Reinigung / Vorbereitende Übungen

Artikel zum Thema Reinigung / Vorbereitende Übungen der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Vorbereitenden Übungen - Teil 4: Mandala-Darbringung

Im Rahmen der Vorbereitenden Übungen werden 100.000 Mandalas dargebracht. Zu Beginn der Sitzung rezitieren wir ein Guru-Yoga und einige Mantras, wie es im ersten Teil dieser Serie (Heft 54/2000, Seite 25 f.) erklärt wurde. Dann bringen wir ein kurzes Mandala dar: "Dieses Mandala, dessen Boden mit wohlriechenden Wassern besprengt und mit Blumen bestreut ist, das mit dem Berg Meru und den vier Kontinenten sowie Sonne und Mond geschmückt ist, bringe ich dar, nachdem ich es mir als ein Buddhaland vorgestellt habe. Mögen sich alle Lebewesen an diesem reinen Land erfreuen." Es folgt der Vers der Zufluchtnahme und der Entwicklung des Erleuchtungsgeistes. Als nächstes bringen wir ein ausführliches Mandala mit 37 Häufchen dar; den Text dazu finden wir in der Guru-Puja (Seite 16).

Im allgemeinen wird gesagt, je kostbarer die Materialien sind, aus denen das Mandala besteht, um so besser ist es. Natürlich muß jeder schauen, was er sich leisten kann, aber die Verdienste sind um so größer, je kostbarer die dargebrachten Substanzen sind. Traditionellerweise sollte der Boden des Mandala etwas größer sein als eine Eßschale. Da im Westen aber meistens von Tellern gegessen wird, die schon relativ groß sind, ist diese Anweisung sicher etwas schwierig umzusetzen. Vielleicht können wir uns darauf einigen, daß der Mandala-Boden größer sein sollte als der Durchmesser einer Untertasse oder Müslischale. Die Bedeutung dieser Anweisung ist, daß man das Essen nicht wichtiger nimmt als die Darbringung des Mandala. Wäre der Boden zu klein im Vergleich zur Eßschale, würde man noch unheilsames Karma ansammeln.

Der Mandala-Boden wird mit einer Substanz eingerieben, die von einer Kuh stammt. Tibetische Lamas haben spezielle Pillen oder Pulver ("Batschung" auf tibetisch), in denen verschiedene Substanzen wie Milch und Dung enthalten sind. Die Kuh muß sieben Tage auf einer sehr sauberen Wiese gegrast und nur Heilkräuter gefressen haben. Reiben wir den Mandala-Boden mit der Substanz ein, wird dies als gutes Omen für Reichtum angesehen. Man nimmt also zuerst eine solche Pille, löst sie in gut duftendem Wasser wie zum Beispiel Safranwasser auf und reibt mit der Flüssigkeit den Mandala-Boden ein. Das Mandala selbst enthält als Grundbaustein Reis, den man mit Safran oder anderen Stoffen färben kann. Zusätzlich kann man Schmuck, Edelsteine, Edelmetalle und ähnliches hineingeben, je nachdem, was man an kostbaren Dingen zur Verfügung hat. Wir sollten sehr auf Sauberkeit achten und alles gut reinigen, bevor wir es darbringen. Wenn wir alles beieinander haben, nehmen wir wieder etwas von der Kuh-Substanz und vermischen es mit der Mandala- Substanz. Der Reis sollte nicht ganz trocken sein, sondern etwas Feuchtigkeit aufgenommen haben. Diese Anweisung wird nicht immer beachtet, aber es ist gut, sie zu kennen. Natürlich darf der Reis nicht zu viel Feuchtigkeit aufgenommen haben und schon aufgegangen sein, dann wird es schwierig, ihn zu benutzen. Wir können den Reis mit ein wenig Safranwasser anfeuchten.

