Tibet & Buddhismus: Heft 3 4/1987 Schwerpunkt-Thema: Tibet & Buddhismus: Heft 3 das Rechte Handeln

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

Liebe Mitglieder, Förderer und Interessenten,

Zehn Jahre genau ist es nun her, daß das Tibetische Zentrum gegründet wurde. Für die Etablierung einer buddhistischen Stätte ist das keine sehr lange Zeit, und die Fortschritte, die das Zentrum in dieser Zeit gemacht hat, sind daher nicht mit den Fortschritten von Institutionen zu vergleichen, die seit mehreren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten aufgebaut wurden. Doch sicherlich können wir sagen, daß sich das Zentrum in diesem Zeitraum bereits sehr erfreulich und von Jahr zu Jahr zum Besseren entwickelt hat, was jeder von Ihnen mit eigenen Augen sehen kann. Am Anfang dieser Entwicklung standen Menschen, die das Zentrum planten und ebenso gab es in der Zwischenzeit Menschen, die sich Tag für Tag und Monat für Monat für das Zentrum verantwortlich zeigten wie die Präsidenten, die im Büro Arbeitenden und diejenigen, die von außen durch Ihre finanzielle Unterstützung in Form von Spenden halfen, die notwendigen fördernden Umstände für ein solches Zentrum bereitzustellen. Uber die positive Entwicklung des Zentrums, die vor allem durch Ihre freundliche Hilfe Zustandekam, freue ich mich sehr, und meine Grüße und mein Dank gelten daher besonders Ihnen.

Wie Sie wissen, werden Anfang Oktober viele Lamas und Geshes unser Zentrum besuchen. Gleichzeitig wird während dieses Besuches auch die Einweihung des Stupas stattfinden. Der Stupabau ist mit all den Gaben und der vielen Arbeit, die in ihn hineingegeben wurden, ganz ausgezeichnet verlaufen, und wir haben dadurch mit Sicherheit viele Eindrücke in unserem Geist hinterlassen, die uns zur endgültigen Befreiung führen werden. Es besteht kein Zweifel daran, daß allein durch das Schreiben oder Fotokopieren einer Seite von Mantras sehr tiefe Eindrücke zur Befreiung im Geist hinterlassen werden. Durch den Bau des gesamten Stupas entstehen daher natürlich um so mehr gute Eindrücke. Denn durch ihn schafft man Bedingungen, daß der Segen von Körper, Sprache und Geist des Buddha, insbesondere seines Geistes, über Jahrhunderte in einem Land verweilt. Deswegen wird auch gesagt, daß ein Stupa in Hinsicht auf das Verdienst des Landes und die Kraft von Körper und Geist seiner Bevölkerung einen großen Nutzen hat. Wenn im Buddhismus von dem ‘Nutzen des Dharma’ gesprochen wird, so sind damit diese Art von Wirkungsweisen gemeint. Da wir aber den Nutzen, der sich aus der Ausübung des Dharma ergibt, nicht mit eigenen Augen sehen können, hat der Buddha in seinen Sutras und Tantras immer wieder auf ihn hingewiesen.

Sie alle, die Sie sich um den Stupabau bemüht haben, sollten sich daher über Ihre heilsamen Handlungen freuen, indem Sie denken: ,,Wie gut, daß ich beim Stupabau diese oder jene Arbeit übernommen oder diese oder jene Anstrengung auf mich genommen habe.“ Wie zu Anfang des Stupabaus anhand der Legende Nyenba Sangdäns dargestellt, ist es richtig, sich all das Gute, das durch einen Stupabau zustande kommt, zu vergegenwärtigen und sich darüber zu freuen. Auch die bisherigen Segnungen des Ortes und der Mantras, die in den Stupa hineingegeben wurden, sind sehr gut verlaufen. Sie wurden teilweise von besonders hochgeschätzten und verwirklichten Meistern, wie dem Ehrwürdigen Lati Rinpoche und Seiner Heiligkeit dem Ganden Tripa Rinpoche durchgeführt. Und bei der Einweihung des Stupas am 4. Oktober werden viele Lamas und Geshes zugegen sein, um ein kurzes Ritual der Segnung durchzuführen, wozu ich Sie alle herzlich einladen möchte.

