BUCHBESPRECHUNGEN

Von der Armen, die ihre Baumwollbekleidung als Gabe darbrachte - Aus dem Sutra: "Der Weise und der Tor"

Zu jener Zeit hatte der Siegreich-Vollendete seinen Sitz in Shravasti, im Jetavana-Kloster im Park des Anathapindika, und trug dem geistlichen Verein der Mönche die Lehre vor.

Da begab es sich, daß in demselben Lande die Frau eines Hausbesitzers eine Tochter gebar, welche alle anderen an Reiz und Schönheit des Gesichtes übertraf und bei der Geburt mit einem weißen, sanften Baumwollzeuge umwickelt zur Welt kam. Die Eltern des Mädchens, hierüber sehr erstaunt, brachten ihre Tochter zu einem Zeichendeuter, der, nachdem er sie betrachtet hatte, die Zeichen eines großen Tugendverdienstes an ihr entdeckte und ihr den Namen Suci (die Weisse) gab. In demselben Verhältnisse, wie Suci wuchs, paßte sich auch das Baumwollzeug dem Maße ihres Körpers an. Als das Mädchen erwachsen war und viele Einwohner des Landes dasselbe zur Frau begehrten, gedachten die Eltern, den Brautschmuck für ihre Tochter fertigen zu lassen, sahen sich nach einem Goldschmied um und wollten sich Gold und Silber anschaffen. Als die Tochter die Anstalten zur Anschaffung des Goldes und Silbers sah, fragte sie: "Was wollte ihr damit machen?" worauf die Eltern antworteten: "Es ist, um deinen Brautschmuck zu fertigen. Die Tochter entgegnete: "Da ich in den geistlichen Stand zu treten wünsche, so mag ich nicht heiraten." Die Eltern, mit dem Wunsche der Tochter einverstanden, holten alsbald Baumwollzeug hervor und machten alles bereit, die geistliche Kleidung für sie zu nähen, als die Tochter sie fragte: "Was wollt ihr aus diesem Baumwollzeug machen?" worauf die Eltern antworteten: "Wir wollen deine geistliche Kleidung nähen!" Die Tochter erwiderte: "Da ich bereits geistliche Kleidung trage, ist es unnötig, sie erst zu nähen; begleitet mich dahin, wo der Siegreich-Vollendete seinen Sitz hat!" Nachdem sie ihren Wunsch ausgesprochen hatte, dahin gebracht zu werden, wo der Siegreich-Vollendete seinen Sitz hat, begleiteten die Eltern ihre Tochter vor die Augen des Siegreich-Vollendeten, und als sie bei Buddha angekommen waren, verbeugte sie (die Tochter) sich mit dem Haupte vor dem Siegreich-Vollendeten und bat, in den geistlichen Stand treten zu dürfen. Nachdem der Siegreich-Vollendete die Worte: "Du bist willkommen" gesprochen hatte, fielen ihr die Haare von selbst aus und das weiße baumwollene Zeug, welches sie am Leibe trug, verwandelte sich in das fünffache geistliche Gewand. Nachdem nun diese Nonne der Nonne Mahaprajapat anvertraut worden, wendete sie allen Fleiß und Eifer an, so daß sie in kurzer Zeit eine Feindbesiegerin wurde.

Da richtete Ananda an den Siegreich-Vollendeten folgende Frage: "Durch welche frühere Anhäufung von Tugendverdienst wurde die Nonne Suci in dem Hause eines Hausbesitzers mit Baumwollzeug bekleidet geboren und so kurze Zeit nach ihrem Eintritt in den geistlichen Stand Feindbesiegerin?" Der Siegreich-Vollendete erwiderte hierauf dem Ananda folgendes:

"In früher, längst vergangener Zeit, als der Buddha mit dem Namen "Heilsame Zuflucht" in die Welt gekommen war und mit seinen Jüngern um des Wohls der Wesen willen unter denselben wandelte, brachten ihm die Landesbewohner reichliche Opfer dar. Zu der Zeit ermahnte ein Mönch, um des Wohls der Wesen willen, alle Landesbewohner, von Buddha die Lehre zu hören und milde Gaben darzubringen. Es lebte daselbst ein äußerst armes an allem Mangel leidendes Weib, namens Danishka, und zwar so, daß Mann und Frau nichts mehr als ein Stück Baumwollenzeug besaßen. Wenn der Mann zur Anschaffung der Bedürfnisse (zum Betteln) ausging, legte er dasselbe an und die Frau saß unterdessen nackt im Heu, und wenn die Frau zum Betteln ausging, saß der Mann unterdessen nackt im Heuhaufen. Als ein Mönch späterhin einstmals an ihre Tür kam und der Frau begegnete, sprach er, das Verdienst der milden Gaben rührend, zu ihr: "Gehet hin, euch vor Buddha zu verbeugen! Bringet Gaben dar!" Nachdem er dann auch die üblen Folgen des Geizes dargestellt hatte, unterhielt er sich ausführlich darüber, wie schwer (selten) die Erscheinung eines Buddha in der Welt sei, wie schwer es sei, die Lehre zu hören, so wie über die Schwierigkeiten, den menschlichen Körper zu erhalten und schloß mit der Ermahnung: "Gehet hin, die Lehre zu hören!" Hierauf entgegnete die Frau: "Ehrwürdiger, verziehe ein wenig; ich komme bald zurück!"

