Tibet & Buddhismus: Heft 75 - 4/2005 Schwerpunkt-Thema: Spiritualität uns Politik

Editorial von Birgit Stratmann

Liebe Leserinnen und Leser,

„Gesellschaft ist Güte“, sagte der Dalai Lama einmal. Dies ist eine ungewöhnliche Behauptung. Viele wurden wohl zustimmen, dass Gesellschaft von Güte abhängt. Wenn Gesellschaft Güte ist, kann es ohne Fürsorge und Interesse am Wohlergehen der anderen überhaupt keine Gesellschaft geben. Wenn jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt, ohne Rücksicht auf andere, verbietet es sich gar, von Gemeinschaft zu sprechen – dies impliziert die Aussage des Dalai Lama.

Der Gedanke ist gerade in Zeiten der Globalisierung hoch aktuell, wo Wirtschaftskonzerne, die primär an ihrem eigenen Gewinn interessiert sind, den Ton in der Gesellschaft angeben und Politik sich zusehends aus wichtigen Bereichen, die das Gemeinwohl betreffen, zurückzieht. Wir gehen in diesem Heft dem Verhältnis von Politik und Religion nach und fragen,ob sich religiöse Menschen in die Politik einmischen sollten.

Oliver Petersen beleuchtet, welche Verbindungen Staat und Religion in der Vergangenheit eingegangen sind und wie sich unterschiedliche Vorstellungen in Ost und West darstellen. Der Autor plädiert für die Trennung von Staat und Religion, fordert aber gleichzeitig von religiösen Menschen, sich in die Politik einzumischen, um die Gesellschaft humaner zu gestalten.

Der große indische Meister Nāgārjuna hat ein Kapitel seiner Schrift „Kostbarer Kranz“ der Politik gewidmet. Wir haben einige seiner Verse ins Deutsche übersetzt. Lesen Sie in „Ratschlage, ein Land mitfühlend zu regieren“, wie eine von buddhistischen Werten beeinflusste Politik aussehen konnte. S.H. der Dalai Lama stutzt sich, wie sonst kaum jemand, in seiner Politik auf buddhistische Tugenden wie Gewaltlosigkeit. Carola Roloff erläutert, wie tief seine Friedensphilosophie im Buddhismus wurzelt.

„Nur wer selbst gewaltlos ist, kann gewaltlose Politik machen,“ ist eine Kernaussage von Professor Samdhong Rinpoche, Mönch und Premierminister der tibetischen Exilregierung. In dem spannenden Interview fordert er, dass Politiker sich in Gewaltlosigkeit schulen, bevor sie die Macht übernehmen. Samdhong Rinpoche äußert sich auch zu dem Problem des Terrorismus: „Wer auf Gewalt mit Gewalt antwortet, fordert die Gewalt – das lesen wir in den buddhistischen Schriften. Wenn es brennt, dann löscht man das Feuer nicht damit, dass man noch mehr Brennstoff hinzu gibt. Das richtige Gegenmittel wäre Wasser oder ein bestimmtes Gas. Wer die terroristische Gewalt besiegen will, braucht Gewaltlosigkeit. Wenn wir diese Kraft entwickeln, wird die Gewalt natürlicherweise abnehmen – sowohl in uns selbst als auch in der Gesellschaft.“

Noch ein Wort zur Entwicklung des Tibetischen Zentrums. Die Mitgliederversammlung am 18. Juni 2005 hat mit großer Mehrheit eine neue, moderne Satzung verabschiedet. Die Neuerungen schildert der scheidende Präsident, Michael Arpe, in seinem Beitrag für die Rubrik „Internes“. Eine wichtige Neuerung ist die Gründung des „Dharmarates“, der über spirituelle Fragen im Tibetischen Zentrum entscheidet. In diesem Gremium sind neben Geshe Ngawang Sonam und Geshe Pema Samten alle wichtigen Bereiche des Tibetischen Zentrums vertreten: Mitglieder, Ordinierte, Tutoren und Mitarbeiter.

