Lehrer & Schüler

Artikel zum Thema Lehrer & Schüler aus der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Die Geschichte der Ordensgemeinschaft im Tibetischen Zentrum

von Gelongma Jampa Tsedroen (Carola Roloff)

Als Geshe Thubten Ngawang am 5. Mai 1979 in Hamburg ankam, erwartete ihn eine kleine Gruppe Buddhismus-Interessierte, die keine tibetischen Sprachkenntnisse hatten und zumeist berufstätig waren. Anfangs übersetzten Mönche aus dem Schwesterzentrum Tharpa Choeling in Mt. Pèlerin am Genfer See, das wie das Tibetische Zentrum 1977 von Geshe Rabten gegründet worden war. Geshe Rabten lebte mit einer Gruppe von tibetisch- kundigen westlichen Mönchen bereits in der Schweiz. So kamen 1979- 1981 die ersten Mönchs-Übersetzer aus Tharpa Choeling nach Hamburg: Gelong Jampa Kelsang (B. Alan Wallace), der wie geplant nur etwa einen Monat blieb und heute als Laie in den USA an der Uni lehrt; Gelong Jampa Thabkey (Stephen Batchelor), der nach etwa einem Jahr auf eigenen Entschluß nach Korea ging, um dort zu meditieren. Er leitet heute ein buddhistisches Zentrum in England; und Gelong Jampa Yeshe (Brian Grabia), der 1982 zur ersten Kalacakra-Initiation des Dalai Lama in die USA reiste und nach der Rückgabe seiner Mönchsgelübde dort blieb, um in seiner Heimat als Übersetzer zu arbeiten.

Als ich im Juni 1980 bei Geshe-la Zuflucht nahm, stand dem Zentrum ein Haus in Blankenese zur Verfügung. Stephen Batchelor und Christof Spitz, unser heutiger Hauptübersetzer, übersetzten. Christof war Student der Tibetologie an der Universität Hamburg und wohnte schon seit 1979 mit Geshe-la und Stephen im Zentrum. Er übersetzte vom Englischen ins Deutsche.

Als ich im November 1980 von einem dreimonatigen Studienaufenthalt in Dharamsala zurückkam, war das Zentrum gerade in das Erdgeschoß einer Villa in Bergedorf umgezogen, und der Tibetisch-Übersetzer war nun nicht mehr Stephen Batchelor, sonder Brian Grabia. Christof übersetzte ins Deutsche und mitunter auch schon aus dem Tibetischen ins Deutsche. Im September 1981 erhielt ich von Geshe-la die Noviz-Ordination im Tibetischen Zentrum. Christof wurde nur zwei Monate später, im November 1981 von Kyabje Song Rinpoche im Vietnamesischen Tempel in Hannover zum Noviz- Mönch ordiniert.

Im Sommer 1983 erhielten Jampa Gyatso (Christof Spitz; geb. 1955) und Jampa Tenzin (Oliver Petersen; geb. 1961) in Tashi Rabten in Österreich vom Dalai Lama die volle Ordination. Für Nonnen ist diese Ordination leider nie nach Tibet überliefert worden, obwohl die entsprechenden Ordinationsrituale und Praxisanweisungen vollständig auf Tibetisch überliefert und erhalten sind. So blieb ich freiwillig im Tibetischen Zentrum zurück, um mich um den bevorstehenden Kauf des Hauses in der Hermann-Balk-Straße zu kümmern.

