BUCHBESPRECHUNGEN

Wege zur rechten Erkenntnis von Michael Hahn & Sieglinde Dietz

Ein Must-Have!

Dieses Buch ist ein Juwelenberg für alle, die den authentischen Texten des Buddhismus möglichst nahe kommen möchten, aber nicht Sanskrit und Tibetisch studieren wollen. Die Übersetzer und Kommentatoren dieser 12 Lehrbriefe sind nicht nur wissenschaftliche Fachleute, die ihr Leben dieser Materie gewidmet haben, sie haben mit der Schönheit der Übersetzungen in ein klares, modernes Deutsch einen wichtigen Beitrag für praktizierende Buddhisten geleistet. Das Buch präsentiert 12 Lehrbriefe namhafter Meister der buddhistischen Vergangenheit Indiens und Tibets, die durch abenteuerliche Wirren der Geschichte in Manuskripten erhalten blieben. In der Neuzeit als offenbar eigene buddhistische Literaturgattung von westlichen Forschern entdeckt, gerieten diese prägnanten Werke wie Treibholz auf den Wellen eines Flusses immer mal wieder an die Oberfläche und in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Dr. Sieglinde Dietz hatte bereits kompetente Editionen einiger dieser Briefe erarbeitet; der mit diesem Buch vorliegende informative Schatz entstand dann in einer fruchtbaren Kooperation mit dem leider 2014 viel zu früh verstorbenen Professor Michael Hahn.

Die Übersetzungen großer Namen wie Nagarjuna, Chandragomin und Atisa machen etwa die Hälfte des Umfangs des Buches aus, die andere Hälfte besteht aus geschichtlicher Hintergrundinformation und vergleichenden, strukturierenden Anmerkungen. Nagarjunas berühmter Brief Suhpllekha bildet das Modell, an dem sich viele der späteren Briefe deutlich orientieren. Stilistische Unterschiede, die bei der Übersetzung verwischen, ergänzen als Kommentar die zusätzlichen Angaben, und vermitteln so wissenswertes, das sonst verborgen geblieben wäre. Denn obwohl thematisch und im Aufbau sich häufig am Suhpllekha angelehnt wird, dringen doch immer wieder persönliche Eigenheiten der berühmten Verfasser durch: Matpceta liegt besonders das Leid der Tiere am Herzen, und er beschwört in anrührender Weise den prinzlichen Adressaten, Jagd zum Vergnügen als Grausamkeit zu erkennen, und sie aus Mitgefühl bleiben zu lassen. Chandragomin, der große Dramatiker, glänzt durch seine besondere Poesie.

Dass immer wieder besonders der weibliche Körper als Beispiel für das Vergängliche, Eklige und Üble des Körpers an sich herangezogen wird, um die Libido männlicher Leser zu dämpfen, erfordert von der Leserin eine Menge Weisheit. Immerhin verordnet Nagarjuna diese Betrachtung als letztes grobes Mittel, wenn es nicht gelingt, sein Verlangen zu zügeln, indem man die Frauen je nach ihrem Alter als Mutter, Schwester, oder Tochter ansieht. Das „Zerstörerische“ der Frauen als Bedrohung für männliche Keuschheitsgelübde - es wird bei den anderen Autoren in endloser Einseitigkeit betont. Bei den wenigen freundlicheren Aussagen über Frauen atmet man entsprechend auf. Indisches frauenfeindliches Denken, leider nicht nur der Antike. Man muss es zur Kenntnis nehmen, einordnen und sich milde ärgern. Glücklicherweise macht es nur einen geringen Teil der Briefe aus.

Durch die umfangreichen Einblicke der Kommentare in die Erkenntnisschritte der Forscher bei der Arbeit am Material erhält man einen spannenden Einblick in buddhistische Text-Überlieferung und die Geschichte des antiken Buddhismus, der bis heute in Tibet und anderswo lebendig gehalten wurde. Im inneren Kino des Lesers erscheint der ferne Horizont einer Zeit und Geisteshaltung, in der dieses universell humanistische Denken von den Autoren gepredigt und verkörpert wurde. Man hätte sie gerne persönlich kennengelernt! Einen Abglanz ihres Wesens lassen ihre Worte spüren.

Manche Bücher besitzt man, um immer wieder auf sie zurückgreifen zu können. Sie bilden den Schatz der heimischen Bibliothek. Zu diesen gehören die „Wege zur rechten Erkenntnis“ in einem buddhistischen Haushalt unbedingt. Zugegeben, das Buch hat seinen Preis, aber man hat in seinem Leben sicher schon Geld blödsinniger ausgegeben. Ich lese immer wieder in den Briefen und hole mir Inspiration, und werde dies sicher noch den Rest meines Lebens so tun.

 Nicola Hernádi

Wege zur rechten Erkenntnis – Buddhistische Lehrbriefe

Aus dem Sanskrit und Tibetischen übersetzt und herausgegeben von Michael Hahn und Sieglinde Dietz

Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main und Leipzig, 2008. 468 Seiten, 32,00 €