Wir bringen das Mandala nicht mit leeren Händen dar, sondern nehmen erst etwas Reis von der Mandala-Substanz in die linke Hand und halten damit den Boden. Mit der rechten Hand nehmen wir ebenfalls etwas Reis, streuen ihn auf den Mandala-Boden und wischen diesen dann mit rechtsdrehenden Bewegungen mit dem rechten Handballen oder der Handwurzel wieder vom Mandala-Boden weg. Diesen Vorgang wiederholt man mindestens drei Mal, bevor die Darbringung rezitiert wird. Er symbolisiert, daß wir uns erst einmal reinigen und alle Hindernisse von Körper, Rede und Geist bei uns beseitigen. Als nächstes streuen wir wieder etwas von dem Reis auf den Mandala-Boden und wischen ihn dreimal mit der Handwurzel mit linksdrehenden Bewegungen wieder weg. Dabei stellen wir uns vor, daß wir den Segen von Körper, Rede und Geist aller Buddhas herbeiholen.

Dann beginnt die Rezitation mit den Worten OM VAJRA BHUMI AH HUM - wang tschen ser gji sa schi (Seite 16-19 in der Guru-Puja). Dabei streut man Reis auf den Mandala-Boden und stellt sich vor, daß dadurch der Grund aus Gold entstanden ist. Es ist gut, ein Verständnis davon zu haben, wie im Buddhismus, speziell im Schatzhaus des Höheren Wissens von Vasubandhu, die Entstehung unserer Welt beschrieben wird. Diese Erklärungen müssen nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, aber sie haben dennoch einen Nutzen für die Praxis, denn man kann nach diesen Schilderungen den Buddhas und Lamas ein Mandala darbringen, also die komplette Welt in einem reinen Zustand, wodurch man viele Verdienste ansammelt. Nun setzen wir den ersten Ring auf den Mandala-Boden, nehmen etwas Reis und streuen diesen innerhalb dieses Rings einmal herum. Dabei rezitieren wir die Worte OM VAJRA BHUMI AH HUM... ("In der Mitte, umgeben von einem Ring aus eisernen Gebirgen, ..."), die durch den ersten Ring und den Reis symbolisch dargestellt werden. Weiter nehmen wir wieder etwas Reis und häufen ihn in der Mitte des ersten Rings an, was den Berg Meru (1) symbolisiert.

Ganz gleich, wie unser Meditationssitz tatsächlich ausgerichtet ist, wir stellen uns immer vor, daß wir im Osten sitzen. Die Seite des Mandala, die uns zugekehrt ist, liegt also im Osten und die uns abgewandte Seite im Westen. Mit der nächsten Handvoll Reis streuen wir vier Häufchen in die vier Himmelsrichtungen, wobei wir im Osten beginnen und dann über Süden und Westen in den Norden gelangen. Die vier Reishäufchen stehen für die vier Hauptkontinente in der buddhistischen Kosmologie: im Osten Purvavideha (2), im Süden Jampudvipa (3), auf dem wir leben, bis zum Kontinent Uttarakuru (5) im Norden. Dann werden die acht Nebenkontinente aufgebaut, wobei wir wieder im Osten beginnen. Dazu bilden wir ein Reishäufchen links (6) und eins rechts (7) neben dem östlichen Kontinent. Dann gehen wir zum südlichen Hauptkontinent und streuen dort ebenfalls links (8) und rechts (9) davon jeweils ein Reishäufchen. So machen wir es auch mit den Hauptkontinente im Westen (10, 11) und im Norden (12,13).

