BUCHBESPRECHUNGEN

Bhante S. Dhammika/ Broken Buddha

 

Wenn Bhante Shravasti Dhammika, Spritueller Berater der Buddha Dhamma Mandala Gesellschaft in Singapur, in diesem Buch all die Schattenseiten der Institutionen des über lange Zeit etablierten Buddhismus in den Theravada-Ländern Asiens beleuchtet, weiß er, wovon er spricht. Als westlicher Mönch ein Greenhorn, aber mit dem Enthusiasmus und der Frische des Anfängers ausgestattet, begierig, den Buddhismus ganz authentisch „von innen“ zu studieren, erfuhr er über lange Jahre die Facetten von Degeneration, Erstarrung, Popanz, Äußerlichkeit, Verschwendung der Spendengelder und lähmende Lethargie in den klösterlichen Einrichtungen. Gut zu wissen, dass er nach wie vor ordinierter buddhistischer Mönch ist. Als er dieses Buch 2006 schrieb, lebte er bereits seit 25 Jahren als ordinierter Insider.

Missstände anzuprangern, zumal wenn man als eine Art westlicher Außenseiter in eine über Jahrtausende gewachsene kulturelle Struktur eintritt, ist ein heikles Unterfangen. Doch weil man als Leser spürt, dass er all dieses Elend aus einem echten Engagement für die Sache heraus schildert, empfindet man seine Ausführungen eher als notwendige Aufklärung, denn als frustrierte Nestbeschmutzung eines Enttäuschten.

Bhante Dhammikas Erfahrungen sind in vielerlei Hinsicht aufschlussreich:

1. Was die Verdrehung und Pervertierung des eigentlichen Sinnes von Vinaya-Regeln, Vorschriften und Bräuchen angeht, scheint der Mensch grenzenlos erfinderisch zu sein. Es gilt, die Befriedigung niederer Bedürfnisse kunstvoll zu rechtfertigen, indem man Textpassagen für seine Zwecke passend umdeutet. Auch die Förderung von Aberglauben und Ausnutzung der Gier nach Glück der Laien durch Verkauf von Ritualen, Talismanen und Schnick-Schnack fällt in diese Kategorie. Faszination gepaart mit Übelkeit als Reaktion beim Leser ist die Folge.

2. Wenn religiöse Institutionen durch kulturelle Prägung gewohnheitsmäßige Macht und politischen Einfluss besitzen und ihre spirituelle Autorität nur auf Konvention beruht, treibt diese Degeneration hässliche weltliche Blüten aller Art. Dennoch retten immer wieder einzelne aufrichtige Praktizierende den eigentlichen Geist und halten ihn so lebendig. Es besteht also Hoffnung, trotz der hohlen Fassaden.

3. Verdienstanhäufungs-Wunsch durch Laien kann auch zur Plage werden. Ein Leben, in dem man gehätschelt und verzärtelt wird, weil man so ein edles ordiniertes Wesen ist, wo einem jeder Wunsch übererfüllt, man mit Ehrenbezeugungen überhäuft und mit feinstem Essen wie im Schlaraffenland gemästet wird – eine subtile Hölle!

4. Die beklagenswerte Rolle der Frauen – man mag eigentlich nichts mehr darüber lesen. Dass der Körper grundsätzlich eine stinkende Eiterbeule ist, wissen wir ja, aber wie Frauen in den buddhistischen Ländern betrachtet werden, im 21. Jh. – Bhante Dhammikas Beschreibungen entlocken ein kopfschüttelndes Seufzen. Und leider finden sich in buddhistischen Texten unschöne Aussagen, die aus einer Haltung der Verachtung verfasst wurden, und sie kulturell fixieren.

Bhante Dhammika spricht aus der Perspektive des Theravada, und genervt von spezifischen Erfahrungen, neigt er dazu, die Zustände im Mahayana des Tibetischen Buddhismus und im Zen als rosiger einzuschätzen, als sie es sicher auch dort sind. Sein feiner Humor und die Kuriosität der selbst erlebten Anekdoten und Beispiele machen das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre, auch wenn einem als Buddhist natürlich das Herz blutet. Man würde sich den real existierenden Buddhismus sicher anders wünschen, aber es ist ein Verdienst des Buches, naiver Blauäugigkeit die Realität der Verhältnisse vor Augen zu führen. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es wie überall eine Palette heller und dunkler Grautöne. Das Buch mag nicht viel zur Erleuchtung beitragen und wenig Dharma vermitteln, aber es regt zum Nachdenken über eigenverantwortliche Dharma-Praxis an: Blindes Vertrauen in Lehrer, nur weil sie aus Asien kommen, empfiehlt sich nicht. Aus Enttäuschung über institutionelle Fehlentwicklungen gleich den ganzen Buddha zu verwerfen, wäre ebenso falsch. Im vorletzten Kapitel seines Buches unterbreitet Bhante Dhammika Vorschläge, wie man im Westen buddhistische Institutionen reformieren könnte, und er konzipiert ein utopisches modernes „Buddhayana“, das den Ballast überkommener Regeln und Gebräuche abwerfen soll. Seine Ausführungen in den Konjunktiven „sollte, könnte, müsste“ klingen wenig anstoßerregend; sie orientieren sich an westlichen humanistischen Grundwerten. Und doch drängt sich die Frage auf, wer ein „Buddhayana“ umsetzen wollen würde? Ohne überzeugende Persönlichkeiten wie z.B. eine Ayya Khema bleiben solche Pläne kühne architektonische Skizzen. Die Patina der gewachsenen Traditionen des Buddhismus in Asien dagegen ist eben doch mehr als nur Dreck. „Broken Buddha“ liest sich als ein Appell, der ursprünglichen Intention des Buddha in seinen Lehren auf den Grund zu gehen, und sich nicht wichtigtuerisch und hartherzig an Buchstaben zu klammern, wenn diese für andere nichts als zusätzliche, unsinnige Lasten bedeuten, und damit ihr eigentlicher Sinn entstellt wird. Die Beispiele, die Bhante Dhammika anführt, sprechen für sich, und die angestaute berechtigte Empörung hat sich final in diesem Buch entladen. Seine emotionale Aufrichtigkeit macht es lesenswert.

Nicola Hernádi

 

Broken Buddha – Plädoyer für einen neuen Buddhismus

Bhante S. Dhammika

Edition Steinrich, Berlin 2011, 287 Seiten, 9,90 €

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics