Dalai Lama

Artikel zum Thema Dalai Lama aus der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Wer ist Avalokiteshvara?

Buddha Shākyamuni, der vor 2500 Jahren in Indien wirkte, war der vierte Buddha dieses Zeitalters. Sein Vorgänger hieß Buddha Ratnagarbha, und zur Zeit dieses Buddha lebte ein Bodhisattva mit dem Namen „Derjenige, der niemals die Augen schließt“, der spätere Avalokiteshvara. Sein Vater, ein mächtiger König, erhielt von Buddha Ratnagarbha die Anweisung zu bestimmten Meditationen. Indem er diese zur Vollkommenheit entwickelte, wurde er zu Buddha Amithāba mit dem reinen Land Sukhāvatï. Amitābha gilt als der geistige Lehrer Avalokiteshvaras.

Auch der Königssohn war von edler Gesinnung. Eines Tages ging er zu Buddha Ratnagarbha, um ihm zu sagen, daß ihm das Leiden der Lebewesen sehr bewußt wäre und er bereit sei, eine große Verantwortung für das Wohl aller auf sich zu nehmen. Die Wesen in den niederen Daseinsbereichen wie den Höllen litten akut und sehr stark unter Wer ist Schmerzen, massiver körperlicher Qual. Die Lebewesen in den höheren Existenzbereichen wie die Menschen und Götter erlebten zwar phasenweise kein so großes Leid, sie trügen jedoch immer noch zahllose Urachen für zukünftiges Leiden in sich. Da ihm diese Situation sehr deutlich war, empfand er großes Erbarmen mit ihnen und wollte gern die Verantwortung dafür übernehmen, sie aus allen Leiden zu befreien. So brachte er in Gegenwart des Buddha Ratnagarbha den Erleuchtungsgeist hervor, das Streben nach Erleuchtung zum Wohle aller Wesen. Der spätere Avalokiteshvara richtete dann das folgende Wunschgebet an den Buddha: „Verleihe mir die Kraft, daß später allein das Aussprechen meines Namens dazu führt, daß das Leiden der Lebewesen besänftigt wird.“ Der Name steht hier für die Mantras, die im Zusammenhang mit der Avalokiteshvara-Praxis rezitiert werden, wobei das bekannteste das OM MANI PADME HUM ist. Dies ist der sechsilbige Mantra, und es gibt noch längere Mantras, die als Resultat dieser Wunschgebete zustandekamen. Unter allen Mantras sind die von Avalokiteshvara besonders wirkungsvoll.

In den Schriften ist überliefert, daß Avalokiteshvara in seinem Vorleben allein in Indien 37 Mal aufgetreten ist, z.B. als „Derjenige, der bei anderen das Heilsame anwachsen läßt“. In dieser Existenz hatte der Bodhisattva schon als Jugendlicher tiefe Einblicke in die Natur des Leidens. Er konnte zeitweilige Annehmlichkeiten völlig zurückstellen und war in seinem Handeln ganz darauf ausgerichtet, für sich selbst und andere langfristiges Glück zu erlangen. Im Alter von 15 Jahren kündigte er an, sich körperlich und geistig in die Abgeschiedenheit zu begeben. Er habe kein Interesse an weltlichem Streben und wolle die Fessel der Begierde überwinden. Seine Einstellung zu den weltlichen Dingen solle so sein wie die Haltung einem längst Verstorbenen gegenüber – frei von Anhaftung. Dann machte er sich auf an einen abgeschiedenen Ort. Unterwegs fragten ihn die Menschen: „Du bist jung. Warum verläßt du deine lieben Eltern?“ Der Junge gab zur Antwort: „Meine einzige Furcht ist, meine Eltern langfristig zu verlieren. Deshalb gehe ich jetzt und verlasse sie kurzfristig. Ich gebe meine Eltern nicht wirklich auf, sondern kümmere mich um etwas, was ihnen langfristig von Nutzen sein kann.“

Als er später allein im Wald lebte, hatte er keinerlei Furcht. Es kam sogar vor, daß er wilden Tieren Teile seines Körpers gab, wenn sie keine Nahrung fanden. Als die Menschen davon hörten und darüber in Erstaunen gerieten, sagte er: „Daß mein Körper überhaupt gewachsen ist und sich entwickelt hat, verdanke ich der Güte anderer Lebewesen. Deshalb ist es in Ordnung, wenn ich diesen Körper benutze, um ihnen diese Güte zu erwidern und etwas für sie zu tun. Dieser Körper wird ohnehin irgendwann zunichte werden, und so ist es am besten, ich benutze ihn jetzt schon zum Wohle der anderen.“ Der Junge verzichtete jedoch darauf, seinen Körper vollständig wegzugeben – aus Sorge um die Eltern, die seinen Tod nicht ertragen hätten. Aufgrund seines Entschlusses, seinen Körper zum Wohl seiner Eltern beschützen zu wollen, war sein Körper sofort wieder vollständig, wenn er einzelne Teile weggegeben hatte. In dieser Weise sammelte der Bodhisattva über viele Leben hinweg Verdienst und Weisheit – und zwar auf der Basis des Erleuchtungsgeistes, des Strebens nach Erleuchtung zum Wohle aller Wesen. Als Resultat erlangte er die Buddhaschaft, einen Zustand der Vollendung von Mitgefühl und Weisheit.

Avalokiteshvara ist der Buddha des Mitgefühls, und in ihm verkörpert sich das Erbarmen sämtlicher Buddhas. Die Meditation über Avalokiteshvara ist sehr heilsam. Aufgrund seines großen Erbarmens sind der Segen und Nutzen seines Mantra um so größer, je schlechter die Zeiten und je größer die Leiden sind.

Aus dem Tibetischen von Oliver Petersen

Was bedeutet der Mantra OM MANI PADME HUM?

OM ist zusammengesetzt aus A, U und MA und repräsentiert Körper, Rede und Geist des Buddha, die damit angerufen werden.

MANI symbolisiert den Pfad der Methode. Wenn man den gesamten buddhistischen Pfad einteilt, gibt es den Pfad der Methode und den Pfad der Weisheit, die man zusammen entwickeln muß. MANI heißt so viel wie Diamant, man kann es sich wie eine Art wunscherfüllendes Juwel vorstellen. Dies repräsentiert den sogenannten weiten Pfad, welcher Tugenden wie Mitgefühl und den Erleuchtungsgeist beinhaltet. Dieser Pfad ist eine Art wunscherfüllendes Juwel für die Lebewesen.

PADME heißt Lotus und steht für den Weisheitsaspekt des Pfades. Dieser besteht hauptsächlich in der Erkenntnis der endgültigen Realität, der Leerheit.

HUM bedeutet, daß etwas ungetrennt ist und weist auf die Vereinigung von MANI und PADME, Weisheit und Methode hin, denn diese beiden sollten niemals getrennt voneinander praktiziert werden.

 

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 47, 1998
www.tibet.de/zeitschrift

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