Es folgt die Darbringung der Kostbarkeiten, wobei für die ersten vier Kostbarkeiten vier Reishäufchen gestreut werden: im Osten der Juwelenberg (14), im Süden der wunscherfüllende Baum (15), im Westen die wunscherfüllende Kuh (16) und im Norden die aus sich selbst gewachsene Ernte (17). Dann (im zweiten Ring) kommen vier weitere Kostbarkeiten, im Osten beginnend und im Norden endend: der kostbare Wagen (18), der kostbare Edelstein (19), die kostbare Gemahlin (20) und der kostbare Minister (21). Die nächste Runde beginnt mit dem kostbaren Elefanten im Südosten (22). Es folgen das kostbare Pferd im Südwesten (23), der kostbare General im Nordwesten (24) und die Schatzvase im Nordosten (25). Als nächstes (im dritten Ring) bringen wir die acht kostbaren Göttinnen dar, wobei zunächst vier Reishäufchen in die Hauptrichtungen gelegt werden; sie symbolisieren die Göttin der Schönheit (26), die Göttin der Blumengirlanden (27), die Göttin der Lieder (28) und die Göttin des Tanzes (29). Die Reishäufchen für die nächsten vier Göttinnen werden in den vier Zwischenrichtungen gestreut, beginnend im Südosten (30) und dann weiter im Uhrzeigersinn; sie repräsentieren die Göttin der Blumen (30), die Göttin des Weihrauchs (31), die Göttin des Lichts (32) und die Göttin des Duftwassers (33). Es folgen (im vierten Ring) vier weitere Reishäufchen, mit denen zunächst Sonne und Mond dargestellt werden; die Sonne (34) liegt im Süden und der Mond (35) im Norden. Im Westen bringen wir den kostbaren Schirm (36) und im Osten das kostbare Siegeszeichen (37) dar. Dann setzen wir die Mandala-Spitze auf das Gebilde und rezitieren den Rest: ... sü lha dang mi... und in der Mitte der herrliche Reichtum von Göttern und Menschen... und so weiter. Dabei halten wir das Mandala bis zum Ende der Rezitation in den Händen.

Wir stellen uns vor, daß wir Myriaden von Welten darbringen - mit dem Berg Meru in der Mitte, den vier Kontinenten darum herum sowie den Bereichen der Menschen und der Götter. Wir denken uns diese kompletten Welten in großer Vielzahl, wobei wir drei große Tausender-Welten visualisieren: Das erste Tausend besteht aus 1000 Welten mit dem Berg Meru, den vier Hauptkontinenten sowie den Bereichen der Menschen und der Götter. Diese 1000 Welten werden mit 1000 multipliziert und bilden das zweite Tausend. Dies wird wieder mit 1000 multipliziert und bildet das dritte Tausend. Die ganze Anzahl dieser Welten bringen wir dar. Falls uns das zu kompliziert ist, stellen wir uns so viele Welten vor, wie wir können. Idealerweise denken wir, daß all diese Welten auf unserem Mandala Platz finden, ohne daß sie dabei kleiner geworden sind. Wenn uns diese Visualisation zu umfassend ist, denken wir uns wenigstens ein einziges komplettes Weltensystem mit dem Berg Meru, den vier Kontinenten, Sonne und Mond; gelingt uns dies nicht und opfern wir nur Teile des Weltensystems, dann ist die Darbringung des Mandala nicht vollständig. Wir hätten dann zwar Gaben dargebracht, aber kein Mandala.

Durch die Mandala-Darbringung sammelt man Potentiale, um später die Buddha-Länder tatsächlich hervorzubringen und als Buddha in einem reinen Land verweilen zu können. Mit der Läuterung und Entwicklung des Geistes auf dem Wege zur Buddhaschaft reinigt man auch die Umgebung, in der man sich befindet. Ein Buddha verweilt immer in einem vollkommen reinen Land; die Ursachen dafür werden unter anderem durch die Mandala-Darbringung angesammelt. Deshalb ist es eine sehr wichtige Übung auf dem Weg zur Erleuchtung, und wir sollten uns das Mandala komplett und mit vollkommen reinen Bestandteilen vorstellen. Wir denken, daß wir alles Gute und Vortreffliche darbringen: unsere Güter, die wir in der Vergangenheit besessen haben, im Moment besitzen und in Zukunft besitzen werden; den eigenen Körper sowie die heilsamen Anlagen und Verdienste aller Zeiten. Diese nehmen die Gestalt von kostbaren Opfergaben an, wie zum Beispiel den acht Glückssymbolen, und von Edelmetallen und anderen Kostbarkeiten. Kurz gesagt, wir stellen uns vor, daß alle Dinge, die für die Übung des Dharma förderlich sind, und alles Glückbringende die Hohlräume des Mandala vollständig ausfüllen.

