Tibet & Buddhismus: Heft 49 2/1999 Schwerpunkt-Thema: Gelübde

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

LIEBE LESERINNEN UND LESER,

nach meinem Indienaufenthalt im März, während dessen ich kostbare Unterweisungen von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama erhalten durfte, bin ich trotz einer kurzen Erkrankung wohlbehalten wieder nach Deutschland zurückgekehrt.
Hier habe ich in unseren Häusern in Hamburg und in der Heide alles in bester Ordnung angetroffen und möchte allen, die Verantwortung für unseren Verein tragen, aufs herzlichste für ihr Engagement danken.

Im April beginnt ein neuer fünfjähriger Lehrgang zur buddhistischen Philosophie in Hamburg, und ich freue mich, daß dieses Studium erneut auf lebhaftes Interesse trifft. Die Beschäftigung mit den philosophischen Schulen wird das Verständnis der Teilnehmer vom innersten Gehalt der Buddha- Lehre wesentlich vertiefen. Jene Studenten, die den Lehrgang bereits abgeschlossen haben, möchte ich ermutigen, sich regelmäßig an Meditationskursen in Semkye Ling zu beteiligen, um in der Meditation das Gelernte praktisch umzusetzen. Ab Mai werde ich im Hamburger Zentrum über drei Monate einen Kurs zum „Rad des Lebens“ geben, in dem die Grundlehren des Abhängigen Entstehens erörtert werden. Auch hat ein neuer eineinhalbjähriger Studiengang zum Lamrim begonnen. Der Stufenweg zur Erleuchtung ist eine hervorragende Grundlage, um den Geist zu schulen. Die Meister Indiens und Tibets haben uns damit aus ihrer Erfahrung heraus einen Weg zu innerem Frieden überliefert, der sich seit über 2500 Jahren bewährt hat. Wenn wir uns über die Kenntnis der Worte hinaus um echte Praxis bemühen, den Geist reinigen und Heilsames ansammeln, wird sich auch für uns der vollständige Nutzen dieser Tradition erschließen. Eine besondere Freude ist es für mich, Ihnen ankündigen zu können, daß unser verehrter Lehrer Kensur Geshe Ugyen Rinpoche trotz seines fortgeschrittenen Alters unsere Einladung für den Sommer angenommen hat. So wird er im Juli im Hamburger Zentrum Unterweisungen zum Lamrim und einige Segensinitiationen geben. In Semkye Ling wird Rinpoche während der Sommerklausur im August unterweisen.

Viele Menschen sprechen mich in diesen Tagen auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Jugoslawien an. Natürlich ist unser Einfluß auf die politischen Aktivitäten begrenzt, aber als religiöse Menschen sollten wir unsere Gebete auf die Entwicklung des Friedens richten.
Diese Bemühungen werden zwar nicht sofort die Situation ändern, doch können wir sicher sein, daß sie einen langfristigen Einfluß auf die Beziehungen der Menschen haben werden und Grundlage jedes echten Friedens sind. Es hat keinen Zweck, wenn wir uns von den Sorgen überwältigen lassen. Wir sollten uns bewußt machen, daß es im Daseinskreislauf solche Probleme grundsätzlich immer wieder geben wird, wie sie es in der Vergangenheit – wenn wir auf die Geschichte blicken – fortgesetzt gegeben hat. Da wir keine vollständige Kontrolle über unsere Situation haben, müssen wir unsere Verantwortung wahrnehmen, indem wir unseren eigenen Geist disziplinieren und um den Segen derer bitten, die als Erleuchtete bereits alle Hindernisse überwunden haben.Wir brauchen nicht unbedingt in einem Tempel zu sein, um uns an heilsamen Aktivitäten zu erfreuen und um den Segen für die Überwindung von Leiden zu erbitten. So lautet etwa ein Gebet des indischen Heiligen OEåntideva, das auch vom Dalai Lama stets empfohlen wird: „Solange der Raum besteht und solange es fühlende Wesen gibt, will auch ich verweilen und die Leiden der Welt vertreiben.“ Wir erfüllen unsere Aufgabe, wenn wir lernen zu akzeptieren, daß es undisziplinierte Menschen und falsche Ansichten gibt und wenn wir versuchen, die Fehler im eigenen Geist durch Studium, Diskussion über den Dharma und Meditation zu überwinden. Der Nutzen für die Gesellschaft wird sich daraus mit Sicherheit irgendwann ergeben.

Mein tiefempfundener Dank gilt an dieser Stelle denjenigen, die mit praktischer Hilfe anderen beistehen — wie etwa den Spendern für unsere Flüchtlingshilfe.
Ich möchte Sie alle bitten, in Ihren Bemühungen auf spirituellem und karitativem Gebiet nicht nachzulassen.

Heft 49 - 2/1999

Schwerpunkt-Thema: Gelübde

  • Editorial (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang: Die Regeln des Laiengelübdes (HTML) (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang: Wie schützen wir unsere Gelübde? (HTML) (PDF)
  • Jan-Ulrich Sobisch: Gelübde: Methoden, den Geist zu befreien (PDF)
  • Der Dalai Lama antwortet auf Fragen: „Darf ich Schüler des Dalai Lama sein?“ (PDF)
  • Oliver Petersen: Die Vollkommenheit der Tatkraft (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang: Grundlagen einer gesellschaftlichen Ethik (HTML) (PDF)
  • Andreas Bründer: Lhasa: Zerstörung und Restauration (PDF)
  • Dalai Lama: Botschaft zum 40. Jahrestag des tibetischen Volksaufstands (PDF)
  • Aktuelles (PDF)
  • Buchbesprechungen (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 49 Gelübde

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