Jampa Tenzin (Oliver) wurde im Frühjahr 1983 von Geshe-la zum Novizen ordiniert, nachdem er schon seit 1980 regelmäßig ins Zentrum gekommen war. Er wohnte in Blankenese, ging damals noch zur Schule und machte anschließend seinen Zivildienst. Nachdem das Zentrum nach Bergedorf umgezogen war, kam er jedes Wochenende zum Unterricht und übernahm neben dem Studium auch ehrenamtliche Aufgaben. Sein Schulfreund Jürgen Manshardt (geb. 1960), der heute im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Berlin als Übersetzer tätig ist, hatte auch schon Kurse des Tibetischen Zentrums in Bergedorf besucht. 1984 zog er in die "gemischte" Hausgemeinschaft aus Ordinierten und Laien in das Haus in Rahlstedt ein, um uns als gelernter Tischler beim Umbau des Schwimmbads in einen Tempel zu helfen. Nach dem Umbau blieb Jürgen, zunächst als Laie, im Tibetischen Zentrum wohnen, um mit uns zu arbeiten und zu praktizieren. 1984 gab es für kurze Zeit auch einen Noviz-Mönch, der nach einigen Monaten wieder aus dem Orden austrat. Sein Name war Heinz Blankenburg (geb. 1951).

Im Dezember 1985 erhielt ich in Taiwan die volle Ordination zur Nonne. Anschließend setze ich meine Studien und meinen "mehr-als-full-time- Job"als Geschäftsführerin im Tibetischen Zentrum fort. Alle Ordinierten bekamen inzwischen ihren Lebensunterhalt, Krankenversicherung, Altersversorgung und Taschen-und Bedarfsgeld, was in westlichen Zentren bis heute nicht selbstverständlich ist. 1990 wurde die Arbeit der Ordinierten auf 20 Stunden pro Woche herabgesetzt. Aber das ist noch heute mehr Theorie als Praxis.

Trotz der vielen Arbeit schafften Christof Spitz, Oliver Petersen und ich es in den Jahren 1984 bis 1986, drei schriftliche Prüfungen auf Tibetisch über die fünf Bände der Gesammelten Themen aus den Schriften über die Gültige Erkenntnis bei unseren Lehrern Geshe Rabten und Geshe Thubten Ngawang abzulegen. Im Februar 1987, nachdem Geshe Rabten verstorben war, wurde Dschampa Dönsang (Jürgen) von Geshe-la zum Noviz-Mönch ordiniert, und im Juni 1988 nahm er in Tharpa Choeling beim Dalai Lama die volle Ordination. Damit war der Mönchsorden (vier vollordinierte Mönche) komplett.

Im gleichen Jahr nahm Lydia Muellbauer (geb. 1947) in Frankreich bei Lama Zopa die Noviz-Ordination. Sie hatte den großen Wunsch, in einem Sangha zu leben und kannte uns schon seit dem ersten Dalai Lama-Besuch in Hamburg 1982. Sie hatte Geshe-la Englisch unterrichtet und 1983 beim Umzug nach Rahlstedt geholfen. Dann zog sie nach England zurück, wo sie als Tochter deutscher Eltern aufgewachsen war und studiert hatte. Sie arbeitete dort mehrere Jahre bei dem buddhistischen Verlag Wisdom Publications in London. Im November 1988 flogen Thubten Choedroen (Lydia) und ich gemeinsam nach Los Angeles, wo sie ebenfalls in der chinesischen Tradition die volle Ordination zur Nonne nahm. 1988 hatte der erste Lehrgang des von Geshe Thubten Ngawang konzipierten Systematischen Studiums des Buddhismus begonnen. Jürgen Manshardt, Oliver Petersen und Christof Spitz übernahmen die Leitung der Arbeitskreise.

1991 erwarteten wir den zweiten Besuch des Dalai Lama im Rahmen der von uns organisierten Hamburger Tibet- Woche im Oktober 1991. Kurz vorher, im September, kam Gen Lobsang Choephel, der in Sera das traditionelle Geshe-Studium durchlaufen hatte, um als zweiter Lehrer bei uns tätig zu werden. Er verließ uns bereits wieder im Oktober 1992. Parallel dazu hatte Annelie Czaja (geb. 1946), nachdem sie ein Jahr in unserem kleinen Tempel- Zimmer als Postulantin gewohnt hatte, 1992 von Gen Khensur Rinpoche die Ordination zur Noviz-Nonne erhalten. Aber schon kurz nach der Ordination verließ sie uns aus familiären Gründen, und kurz darauf erfuhren wir, daß sie schwer erkrankt war. Sie starb im Juni 1994 an Krebs.