Entsprechend heißt es in der Darbringung des ausführlicheren Mandala: "In der Mitte der herrliche Reichtum von Göttern und Menschen, dem es an nichts fehlt, der rein und erfreulich ist - dieses reine Land bringe ich den heiligen und herrlichen Gurus dar, meinen eigenen gütigen Gurus und denen der Überlieferung, und besonders auch Dir [...]." Hinter dem Wort "Dir" setzen wir den Namen der Gottheit ein, der wir das Mandala darbringen, das heißt dem zentralen Wesen im Verdienstfeld. In der Guru-Puja ist das Dsche Tsongkapa, der eins ist mit Buddha Shakyamuni und Buddha Vajradhara. Es ist auch möglich, das Mandala dem Verdienstfeld darzubringen, wie es im Rahmen der Zufluchtnahme erklärt wurde (Heft 56, 2001). In diesem Fall würden wir statt Dsche Tsongkapa die Worte "unvergleichlicher Buddha Sakyamuni" einsetzen, der die zentrale Figur dieses Verdienstfeldes ist. Praktizieren wir die Darbringung der 100.000 Mandalas in Verbindung mit der Guru-Puja, dann nehmen wir auch das Verdienstfeld, wie es dort erklärt wird. Wir würden dann zuerst die Guru-Puja rezitieren und am Ende, vor der Auflösung des Verdienstfeldes, unsere Übungen durchführen. Wir bringen zuerst einmal das längere Mandala dar, wie es jetzt erklärt wurde. Für die eigentliche Ansammlung der 100.000 benutzen wir das kürzere Mandala, das ich noch erläutern werde. Am Ende der Darbringung des langen Mandala rezitieren wir die folgenden Zeilen: "Ich bitte Euch, nehmt dies aus Mitleid zum Wohle der Wesen an. Indem Ihr dies annehmt, bitte ich Euch, gewährt mir und allen anderen mütterlichen Wesen, deren Anzahl so unendlich wie der Raum ist, kraft Eurer großen Güte und Barmherzigkeit Euren Segen." Wir erfahren durch diese Darbringung den Segen aller Buddhas und Lamas. Mit den Worten: IDAM- GURU RATNA MANDALAKAM- NIRYATAYAMI bringen wir das Mandala dar und lösen es auf.

Die eigentliche Ansammlung der 100.000 Mandalas erfolgt durch das kürzere Mandala mit sieben Häufchen. Diese sieben symbolisieren den Berg Meru, die vier Kontinente sowie Sonne und Mond. Die Säuberung des Mandala-Bodens, drei Mal im und drei Mal gegen den Uhrzeigersinn, geschieht wieder mit der Handwurzel. Dort verläuft ein bestimmter Kanal (Nadi), der mit den höheren Wahrnehmungskräften in Verbindung steht. Während der Reinigungsphase können wir die Zufluchtnahme und die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes rezitieren. Dann setzen wir den Ring auf den Boden und streuen den Reis einmal im Uhrzeigersinn innerhalb dieses Rings; dieses symbolisiert die Vajra- Umzäunung. Die folgende Rezitation beginnt so: "Dieses Mandala, dessen Boden mit wohlriechenden Wassern besprengt und mit Blumen bestreut ist, das mit dem Berg Meru..." - an dieser Stelle streut man in der Mitte das Häufchen für den Berg Meru - "... und den vier Kontinenten ..." - hier streut man vier Häufchen für die vier Kontinente, beginnend im Osten - "... sowie Sonne und Mond geschmückt ist" - dabei streut man erst links und dann rechts ein Häufchen für Sonne und Mond - "bringe ich dar, nachdem ich es mir als ein Buddhaland vorgestellt habe. Mögen sich alle Lebewesen an diesem reinen Land erfreuen." Bei der kurzen Darbringung benutzen wir nur den großen Ring des Mandala; man kann auch den kleineren Ring verwenden, was den Vorteil hat, daß es schneller geht, da man nur zwei Hände voll Reis nehmen muß. Wenn man 100.000 ansammelt, ist es nicht üblich, die Spitze aufzusetzen, weil es zu lange dauern würde.

