BUCHBESPRECHUNGEN

Tilmann Borghardt und Wolfgang Erhardt/ Buddhistische Psychologie

Aufgrund von Dreijahres-Retreats unter Gendün Rinpoche in Frankreich sind beide Autoren buddhistisch hervorragend ausgebildet. Erhardt ist seit 1994 Diplom-Psychologe in eigener Praxis. 2008 gründete er mit Retreatleiter Borghardt in Hennef bei Bonn das “Institut für Essenzielle Psychotherapie (EPT)”, nachdem ihnen bewusst wurde, wie notwendig es ist, dass Psychologie und Buddhismus ihre synergistischen Effekte nutzen, anstatt sich gegenseitig voller Vorurteile zu beäugen.
 
So mancher entdeckt im Retreat, dass ihm ergänzende psychotherapeutische Begleitung gut tut; und die Einsichten der buddhistischen Geistesschulung können die Psychotherapie bereichern: “Als Methoden nutzen wir alles, was beim Auflösen von Leid hilft und mit einem Weg des Erwachens harmoniert.” (S.29). Die Autoren beklagen dabei, dass eine solche Zusammenarbeit keinesfalls selbstverständlich ist, obwohl sich die Anliegen weitgehend decken. Hier ist eine Erweiterung des Horizonts und der inneren Haltung dringend notwendig.
 
Trotz der enormen Dicke und der Möglichkeit, sich in Hennef berufsbegleitend fortzubilden, erscheint mir das Buch einen begonnenen Prozess wiederzuspiegeln und keinesfalls eine fertige neue psychologische Richtung zu repräsentieren, für die es bereits ein “Standardwerk” (Umschlagrückseite) geben könnte. Dafür spricht z.B. auch der Gastbeitrag von Astrid Schillings, die die Focussing-Methode als beeindruckende psychotherapeutische Körper-Achtsamkeit vorstellt, ohne dass sie für die EPT vereinnahmt wird.
 
Der erste Teil des Buches - Buddhistische Geistesschulung in der Psychotherapie - zeigt die grundlegende Arbeit mit den belastenden Emotionen im Buddhismus in seltener Ausführlichkeit. Auch erfahrenen Buddhisten sei ein genaues und wiederholtes Lesen empfohlen, um das eigene Repertoire an Hilfsmitteln zu erweitern. Sehr wichtig ist die Erkenntnis, dass die Ich-Stärke der Psychologen, definiert als Zusammenspiel wichtiger Kompetenzen wie z.B. Urteilsvermögen, mit dem Auflösen der verwirrten Ich-Bezogenheit von selbst anwächst! Frühere westliche Autoren irrten sich in ihrer Meinung, das schwache Ego einer Person erst stärken zu müssen. Die Argumente sind unmittelbar einsichtig und nur eine Begriffsverwirrung konnte zu einem solchen Missverständnis führen.
 
Weiter werden viele bekannte Meditationsübungen (z.B. Satipatthana, Anapanasatti, Mahamudra, Tonglen, Medizin-Buddha) vorgestellt, immer im Hinblick darauf, dass der Therapeut sie kennt, aber seinen Klienten nicht aufdrängt.
 
Der zweite Buchteil - Psychotherapie auf der Grundlage buddhistischer Geistesschulung - enthält viele Fallbeispiele und auch Übungen, die sich teilweise auch allein anwenden lassen. Hier geht es vorwiegend um spezifische Probleme, etwa die Arbeit mit dem inneren Kind oder Traumata. Die Methoden sind oft verblüffend einfach...

Cornelia Weishaar-Günter

 
Buddhistische Psychologie, Grundlagen und Praxis

Tilmann Borghardt und Wolfgang Erhardt, mit einem Gastbeitrag von Astrid Schillings

Arkana München 2016, 607 S., 34,00€

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