Nachdem wir im Mai 1994 Geshelas 15-jähriges Jubiläum in Hamburg gefeiert hatten, trat Christof nach 13 Jahren Mönchstum aus dem Orden aus und entschied sich für ein Leben in einer Partnerschaft. Christof hatte schon als Mönch eine Wohnung in der Nachbarschaft angemietet, wo er tagsüber arbeitete. Neben seinen Übersetzungen für das Zentrum und den Dalai Lama betreute er die EDV des Tibetischen Zentrums und einige andere Kunden, um dadurch die teuren Geräte, die sich der Verein nicht leisten konnte, mitzufinanzieren. Er arbeitete ständig mehr als sechzig Stunden, bis im vergangenen Jahr seine Gesundheit nicht mehr mitspielte und er einige Monate pausieren mußte.

Im August 1994 zog sich Jürgen im Rahmen seiner Ausbildung als Mönch und in Absprache mit Geshe-la zu einer Klausur nach Indien zurück. Im September 1994 nahm Geshe Tenpa Choephel seine zweijährige Lehrtätigkeit im Tibetischen Zentrum auf. Anfang 1997 flog er aus gesundheitlichen Gründen nach Indien. Er wollte seine Diabetes lieber mit tibetischer Medizin behandeln lassen. Geshe Tenchoe-la ist heute als Lehrer im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Berlin tätig. Im Juli 1996, war Gen Lobsang Trichok (geb. 1966) aus dem Tantra-Kolleg Gyüme gekommen, wo er zwölf Jahre die Ausbildung eines Ngagrampa durchlaufen hatte. So stand auch weiterhin ein zweiter qualifizierter Lehrer zur Verfügung.

Im November 1994 wurde Gerti Erhard (geb. 1952), von Beruf Dipl.-Sozialpädagogin, von Geshe-la zur Noviz- Nonne ordiniert. Sie war aktive Teilnehmerin des ersten Lehrgangs des Systematischen Studiums des Buddhismus. Zusammen mit Maria-Viktoria Derenbach (geb. 1948), die im gleichen Kurs war, ging sie im Dezember 1995 nach Taiwan, um dort die volle Ordination zu nehmen. Maria-Viktoria war einen Monat zuvor, im November 1995 von Gen Khensur Rinpoche ordiniert worden. Damit war auch der Nonnen- Orden komplett.

Nach dem Kauf von Semkye Ling im November 1995 hatten wir zwei Häuser zu betreuen. Nach der vollen Ordination ging Gerti Erhard aufs Land, um für zunächst zwei Jahre das Management zu übernehmen. Auch Oliver Petersen zog nach Semkye Ling um. Somit waren beide Orden nicht mehr in einem Haus komplett. Auch Geshe-la wurde von der Eröffnung Semkye Lings im August 1996 an je nach Programm in beiden Häusern gebraucht.

Im Sommer 1996 zog Anabel Türk (geb. 1977) in das Hamburger Zentrum ein. Sie ist Tochter buddhistischer Laien, die auch Mitglied des Tibetischen Zentrums sind, und stammt sozusagen aus der zweiten Generation westlicher Buddhisten. Nach dem Abitur lebte sie ein Jahr lang bei uns als Postulantin, das heißt, sie lebte als Laienanhängerin mit der Ordensgemeinschaft im Zentrum. Geshe-la gab ihr zusammen mit Jampa Yarphel (Harry Boenke; geb. 1954) die Novizordination (Getsül). Gleichzeitig nahm die junge Nonne ein Tibetologie-Studium an der Uni Hamburg auf. Weihnachten 1996 fanden die ersten Mönchs-Ordinationen in Semkye Ling statt. Johannes Haufschild (geb. 1939), der Rentner ist, und Mark Decker (geb. 1976), der wie Anabel gerade Abitur gemacht hatte, wurden von Geshe-la zu Noviz- Mönchen ordiniert. Sie wollten gern im Zentrum wohnen und zogen in Semkye Ling ein.

