BUCHBESPRECHUNGEN

Ausbildung im Kloster Sera

Etwa im 11. Jahrhundert entstand die erste Schulrichtung des tibetischen Buddhismus, die Nyingma-Schule. Als zweites gründeten sich die Kagyü-Tradition, dann die Sakya- und schließlich die Gelug-Schule, die auf Lama Tsongkapa zurückgeht. Die drei großen Klosteruniversitäten Sera, Drepung und Ganden sind die Hauptstudienzentren der Gelug-Überlieferung. Als der Dalai Lama 1959 seine Gesche-Prüfung in Tibet ablegte, lebten in Sera 5.500 Mönche. Infolge der chinesischen Invasion wurden tausende Klöster zerstört, und viele Tibeter flohen ins Exil. 1969 wurde das Sera- Kloster in Bylakuppe in Südindien neu errichtet. Dort lebten anfangs rund 5000 Tibeter, 300 davon waren Mönche. Die Region, die ihnen die indische Regierung zugewiesen hatte, war Dschungel, den die Neuankömmlinge erst einmal roden mußten. Nach und nach bauten sie ihre Siedlungen auf und errichteten eigene Schulen, Krankenhäuser und Werkstätten, in denen tibetische Handarbeiten hergestellt werden.

Im Exil-Kloster Sera gibt es zum einen die Universität und zum anderen die Schule. In der Klosteruniversität, wo zur Zeit rund 4000 Mönche wohnen, werden fünf Haupttexte studiert, auf die ich gleich näher eingehen werde. Der Tagesablauf ist vom Kloster geregelt: Morgens werden etwas zwei Stunden lang Texte auswendig gelernt. Dann folgen die Debatten-Klassen. Nachmittags erhalten die Mönche Unterricht von ihren Lehrern. Abends zwischen 18 und 23 Uhr wird wieder debattiert, manchmal bis Mitternacht. Wie zuvor erwähnt, werden die fünf Haupttexte des Buddhismus studiert. In den ersten drei Jahren beschäftigen sich die Mönche mit "Düdra" (bsdus grwa), den gesammelten Themen, wobei es sich um vorbereitende Texte zur Logik und Erkenntnistheorie (tshad ma; praman. a) handelt. Dann beginnen die Studien zu den Vollkommenheiten, die insgesamt fünfeinhalb Jahre dauern. In dieser Zeit werden zum Beispiel auch vier zusätzliche Themen (zur bkol bzhi) behandelt: erstens die zu interpretierende und die endgültige Bedeutung der Aussagen des Buddha, zweitens die 20 Arten von Sa?gha, insbesondere in Beziehung zu dem Hörerfahrzeug des Buddhismus, drittens die drei Daseinsbereiche, also die Versenkungsstufen innerhalb des Begierdebereichs, des Formbereichs und des formlosen Bereichs, viertens das Abhängige Entstehen.

Im Anschluß daran wird der eigentliche zweite große Themenkomplex studiert: die Vollkommenheiten anhand eines Kommentars zum Prajnaparamita-Sutra, dem Schmuck der Klaren Erkenntnis von Maitreya (mNgon par rtogs pa'i rgyan, Abhisamayalamkara). Das dritte große Studiengebiet heißt Madhyamaka und wird in drei Jahren absolviert. Dabei geht es um die Philosophie des Mittleren Weges, die Leerheit. Als viertes folgen zwei Vinaya-Jahre, die ethische Disziplin. Dort werden vor allem die Gelübde untersucht, also die Disziplin der Noviz- Mönche und -Nonnen sowie der vollordinierten Mönche und Nonnen. Der fünfte Haupttext ist der Abhidharmakosha, das "Schatzhaus des Wissens", von Vasubandhu, für den sich die Mönche ein Jahr Zeit nehmen. Er behandelt die Kosmologie und Metaphysik, und es geht sowohl um die äußere Welt als auch die Lebewesen darin. Insgesamt nehmen die fünf hauptsächlichen Studiengebiete vierzehneinhalb Jahre ein. Es folgen noch einmal sechs Jahre in der sog. Karam- und Lharam-Klasse, in der die Erklärungen über Vinaya und den Abhidharmakosha wiederholt werden. Wer ein voll qualifizierter "Geshe- Lharampa" werden möchte, muß also insgesamt etwa zwanzigeinhalb Jahre lang die fünf Haupttexte studieren.

Im Kloster wird auf Debatte großer Wert gelegt. Sie hat einen so zentralen Stellenwert, weil sie auf eine Anweisung des Buddha selbst zurückgeht. Denn der Buddha sagte, daß man seine Lehren nicht einfach aus Respekt zu ihm akzeptieren solle, sondern aufgrund der eigenen Überprüfung. Die Schüler sollen seine Unterweisungen selbst auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen, und dafür eignet sich die Debatte sehr gut, die vor allem unter den Studenten geführt wird. Im Laufe eines Jahres finden mehrere Prüfungen statt: zwei mündliche Prüfungen, zwei mittels Debatte und eine schriftliche Arbeit.

Etwa 20 Jahre dauert es heutzutage, wenn man in den tibetischen Klosteruniversitäten der Gelug-Schule den höchsten akademischen Abschluß eines Lharampa-Gesche ablegen möchte. In der Dsche-Fakultät der Klosteruniversität Sera werden die Fünf großen Themengebiete, denen fünf Haupttexte zugeordnet sind, in vierzehneinhalb Jahren behandelt, während derer man 13 Klassen durchläuft. Dann wird man zur Gelug-Prüfung zugelassen.

