BUCHBESPRECHUNGEN

Peter van Ham: Tabo – Gods of Light

Als „Buddhas Bergwüste“ hat Peter van Ham einmal das entlegene und bis heute schwer zugängliche Spiti im Nordosten des indischen Bundesstaates Himachal Pradesh, unweit der Grenzen zu Tibet und Ladakh, bezeichnet. Dass dennoch Spiti nicht weniger als dreißig buddhis­tische Tempel und Klöster aufzuweisen hat, zeugt von der herausragenden Bedeutung, die diese Region des Himalaya im 10. und 11. Jahrhundert hatte. Zu den bedeutendsten Monumenten des gesamten tibetischen Kulturraums gehört die seit dem Jahre 996 unverändert erhaltene Tempelanlage von Tabo, über die Peter van Ham, seit fast zwei Jahrzehnten eifriger Chronist der Länder des Himalaya, nun ein opulentes Buch vorgelegt hat. Der Haupttempel, der Tsugla Khang, 996 errichtet und bereits 1042 aufwendig renoviert, ist ein unverfälschtes Zeugnis einer Kunst, die damals aus den Zentren buddhistischer Kunst in Indien ihren Weg nach Tibet fand. Malerei und Skulptur, nie übermalt und für das Alter erstaunlich gut erhalten, repräsentieren den Stil jener Zeit.
Diese frühe westtibetische Wandmalerei wurde, wie auch im deutlich später entstandenen Sumtsek von Alchi, vornehmlich vom eleganten Stil Kaschmirs beeinflusst, der die typischen Merkmale der indischen Spätguptakunst vereinte. Hauptelemente dieses Stils sind die elegante Linienführung und die gezierte Haltung der Figuren, die detaillierte Gestaltung von Textilien, das Ausfüllen der Fonds mit Miniaturfigürchen und floraler Ornamentik und üppiges Schlingwerk.
Die 32 lebensgroßen, polychrom be­malten, vollplastisch aus der Wand her­aus­­wachsenden Lehmfiguren im Tsugla Khang, die ein dreidimensionales Vajra­dhā­tu-Maṇ­ḍala formen, sind in ihrer Eleganz und Per­fektion unerreicht. Es ist das Verdienst Peter van Hams, diese Wandmalereien und Skulpturen vor allem in zahlreichen Detailaufnahmen zu zeigen, die erst die Augen öffnen für die Schönheit, Vielfalt und Perfektion dieser vor einem Jahrtausend entstandenen Kunstwerke.
Messen lassen muss sich das Buch natürlich mit dem bereits 1997, wenige Jahre nach der Öffnung Spitis, erschienenen Werk von Deborah Klimburg-Salter, Tabo – A Lamp for the Kingdom, das hinsichtlich Umfang und Tiefe der geschichtlichen und kunsthistorischen Information eine Messlatte gesetzt hat, die van Ham nicht erreicht. Doch der Beitrag von Gerald Kozicz über die Dreidimensionalität des Vajradhātu-Maṇḍala im Tsu­­gla Khang, vor allem aber die ebenfalls mit reichem Bildmaterial versehene Beschreibung der bisher in der Literatur kaum gewürdigten weiteren Tempel der Klosteranlage, bilden eine wertvolle und, will man Tabo in seiner Gesamtheit erfassen, kaum verzichtbare Ergänzung zu Klimburg-Salters Werk.


Tabo – Gods of Light. Peter van Ham. The Indo-Tibetan Masterpiece, Hirmer Verlag, München 2014. 308 S., 39,90 €

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