Tibet & Buddhismus: Heft 31 4/1994 Schwerpunkt-Thema: Philosophische Debatte

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

Liebe Mitglieder und Freunde,

mir ist stets bewußt, daß das Wirken unseres Vereins von sehr vielen günstigen Umständen abhängt. Deshalb möchte ich mich auch in dieser Zeitschrift zunächst bei allen, die in auf vielfältige Weise Verantwortung für unsere Arbeit tragen, herzlich bedanken.

Aufgabe des Zentrums ist es, die Lehre von Buddha Shakyamuni authentisch zu bewahren, damit sie sich dauerhaft zum Nutzen der Menschen in unserer Gesellschaft auswirken kann. Die indischen Kommentatoren des Buddhawortes wiesen immer wieder darauf hin, daß es zwei Arten von Dharma gibt, die zu erhalten sind: den Dharma der Schriften und den Dharma der Verwirklichung. Der Dharma der Schriften wird bewahrt, indem man ihn entsprechend den Aussagen des Buddha erklärt. Der Dharma der Verwirklichung wird fortgeführt, wenn man auf der Grundlage der Schriften die Drei Höheren Schulungen von moralischer Disziplin, Konzentration und Weisheit im eigenen Leben anwendet, das heißt sie in den eigenen Geist z.B. mit Hilfe der Meditation integriert.

Im Zentrum versuchen wir, den Dharma der Schriften zu bewahren, indem wir das siebenjährige Systematische Studium des Buddhismus anbieten. Wir machen von unserer Seite große Anstrengungen, um diese Schulung anbieten zu können. Ich bitte die Teilnehmer, in ihren Bemühungen nicht nachzulassen. Wenn es möglich ist, sollten sich auch in anderen Städten Studiengruppen bilden, die zusammenkommen und den erlernten Stoff diskutieren.

Der wichtigste Bestandteil jedes Dharmastudiums ist der Stufenweg zur Erleuchtung (Lamrim). Er enthält die essentiellen Meditationen, die den Geist zur Befreiung führen. Die Meditationen des Lamrim nach dem Vorbild des indischen Meisters Atioea, der das Kleine und Große Fahrzeug einschließlich des Tantra zu einem Stufenweg zusammenfaßt, finden sich in allen Traditionen Tibets. Wenn wir in diesem Pfad Erfahrung sammeln, bewahren wir damit die Lehre der Verwirklichung.

Damit möglichst viele Praktizierende die Gelegenheit finden, sich zum Zwecke der Meditation einmal längere Zeit oder auch nur ein Wochenende zurückzuziehen, suchen wir derzeit ein Haus auf dem Land. Der Rücklauf von Antworten auf unser diesbezügliches Schreiben war sehr ermutigend für uns, und ich möchte sie bitten, sich zu überlegen in welcher Form sie das Projekt unterstützen können.

Zur dauerhaften Fortsetzung der Lehrtätigkeit im Tibetischen Zentrum wird wesentlich beitragen, daß nun ein zweiter Geshe aus meinem Kloster Sera in Indien zu uns gekommen ist. Geshe Tenpa Choephel legte 1991 seine Prüfung zum Lharampa Geshe ab und ist ein hochqualifizierter und erfahrener Lehrer.

Am 30. Oktober wird uns Doboom Tulku, der Leiter des Tibet House in New Delhi, besuchen und öffentliche Vorträge abhalten. Doboom Tulku ist ein Gelehrter, der nicht nur in der Religion, sondern auch in vielen anderen Wissensgebieten versiert ist. Auch möchte ich Sie herzlich zu dem Vortrag von Professor David Jackson einladen. Er ist der Professor für Tibetologie an der Universität Hamburg und wird uns in unserem Tempel in die Lebensgeschichte eines bedeutenden Meisters der Sakya-Tradition einführen.

Ein Beitrag in unserer Zeitung beschäftigt sich mit der Debatte. In meiner Ausbildungstradition gilt die philosophische Disputation als Stamm des Baumes der Weisheit und der religiösen Erfahrung. Ich glaube, daß die praktisch durchgeführte, logisch formalisierte Diskussion auch das Studium an den hiesigen Universitäten bereichern würde, wo oft jeder auf sich allein gestellt versucht, Wissen zu erwerben. Auch findet sich in dieser Ausgabe ein Artikel zum Thema Psychologie und Buddhismus. Immer mehr westliche Psychologen scheinen sich für die buddhistischen Erklärungen des Geistes zu interessieren. Aus diesem Grund nehme ich an dem Gesprächskreis zwischen Buddhisten und Psychologen im Zentrum teil.

Grundsätzlich scheint hierzulande ein recht großes Interesse an der tibetischen Kultur zu bestehen. Besonders freue ich mich dabei, wenn dieses Interesse sich in konkreten Bemühungen zur Linderung der Leiden meines Volkes in der durch China besetzten Heimat und im Exil ausdrückt.

Heft 31 - 4/1994

Schwerpunkt-Thema: Philosophische Debatte

  • Editorial (PDF)
  • Geshe Rabten: Karma: Das Gesetz von Tat und Wirkung (PDF)
  • Daniel Perdue: Philosophische Debatte im tibetischen Buddhismus (PDF)
  • Geshe Rabten: Leben im Kloster Sera (PDF)
  • S.H. Dalai Lama: Universelle Verantwortung ist der wahre Schlüssel zum Überleben der Menschheit (PDF)
  • Begegnung mit S.H. Dalai Lama: Die Befreiung Tibets wäre ein Sieg der Gewaltlosigkeit (PDF)
  • Samdhong Rinpoche: Die Tibeter und die Demokratisierung (PDF)
  • Eva Maria Koch: Buddhismus und Psychotherapie (PDF)
  • Aktuelles (PDF)
  • Buchbesprechungen: Die Reise nach Jerusalem: Als buddhistischer Mönch im heiligen Land der Juden, Christen und Moslems (PDF)
  • Interne Nachrichten (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 31 Philosophische Debatte

Karma - Das Gesetz von Tat und Wirkung

Auszug aus dem Buch »Auf dem Weg zur geistigen Freude. Meditation und Vorbereitende Übungen im Tibetischen Buddhismus«.

Karma bedeutet Handlung oder...

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