Mitgefühl und Gewaltlosigkeit - Alle Artikel zum Thema Mitgefühl und Gewaltlosigkeit

Mitgefühl ist ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen, der Anteilnahme an ihrem Leiden und dem Wunsch zu helfen.
Die Welt mit den Augen des anderen sehen – ob Freund oder Fremder – , seine Bedürfnisse wahrnehmen, als wäre es die eigenen, das ist Mitgefühl. Der Leitsatz für die Meditation des Mitgefühls ist: „Mögest du frei sein von Leiden und Leidensursachen."

Dieses Mitgefühl ist als Same im Menschen vorhanden, aber es beschränkt sich meistens auf einen sehr begrenzten Kreis von Verwandten und Freunden.

In der buddhistischen Meditation versucht man, die Geisteshaltung der Anteilnahme und Mitgefühl auf immer mehr Lebewesen auszudehnen. Das Ziel ist, jedem Lebewesen, von dem man hört oder dem man begegnet, eine mitfühlende Haltung entgegen zu bringen.

Leider kommt uns Mitgefühl als menschliches Grundgefühl immer mehr abhanden.

Im täglichen Dauerstress nehmen wir den anderen oft kaum noch wahr und ziehen uns in unser Schneckenhaus zurück.
Exzessiver Medienkonsum und die modernen Kommunikationsmittel lassen die Fähigkeit zur Einfühlung schwinden. Die ständigen Katastrophenmeldungen bewirken Abstumpfung, natürliche menschliche Regungen fallen schwer.

Die Folge ist, dass es immer weniger Miteinander und Mitgefühl gibt, jeder kämpft für sich, sein eigenes Glück.

Wie S.H. der Dalai Lama betont, ist Mitgefühl kein Luxus, sondern elementar für unser eigenes Wohl und das Wohlergehen der Menschen um uns herum, der Gesellschaft, in der wir leben. Daher ist die Entwicklung von Mitgefühl das zentrale Element buddhistische Praxis – in allen Traditionen und Schulen.

Kurzer Meditationstext über Avalokiteshvara

Zu allen Zeiten nehme ich Zuflucht zum Buddha, zur Lehre und zur Geistigen Gemeinschaft. Um mein eigenes Ziel und das Wohl aller Lebewesen zu verwirklichen, erzeuge ich das altruistische Streben nach Erleuchtung. Alle Buddhas und Bodhisattvas, die in den zehn Richtungen wohnen, rufe ich an, mich zu erhören: Um den Zustand der Vollkommenheit zu erlangen, entwickele ich von nun an den Erleuchtungsgeist.

Im Raum vor mir, auf einem weißem Lotus und einer Mondscheibe, sitzt Avalokiteshvara, dessen Natur das Mitleid aller Buddhas der drei Zeiten ist: mit einem leuchtend weißen Körper, der seine Reinheit darstellt, frei von Befleckungen durch die zwei Hindernisse, mit einem Gesicht und vier Armen. Die beiden vor der Brust zusammengelegten Hände sind das Symbol der Vereinigung von Methode und Weisheit. Sie halten das kostbare Juwel, das die Hoffnungen aller Lebewesen erfüllt.

In der zweiten rechten Hand hält er einen weißen kristallenen Rosenkranz, um alle Lebewesen durch die weise Methode der tiefen Mantrarezitation aus dem unermeßlichen Ozean des Leidens zu erretten. Die zweite linke Hand hält einen weißen Lotus, das Symbol der Entsagung. Damit ermahnt er alle Lebewesen, in den Pfad zur Befreiung einzutreten, damit sie nicht im Sumpf des Leidens versinken. Sein Körper strahlt von der Pracht der Merkmale und vorbildhaften Zeichen des Körpers eines vollkommen Erleuchteten; er ist in seidene Gewänder gekleidet und mit kostbarem Geschmeide geschmückt. So weilt Avalokiteshvara in der vollkommenen Diamant-Haltung inmitten einer Aura strahlend weißen Lichts.

Respektvoll verneige ich mich vor dir mit Körper, Sprache und Geist. Tatsächlich aufgestellte und geistgeschaffene Gaben bringe ich dir dar. Die unheilsamen Handlungen und Übertretungen, die ich seit anfangslosen Zeiten angehäuft habe, bereinige ich. Ich erfreue mich an den heilsamen Taten der gewöhnlichen Wesen und der Heiligen. Ich ersuche dich, drehe das Rad der Lehre zum Nutzen der Lebewesen. Ich bitte dich, diese leidvolle Welt nicht zu verlassen. Alle in den drei Zeiten gesammelten Verdienste, meine eigenen und die der anderen, widme ich, daß sie eine Ursache für das Erreichen der Erleuchtung sein mögen.

Weil du von Fehlern nicht beschmutzt bist, ist dein Körper leuchtend weiß; dein Haupt ist gekrönt mit dem vollendeten Buddha Amitābha; immerzu schaust du mit Augen des Mitleids auf alle Wesen – dich, Tschenresig, bitte ich um Segen. Im Herzen der Gottheit, auf einer Mondscheibe, erscheint die Silbe HRÏH, umgeben von den sechs Mantra-Silben. Daraus fließt ein Strom von Licht und Nektar durch meinen Scheitel in mich ein, füllt meinen Körper an und reinigt mich von allen Befleckungen durch schädliche Handlungen. Mein Körper wird zu einem Aggregat von weißem Licht.

OM MANI PADME HUM

Nachdem ich so gebetet habe, wird Avalokiteshvara zu Licht und verschmilzt durch meinen Scheitel mit mir. Mein Körper, meine Sprache und mein Geist werden unterschiedslos von einem Geschmack mit denen der Gottheit.

Erhabener Avalokiteshvara, Schatzhaus des Erbarmens, ich bitte dich und deine Begleitung, schenkt mir eure Aufmerksamkeit. Ich bitte dich, befreie mich und meine Mütter und Väter, die Lebewesen der sechs Bereiche, schnell aus dem Ozean des Daseinskreislaufes. Ich bitte dich, laß das unübertroffene tiefe und weite Erleuchtungsstreben schnell im Strom unseres Geistes entstehen. Ich bitte dich, wasche schnell mit dem Wasser deines Erbarmens all unsere ohne Beginn angesammelten schlechten Taten und Leidenschaften hinweg, strecke dann deine Hand aus und führe uns und alle im Daseinskreislauf Umherwandernden in das Reine Land Sukhāvati. Ich bitte euch, Amitābha und Avalokiteshvara, seid uns in allen Lebenszeiten die Geistigen Lehrer, lehrt uns in rechter Weise den untrügerischen Guten Pfad und versetzt uns schnell in den Zustand eines Buddha. Möge ich durch diese Verdienste schnell die Eigenschaften Avalokiteshvaras verwirklichen und dann auch alle Lebewesen ohne eine Ausnahme zu dieser Ebene führen. Möge der kostbare erhabene Geist des Mitleids entstehen, wo er noch nicht entstanden ist; wo er bereits entstanden ist, möge er nicht wieder nachlassen, sondern weiter und weiter anwachsen. Möge der kostbare erhabene Erleuchtungsgeist entstehen, wo er noch nicht entstanden ist; wo er bereits entstanden ist, möge er nicht wieder nachlassen, sondern weiter und weiter anwachsen.

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 39, 1996
www.tibet.de/zeitschrift

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics