Tibet & Buddhismus: Heft 4 1/1988 Schwerpunkt-Thema: 10 Jahre Tibetisches Zentrum

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

Liebe Freunde,

Es ist wieder Zeit für ein neues Programm. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, dem Vorstand des Tibetischen Zentrums, seinen Mitgliedern, den Studenten, den Seminarbesuchern und allen Förderern zum bevorstehenden Weihnachts- und Neujahrsfest Glück und Segen zu wünschen. Wie in der Vergangenheit möchte ich mich auch heute bei Ihnen für die hilfreiche finanzielle Unterstützung und die Mitarbeit einiger Freunde bedanken. Wenn auch nur wenige Helfer zu uns kommen, so ist die Hilfe dieser wenigen doch außerordentlich nützlich. Sie haben schriftliche oder andere Arbeiten im Büro übernommen, helfen bei der Reinigung des Tempels, den Hausarbeiten, dem Einkauf und anderen Dingen. Einige von Ihnen kommen nicht nur zu den Seminaren sondern auch außerhalb der Seminare, um den Unterweisungen zuzuhören, an den Pujas teilzunehmen oder Fragen zu klären. Das ist sehr gut und gehört genauso zu einem Dharmazentrum wie seine ständigen Bewohner, deren es zur Zeit sechs gibt. Diese haben wirklich alle Hände voll zu tun, die vielfältigen Arbeiten im Zentrum nach besten Kräften zu bewältigen. Obwohl sie eigentlich zwecks einer Dharma-Ausbildung im Zentrum leben, machen sie aus Zeitmangel immer wieder Abstriche von ihrem Studium, um zusätzliche, über das vorgesehene Maß hinausgehende Arbeiten für das Zentrum zu erledigen. Darüberhinaus kümmern sie sich um die vielen Besucher und Interessenten, sie zeigen Neuinteressenten das Zentrum, übersetzen für sie, helfen bei der schriftlichen und mündlichen Beantwortung vieler Anfragen und übernehmen zahlreiche ungeplante, ständig zusätzlich hinzukommende Aufgaben. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß sie sich wirklich sehr viel Mühe geben. Diese Mühe ist jedoch nicht umsonst, sie hat einen großen Nutzen für das Zentrum. Tatsächlich ist dies die Grenze, an der Mühe anfängt sich zu lohnen. Ich möchte mich bei den Zentrumsbewohnern für die Anstrengungen und Schwierigkeiten bedanken, die sie so gut sie können geduldig auf sich nehmen. Mein Dank richtet sich auch an den Festausschuß, der unser lojähriges Jubiläum langfristig vorbereitet hat, und die Helfer, die diese Pläne in die Tat umgesetzt haben. Es ist ein wirklich schönes Fest geworden.

 

Von Mitte Dezember bis Mitte März findet nun unsere Pilgerreise nach Indien und Nepal statt. Hauptsächlich wird Jampa Tsedroen (Carola Roloff) in dieser Zeit im Zentrum sein. Zur Jahreswende ist eine gemeinsame Klausur über die Weiße Tara geplant. Die Zeiten und andere organisatorische Hinweise dazu finden Sie im Programmteil. Auf jeden Fall ist es gut, in der vorgesehenen Zeit 100.000 Mantras zu sammeln. Einige von Ihnen waren bei der Klausur in Pisselberg dabei und haben daher schon einige Erfahrung. Ansonsten ist aber auch Jampa Tsedroen da, die weiß, wie man solch eine Klausur durchführt.

