BUCHBESPRECHUNGEN

Matthias Ennenbach: Buddhistische Psychotherapie

Die westliche Psychotherapie hat in den letzten Jahren ihre Vorbehalte gegenüber östlichen und insbesondere buddhistischen Einflüssen zunehmend abgelegt. Da ist es zu begrüßen, dass ein erfahrener Psychotherapeut – und offenbar gut informierter Buddhist – Therapeuten und Interessierte mit den Aspekten von Theorie und Praxis des Buddhismus bekannt macht, die für eine Therapie nützlich sein können und alltagstauglich sind. Er tut dies in moderner Sprache und in übersichtlicher Form und berücksichtigt auch die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften.

Unter „Buddhistische Psychotherapie“ (BPT) versteht der Autor eine kulturübergreifende Integration, bei der altbewährte Heilmethoden aus den buddhistischen Lehren mit erfolgreichen Techniken der westlichen Kulturen verknüpft werden sollen. Seine Quellen sind im Wesentlichen der Dalai Lama, Mingyur Rinpoche und Jack Kornfield. Die Inspiration des buddhistischen Einflusses – seine sieht er vor allem darin, dass der Fokus dieser Lehren nicht auf der Pathologie, also dem Kranken, den Defiziten und den Störungen liegt, wie es in der westlichen Psychologie der Fall ist, sondern auf der Förderung von positiven, heilsamen Geisteszuständen wie Mitgefühl, Zufriedenheit und Einsicht – eine Linie, die auch von der positiven Psychologie bzw. der Glücksforschung vertreten wird. Damit können nicht nur Menschen von Störungen ihrer Leistungsfähigkeit zur Normalität zurückgeführt werden, sondern auch alltägliches Leiden wie Ärger, Grübeln, Selbstzweifeln wird vermeidbar, was in einer Zeit von epidemisch ansteigenden Symptomen wie Burnout, Angst und Depression hochaktuell ist.

Den westlichen geisteswissenschaftlichen Traditionen wird zu Recht der Vorwurf gemacht, sich zu sehr auf die theoretischen Aspekte zu konzentrieren und kaum erfahrungsbezogen zu sein, insbesondere nicht über meditative Praktiken zu verfügen. Der Buddhismus hat eine erstaunliche Vielfalt von Traditionen und Techniken entwickelt, die diese Lücke schließen und eine Brücke zwischen Spiritualität und Wissenschaft bilden können. Auch Menschen, die sich nicht in theistischen Religionen zu Hause fühlen, können dadurch Zugang zu spirituellen Erfahrungen bekommen.     

Das Buch beschreibt dann auch nach der Erläuterung der wichtigsten buddhistischen Lehren auf weit über 400 Seiten konkrete buddhistisch-psychotherapeutische Techniken. Diese fallen dann aber doch recht kopflastig aus. Eine wirkliche Praxis wird aufgrund der Lektüre allein wohl kaum möglich sein. Diese kann nur ein Leitfaden sein, nach dem sich die persönliche Anleitung durch einen Therapeuten richtet. Dabei ergibt sich auch die Frage, ob der Autor die große Bedeutung des erfahrenen und verehrten buddhistischen Lehrers, die in der buddhistischen Tradition betont wird, nicht unterschätzt. Überhaupt stellen sich für den Rezensenten schon in Bezug auf den Titel des Buches einige Fragen.

Therapeuten mit buddhistischem Hintergrund beziehen gewöhnlich den Buddhismus nicht direkt in ihre Arbeit ein, er schlägt sich höchstens aufgrund ihres Menschenbildes Eingang in der Therapie nieder. Im vorliegenden Buch aber wird nicht deutlich, ob nicht Buddhismus mit „Buddhistischer Psychotherapie“ gleichgesetzt wird: Buddhismus quasi durch die psychiatrische Brille betrachtet. Trotz der Einführung findet man z.B. keinen Hinweis auf traditionelle Grundlehren wie z.B. die Bedeutung karmischer Anlagen aus früheren Leben, deren Bereinigung und der Auswirkungen von Taten nach dem Tod in verschiedenen Existenzbereichen. Auch die Erleuchtung wird eher als Lösung aus Leidenszyklen im Hier und Jetzt verstanden, denn als Befreiung aus dem Geburtenkreislauf wie im indischen Buddhismus. Die Verehrung von Gottheiten und die Betonung der unfassbar großen Qualitäten eines Buddha werden als eher Distanz schaffend angesehen; die Dimensionen tantrischer Praxis, die alle auf den Vorstellungen einer konkreten Wiedergeburt beruhen, werden nicht berührt.  

Der Autor betont zwar, dass auch der Buddhismus religionstypische Merkmale wie Rituale, Gebete, Feiern, Verehrung etc. kennt, scheint diese aber für die Praxis nicht zwingend für notwendig zu halten. Handelt es sich also, wie Sakya Pandita sagt, um eine religionsferne zu überwindende „Anhaftung an dieses Leben“, wenn man buddhistische Kontexte ausschließlich auf deren Alltagstauglichkeit reduziert, oder muss überflüssiger kultureller Ballast abgeworfen werden, um einen westlichen Buddhismus zu schaffen?   

Ein möglicher Kompromiss wäre, den Begriff der ‚buddhistischen Psychotherapie’ klar vom eigentlichen Buddhismus abzugrenzen, damit Buddhismus und Psychotherapie sich nicht vermischen, sondern gegenseitig inspirieren. Dann könnten Buddhisten mit Hilfe therapeutischer Techniken ihre Motivationsmuster bei der Praxis überprüfen und Therapeuten buddhistische Techniken ohne deren religiöse Dimension heilend auch auf Nicht-Buddhisten einwirken lassen.

Oliver Petersen

Matthias Ennenbach: Buddhistische Psychotherapie. Ein Leitfaden für heilsame Veränderungen. Windpferd Verlag, Oberstdorf 2010. 472 S., 14,95 €.

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