche Wohl und heißt deswegen »Kleines Fahrzeug«; im anderen Fall trägt die Geisteshaltung die Verantwortung für das Wohl aller Lebewesen und wird deshalb »Großes Fahrzeug « genannt. Ein Fahrzeug ist eine in den Pfad eingetretende höhere Weisheit, die in der Lage ist, Verantwortung dafür zu tragen, eines der beiden Ziele zu erreichen — die persönliche Befreiung oder das höchste Wohl für alle anderen, die Buddhaschaft.

Die natürlich anwesende und die zu entwickelnde Buddhanatur

Man muß zwei Arten der Buddhanatur verstehen: die sogenannte natürlich anwesende Buddhanatur und die zu entwickelnde Buddhanatur. Sie stehen zueinander im Verhältnis von Grundlage und dessen, was auf der Grundlage beruht; die natürlich anwesende Buddhanatur ist die Grundlage für die zu entwickelnde Buddhanatur. Die natürlich anwesende Buddhanatur tragen alle Lebewesen seit anfangsloser Zeit in sich. Wenn diese Anlage durch Hören, Kontemplation und Meditation genährt wird, wandelt sie sich in die zu entwickelnde Buddhanatur.

Um die Veranlagung zu aktivieren, ist es wichtig, den Pfad der Tugend zu gehen. Die natürlich anwesende Buddhanatur ist ein Same für einen unbefleckten, das heißt von Leidenschaften befreiten Geist. Wenn auf dem Pfad dieser Same genährt wird, wandelt er sich in die zu entwikkelnde Buddhanatur. Ist schließlich mit dem Zustand der Buddhaschaft das Resultat erreicht, so ist diese Veranlagung ganz entwickelt.

Welche Anzeichen deuten darauf hin, daß die Veranlagung zum Großen Fahrzeug in einer Person erweckt worden ist? Als Beispiele werden genannt, daß die Person außerordentlich großes Mitgefühl für die Lebewesen empfindet oder eine wachsende Wertschätzung für das Große Fahrzeug hegt. Außerdem ist bei solchen Personen die Fähigkeit des Ertragens sehr stark ausgeprägt, wenn es darum geht, anderen Lebewesen zu helfen und zu dienen. Auch ist die Tatkraft hoch entwickelt, alle heilsamen Handlungen wie Freigebigkeit durchzuführen, die ein Bodhisattva auf dem Pfad zu üben hat. Von außen kann man eine Person nicht umfassend beurteilen. Ist man jedoch längere Zeit mit ihr zusammen, so wird es möglich sein, aufgrund der äußeren Verhaltensweise auf die inneren Qualitäten zu schließen. Ich habe bereits die Anzeichen dafür aufgezählt, daß die Anlagen zur Buddhaschaft geweckt worden sind. Sie sind zu beobachten, bevor die Person tatsächlich in den Pfad des Großen Fahrzeugs eingetreten ist. In den Mahāyāna- Pfad tritt man ein, wenn der Erleuchtungsgeist, das Streben nach Buddhaschaft zum Wohle der Lebewesen, ganz spontan und natürlich vorhanden ist. Die Veranlagung zum Mahāyāna aber ist bereits geweckt worden, wenn das große Mitgefühl und die liebevolle Zuneigung zu allen Lebewesen entwickelt sind, also noch bevor der eigentliche Erleuchtungsgeist enstanden ist.

Bei der Siebenfachen Anweisung von sechs Ursachen und einer Wirkung, die dazu dient, den Erleuchtungsgeist hervorzubringen, entwickelt man Schritt für Schritt die altruistische Geisteshaltung. Auf der vierten und fünften Stufe, auf der die große liebevolle Zuneigung und das große Mitgefühl für alle Lebewesen geübt werden, ist die Veranlagung zum Großen Fahrzeug geweckt. Zu diesem Zeitpunkt ist die »passive« Veranlagung in der Person in eine »aktive bzw. aktivierte« Veranlagung übergegangen.

Hindernisse, die Buddhanatur zu erwecken, und Vorzüge ihrer Entwicklung

Maitreya erklärt im Schmuck der Mahāyāna-Sutras vier Hindernisse auf dem Weg zur Entwicklung der inneren Veranlagung zur Buddhaschaft:

• Starke Leidenschaften im Geist wie Gier, Haß, schlechte Gewohnheiten usw.

• Schlechte Freunde, die einen sehr negativen Einfluß haben.

• Armut kann ein Hindernis sein, wenn es an lebensnotwendigen Gütern fehlt und man nicht die Kraft besitzt, trotz dieser Bedingungen Dharma zu üben.

• Schlechte politische Verhältnisse, wenn etwa eine Regierung die Ausübung von Religion unter Strafandrohung verbietet.