Die Idee eines runden Tisches im Tibetischen Zentrum geht auf die Audienz mit S.H. Dalai Lama nach dem Tod Geshe Thubten Ngawangs zurück. Seine Heiligkeit hatte die Empfehlung gegeben, das Zentrum so zu gestalten, dass es in seiner Struktur weniger von einzelnen Personen abhängig ist. Die neue Satzung soll dies gewährleisten. Wir hoffen, damit eine stabile, tragfähige organisatorische und materielle Grundlage zu haben, die für die Vermittlung des Dharma im Westen nötig ist. 

Heft 75 - 4/2005

Schwerpunkt-Thema: Spiritualität & Politik

  • Editorial (PDF)
  • Christine Rackuff: Tibet im Herzen: Irmtraut Wäger, vom Dalai Lama geehrt (PDF)
  • Geshe Pema Samten: Den Geist zähmen (HTML) (PDF)
  • Oliver Petersen: Staat und Religion: ihr Verhältnis aus buddhistischer Sicht (PDF)
  • Nāgārjuna: Ratschläge, ein Land mitfühlend zu regieren (PDF)
  • Carola Roloff: Die Friedensphilosophie S.H. des Dalai Lama und ihre buddhistischen Wurzeln (HMTL)
  • Interview mit Samdhong Rinpoche: „Nur wer selbst gewaltlos ist, kann gewaltlose Politik machen“ (HTML) (PDF)
  • Birgit Stratmann und Christine Rackuff: Politisches Engagement: pro und contra (PDF)
  • Oliver Petersen: Meditation: Das Leiden und der Wunsch nach Befreiung (PDF)
  • Carola Roloff: Buddhistische Klassiker: Dignāga (PDF)
  • Standpunkt: Mit Erziehung und Dialog gegen Terrorismus (HTML) (PDF)
  • Aktuelles (PDF)
  • Buchbesprechungen (PDF)
  • Internes: Eine moderne Satzung für das Tibetische Zentrum  (HTML) (PDF)

Artikel aus diesem Heft mit dem Schwerpunkt Spiritualität uns Politik

Eine moderne Satzung für das Tibetische Zentrum

Interview mit Michael Arpe von Birgit Stratmann

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Mit Erziehung und Dialog gegen Terrorismus

„Erschießt alle Bomber“ titelte die englische Zeitung „Daily Express“ am 23. Juli 2005, einen Tag nachdem die englische Polizei einen Verdächtigen...

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Die Serie „Buddhistische Klassiker“ stellt herausragende Meister vor, die einen...

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Das Leiden und der Wunsch nach Befreiung - eine Meditationsanleitung

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Politisches Engagement: Pro und Contra

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Pro und Contra: Sollten sich spirituelle Menschen politisch engagieren oder nicht? Birgit Stratmann und Christine Rackuff...

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„Nur wer selbst gewaltlos ist, kann gewaltlose Politik machen“

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Professor Samdhong Rinpoche, Mönch und Premierminister der tibetischen Regierung im...

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Weltfrieden - Die Friedensphilosophie S.H. des Dalai Lama und ihre buddhistischen Wurzeln

Der Dalai Lama glaubt an die Möglichkeit des Weltfriedens, der aus der „inneren Abrüstung“ des Einzelnen hervorgeht. Er hat einen umfassenden Begriff...

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Ratschläge, ein Land mitfühlend zu regieren - Verse von Nāgārjuna

Der indische Meister Nāgārjuna widmet ein Kapitel seiner Schrift „Kostbarer Kranz” (Ratnavali) der Politik. Darin gibt er dem König, an den sich...

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Staat und Religion - Ihr Verhältnis aus buddhistischer Sicht

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Den Geist zähmen – über den Umgang mit Leid verursachenden Emotionen

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