Um zählen zu können, sollte man zwischen Zeigeund Mittelfinger noch die Mala halten. Oder man fertigt sich für diese Übung eine eigene Mala an, die vielleicht nur 10, 15 oder 21 Perlen hat. Diese klemmt man sich zwischen Zeige- und Mittel-finger, und mit dem Zeigefinger schiebt man nach jeder Darbringung eine Perle weiter. Eine kürzere Mala ist übrigens auch nützlich, wenn man Niederwerfungen ansammelt.

Auch bei dem kurzen Mandala stellen wir uns vor, daß es die reine, komplette Welt enthält und daß es von den verschiedenen Aspekten her makellos ist: sowohl in bezug auf die Gestalt und Farbe als auch hinsichtlich der Gerüche, Geschmäcker, Töne und Tastobjekte. Bei der Auflösung stellen wir uns vor, daß es nicht einfach zerfällt, sondern daß die Buddhas, denen wir es darbringen, es entgegennehmen. Sie freuen sich über die reine Gabe, und in ihrem Geist entsteht eine ganz makellose, nicht dualistische Glückseligkeit. Wann immer man Opfergaben darbringt, sollte man sich vorstellen, daß in den Buddhas ein höchstes Bewußtsein erzeugt wird, das reine Glückseligkeit erlebt. So sammelt man sehr viele Verdienste an. Bei der Rezitation des Verses auf Seite 24 in der Guru-Puja heißt es in der dritten Zeile sang-gjä sching-du mig-te pül-ba yi: "Ich bringe dieses Mandala dar, indem ich es mir als Buddha-Land vorstelle." Wir denken, daß das Mandala die Gestalt eines reinen Buddha-Landes hat und man dieses darbringt. Unsere gewöhnliche Wahrnehmungsweise ist, daß wir von gewöhnlichen Gegenständen umgeben und unsere Beurteilungen ebenfalls gewöhnlicher Natur sind. Deshalb besteht die Gefahr, daß wir den Buddhas gewöhnliche Substanzen darbringen. Aus diesem Grund benutzt man die Worte: "Ich bringe dieses Mandala als Buddha-Land dar", und damit werden die Substanzen in einem Moment zu reinen Substanzen, die eine makellose Glückseligkeit erzeugen können. In diesem Zustand bringen wir sie den Buddhas dar. Man kann es auch so verstehen, daß man das Mandala mit dem Ziel darbringt, alle Unreinheiten der eigenen Wahrnehmung zu läutern und die Umgebung als reines Buddha-Land hervorzubringen. Dies ist ein Zustand, der in der Buddhaschaft erreicht wird.

Die Meister weisen immer wieder darauf hin, daß man während der Darbringung nicht an die Anzahl denken soll, die man erreichen will. Natürlich müssen wir, wenn wir uns 100.000 Übungen vorgenommen haben, auch zählen und "unser Soll erfüllen". Trotzdem sollten wir im wesentlichen darauf achten, die Mandalas fehlerfrei und mit einer guten, weitreichenden Motivation darzu-bringen. Besonders wenn wir die Übung in die tägliche Praxis integrieren und nicht im Rahmen einer Klausur, müssen wir auf das Zählen keinen allzu großen Wert legen und schauen, daß wir es korrekt und einwandfrei darbringen.