Welchen Nutzen hat es, die innere Veranlagung zur Buddhaschaft in sich zu erwecken und weiterzuentwikkeln? Maitreya erklärt folgende Vorzüge, die sich aus positiven Handlungen ergeben:

Hat eine Person sehr negatives Karma angesammelt, dessen Frucht mit Sicherheit zu erleben ist, kann sie durch heilsame Handlungen erreichen, daß sie die Folgen dieses Karmas nur kurzzeitig zu erleben hat, daß die Wirkungen weniger intensiv sind oder daß die Auswirkung dieses schlechten Karmas sehr weit aufgeschoben wird. Hat man beispielsweise Karma für die Existenz in niederen Bereichen angesammelt, dauert dieses Leiden nur eine kurze Zeit, ehe man sich wieder daraus befreien kann; oder die Leiden, die man in einem elenden Bereich erlebt, sind im Vergleich zu denen der anderen Lebewesen geringer. Weiter wird man in der Lage sein — da man sich selbst aufgrund der Leiden vom Daseinskreislauf abgekehrt hat — den Wunsch nach Befreiung auch in anderen Lebewesen zu wecken und ihnen zu zeigen, wie auch ihr Geist zur Reifung gebracht werden kann. Man ist also in der Lage, einen positiven Einfluß auf den Geist der Wesen zu nehmen, so daß auch sie den Wunsch nach Befreiung aus dem Daseinskreislauf entwickeln und den tugendhaften Geist in sich zur Reifung bringen.

Ist die Buddhanatur in allen Lebewesen vorhanden? Nach der Ansicht dieser Schule gibt es vier Arten von Lebewesen, bei denen die Veranlagung zur Buddhaschaft gestört ist:

• Personen, die ausschließlich schlechte Handlungen ausführen und eine unheilsame Geisteshaltung besitzen.

• Personen, die durch Wut die tugendhaften Wurzeln in sich zerstört haben. Sehr starker Haß kann die heilsamen Veranlagungen sogar vollständig zerstören. (Das heißt natürlich nicht, daß sofort alle guten Anlagen zerstört werden, wenn man einmal wütend wird.)

• Personen, die in ihrem Geisteskontinuum gar keine heilsamen Anlagen für die Befreiung haben. Sie besitzen vielleicht Anlagen, um heilsame Handlungen zu sammeln, die zu Glück im Daseinskreislauf führen, aber keine Anlagen, die förderlich für die vollständige Befreiung aus dem Daseinskreislauf sind.

• Personen, die geringfügige heilsame Anlagen in sich tragen, aber keine Anlagen besitzen, die förderlich sind für ein unbeflecktes Bewußtsein und für die Befreiung. Als Beweis führen die Cittamātrin Aussagen des Buddha in verschiedenen Sutras an, in denen der Buddha entsprechende Personen erwähnt, z.B. solche, die ausschließlich unheilsame Handlungen begehen, oder solche, die durch Wut ihre Tugendwurzeln zerstört haben. Die Cittamatrin nehmen diese Aussagen des Buddha wörtlich, wohingegen die Madyamaka-Schule die Aussagen, in denen der Buddha lehrt, daß Tugendwurzeln zerstört werden können, als zu interpretierende Aussagen ansieht, die nicht wörtlich zu nehmen sind.

Leidenschaften gehören nicht zur Natur des Geistes

Die Buddhanatur im System der Mādhyamikas: Die Schule der Mādyamikas erklärt, daß die Befleckungen im Geist der Lebewesen vorübergehender Natur sind. Aus diesem Grund ist der Geist dazu geeignet, sich von diesen Beflekkungen zu befreien. Gier und Haß beispielsweise sind zwar aufgrund vorübergehender Umstände und Ursachen entstanden, sie sind aber nicht Teil der eigentlichen Natur des Geistes. Diese Beschaffenheit des Geistes, daß die Beflekkungen nicht zur Natur des Geistes selbst gehören, betrachten die Mādyamikas als die natürlich anwesende Buddhanatur.

Die Befleckungen des Geistes können überwunden werden, weil sie nicht zu seiner eigentlichen Natur gehören. Ebenso gehören Wolken nicht zur eigentlichen Natur des Himmels; der Schmutz im Wasser gehört nicht zur eigentlichen Natur des Wassers; und die Oxidation auf der Oberfläche von Gold ist kein Teil der Natur des Goldes selbst. Ähnlich verhält es sich mit den Befleckungen des Geistes. Wären die Wolken ein Teil der Natur des Himmels, so wäre es unmöglich, daß sie entstehen und vergehen. Könnte man den Schmutz im Wasser nicht entfernen, wäre es nicht möglich, das Wasser von Schmutz zu reinigen. Und es gäbe kein reines Gold, wenn sich die Oxidation nicht beseitigen ließe.

Die Leidenschaften gehören nicht zur Natur des Geistes. Wären sie ein Teil der Natur des Geistes, so könnte man die Gegenmittel der Leidenschaften mit noch so großem Eifer anwenden, es würde nicht gelingen, den Geist von ihnen zu reinigen. Das ist aber nicht der Fall. Der Geist kann mit den korrekten Mitteln weiterentwickelt und die Leidenschaften können beseitigt werden. Der Buddha hat gesagt: »Mönche, der Geist ist ohne Geist, der Geist ist klares Licht«. Die befleckten Geisteszustände sind nicht die eigentliche Natur des Geistes. Daher ist der Geist in seiner Natur klares Licht.