Name der Klasse Inhalt: fünf große Themengebiete Haupttexte Studienjahre
(1) Düdra klein
(2) Düdra mittel
(3) Düdra groß
(1) Gültige Erkenntnis (tshad ma; pramana)Logik und Erkenntnistheorie [parallel zum Studium: eine extra Klasse zu Dignagas Kompendium der Gültigen Erkenntnis und regelmäßige Teilnahme an der jährlichen Winterdebatte mit Mönchen aller anderen Fakultäten bis zur Geshe-Prüfung (Dauer 1 Monat)] Kommentar zu Dignagas "Kompendium der Gültigen Erkenntnis" (Pramanavarttika) von Dharmakirti [Tatsächlich werden zunächst drei Jahre die gesamte Düdra-Literatur und die Lehrmeinungen bis zu den 70 Punkten des Abhisamayalamkara studiert.] 1
1
1
(4) Grundtext für Anfänger
(5) Grundtext für Fortgeschrittene
(6) Zusätzliche Themen für Anfänger
(7) Zusätzliche Themen für Fortgeschrittene (oberer und unterer Abschnitt)
(8) Vollkommenheiten
(2) Vollkommenheiten (phar phyin; paramita) "Schmuck der Klaren Erkenntnis" von Maitreya 1
1

1

1,5


1
(9) Mittlerer Weg für Anfänger (1&2)
(10)Mittlerer Weg für Fortgeschrittene
(3) Mittlerer Weg (dbu ma; madhyamaka) Parallel zur 9.Klasse: einen Monat Debatte in der Nacht Ergänzung zu Nagarjunas "Abhandlung über den Mittleren Weg" von Candrakirti 2

1
(11)Disziplin für Anfänger
(12)Disziplin für
Fortgeschrittene
(4) Disziplin ('dul ba; vinaya) "Die Lehrrede über Disziplin" von Gunaprabha 1
1
(13)Schatzkammer (5) Schatzkammer der Offenbarung der Phänomene (chos mngon pa mdzod; abhidharmakosha) Kosmologie und Metaphysik "Schatzhaus des Höheren Wissens" von Vasubandhu 1
Gelug-Prüfung
(14)Karam
(15)Lharam
[parallel: Intensive Beschäftigung mit Vinaya und Abhidharma sowie Lharam- Prüfung auf dem Großen Gebetsfest

1
5
Dauer des Gesamt-Studiums

20,5

Die Seradsche-Schule bietet den Mönchen darüber hinaus noch eine weitere Ausbildung an, die sowohl religiöse als auch weltliche Elemente enthält. Mönche zwischen sechs und 18 Jahren gehen hierher, und es gibt 10 Klassen. Die Initiative geht auf einige westliche Mönche zurück, die Anfang der 80er Jahre im Kloster Sera lebten. Die Idee war, den tibetischen Schülern eine freie Ausbildung und freie medizinische Versorgung zu gewähren. 1984 genehmigte das Kloster die Gründung der Schule. Sie wurde bei der indischen Regierung offiziell registriert, die es gestattete, finanzielle Unterstützung aus anderen Ländern zu bekommen. Die Seradsche- Schule wurde als gemeinnützige Bildungseinrichtung anerkannt. 1997 beantragten wir auch die staatliche Anerkennung der Schule. 1998 legte erstmals eine 10. Klasse vor dem offiziellen Prüfungsausschuß eine Prüfung ab. Von 13 Schülern, die in dieser Klasse waren, haben bis auf einen alle bestanden; im darauf folgenden Jahr war es genauso.

Folgende Fächer werden unterrichtet: Mathematik, Allgemeine Wissenschaften (wie Physik, Chemie und Biologie), Gesellschaftskunde und Sprachen wie Hindi, Englisch sowie die tibetische Sprache und Grammatik. Der Tagesablauf gestaltet sich folgendermaßen: Morgens ab 7 Uhr werden wie in der Kloster-Universität zwei Stunden lang Texte auswendig gelernt. Zwischen 9.00 und 12.00 Uhr findet der normale Unterricht statt, in dem die eben genannten Fächer gelehrt werden. Zwischen 12.00 und 14.00 Uhr ist Mittagspause, und von 14.00 bis 17.00 Uhr gibt es wieder Unterricht. Nach der Abendbrotpause um 18.00 Uhr werden die Texte, die morgens auswendig gelernt wurden, wiederholt und aufgesagt. Die Seradsche-Schule ist die erste dieser Art in der tibetischen Klostertradition. Ihren Erfolg verdankt sie einigen westlichen Organisationen, insbesondere "Les Amies de Tibet" in Genf, dem Tibetischen Zentrum Hamburg und der Deutschen Tibethilfe. Die Ausbildung im Kloster basiert auf zwei Pfeilern: der Disziplin und dem Studium. Die moralische Disziplin spielt eine sehr wichtige Rolle; sie begleitet jeden Mönch durch den Tag, auch während der Studien. Sie wird als Fundament dafür angesehen, Weisheit zu entwickeln. Wie wir ja wissen, sind Methode und Weisheit die zwei Seiten einer Medaille. Das Ziel ist, alle Leiden, Probleme und Schwierigkeiten, denen wir im Leben begegnen, loszuwerden. Auf dieses Ziel gerichtet, studieren die Mönche so hart.

Aus dem Englischen von Bhikshuni Jampa Tsedroen (Carola Roloff)

 

Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 54, 2000
www.tibet.de/zeitschrift

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