BUCHBESPRECHUNGEN

Joan Halifax: Im Sterben dem Leben begegnen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes.

 

Vertrauen und Geduld in Verbindung mit Offenheit und Akzeptanz im Umgang mit dem Sterben, dazu ermutigt die US-amerikanische Zen-Meisterin Joan Halifax in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch, das sich an schwer erkrankte und sterbende Menschen, deren Angehörige, Freunde und ehrenamtliche wie professionelle Betreuer richtet.

Durch ihr fundiertes Wissen um die buddhistische Praxis und ihre über vierzigjährige Erfahrung im Umgang mit Sterbenden und Hospizlern, unterscheidet sich die Medizin-Anthropologin wohltuend von der so genannten Ratgeber-Literatur, weil sie nicht vorgibt, Patentrezepte für den einzig ‚richtigen’ Umgang mit einer sehr komplexen Situation zu haben. Vielmehr ermutigt sie die Beteiligten immer wieder, nach dem eigenen Weg zu suchen, der veränderten Situation im Laufe einer schweren Erkrankung mit Furchtlosigkeit, Vertrautheit und Offenheit (S.28) zu begegnen und wach zu bleiben für Ängste und Bedürfnisse aller Beteiligten in dieser Extremsituation.

In vielen klar und bewegend geschilderten Beispielen aus dem täglichen Umgang mit Sterbenden wird deutlich, dass es den Tod genauso wenig gibt, wie das Leben. Die Autorin verliert bei der Schilderung ihrer konkreten Erfahrungen nie den großen Bogen dessen aus dem Blick, was sie an buddhistischer Praxis weitergeben möchte. So lässt sie sich in der Begleitung von Sterbenden von den drei Grundsätzen Nicht-Wissen, Teilhabe und liebevollem Handeln leiten. Konkret kann dies heißen, z.B. die Vorstellung von einem ,guten Tod’ als solche zu erkennen, um sie loslassen und sich der Situation, so wie sie gerade ist, ehrlich zuwenden zu können.

Ohne Angst, Wut, Trauer und physische Schmerzen zu beschönigen oder zu negieren, erinnert die Autorin an die Möglichkeiten, die sich bieten, wenn es gelingt, achtsam zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren und wirklich präsent zu sein. „Durch Achtsamkeitspraxis können wir Körper und Geist stabilisieren. Sie hilft uns, weniger zu reagieren als aufzunehmen und flexibel zu sein.“ (S. 38) Diese Fähigkeiten ruhen bereits in jedem Menschen, können aber durch eine regelmäßige Meditationspraxis gestärkt werden.

Folgerichtig endet jeder der in 19 Kapiteln behandelten Themenkomplexe auch mit einer ‚Meditation’, einer Praxisaufgabe, die z.B. in einer Schreibübung dazu auffordert, über den eigenen Tod möglichst konkret zu reflektieren, oder Anregungen aus der Tonglen-Praxis gibt.

„Sterbende zu begleiten, zwingt uns förmlich dazu, still zu sein, loszulassen, zuzuhören und sich dem Unbekannten zu öffnen.“ Sich mit dem Sterben zu verbinden, sei es dem eines nahen Menschen oder dem eigenen, heißt, sich mit dem Leben zu verbinden. Joan Halifax knüpft daran auch die Hoffnung, mit Hilfe dieser Erfahrung im Westen eine Vorstellung vom Tod zu entwickeln, die der Marginalisierung von Sterbenden entgegenwirkt und das Leben wertschätzt.

Katja Schumann

Joan Halifax: Im Sterben dem Leben begegnen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes.
Theseus Verlag, Bielefeld 2011. 286 S., 24,95 €

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