Tibet & Buddhismus: Heft 44 1/1998 Schwerpunkt-Thema: das Anvertrauen an den geistigen Lehrer

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

LIEBE LESERINNEN UND LESER,

mein herzlicher Gruß gilt den Mitgliedern, Mitarbeitern, Studenten,  Abonnenten der Zeitschrift und allen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, daß wir auch in den letzten Monaten den Vereinszielen in sehr zufriedenstellender Weise gerecht werden konnten.


Auf der letzten Mitgliederversammlung, auf der ein neuer Vorstand gewählt wurde, habe ich gesagt, daß es mir vor allem auf eine stabile und kontinuierliche  Arbeit ankommt. Nur so können wir einen echten, langfristigen Nutzen für unsere Gesellschaft bewirken. Der alte Vorstand hat über einen langen Zeitraum hinweg die Hauptverantwortung für die Arbeit getragen, und ich möchte an dieser Stelle noch einmal meinen tief empfundenen Dank dafür ausdrücken. Es ist ein gutes Zeichen für die Zukunft, daß es mittlerweile auch andere Personen im Verein gibt, die genügend Erfahrung und Wissen gesammelt haben, um eine solche Aufgabe zu übernehmen. Ich bin sehr optimistisch, was die Arbeit des neugewählten Vorstands angeht. Die offene und demokratische Verfahrensweise bei dieser Neuwahl hat mich persönlich sehr beeindruckt. Den neuen Vorstandsmitgliedern wünsche ich viel Glück, wie auch allen anderen, die sich mit großem Enthusiasmus engagieren.

Als Tibeter berührt mich natürlich besonders die Spendenbereitschaft für meine Landsleute im Rahmen der Flüchtlingshilfe. Während meiner Indienreise von November bis Januar werde ich mich sehr genau über die Verteilung dieser Gelder informieren. Ich werde alles tun, um den  Austausch zwischen Spendern und Empfängern weiter zu aktivieren und deutlich herauszuarbeiten, wo die größte Bedürftigkeit besteht.

Bei all unseren Aktivitäten sollten wir uns des Wertes des Dharma in unserer Zeit bewußt sein. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der die meisten Menschen materiell gut gestellt sind, besteht ein wachsendes Bedürfnis, die entstandene Unruhe und das Gefühl von Getriebensein zu überwinden. Einen echten Frieden des Geistes kann uns nur die intensive Praxis des Dharma verschaffen. In meinen Dialogen mit Psychologen bin ich mir auch des Wertes der westlichen Psychologie bewußt geworden. Ich glaube aber, daß sie der Ergänzung durch die Mittel der Religion bedarf, damit endgültige Hilfe möglich wird.

Auf der Grundlage unserer Dharma-Praxis können wir mit entspanntem Geist und motiviert von Mitgefühl zum Wohle der Gesellschaft aktiv werden. Im Geiste des Mitgefühls werden unsere Handlungen zur echten Ausübung von Dharma. Wir geben damit unserem kostbaren Menschenleben einen tiefen Sinn. Wenn die Motivation nicht stimmt, gibt es, wie die Kadampa-Meister sagen, keinen guten Weg. Natürlich fällt es uns schwer, jederzeit heilsam zu leben, aber eine schrittweise Entwicklung des Geistes ist durchaus möglich.

Schwerpunktthema dieser Ausgabe unserer Zeitschrift ist das  Anvertrauen an den geistigen Lehrer. Im Dharma kennen wir den Begriff des „inneren Lehrers“. Damit ist die von mir bereits angesprochene Geisteshaltung von Mitgefühl und Erkenntnis gemeint. Der eigentliche Dharma ist im eigenen Geist zu finden. Der äußere Lama ist lediglich die notwendige, mitwirkende Bedingung dafür, den inneren Lama – also den Dharma – heranwachsen zu lassen. Die charakteristischen Merkmale eines einwandfreien geistigen Lehrers habe ich in einem Artikel dieses Heftes und im Rahmen des Systematischen Studiums erläutert. Bevor sich ein Schüler entscheidet, eine Bezie 4 Tibet und Buddhismus • Heft 44 • Januar Februar März 1998 hung zu einem Lehrer aufzunehmen, sollte er ihn genau auf seine Qualifikation hin prüfen. Schon im Weltlichen prüfen wir die Qualität der Dinge, mit denen wir uns umgeben, wie unsere Nahrung und Kleidung.

Natürlich ist es sehr erfreulich, wenn eine Person nach eingehender Prüfung Vertrauen in die Lamas und Buddhas entwickeln kann. Die Entscheidung darüber liegt aber ganz bei ihr selbst. Es kann in diesem Punkt keinen Zwang geben. Die Religion ist ein  Angebot, und es liegt ganz im Ermessen des einzelnen, ob er dieses Angebot annimmt. Für den, der dieses Angebot nutzen möchte, ist es allerdings nötig, daß er sich auf einen Lehrer stützt, der ihm die Inhalte des Dharma erläutert. Auch Dharma-Freunde sind unverzichtbar, denn niemand kann Dharma ganz allein ausüben.