 

Für Ende Januar haben wir Geshe Thubten Thrinley aus der Schweiz eingeladen, um bei uns ein Wochenendseminar zu leiten. Darüberhinaus wäre es gut, wenn Sie an den Wochenenden Dialoge über den Dharma veranstalten könnten, oder, wenn das nicht durchführbar ist, zumindest an den Samstagabenden zu einer Gesprächsrunde im Dharma und gemeinsamen Studien im Zentrum zusammenkommen. Sie können sich dabei austauschen, sich gegenseitig Fragen stellen, wobei Sie Jampa Tsedroen unterstützen wird. Es wäre gut, wenn jeder einzelne an den Gesprächen teilnehmen würde. Diejenigen, die in der Nähe des Zentrums wohnen und diejenigen, die auch sonst normalerweise ins Zentrum kommen. Zwischenzeitlich sollten Sie Pujas durchfuhren und meditieren.

 

Darüberhinaus gibt es eigentlich nicht mehr viel Neues zu sagen. Ich werde noch einige Jahre hier sein und wir sollten diese Zeit für den Dialog über den Dharma nutzen. Es ist wichtig, zuerst den Dharma gründlich kennenzulernen und dann zu versuchen, das Gelernte nutzbringend auf den eigenen Geist anzuwenden. Auf die Einhaltung dieser Reihenfolge sollten wir stets achten und sie nie vergessen. Darauf aufbauend kann man dann auch anderen Religionen und ihren Ausübenden respektvoll und freundschaftlich gegenübertreten und sich um ein gutes Miteinander bemühen. Auch wenn sich der Respekt anderen Religionen gegenüber nicht gleich physisch in Verbeugungen und Opfergaben ausdrückt, so kann man ihn doch geistig durch eine positive Haltung deutlich machen, ein gewisses Vertrauen entwickeln und den fremden Religionen Achtung erweisen.

 

Selbst wenn man die Religion nicht selbst anwenden möchte, sondern beispielsweise mehr aus kulturellem oder wissenschaftlichem Interesse Vorträge über Religion hält oder ein religiöses Buch verfasst, so bleibt der Inhalt der Vorträge und Bücher trotz allem eine Religion, die auf einen Religionsstifter zurückgeht. Äußert man sich abwertend oder geringschätzig über eine Religion, wird dadurch auch ihr Stifter herabgewürdigt. Solch eine Haltung ist ganz und gar nicht angemessen. Denn bei Religionsstiftern oder Stiftern großer Traditionen handelt es sich immerhin um Wesen, deren Erkenntnisse vielerorts hoch angesehen sind. Ein solches Verhalten ist daher weder für einen selbst, noch für ein Buch bzw. seine Leser gut. Von den Lesern wird ein Buch und damit auch sein Verfasser mehr geschätzt wenn man sich darin freundlich und respektvoll äußert.

 

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Was mich persönlich betrifft, so würde ich mich, wenn ich noch jünger wäre, ganz sicher gern auch den Studien der westlichen Wissenschaften, des Christentums und der westlichen Psychologie widmen. Doch inzwischen bin ich dafür zu alt. Ich müßte zunächst eine Fremdsprache beherrschen lernen, wofür meine Zeit leider nicht mehr ausreicht. Trotzdem empfinde ich Respekt vor einigen Dingen, die ich ab und zu aus anderen Religionen und Traditionen erfahre, und denke dann bei mir: ,,Das ist gut, das hat wirklich einen Nutzen.”

 

Denn wenn man einmal näher hinschaut, stellt man schon auf materiellem Gebiet fest, daß Jahr für Jahr neue Fortschritte erzielt und neue Erkenntnisse erworben werden. Dinge, die uns vor einem Jahr noch verborgen waren, sind es im nächsten Jahr nicht mehr. Dinge, die im vorletzten Jahr oder vor drei Jahren undenkbar waren, gehören heutzutage zu unserem selbstverständlichen Erfahrungsschatz. Es werden genaueste Berichte angefertigt, in denen dargestellt wird, welche Natur ein Objekt hat, welchem Zweck es dient, wie man es nutzbringend anwendet usw. So werden also auf dem Gebiet der Materie Jahr für Jahr neue Erkenntnisse gesammelt und Begründer neuer Theorien und Traditionen müssen, um sich verständlich zu machen, sehr weitreichende Erklärungen geben, welche Funktion das entsprechende Objekt besitzt und welche Veränderungen dadurch zukünftig bewirkt werden können. So etwas ist schon auf materiellem Gebiet tiefgründig und anfangs schwer zu verstehen. Experten sind daher allgemein sehr angesehen. Von der Tiefgründigkeit und dem großen Nutzen, den man durch Ihre Erkenntnisse erhält, bin ich fest überzeugt.

