BUCHBESPRECHUNGEN

Dieter Radaj: Buddhisten denken anders

Dieter Radaj stellt in seinem ersten buddhistischen Buch das Denken des Buddhismus in den Mittelpunkt. Einerseits will er buddhistische Denkungsart in Absetzung von östlichen und westlichen Philosophien beleuchten, zum anderen die diversen Ausprägungen buddhistischen Denkens darstellen. Beim ersten groben Überblick mag das Buch beeindrucken, bei genauerem Hinschauen aber enttäuscht es.

So scheinen schon anfängliche Thesen befremdlich wie Buddhismus und Christentum „ergänzen“ sich – bevor man überhaupt in den Vergleich eintritt. Radaj stützt sich in seiner Darstellung auf Werke von Schumann, Dumoulin und Glasenapp, also auf eine Zeit mit wenig Primärliteratur. Sein Forschungsstand ist damit nicht aktuell sondern liegt ca. 50 Jahre zurück. Dementsprechend werden in der kurzen Beschreibung des deutschen Buddhismus zwar die Jahre von Schopenhauer bis Govinda recht übersichtlich präsentiert, für die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch sind die Informationen teilweise völlig veraltet: da liegt der Karma-Kagyü-Verein noch in Wachendorf und die Erwähnung von Küng und Lasalle scheinen gewichtiger als die der DBU; es wird sogar bemängelt, „dass bisher noch kein buddhistisches Bekenntnis realisiert“ wurde (S. 200).

Der Anspruch des Buches laut Klappentext und nach dem Inhaltsverzeichnis ist beeindruckend, aber Ausgangspunkt der Darstellung des Buddhismus ist eine locker zusammengestellte Essenz eines Buches des Asiaten Han, schlagwortartig formuliert, ein vertieftes Verständnis der philosophischen Unterschiede westlicher und östlicher Philosophie bleibt jedoch aus. Hans und damit auch Radajs Darstellung des Zen-Buddhismus scheint stark nihilistisch geprägt.

Viele Thesen bleiben plakativ, so könnte man z.B. meinen, Buddhismus und Hinduismus definierten das Konzept Karma auf ähnliche Weise (S. 25); un es wird sogar von der Überwindung der „niederen, konventionellen“ durch die „absolute, höhere Wahrheit“ gesprochen. Immer wieder fasst Radaj Thesen und Arbeiten verschiedener – meist deutscher – Wissenschaftler zusammen, zitiert aber höchst selten direkt. Dadurch wirkt das Buch zwar recht ordentlich zusammen gestellt, hat die zum Teil diffizile Materie jedoch nicht wirklich durchdrungen; die Darstellung hat oft eher den Charakter einer groben Zusammenfassung als einer in die Tiefe gehenden Reflexion. Die Sprache mutet eher christlich-dualistisch an: „Reine jenseitige Buddha-Länder sind frei von den Beschmutzungen, denen die unreine diesseitige Welt unterworfen ist“ (S.49 zum Thema Reine-Land-Schulen), und wenn der Autor postuliert, dass der „buddhistische Monismus“ bei den Lehren zur Buddha-Natur zum „brahmanischen All-Einheitsdenken zurückkehrt“ (S. 62), dann mag ich ihm endgältig nicht mehr folgen, da er grundlegende Unterschiede dieser Religionen nivelliert.

Im letzten Teil wünscht sich Radaj eine Teilung in den ursprünglichen Buddhismus einerseits und den tantrisch oder taoistisch überlagerten Buddhismus andererseits, aber auch hier stehen etliche Postulate nicht mehr im Zusammenhang mit unseren modernen vielfältigen Ausprägungen. Wenn da behauptet wird, „der ursprünglichen Buddhismus will die Welt hinter sich lassen“, so steht das nach meiner Auffassung nicht im Einklang mit dem Verständnis vieler Praktizierender heute.

Ein Plus des Buches könnte im letzten Teil liegen, nämlich der Darstellung moderner buddhistischer Philosophie, wobei sich Radaj jedoch lediglich um japanische Philosophen bemüht.

Doris Wolter

Dieter Radaj: Buddhisten denken anders - Schulen und Denkwege des traditionellen und neuzeitlichen Buddhismus. Iudicium Verlag München 2011. 276 S., 18 €

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