BUCHBESPRECHUNGEN

Segen von Avalokiteshvara: Die Verwirklichungszeremonie (Drubchen)

Im Oktober 2005 wird Jhado Rinpoche, ehemaliger Abt des Namgyal-Klosters des Dalai Lama, eine große Avalokiteœvara-Initiation geben. Er wird darüber hinaus eine spezielle Verwirklichungszeremonie (tibetisch: drubtschen) anleiten und Erklärungen dazu geben. Geshe Pema Samten erläutert auf Bitten der Redaktion die Hintergründe dieses segensreichen Rituals.

Die Avalokiteœvara-Rituale im Oktober 2005 werden auf der Basis eines Sand-Mandalas ausgeführt. Ein Mandala stellt den reinen Bereich einer Gottheit dar. Im Zusammenhang mit Initiationen und Selbstinitiationen wird manchmal ein Mandala gestreut –als Stütze für die Meditation. Nachdem wir die Initiation erhalten haben, stellen wir uns in der Meditationspraxis als die Gottheit selbst im Zentrum des Mandala vor und visualisieren die Umgebung als den reinen Bereich dieser Gottheit. Die Gottheit und ihr reiner Bereich werden im Mandala bildlich dargestellt. Anfangs handelt es sich nur um Vorstellungen, mit zunehmender Übung und Verwirklichung erlangen wir tatsächlich den Zustand der Gottheit und damit auch das gesamte Mandala.
Doch selbst wer nicht intensiv praktizieren kann, wird durch den Kontakt mit diesen Lehren einen großen Nutzen erfahren. Denn es heißt, dass allein schon der Anblick eines Ma¶ðala sehr starke Eindrücke im Geist hinterlässt und viel negatives Karmas bereinigt.
Jhado Tulku wird darüber hinaus die Kurzform einer großen Verwirklichungszeremonie (tibetisch: drubtschen) anleiten. Bei Langfassung dieser außergewöhnlichen Zeremonie wird Tag und Nacht ununterbrochen die Avalokiteshvara-Praxis ausgeführt. Dabei werden viele Gebete gesprochen, mannigfaltige Opfergaben dargebracht und Mantras rezitiert, vor allem das „Om mani padme hum“, das Mantra von Avalokiteshvara.
Im Kloster Dhargye in Osttibet haben wir den großen Nutzen intensiver Avalokiteshvara-Praxis erfahren. Wir führen dort zum Beispiel jedes Jahr ein großes Ritual zur Herstellung von Mani -Pillen durch. Dabei handelt es sich um eine Verwirklichungszeremonie im Zusammenhang mit einer Vase, die mit Kräuterpillen gefüllt ist. Während des Rituals werden diese Pillen vor allem durch das Mantra gesegnet. Zu diesem Anlass kommen alle Mönche und Nonnen sowie ein Großteil des Menschen aus der Umgebung zusammen. Gemeinsam führen sie dann sieben bis zehn Tage und Nächte die Avalokiteshvara-Praxis aus, so dass das Mantra mindestens 100 Millionen Mal rezitiert wird. Die Praxis ist so segensreich, dass sich manchmal am Ende des Rituals die Pillen in der Vase vermehrt haben.
Die von Jhado Tulku angeleitete Verwirklichungszeremonie in Semkye Ling wird gewiss genauso segensreich sein, und wir werden danach die Möglichkeit haben, die Praxis von Avalokiteshvara in der nächsten Zeit zu intensivieren.
Die Teilnahme an den Ritualen steht allen Buddhisten offen. Diejenigen, welche die Texte und Rituale beherrschen, können mitmachen. Andere, welche die Rituale nicht vollständig mitmachen können, setzen sich einfach dazu und rezitieren das Mantra. Das Mantra von Avalokiteshvara ist ungeheuer segensreich. Auch wenn es allgemein für wichtig erachtet wird, eine Initiation in die Gottheit zu haben, bevor man deren Mantra rezitiert, so herrscht in die Tibet die landläufige Meinung, dass gerade dieses Mantra auch dann von großem Nutzen ist, wenn man zuvor keine Einweihung erhalten hat.
Da Avalokiteshvara der Buddha des Mitgefühls ist, sollten die Teilnehmer die Rituale, Gebete und Rezitationen auf der Grundlage einer mitfühlenden Haltung ausführen. Der Buddha weis in vielen Lehrreden auf den großen Segen des Mantras hin, insbesondere, wenn es mit einer reinen Motivation gesprochen wird. So heißt es etwa in einem Sutra, dass das bloße Erinnern oder Rezitieren des Mantras von Avalokiteœvara dazu führt, dass wir von den Leiden der Geburt, der Krankheit, des Alterns und des Todes befreit werden, dass wir beständiges Glück erfahren und nicht mehr in niederen Bereichen Geburt annehmen werden. Es hat auch die Kraft, sich von so schwerwiegenden negativen Handlungen wie den fünf, due direkt in ein elendes Dasein führen, zu bereinigen.
Wir können also zuversichtlich sein, dass wir einen großen Segen erfahren, wenn wir im Geiste der Liebe und des Mitgefühls an dieser einmaligen Veranstaltung teilnehmen.
Aus dem Tibetischen übersetzt von Frank Dick.

 

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 74, 2005
www.tibet.de/zeitschrift

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics