BUCHBESPRECHUNGEN

Frieden entsteht aus Mitgefühl

Seine Heiligkeit der Dalai Lama als Schirmherr der Friedensuniversität in Berlin

»Frieden muß aus dem Innern kommen, aus echter Zuneigung und Freude.« Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama war zu einem Blitzbesuch in Berlin; die Fördergemeinschaft zur Gründung einer Friedensuniversität (FGF e.V.) hatte ihn zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der Dalai Lama ist, zusammen mit anderen Friedensnobelpreisträgern (unter ihnen Desmond Tutu und Henry Kissinger), Schirmherr dieses Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 1995 in Potsdam eine Friedensuniversität zu gründen.

Diese private Universität wird interdisziplinär ausgerichtet sein, und Ansätze verschiedener Religionen und Kulturen werden hier ihren Platz haben. Das Ziel ist, als Ergänzung zum herkömmlichen Universitätsbetrieb eine dem Frieden dienende Wissenschaft zu pflegen. (Für nähere Informationen, wenden Sie sich an FGF e.V., Akazienstraße 27, 10823 Berlin, Tel: 030-782 46 10).

Der Dalai Lama sprach im Rahmen der Podiumsdiskussion, an der Prof. Dr. Johan Galtung, Dr. Klaus Stephan Otto, Friedrich Schorlemmer, Luise Rinser, Prof. Dr. Karl Pribram und als Moderatorin Manina Lassen-Grzech teilnahmen. Im folgenden drucken wir seine Rede: »Ich freue mich sehr, daß die Friedensuniversität dieses Ereignis möglich gemacht hat und möchte mich für die Einladung in dieses traditionsreiche Haus bedanken. Ich bin, wenn ich mich recht erinnere, schon das dritte Mal in Berlin. Als ich das erste Mal hier war, stand die Mauer noch. Ich nahm die Gelegenheit wahr, auf die östliche Seite zu gehen und begegnete dort Menschen, die sich von ganzem Herzen für die Demokratisierung engagierten. Die Menschen setzten sich mit all ihren Gefühlen und Hoffnungen für eine politische Neuordnung ihres Landes ein.

Bei dieser Begegnung wurde mir eine Kerze geschenkt, die ich sofort anzündete; wir hielten diese gemeinsam hoch. Wie Sie wissen, haben Kerze und Licht in allen Religionen eine besondere Bedeutung. Die Kerze symbolisiert das Licht, das Dunkelheit, Schmerz, Furcht und Unwissenheit vertreibt. Ich war in diesem Moment innerlich sehr bewegt und schätze die großen Umwälzungen, die sich trotz der vielen Schwierigkeiten, die dieser Prozeß mit sich bringt, ergeben haben.

Ich glaube, daß viele von Ihnen sich in manchen Erwartungen, die Sie sich von den Veränderungen erhofft haben, enttäuscht sehen, aber es ist ganz natürlich, daß Schwierigkeiten auftreten. Das Gesetz von Ursache und Wirkung, an das wir glauben, ist ein Naturgesetz und besagt: Je größer und besser die Ziele sind, die wir anstreben, je höher die Aufgaben sind, die wir lösen müssen, um so massiver sind die Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen. Ein ganz entscheidender Punkt ist, daß wir nicht die Hoffnung, die innere Entschlossenheit und den Optimismus verlieren.

Wenn wir, allen Schwierigkeiten zum Trotz, die innere Stärke beibehalten, können die Hindernisse mit der Zeit überwunden werden. Und wir werden sie überwinden. Wenn wir, sobald Schwierigkeiten auftreten, unsere Hoffnung und Entschlossenheit verlieren, ist diese negative Haltung eine Hauptursache für das Versagen; auf diese Weise kann das Ziel niemals erreicht werden. Deshalb möchte ich mit Ihnen meine innere Erfahrung teilen, daß Hoffnung und Entschlossenheit das Wichtigste sind.

Frieden ist die Grundlage für jeden Wohlstand und jedes Glück in einem Land. Deshalb ist Frieden unbedingt notwendig, denn ohne ihn kann sich kein Glück und kein Wohlstand entfalten. Die Frage ist, was bedeutet Frieden? Ich brauche zu Ihnen als Berlinern nicht über die Nachteile des Krieges zu sprechen. Die haben sie selbst erfahren. Und Sie haben auch erlebt, was ein Frieden ist, der in einer bloßen Abwesenheit von Krieg besteht. Frieden ist nicht die bloße Abwesenheit von Gewalt oder Krieg, Frieden muß aus dem Innern kommen, aus echter Zuneigung, aus Freude.

In Europa und in der Welt überhaupt hat es lange Zeit nur die Abwesenheit von Krieg gegeben. Die Ursachen dafür lagen in der Dominanz der beiden Blökke und in der atomaren Bedrohung. Das war kein echter Frieden.

Meines Erachtens haben die Atomwaffen in gewisser Weise dazu beigetragen, einen echten Frieden herbeizuführen. Denn es mußte den Staaten zunehmend klar werden, daß ein Krieg nicht mehr, wie in vergangenen Zeiten, auf einem begrenzten Gebiet ausgetragen werden kann. Keine Partei würde heute noch versuchen, aus einem Atomkrieg Vorteile zu ziehen oder einen Sieg davonzutragen. Aufgrund dieser Einsichten hat man sich weltweit wirklich Gedanken darum gemacht, Wege zur Konfliktlösung zu suchen. Ich denke, daß die heutigen globalen Entwicklungen auch Ausdruck dieses Suchens sind.