Ein tägliches Studienprogramm, wie wir es zu Geshe Rabtens Zeiten in Tharpa Choeling kennen- und schätzengelernt haben, konnten wir bisher nicht einrichten. Auch reduzierte sich der wöchentliche Unterricht nach dem Umzug von Bergedorf nach Rahlstedt von drei auf anderthalb Stunden pro Woche, und die tägliche Debatte für Fortgeschrittene fiel mit dem Beginn des Systematischen Studiums 1988 immer häufiger aus. Es scheiterte an der Zeit, den Finanzen und wohl auch an mangelndem Enthusiasmus. Wir mußten uns, um die Häuser aufrechterhalten zu können, auf das Weiterbildende Studium für die berufstätigen Buddhisten konzentrieren.

Gen Trichok, der ursprünglich aus dem Heimatkloster Dhargye in Tibet stammt, ging 1998 auf eigenen Wunsch nach Indien zurück. Im gleichen Jahr zog Frank Dick (geb. 1970) in Semkye Ling ein. Er erhielt im Dezember 1998 von Geshe-la die Noviz-Ordination.

Nach der großen Veranstaltung "Buddhas Weg zum Glück" mit dem Dalai Lama im Oktober 1998 kam es zu einigen Veränderungen in Semkye Ling und Hamburg. Johannes Haufschild zog aus Semkye Ling aus und reiste nach Dharamsala, um dort die volle Ordination zu nehmen. Im Juni 1999 kehrte Frank Dick wieder in den Laienstand zurück. Er nimmt weiterhin aktiv am dritten Lehrgang des Systematischen Studiums des Buddhismus und am Tibetisch-Unterricht in der Uni Hamburg teil. Auch Anabel Türk hat uns verlassen und ihr Studium an der Uni aufgegeben. Sie engagiert sich weiterhin als ehrenamtliche Helferin im Zentrum. Gerti Erhard gab einige Monate nach dem Austritt der beiden, im Sommer 1999, ebenfalls ihr Gelübde zurück und beendete ihre Tätigkeit in Semkye Ling zum Jahresende 1999. Oliver Petersen verließ noch im gleichen Jahr den Orden. Er ist jetzt im Tibetischen Zentrum angestellt und arbeitet als Übersetzer und Arbeitskreisleiter.

Die Frage, warum so viele Mönche und Nonnen wieder aus dem Orden ausgetreten sind, läßt sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Alle hatten ihre individuellen Gründe, warum sie den Orden verließen. Manche haben ihren Entschluß lange überdacht, andere waren vielleicht nur in einer vorübergehenden Krise. Der Austritt ist wie der Eintritt eine persönliche Entscheidung, die man nur selbst treffen kann, zumindest solange man nicht seine Hauptregeln gebrochen hat und aus dem Orden ausgeschlossen wird. Dazu ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Es heißt in den Schriften, daß wir in einer Zeit der Degeneration leben. Die Praxis ethischer Disziplin wird immer seltener und damit immer wertvoller. In schwierigen Zeiten muß man sich mehr anstrengen, um nur ein bißchen Dharma praktizieren zu können. In solchen Zeiten sammelt man durch heilsame Taten, die man durchführt, mehr Verdienst an als zu Lebzeiten des Buddha, wo die Praxis relativ leicht fällt. Das ist wie mit einer Antiquität. Je älter sie wird, um so mehr Wert gewinnt sie. Auch nur einen Tag lang das Gelübde eines Mönches oder einer Nonne einzuhalten, ist sehr heilsam. Darüber kann man sich freuen.

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 54, 2000
www.tibet.de/zeitschrift

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