BUCHBESPRECHUNGEN

»Eine kurze Fantasiegeschichte von einem, der aus dem Himalaya kam« Thinley Norbu

Thinley Norbu, der Verfasser dieser autobiografischen Erzählung, wurde 1931 in Lhasa (Tibet) als ältester Sohn des Linienhalters der Nyingma Tradition Dudjom Rinpoche geboren und genoss eine exzellente Ausbildung. Im Alter von 17 Jahren übertrug ihm sein Vater die Leitung eines Klosters, die er nach eigenen Angaben wegen seiner Unerfahrenheit nur schlecht ausführen konnte. Während dieser Zeit war er viel auf Reisen, und besuchte viele namhafte Lehrer (u.a. Dilgo Kyentse Rinpoche) und absolvierte Retreats. Mitte der 50er Jahre ging er nach Bhutan, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte und heiratete. Ende der 70er Jahre siedelte er in die USA in die Nähe von New York über, wo er bis zu seinem Tod lebte und lehrte (unterbrochen von mehreren Reisen zurück in den Osten). So die Eckdaten des Lebens von Thinley Norbu, an dem er uns in seinen Lebenserinnerungen teilhaben lässt. Viele (seltene) Farbfotos bereichern das Lesevergnügen noch um die visueller Ebene. Dabei geht es um weit mehr als eine Lebensbeschreibung. Die „Fantasiegeschichte“ ist eine Reise in das innere Erleben eines Dzogchenmeisters, für den alles eben nur ein Spiel von Form und Leerheit, ein Tanz voller Energie, Würde und Humor ist. Sein ungewöhnlicher Sprachduktus, poetisch, oft märchenhaft, dann aber wieder zum Lachen komisch, macht das Lesen zu einem ungewöhnlichen Erlebnis. Tiefe Dharmaweisheiten wechseln mit wunderbaren Landschafts- und Alltagsbeschreibungen ab, Flirt- und Liebesgeschichten mit kritischen Beobachtungen des westlichen Lebensstils. Eine kunterbunte Kollage aus Weisheit, Witz und Charme, Poesie, kritischem Beobachtungsgeist!

Jedes Wort scheint richtig gewählt zu sein und etwas zu transportieren, was über die bloße Information hinausgeht. Thinley Norbus messerscharfe Beobachtungen unseres westlichen Verhaltens gelten auch heute noch. Zum Beispiel schreibt er über seine Begegnungen in Frankreich: „Manchmal denke ich, es ist besser eine Sprache nicht zu kennen. Statt zu reden, ist es besser, Energie durch Schweigen zurückzuhalten. Viele Westler versuchen jedoch, durch Reden intelligent auszusehen, und glauben, Stille sei unangenehm. ... Wir, die wir begrenzte Eigenschaften haben, schwatzen unaufhörlich, während jene mit grenzenlosen Weisheitsqualitäten still bleiben. Es ist wie der Unterschied der Bewegung seichten Wassers und der Stille tiefsten Meeres“ (54). Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird einem bewusst, wie oft in vielen anderen Bücher nur geschwatzt wird, um durch viele Worte klug zu wirken.

Andrea Liebers

 

Eine kurze Fantasiegeschichte von einem, der aus dem Himalaya kam

Thinley Norbu

Saravasti Edition, Manjugosha Edition Berlin 2017, 120 Seiten, 29,90 €

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