Dalai Lama

Artikel zum Thema Dalai Lama aus der Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

Finanzkrise - Im Netz der gegenseitigen Abhängigkeit

Die ökonomische Theorie steht der gegenwärtigen Finanzmarktkrise ratlos gegenüber. Dabei findet sich auch in ihren Lehrbüchern eine für das Verständnis dieser Krise wichtige Wahrheit: Die These von der Interdependenz aller ökonomischen Prozesse, Handlungen und Preise. Die Menschen sind über das Geld in der Wirtschaft alle miteinander vernetzt. Diese gegenseitige Abhängigkeit, eine Kernlehre des Buddha, müsste also eigentlich zu der Konsequenz führen, dass wir in der globalen Wirtschaft die Gegenseitigkeit, die Solidarität in den Vordergrund rücken. Die Erkenntnis gegenseitiger Abhängigkeit führt den achtsamen Erkenntnisblick ganz natürlich zu einer Haltung des Mitgefühls.  


Doch die Ökonomen, die Manager in Unternehmen und Banken, aber auch viele Anleger wollten von dieser Interdependenz nichts wissen. In der Kettenreaktion der Bankenzusammenbrüche hat sie sich nun negativ, als Krise offenbart. Der immer noch herrschende Neoliberalismus geht vom egoistischen Individuum aus, das seinen Gewinn maximieren will. Dieses falsche Ideal wurde zur herrschenden Maxime. Man rechtfertigte diesen Wahn mit dem Gedanken, der Wettbewerb der Egoisten führe mit unsichtbarer Hand ein harmonisches Gleichgewicht der Märkte zum Wohle aller herbei. Ein grandioser Irrtum.  


Die Illusion des Geldes   

 

Dabei kann man die gegenseitige Abhängigkeit ganz einfach in der Wirtschaft erkennen, gerade beim Geld. Das Geld selbst hat keine Substanz. Die Menschen verleihen ihm Wert, weil sie in ihm rechnen und ihm praktisch vertrauen. Ursprünglich messen sie darin ihre Arbeitsleistungen und Produkte aneinander und dokumentieren so, dass sie über den Austausch eine Gemeinschaft bilden. Das Geld drückt ihren Zusammenhalt aus. Sicher: Es ist nur ein verblendeter Zusammenhalt; die gegenseitige Abhängigkeit erscheint im Geld verdunkelt als Ding. Dennoch diente das Geld ursprünglich nur dazu, die wirtschaftlichen Beziehungen als Austausch zu vermitteln.  


Im Laufe der Jahrhunderte geschah dann aber etwas, das in der gegenwärtigen Finanzkrise seinen globalen Höhepunkt erreicht hat. Die antiken und mittelalterlichen Philosophen sagten: Das Geld gehört der Gemeinschaft, ist ein öffentliches Gut. Geld ist aber nicht nur Recheneinheit für gegenseitige Leistungen, Geld ist auch materiell verkörpert (Münze, Geldschein, Computer). Man kann Geld auch ergreifen, kann es besitzen, kann es deshalb auch als Privateigentum behandeln und die Märkte damit manipulieren.  


Was früher als Wucher galt – den alle Weltreligionen ursprünglich ablehnten –, das sind heute undurchsichtige Finanzprodukte. Sie beruhen auf einem privaten Missbrauch und der Verkennung der gegenseitigen Abhängigkeit im Geld. Sie sind die institutionalisierte Verdunkelung des Mitgefühls. Auf der Grundlage der gegenseitigen Abhängigkeit im Geld, befeuert durch die Geldgier, werden die Geldmärkte so manipuliert, dass wenige Gewinner hohe Renditen auf dem Rücken massenhafter globaler Armut erzielen.  


Man betrachtet heute selbst Nahrungsmittel als lohnende Investitionsobjekte, was durch Spekulationen zu irrsinnigen Preissteigerungen führte. Hunger und Elend vermehrten sich. Wenn nun im Crash das Geld aus Angst vor Verlusten wieder zurückgezogen und gehortet wird, dann fallen die Preise; es verteuern sich die Kredite und ruinieren jetzt Kleinunternehmer und Bauern weltweit. Geld den Märkten zu entziehen, in der Absicht, bei günstiger Gelegenheit damit Preise und Kurse zu manipulieren, dies ist der tätige Missbrauch der gegenseitigen Abhängigkeit. Es ist nicht nur die aktive Missachtung jeden Mitgefühls durch die Instrumente des Geldmarktes, sondern die private Aneignung von etwas, das allen gehört.  


Buddha sagte (SN 395): Man „stehle nicht und billige nicht das Stehlen“. Mitgefühl heißt also auch, es nicht zuzulassen, dass andere durch spekulative Manipulation bestohlen und ausgebeutet werden. Deshalb besteht eine Praxis des Mitgefühls für engagierte Buddhisten heute darin aufzuklären. Wir müssen die Wurzeln des durch das globale Finanzsystem erzeugten Elends klar erkennen und durch die rechte Erkenntnis des Abhängigen Entstehens Abhilfe schaffen.  


Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik. Er praktiziert und studiert den Buddhismus seit 25 Jahren.

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