 

Was nun den geistigen Bereich angeht, so geht es dort um noch viel subtilere Dinge, die entsprechend subtilerer Erklärungen bedürfen. Es ist schwer, wirklich zu durchschauen, warum der Stifter einer Religion Dinge so oder so dargestellt hat. Wenn wir uns also schon auf materiellem Gebiet respektvoll verhalten, sollte das bei so subtilen Themen wie Religion um so mehr gelten. Das ist einer der Grunde, warum man sich selbst als Außenstehender Angehörigen anderer Religionen, ihrer Religion und ihren Religionsstiftern gegenüber ähnlich respektvoll und freundschaftlich verhalten sollte wie Wissenschaftlern und warum auch ich den Standpunkt vertrete, daß es wichtig ist, andere Religionen und Kulturen zu studieren und zu achten.

 

Wenn man genügend Zeit hat, sollte man daher ruhig solch ein umfangreiches Studium und die damit verbundenen Schwierigkeiten auf sich nehmen. Andernfalls ist es richtig, im Leben zunächst dem Studium und der Praxis Priorität zu geben, zu denen man die größte Neigung verspürt, das größte Interesse und Vertrauen. Dabei, denke ich, hat es jedoch einen großen Nutzen, wenn man sich vornimmt, nicht das eigene Neigungsgebiet mit vielen dafürsprechenden Begründungen darstellen zu wollen und über andere sich negativ zu äußem.

 

Der Buddhismus ist hierzulande inzwischen sehr bekannt. Ich selbst bin jetzt seit fast neun Jahren hier. Viele Kurse wurden veranstaltet, bei denen mir viele kontinuierlich mitschreibende Teilnehmer auffielen, was sicherlich großes Interesse und feste Entschlossenheit deutlich werden läßt. Wichtig ist jedoch, die Notizen nicht im Heft oder Ordner ,,schlafen zu lassen”, sondern sie immer wieder hervorzunehmen und von Zeit zu Zeit durchzulesen. Wenn Sie nicht täglich dazu kommen, so sollten Sie sich doch wenigstens am Wochenende die Zeit nehmen. Anschließend sollten Sie selbst darüber nachdenken und es vorsichtig im eigenen Geist einordnen. Es ist sinnvoll, auch entsprechende Literatur zu lesen und dabei sorgfältig vorzugehen, indem Sie zunächst selbst über das Gelesene nachdenken, überlegen, ob es einen Nutzen hat und es mit anderen am Buddhismus interessierten Bekannten besprechen. Sie haben untereinander keine Sprachprobleme, ein zusätzlicher Vorteil, den nicht jeder hat. Ein anderer Nutzen der Gespräche über den Buddhismus ist, daß er durch viele Menschen weiter verbreitet wird.

 

