Dalai Lama

Artikel zum Thema Dalai Lama aus der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Buddhisten und der Klimakollaps - Meditieren spart Treibhausgase

Nun ist es amtlich:
Das Klima erwärmt sich aufgrund menschlicher Aktivitäten. Mit dem Bericht des IPCC, des Klimagremiums der Vereinten Nationen, vom März 2001 wurden auch die letzten Zweifler am künstlichen Treibhauseffekt eines anderen belehrt. Insgesamt 900 Wissenschaftler aus aller Welt wirkten an der Erstellung des Berichts mit, und sie mußten die Prognosen der letzten Jahre zur Temperaturentwicklung sogar nach oben korrigieren: Wenn weitergemacht wird wie bisher, werden die globalen Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2100 nicht um, wie bisher angenommen, maximal 4 Grad Celsius steigen, sondern sogar um 5,8 Grad. Und das ist keine Lappalie. Zum Vergleich: Während der letzten Eiszeit lag die Temperatur auch "nur" 4 Grad unter dem heutigen globalen Mittelwert, und Nordeuropa war unter kilometerdicken Schnee- und Eismassen begraben.

Fünf Grad mehr Wärme sprengt das Maß, an das sich die Ökosysteme der Erde anpassen können. Schon jetzt steigt der Meeresspiegel, breiten sich Wüsten aus, sterben Korallenriffe und schmelzen die Gletscher. Wetterextreme nehmen auch in Europa und den USA zu, was zu mehr Überschwemmungen, Stürmen und Hurrikans führt. Sogar die Versicherungsbranche schlägt mittlerweile Alarm. Deutlich mehr Schäden in den letzten zehn Jahren haben dazu geführt, daß höhere Versicherungssummen gezahlt werden mußten als je zuvor. Diejenigen jedoch, die von der Klimakatastrophe am härtesten betroffen sind und sein werden, leben ohne Versicherung: Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Bauern, die mit ihren Familien am Rande des Existenzminimums oder sogar darunter leben, sind in einer verzweifelten Lage, wenn Überschwemmungen ihre Häuser schlucken und Dürreperioden ihre Ernten vernichten. Die Menschen sind der fortschreitenden Erderwärmung schutzlos ausgeliefert.

Und was haben wir im Westen damit zu tun? Die Hauptverursacher des künstlichen, von Menschen gemachten Treibhauseffekts, leben in den reichen Ländern. 80 Prozent aller Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2), das hauptverantwortlich für den drohenden Klimakollaps ist, werden von den Industrienationen in die Atmosphäre entlassen, vor allem durch einen verschwenderischen Lebensstil. Denn CO2 entsteht bei der Verbrennung fossiler Energie, also wenn wir Auto fahren, Licht einschalten, Standby-Schaltungen laufen haben. Der Kurztrip mit dem Flugzeug in die Metropolen der Welt, der Konsum von Wegwerfartikeln, Industrie, Dienstleistungen, Computer - all diese Aktivitäten heizen das Klima auf. Die Klimakatastrophe ist Ausdruck eines Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das auf Wachstum und Konsum ausgerichtet ist und zu diesem Zweck die Ressourcen der Erde hemmungslos verprasst.

Die Klimakatastrophe ist Ausdruck des unstillbaren Verlangens, das niemals genug hat und keine Zufriedenheit kennt. Nicht eine Regierung, nicht ein Konzern ist dafür allein verantwortlich, sondern alle wirken als Klimamacher. Das macht die Sache nicht weniger kompliziert und die Suche nach Lösungen schwierig. Beim Klimaproblem reicht es nicht, einen Filter zu installieren oder ein Gesetz zu verabschieden. Es geht um unsere Lebensweise, unsere lieb gewonnenen Einstellungen und Verhaltensmuster, in denen wir uns, was die Sache weiter erschwert, noch immer gegenseitig bestärken.

Der Buddha lebte bescheiden als Bettelmönch im alten Indien und pries die Genügsamkeit als Weg zu Zufriedenheit und Glück. Wir können heute nicht leben wie der Erwachte vor 2500 Jahren in Indien, denn wir befinden uns in einer industrialisierten und technisierten Welt. Dennoch müssen wir uns fragen, was es für uns heute bedeuten könnte, genügsam zu leben, die Ressourcen und damit das Klima zu schonen. Für den einen mag es heißen, weniger Auto zu fahren und beim Kauf ein spritarmes Modell zu wählen, für den anderen kann es bedeuten, weniger Konsumgüter anzusammeln und sich beim Erwerb einer Ware zu fragen, ob er sie wirklich gebraucht. Eine Familie, die ihre Nahrungsmittel aus der näheren Umgebung kauft, schützt das Klima, denn Äpfel aus Neuseeland oder Tomaten von den kanarischen Inseln können nur unter einem enormen Transportaufwand hierhergeschafft werden.

So manch einer ist in seiner Wohnung umzingelt von elektrischen Geräten, von denen einige vielleicht entbehrtlich sind. Ein weiterer Zeitgenosse mag sich fragen, ob er immer das neueste und schnellste Computermodell braucht, auch angesichts der Tatsache, daß die Herstellung eines Computers enorme Energiemengen verschlingt. Für einige Menschen kann es richtig sein, für ihre Reisen das Flugzeug als klimaschädlichstes Transportmittel zu benutzen, wenn der Nutzen, den sie für das Gemeinwohl bewirken, den Schaden überwiegt. Ein Außenminister auf Friedensmission im Nahen Osten beispielsweise ist auf das Flugzeug angewiesen, um seine Arbeit für die Verständigung überhaupt leisten zu können. Ein Geschäftsmann entscheidet sich hingegen vielleicht bewußt, für die Reise von Hamburg nach München auf die umweltschonendere Bahn umzusteigen. Und als Buddhisten haben wir die seltene Gelegenheit, unseren Abenteuerurlaub nicht auf Safari in Afrika, sondern auf dem Land allein mit uns in Klausur zu verbringen. Meditieren ist nicht nur für unsere geistige Entwicklung förderlich, sondern spart obendrein CO2.

Was anmutet wie Verzicht kann bei näherem Hinsehen auch ein Stück mehr Freiheit bedeuten. Wer zu Einfachheit und Genügsamkeit zurückkehrt, hat die Chance, sich auf das Wesentliche im Leben zu besinnen. Statt am Wochenende in das lärmige Paris zu jetten und am Montag völlig verausgabt ins Berufsleben zurückzukehren, kann ein ausgiebiger Spaziergang in der Natur die Lebenskräfte wecken und die Gesundheit erhalten. Und die Meditation der vergänglichen, flüchtigen Natur der Dinge bringt langfristig mehr Gewinn als der Erwerb weiterer Güter, die das Leben nur mäßig versüßen. Ein achtsamer Lebenswandel, der die Ressourcen und damit das Klima schont, bringt nur Gewinner. Können wir den Klimawandel hingegen nicht aufhalten, werden alle verlieren: wir selbst, die Menschen dieser Erde und zukünfige Generationen.

 

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 57, 2001
www.tibet.de/zeitschrift

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