BUCHBESPRECHUNGEN

Karl Brunnhölzl: Das Herzinfarkt-Sutra

Das Herzsūtra ist einer der bekanntesten Texte des Buddhismus – so oft rezitiert und doch so wenig verstanden. Alles, was man benennen oder erfahren könnte, vom Körper angefangen bis zur Buddhaschaft, bis hin zur „Arbeitslosigkeit“, wie Brunnhölzl hinzufügt, existiert nicht, aber auch kein „Erlangen“ oder „Nicht-Erlangen“. Ein Schock für Menschen, die sich an irgend­etwas, und sei es den Buddhismus selbst, geklammert hatten. Deshalb auch der provokante Titel Herzinfarkt-Sūtra und der Kommentar dazu: Keine Angst, noch hat kein Westler je einen Herzinfarkt durch dieses Sūtra erlitten, aber vielleicht hat auch keiner die volle Tragweite verstanden.
Karl Brunnhölzl, einer der herausragenden deutschen Buddhisten und Gelehrten unserer Zeit, Mitglied der renommierten amerikanischen Tsadra-Foundation, von Dzogchen Pönlop Rinpoche zum Acharya ernannt und derzeit Privatdozent in Hamburg, hat diesen Text aus dem englischen Original Heart Attack Sutra selbst übersetzt und kommentiert ihn mit Humor, lebenspraktischen Beispielen und großem Hintergrundwissen. Authentischer geht es nicht mehr. Und für alle Übersetzer bleibt es spannend, wie er nach ausgiebigen Studien des Tibetischen und Englischen, nun wieder deutsche Begriffe wählt und interpretiert.
Wenn sich jemand für die „Vollkommenheit der Weisheit“ (Prajñāpāramitā) interessiert, ist dieses Buch der zur Zeit vielleicht beste Einstieg. Auf den ersten hundert Seiten widmet sich Brunnhölzl der Bedeutung des Themas im Allgemeinen – warum ist es bedeutsam, alle Konzepte über Bord zu werfen? Besonders berührend ist zum Beispiel die Einsicht, dass jedes Mitgefühl, das auf beliebige Leiden konkreter Lebewesen gerichtet ist, nur sehr beschränkt sein kann. Nur in der Erfahrung eines Mitgefühls, das ohne besondere Bezüge spontan auf Leiden an sich reagiert, ohne dabei je aus dem Gleichgewicht zu geraten, können wir auf dem Weg des Bodhisattva vorankommen. Dazu brauchen wir die Leerheit von allen begrifflichen Vorstellungen. Befassten wir uns jedoch ohne Mitgefühl nur mit Leerheit, würden wir die Essenz verpassen.
Die übrigen 200 Seiten kommentieren ausführlich den Text selbst und gehen dabei weit über die bloße Wortbedeutung hinaus. Wir verstehen immer besser, was trugbildhafte Wirklichkeit und letztendliche Wirklichkeit sowohl theoretisch als auch für unser Leben bedeuten.
Dieses Buch ist keine erste Einführung in den Buddhismus, man sollte sich bereits mit dem Mahāyāna-Buddhismus, dem Prajñāpāramitā zugehörig ist, beschäftigt haben. Mit ein wenig Vorkenntnissen ist es aber durchaus verständlich. Auch für fortgeschrittene Praktizierende lohnt es sich, es immer wieder zur Hand zu nehmen, sich an den Details zu erfreuen und insbesondere die innere Leichtigkeit zu genießen, die dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchdringt und uns neben fundiertem Wissen zu innerer Entwicklung zu inspirieren vermag.
Hoffen wir, dass Brunnhölzl noch viele weitere seiner zahlreichen englischen Texte übersetzen und auch zu Unterweisungen eingeladen wird.

Das Herzinfarkt-Sutra.  Ein neuer Kommentar zum Herz-Sutra. Karl Brunnhölzl. edition steinrich. 304 S., 22,50 €

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