Ein Buch zu lesen oder einen Vortrag anzuhören allein hilft nicht, und ebenso kann das Gesagte auf dem Papier allein auch noch nichts bewirken. Dort kann es nicht anwachsen und sich nicht vertiefen. Es ist effektiver, wenn die Seminarbesucher sich bemühen, das Gesagte mit dem eigenen Geist zu verbinden, es sich von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu rufen und immer wieder darüber zu meditieren, um sich mit dem Dharma vertraut zu machen. Daraufhin folgt wieder Lesen, Sich-erinnern und gemeinsames Gespräch mit anderen regelmäßigen Seminarbesuchern. Sie sollten sich in dieser Weise verantwortlich zeigen und auch mit neuen Interessenten Gespräche über den Dharma fuhren. Ich denke, daß es sehr gut ist, wenn man in Bezug auf den Dharma Verantwortung übernehmen kann. Meine Hoffnungen und Wünsche gehen in die Richtung, daß es mit der Zeit mehr und mehr Menschen geben wird, die dazu bereit sind. Die in den Sutras enthaltenen Ratschläge des Buddha, des Erwachten, wurden durch heilige Meister überliefert, und ich versuche nun, das Wenige, das davon in meinem Geist erscheint, an Sie weiterzugeben und Ihnen verständlich zu machen. Es wäre gut, wenn es nicht verloren ginge und Sie sich bemühen würden, es anzuwenden.’

 

Früher in Tibet, als der, Buddhismus noch weit verbreitet war, gingen die tibetischen Übersetzer zum Studium nach Indien. Später wurden einige indische Meister eingeladen und langsam, durch Hören und Anwendung, wurde eine enstprechende Geistesschulung durchlaufen. Doch um das zu erreichen, müßten die Tibeter selbst Anstrengungen unternehmen. Die indischen Meister sind nicht nach Tibet gekommen, um dort zu versuchen, den Buddhismus bekannt zu machen. Dazu reichte ihre Kraft auch gar nicht aus. Man benötigte eine neue Sprache, die Bedeutung der übersetzten Texte müßte erklärt werden, und diese Erklärungen wiederum mußten den Bedürfnissen und Veranlagungen der einzelnen Menschen angepaßt werden. In der Geschichte Tibets findet man daher keinerlei Hinweise darauf, daß die Inder von sich aus die Initiative ergriffen, um den Buddhismus nach Tibet zu bringen. Das gleiche gilt jetzt für uns. Wir, die in diesem Land Interesse am Buddhismus haben, insbesondere die Leiter der Zentren und deren Bewohner müssen die Verantwortung übernehmen und uns gegenseitig hierin bestärken und unterstützen. Wenn Sie Fragen dazu haben, können Sie sich gern an mich wenden.

 

Ansonsten bleibt nichts weiter zu sagen, als Ihnen für das neue Jahr Gesundheit und Glück zu wünschen und daß Ihr Studium, durch das man ein gütiges Herz entwickeln kann, anwächst und Sie darin Fortschritte erzielen. Da auch die Verbreitung des Buddhismus und unsere gemeinsamen Ziele dem Gesetz des Abhängigen Entstehens unterworfen sind, sind sie von uns allen abhängig. Ich hoffe, daß jeder einzelne von Ihnen gute Fortschritte machen wird. Möge dazu auch der Ihnen heute zugesandte Medizinbuddha beitragen. Durch die von ihm gehaltene Heilpflanze können die drei Geistesgifte von Begierde, Haß und Unwissenheit vollständig bereinigt werden. Schon allein durch das Anschauen eines Buddhakörpers, durch das Hören seines Namens unb durch die Vergegenwärtigung seiner Qualitäten werden in unserem Geist viele gute Eindrücke hinterlassen.    

Heft 4 - 1/1988

Schwerpunkt-Thema: 10 Jahre Tibetisches Zentrum

  • Editorial (PDF)
  • S.H. Dalai Lama in Deutschland (PDF)
  • 10 Jahre Tibetisches Zentrum und Europäisches Lamatreffen (PDF)
  • Eindrücke aus Lhasa (PDF)
  • Friedensplan S.H. Dalai Lama (PDF)
  • Konvent der BRG tagte in Wachendorf (PDF)
  • Dürrekatastrophe in tibetischen Flüchtlingssiedlungen (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawangs Rede zur Zehn-Jahrfeier des Tibetischen Zentrum: Alles entsteht in Abhängigkeit (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 3 10 Jahre Tibetisches Zentrum

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