Alle Wesen tragen die Essenz der Erleuchtung in sich

Im Uttaratantra lehrt Buddha Maitreya, daß alle Wesen mit dem Samen zur Buddhaschaft ausgestattet sind. Alle tragen die Essenz zu einem Buddha in sich. Welche Gründe nennt Maitreya dafür? Ein Grund ist, daß die Heilsaktivität des Buddha auf alle Wesen einwirkt. Man kann bei allen Wesen beobachten, daß heilsame Geisteszustände oft spontan auftreten. Es gibt kein Wesen, bei dem nicht auch heilsame Gedanken entstehen, etwa Mitgefühl oder ein spontanes Bereuen unheilsamer Taten.

Diese spontan heilsamen Geisteszustände kommen zustande, weil die Heilsaktivität eines Buddha wirkt; sie bildet für diese heilsamen Gedanken einen Umstand. Die weitere Bedingung für heilsame Geisteszustände besteht darin, daß der Geist von Befleckungen gereinigt werden kann. Die Heilsaktivität der Buddhas kann nur wirken, weil die fühlenden Wesen diese Veranlagung in sich tragen. Wäre diese Eignung nicht da, könnte auch die Heilsaktivität der Buddhas keine positiven Auswirkungen haben.

Die endgültige Existenzweise des Geistes des Buddhas und der fühlenden Wesen ist gleich. Alle Lebewesen haben die Buddhanatur in sich. Sie besitzen das Potential, die Buddhaschaft zu erreichen. Die Mādyamikas akzeptieren nicht, daß es Wesen gibt, deren Tugendwurzeln zerstört sind. Denn für sie ist die zu entwickelnde Buddhanatur in allen Wesen vorhanden: die Eignung des Geistes, sich von allen Befleckungen reinigen und alle Tugenden entwickeln zu können.

Der Geist ist leer von inhärenter, unabhängiger, wahrer Existenz; das ist die endgültige Natur des Geistes. Auf der konventionellen Ebene ist der Geist geeignet, von allen Befleckungen befreit zu werden; das ist die weiterzuentwickelnde Buddhanatur. In endgültiger Hinsicht ist der Geist leer von unabhängiger oder wahrer Existenz; das ist die natürlich anwesende Buddhanatur.

Der Geist, der die Eignung trägt, weiterentwickelt und von allen Befleckungen befreit zu werden, wird auf dem Pfad geschult bis hin zur Buddhaschaft; so wandelt er sich um in den Geist des Buddha, der »Weisheits-Dharmakāya« genannt wird. Die endgültige Natur des Geistes, frei zu sein von inhärenter oder wahrer Existenz, wird — wenn das Resultat erreicht ist — zum Natürlichen Dharmakāya. Obwohl diese Veranlagung die Essenz eines Tathāgatas oder Vollendeten bildet, ist sie doch vorübergehend befleckt, durch bestimmte Umstände und Hindernisse im Geist verdunkelt. Diese Hindernisse müssen erst beseitigt werden, um das ganze Potential der Buddhanatur zu entwickeln.

Die Buddhanatur von Hindernissen befreien

Die ersten drei Hindernisse, die die Buddhanatur verdecken, sind, wie Buddha Maitreya erwähnt, die drei Geistesgifte Begierde, Haß und Verblendung — in latentem Zustand. Selbst wenn Begierde, Haß oder Verblendung gerade nicht manifest sind, d.h. nicht offen zutagetreten, sind sie doch latent bei uns anwesend und können jederzeit, wenn die entsprechenden Bedingungen vorhanden sind, stark anwachsen. Ein viertes Hindernis ist gegeben, wenn diese drei Geisteskräfte aus dem latenten in einen aktiven Zustand treten.

Weiterhin werden die »Anlagen zur Unwissenheit« genannt, die selbst dann noch vorhanden sind, wenn man die eigene Befreiung aus dem Daseinskreislauf erreicht hat; es sind die Hindernisse für die Allwissenheit, eine bestimmten Form der Unwissenheit, die das Erkennen sämtlicher Phänomene verhindert. Diese Unwissenheit hinterläßt Anlagen im Geist, die dieses Hindernis bilden.

Die genannten Punkte verhindern, daß sich die Essenz eines Vollendeten im Geisteskontinuum aller Lebewesen entfaltet. Wenn man jedoch diese Hindernisse beseitigt und den Geist von ihnen befreit, wandelt sich die natürlich anwesende Buddhanatur um in den Natürlichen Dharmakāya eines Buddha.

Nach einer mündlichen Übersetzung aus dem Tibetischen von Gelong Dschampa Tendsin, überarbeitet von Svenja Willkomm und Carola Roloff.

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 33, 1995
www.tibet.de/zeitschrift

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