Die Frage lautet: Wie können wir mehr Frieden erreichen? Ganz wichtig ist die Abschaffung der Waffen. Es gibt bereits ernsthafte Anstrengungen vieler Länder, zumindest die zerstörerischsten Waffen, d.h. Atomwaffen und chemische Waffen, zu reduzieren oder ganz abzuschaffen. Das ist ein ermutigender Anfang, aber unser letztes Ziel muß die völlige Entmilitarisierung der Welt sein. Es gibt Beispiele, die belegen, daß das möglich ist: Betrachten Sie Costa Rica. Das mittelamerikanische Land kommt schon seit 40 Jahren ohne Armee aus. Costa Rica wurde nicht nur nicht angegriffen, es lebte in Frieden und konnte sich im Vergleich zu seinen Nachbarländern wirtschaftlich und sozial sehr gut entwickeln.

Was Tibet betrifft, so brauchen wir die feste Entschlossenheit, das Land in eine Friedenszone umzuwandeln, die ohne Militär gedeihen und eine Friedensfunktion für ganz Asien übernehmen kann. Ich glaube, daß Deutschland auf dem Weg zu Frieden und Abrüstung bishin zu einer globalen Entmilitarisierung ebenfalls eine wichtige Rolle spielen kann. Ich habe die feste Hoffnung und den echten Wunsch, daß dies geschieht, und es ist meine Bitte an Sie, sich dafür einzusetzen.

Die Frage ist, wie Konflikte gelöst werden können. Wir müssen realistischerweise sehen, daß es immer wieder Konflikte geben wird. Es ist ganz natürlich, daß wir verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Anschauungen und Wünschen sind und daß sich daraus Konflikte ergeben. Betrachten wir die Dinge jedoch aus einiger Entfernung, stellen wir fest, daß wir darüber hinaus sehr viele Gemeinsamkeiten und gemeinsame Ziele haben. Ich denke, daß auf dieser Erkenntnis eine Konfliktlösung aufbauen kann: Man erkennt die gemeinsamen Ziele und wendet Vernunft und Weisheit an, um Konflikte zu lösen. Die menschliche Vernunft und Weisheit sind dazu fähig.

Oft versuchen wir, die Dinge mit Gewalt zu lösen und gehen nicht den gewaltfreien, auf Vernunft beruhenden Weg. So entstehen Kriege. Die eigentlichen Probleme bleiben jedoch ungelöst. Mit Gewalt ist zwar der Körper des anderen zu bezwingen, aber den Geist, die Gedanken kann man nicht zerstören. Die totalitären Systeme wie z.B. im Osten sind dafür ein Beweis. Dort wurden die Menschen zwar mit Gewalt niedergehalten, aber ihren Geist unterwarf das Regime nicht. Das gleiche gilt für Tibet. Die Tibeter werden unterdrückt, aber ihre Gedanken und Einstellungen bleiben unangetastet. So kann der Weg der Gewalt unmöglich zum gewünschten Ziel führen. Nur indem man seine Vernunft gebraucht, ist unter Berücksichtigung gemeinsamer Ziele eine echte Lösung von Konflikten möglich.

Der politische Wille, den Frieden wirklich erreichen zu wollen, ist ausschlaggebend. Er muß besonders bei denjenigen ausgeprägt sein, die die Macht besitzen und Verantwortung tragen. Liebe und Mitgefühl müssen im eigenen Geist vorhanden sein, verbunden mit dem inneren Wunsch, etwas Gutes zu erreichen. Je mehr Haß, Furcht und Mißtrauen den Geist beherrschen, um so geringer ist der politische Wille ausgeprägt, Frieden zu erreichen und Konflikte friedlich zu lösen. Indem man Zuneigung und Mitgefühl entwickelt, öffnet man gewissermaßen seine innere Tür, durch die man dann mit anderen Menschen und Konfliktparteien kommunizieren kann. So entsteht der Wille, das Problem gewaltfrei zu lösen.

Ich bin davon überzeugt, daß der äußere Friede nur entstehen kann, wenn man zuerst den inneren Frieden entwikkelt und Tugenden in sich hervorbringt. Wie kann jemand, der eine entscheidende Position innehat, andere dazu auffordern, friedlich zu sein, wenn sein eigener Geist nicht friedlich ist?

Es ist wichtig, diese inneren Tugenden zu entfalten. Die eigentliche Ursachen für Frieden und Glück ist das Mitgefühl, das wir in uns haben. Der Anstoß, dieses Mitgefühl zu entwickeln, muß nicht von außen kommen. Ich glaube, daß, sobald wir als Menschen auf die Welt kommen, unsere Natur freundlich und mitfühlend ist; es kommt darauf an, diese eigentliche Natur zur Reife zu bringen.

Ein Mensch, der diese inneren Qualitäten nicht in sich entfaltet, kann auch durch Äußeres kein Glück erleben. Auch ein Mensch, der reich ist, mit materiellen Dingen gut ausgestattet ist und viele Freunde hat, ist nicht glücklich, solange sein Geist nicht ausgeglichen und ruhig ist. Dagegen wird ein Mensch, der durch seine innere Entwicklung Ruhe und Frieden in seinem Geist hervorgebracht hat, auch unter widrigen Umständen nicht seine Balance verlieren und die Situation zum Guten nutzen können. Aus diesem Grund glaube ich, daß es das Wichtigste ist, den inneren Frieden zu entwickeln und die inneren Anlagen für Liebe und Mitgefühl in uns zu stärken.

Nach einer mündlichen Übersetzung aus dem Englischen von Christof Spitz.

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 28, 1994
www.tibet.de/zeitschrift

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