Dies gesagt ging sie ins Haus und sprach zu ihrem Manne: "Vor der Türe steht ein Mönch und ermahnt mich, zu Buddha zur Verbeugung zu gehen, die Lehre zu hören und milde Gaben zu spenden. Weil wir in den früheren Lebensperioden keine Gaben gespendet haben, sind wir nun so arm und an allem Mangel leidend, darum müssen wir nun etwas für die künftigen Lebensperioden tun." Der Mann erwiderte: "Es wäre wohl schicklich, ihm eine Gabe darzureichen, was sollen wir aber als Gabe bringen, da wir arm und von allem entblößt sind und gar nichts besitzen?" Die Frau erwiderte: "Wir sind deswegen in diesen Zustand der Bedürftigkeit geraten, weil wir in den früheren Lebensperioden keine Gaben gespendet haben; wohin werden wir aber in den zukünftigen Lebensperioden geraten, wenn wir auch nun keine Gabe darbringen wollen! Erlaube daher, daß ich eine Gabe spende!" Der Mann dachte: "Sie hat vielleicht irgend etwas Verborgenes," und sprach: "So gib denn deine Gabe!" Die Frau erwiderte: "Ich möchte wohl dieses Baumwollzeug als Gabe darbringen," worauf der Mann entgegnete: "Außer diesem Baumwollenzeug besitzen wir beide, Mann und Frau, nicht das geringste; da nun dies das einzige ist, womit wir unserem Lebensunterhalt nachgehen könne, so müssen wir beide, wenn wir es weggeben, hier sitzen bleiben." Die Frau sprach: "Der geborene Mensch muß jedenfalls sterben; da wir nun, auch ohne dies wegzugeben, sterben müssen und es uns, wenn wir es weggegeben habend sterben, keinen Nachteil bringt; da wir ferner, wenn wir es als Gabe darbringend sterben, für die zukünftigen Lebensperioden Hoffnung hegen dürfen, so ist es viel besser, nach Darbringung einer Gabe zu sterben."

Nachdem nun auch der Mann, obgleich mit Unlust, seine Zustimmung erteilt hatte, ging die Frau hinaus und sprach zu dem Mönch: "Ehrwürdiger, schaue einen Augenblick nicht her! Ich will Dir eine Gabe überreichen." Der Mönch erwiderte: "Wenn Du eine Gabe darbringen willst, so reiche sie mit den Händen offen und unverhohlen her! Ich werde dann die Segensverse über die Gabenspendung sprechen." Das Weib entgegnete: "Außer diesem Baumwollzeug am Leibe habe ich nichts und auch keine andere Bekleidung; da es nun unanständig für Dich wäre, die übelriechende Unreinigkeit des weiblichen Körpers zu schauen, so will ich Dir das Baumwollzeug von Innen herausreichen." Dies gesagt zog sie im Innern des Hauses das Baumwollzeug aus und langte es dem Mönch hinaus, welcher, nachdem er die Segenssprüche über die Gabenspendung gesprochen hatte, das Baumwollzeug empfing und damit sich dahin begab, wo Buddha sich befand. Daselbst angelangt sprach der Siegreich-Vollendete zu dem Mönch: "Gib das Baumwollenzeug her, welches das Weib dargebracht hat!" Als der Mönch das Baumwollzeug an Buddha überreichte, empfing der Siegreich-Vollendete dasselbe mit seinen Händen. Weil das Baumwollzeug sehr alt und mit Schmutz befleckt war, fand die Umgebung des Königs Anstoß daran, daß Buddha das schmutzige Zeug in die Hände nahm, der Siegreich-Vollendete aber, der die Gedanken des großen Gefolges wußte, sprach folgendes:

"Ich finde, daß von allen Gaben dieser Umgebung, keine einzige diese an Reinheit und Lauterkeit übertrifft," über welchen Ausspruch die ganze große Umgebung erstaunt war. Die Hauptgemahlin des Königs aber, hierüber sehr erfreut, legte ihre Kleidung und ihren Schmuck ab und übersandte beides jenem Weibe. Auch der König tat das nämliche, schickte es dem Manne des Weibes zu und befahl beiden, sich seinem Gefolge zuzugesellen. Nachdem nun Buddha dem großen Gefolge die Lehre vortragend erklärt hatte, wurde der größere Teil derselben erlöst." Der Siegreich-Vollendete sprach zu Ananda: "Das arme Weib jeder Zeitperiode ist nun diese Nonne Suci. Durch die Macht ihrer damaligen, mit festem Entschlusse ausgeführten, Darbringung des Baumwollenzeuges ist sie während voller 91 Kalpas, woselbst sie auch geboren werden mochte, jedesmal mit Baumwollzeug zusammen umwickelt zur Welt gekommen und erhielt, ihren Wünschen gemäß, alles ohne Druck und Mangel. Weil sie nach der Anhörung der heiligen Lehre bei jenem Buddha vollständig erlöst ein Wunschgebet ausgesprochen hatte, ist sie hier mit mir zusammengetroffen und eine Feindbesiegerin geworden. Darum wendet auch ihr Fleiß und Eifer an, die Lehre zu hören und Gaben zu spenden!" Die ganze große Umgebung befolgt gläubig diese Lehren des Siegreich-Vollendeten mit sichtbarer Freude.

Aus dem Sutra "Der Weise und der Tor",
übersetzt aus dem Tibetischen von I.J. Schmidt,
Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, Leipzig 1845.

Es ist die einzige Übersetzung dieses Sutra in deutscher Sprache.
Die Eigennamen in tibetischer Umschrift wurden von der Redaktion durch die Sanskrit-Namen ersetzt.

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