Durch die Mandala-Darbringung werden sehr viele Verdienste in kurzer Zeit angesammelt. Und dies geschieht auf relativ einfache Weise. Dazu werden in Tibet viele Begebenheiten erzählt. Zum Beispiel gibt es die Geschichte der Nonne Palmo, die durch die Mandala-Darbringung die notwendigen Verdienste angehäuft und ihren Geist so gereinigt hatte, daß sie Avalokiteshvara direkt sehen konnte. Ähnliches geschah, als Dsche Tsongkapa in seiner Klause Mandalas darbrachte und eine klare Vision von Manjushri hatte. Von Dromtönpa und Näldschorpa Dschangtschub Rintschen wird berichtet, daß eines Tages Dromtönpa in die Behausung von Dschangtschub Rintschen ging, wo auf dem Boden die Gerätschaften für die Mandala-Darbringung ausgebreitet lagen. Sie waren schon verstaubt, was ein deutliches Anzeichen dafür war, daß der Yogi sie länger nicht mehr benutzt hatte. Dromtönpa fragte daraufhin den Yogi, ob er jetzt kein Mandala mehr darbringe, worauf der Yogi antwortete, er wäre ein paar Tage lang in so tiefer Meditation gewesen, daß er keine Möglichkeit hatte, diese Übung durchzuführen. Dromtönpa gab zur Antwort, daß die Meditation dieses Yogis wohl noch erheblich besser sein müsse als die des Meisters Atisha, denn der meditiere auch, bringe aber trotzdem jeden Tag ein Mandala dar.

Im "Großen Text über den Stufenweg zur Erleuchtung" sagt Dsche Tsongkapa: "Manchmal will man etwas lernen, aber es bleibt nichts haften; man denkt nach, aber versteht nichts; man meditiert, aber im Geist passiert nichts. Ist der Geist von so geringer Kraft, sollte man sich auf die Kraft des Verdienstfeldes verlassen - das ist mein Ratschlag." Wie Dsche Tsongkapa rät, sollten wir uns, wenn der Geist kraftlos ist, auf die Kraft des Verdienstfeldes verlassen und heilsame Handlungen den Zufluchtsobjekten gegenüber durchführen. Dies kann in Form der Siebenteiligen Verehrung und der darin enthaltenen Darbringung des Mandala sein, oder man kann Bitten und Gebete rezitieren. Durch solche Handlungen kann man trotz der schlechten geistigen Verfassung weiter Heilsames durchführen.

Die Darbringung von Mandalas hat einen so großen Nutzen, daß wir in jedem Fall versuchen sollten, diese Übung in unsere Praxis zu integrieren. Die Anweisung, zusammen mit der Darbringung des Mandala den Vers der Zufluchtnahme und der Entwicklung des Erleuchtungsgeistes zu rezitieren, stammt vom Meister Tschusang Lama Rinpotsche. Eine andere Methode ist die des Meisters Kentschen Drakpa Tsöndru; sie besteht in der Rezitation einer Siebenteiligen Verehrung, die auch in der kurzen Chenresig- Puja enthalten ist: "Ich verneige mich mit Respekt mit Körper, Rede und Geist. Ich bringe alle tatsächlichen und im Geist geschaffenen Opfergaben dar. Ich bekenne alle unheilsamen Handlungen und Übertretungen, die ich seit anfangsloser Zeit angesammelt habe. Ich erfreue mich an allem Heilsamen der gewöhnlichen Wesen und der Heiligen. Ich bitte Euch, dreht das Rad der Lehre zum Wohle der Wesen. Alle Buddhas bitte ich, nicht ins Nirvana einzugehen. Die Tugenden von mir selbst und anderen, erworben in den drei Zeiten, widme ich der Großen Erleuchtung." Man rezitiert diese Verse während der Reinigung des Mandala-Bodens. Anschließend folgt das kurze Mandala, Sa-schi pö-kji..., wie schon erklärt. Diese Methode hat den Vorteil, daß man während der 100.000 Mandala-Darbringungen gleichzeitig 100.000 Mal die Siebenteilige Verehrung darbringt.

Die abschließenden Handlungen am Ende der Sitzung sind genauso wie am Ende der übrigen Übungen. Man rezitiert noch einige Male das Bittgebet an Dsche Tsongkapa und löst das Verdienstfeld auf, wie es schon erklärt wurde. Am Ende folgt die Widmung.

Aus dem Tibetischen von Christof Spitz

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 57, 2001
www.tibet.de/zeitschrift

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