Wir sollten keine übertriebenen Erwartungen an den schnellen Erfolg unserer Praxis hegen. Die alten Meister sagten: Wenn ein guter Mensch auf schlechte Freunde trifft, entwickelt er sich zumeist ebenfalls negativ. Begegnet ein Mensch mit groben Charaktereigenschaften guten Menschen, ist allerdings keineswegs gewährleistet, daß er diesen nacheifert und Gleiches erreicht. Die  Arbeit am eigenen Geist ist sehr mühsam, und man muß sie langfristig betrachten. Keineswegs wird man als Dharma-Praktizierender in kurzer Zeit ein Heiliger werden. Nicht einmal dem Buddha ist es gelungen, alle Menschen zu disziplinieren. Die Wesen haben verschiedene Veranlagungen und sind seit langer Zeit an die Verunreinigungen des Geistes gewöhnt. Deshalb geben die Lehrer  Anweisungen auf vielen Ebenen. Manche Schüler können dadurch die gröbsten Störungen überwinden, andere ihre Tugenden vergrößern und wieder andere sogar die subtilsten Hindernisse beseitigen. Någårjuna sagt dazu: „Erkenne die Menschen wie Mangofrüchte: Unreife erscheinen reif, Reife erscheinen unreif, Unreife erscheinen unreif, Reife erscheinen reif.“

Die Erleuchtung zu erlangen ist kein kurzfristiges Ziel. Wenn es uns gelingt, gute Anlagen für zukünftige Existenzen zu setzen, erzielen wir schon einen echten Fortschritt. Oftmals machen wir den Dharma dafür verantwortlich, daß sich die Resultate nicht blitzschnell einstellen. Tatsächlich kommt es aber auf die rechte Anwendung der Lehre an. Wir würden nicht der Medizin die Schuld geben, wenn durch falsche Einnahme die Krankheit noch verschlimmert wird. Wenn wir uns aber in der Gemeinschaft aufrichtig bemühen, Heilsames zu entwickeln und Unheilsames zu lassen, ist der Begriff Sangha nicht nur ein Wort.

Sicher wissen Sie bereits, daß Seine Heiligkeit der Dalai Lama im Oktober 1998 unser Klausurhaus Semkye Ling in der Lüneburger Heide segnen und in der Nähe Unterweisungen zum Lamrim und eine Initiation in Avalokiteshvara, den Buddha des Mitgefühls, geben wird. Wir haben das Haus erworben, um unser Studium in Hamburg durch die Möglichkeit zur Meditation zu ergänzen. Es ist Tradition, daß solche Meditationsorte von großen Meistern gesegnet werden, und ich bin sehr glücklich, daß uns Seine Heiligkeit durch seine  Anwesenheit Inspiration für unsere heilsamen Bemühungen geben wird – nicht nur für kurze Zeit, sondern auch langfristig. Im Bewußtsein dieses großen Nutzens möchte ich alle bitten, sich für das Gelingen dieses Ereignisses zu engagieren und vielleicht auch Freunde auf Mithilfe hin anzusprechen.

Unser wesentliches Anliegen ist es, in unruhiger Zeit mit unseren Seminaren und der Veranstaltung mit dem Dalai Lama die Kraft des Mitgefühls zu stärken, und ich bitte Sie dafür um Ihre Unterstützung.

Heft 44 - 1/1998

Schwerpunkt-Thema: Das Anvertrauen an den geistigen Lehrer

  • Editorial (PDF)
  • Kensur Geshe Ugyen Rinpoche: Das Anvertrauen an den geistigen Lehrer (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang: Woran erkennt man einen qualifizierten geistigen Lehrer? (PDF)
  • Oliver Petersen: Achtsamkeit auf den Körper (PDF)
  • Seine Heiligkeit der Dalai Lama: Ein guter Lehrer hat nichts zu verbergen (PDF)
  • Kongpo Lama Yeshe Tsöndrü: „Wie könnte die Güte der Meister nicht groß sein?“ (PDF)
  • Fragen und Antworten: Erfahrungen mit der Hingabe an den Lehrer (PDF)
  • Carola Roloff: „Weiterbildendes Studium Buddhismus“ an der Universität Hamburg (PDF)
  • Oliver Petersen: Serie: Dharma und Therapie: Therapie – ein erster Schritt zum Dharma? (PDF)
  • Buddhistische und tibetische Feiertage 1998 (PDF)
  • Michael C. van Walt van Praag: Wann war Tibet nicht Tibet? Eine historische Betrachtung (PDF)
  • Nachruf vom Buddha-Haus: Ehrwürdige Ayya Khema verstorben (PDF)
  • Aktuelles (PDF)
  • Internes (PDF)
  • Buchbesprechungen (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 44 Anvertrauen an den geistigen Lehrer

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