Auch in Zukunft werde ich meine Hoffnung vor allem auf Sie setzen, die Sie sich sehr verantwortungsvoll um das Zentrum gekümmert haben. Bitte bemühen Sie sich auch weiterhin um die positive Entwicklung des Zentrums, und versuchen Sie bitte, daß Ihr Verantwortungsbewußtsein für das Zentrum nicht abnimmt. Meinerseits werde ich für Sie - für Ihr langes Leben, einen gesunden Körper und einen glücklichen Geist - Gebete machen. Etwas anderes kann ich nicht tun.

Wie Sie wissen, werde ich im Dezember dieses Jahres für zwei bis drei Monate nach Indien reisen. In dieser Zeit ist anstatt des üblichen Weihnachtsseminars eine ,,Klausur über die Weiße Tara“ geplant und Ende Januar/Anfang Februar ein Wochenendseminar über ,,Die Vier Unermeßlichen Geisteshaltungen und eine Einführung in das Tantra”. Darüberhinaus wäre es sehr gut, wenn Sie sich ein bis zwei Mal in der Woche zu einer Gesprächsrunde über den Dharma“ treffen. Auch wenn nur wenige der Hausbewohner da sind, brauchen die Gebete und Meditationen in dieser Zeit deswegen nicht auszufallen. Selbst wenn nur eine Person die Gebete und Meditationen durchführt, hat das einen Nutzen für das Zentrum und die Menschen, die mit ihm verbunden sind. Sie dürfen gern von draußen kommen, die Rezitationen und Meditationen durchführen und anschließend noch bei einer Tasse Tee zusammensitzen, um sich miteinander über den Dharma auszutauschen. Darüberhinaus setze ich mein Vertrauen darauf, daß Ihre Verantwortung, Ihre Arbeit und Ihre Unterstützung für das Zentrum in den drei Monaten der Reise nicht ausbleiben. All die anfallenden Reparaturen am Hause und die anderen Arbeiten dürfen in dieser Zeit, wie Sie wissen, nicht vernachlässigt werden.

Nach meiner Rückkehr aus Indien werden wir dann im nächsten Jahr, wie geplant, mit der Dharmalehrerausbildung beginnen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, daß soviele von Ihnen Interesse an dieser Ausbildung zeigen, und denke, daß es gut ist, wenn wir uns im Oktober zur Besprechung der Einzelheiten treffen. Welche Schriften wir in welcher Zeit studieren werden, habe ich Ihnen in groben Umrissen bereits gesagt. Aber da ich noch keine Erfahrung habe, welche Art von Schwierigkeiten bei dieser Form des Studiums auftreten können, denke ich, daß es besser ist, wenn wir über die Einzelheiten gemeinsam sprechen. Wichtig ist es, sich bewußt zu machen, daß diese Art von Arbeit an buddhistischen Schriften sich sehr wesentlich von einer weltlichen Arbeit unterscheidet. Die Motivation spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie sollten diese Arbeit mit dem wohlwollenden Vorsatz angehen, sich selbst und anderen damit helfen zu wollen und eine einwandfreie Motivation entwickeln, daß diese Arbeit die Grundlage für Ihr zukünftiges körperliches und geistiges Wohlergehen bildet. Bei solchen Dharma-Arbeiten ist es besonders wichtig, sich um eine intensive und weitgefasste altruistische Geisteshaltung zu bemühen, insbesondere, wenn man damit beginnt, sich auf das Lehren des Dharma vorzubereiten, ist eine solche wohlwollende und altruistische Geisteshaltung sehr wichtig. Ich hoffe, daß der Dharma durch die sorgfältige Vermittlung und das genaue Verstehen seiner Bedeutung hierzulande immer mehr etabliert werden kann, was für die menschliche Gesellschaft sicherlich einen Nutzen hat. Vielleicht gelingt uns zu Anfang nicht immer alles gleich so, wie wir es uns gewünscht hätten. Beispielsweise sind viele Übersetzungen notwendig, wodurch sich Schwierigkeiten für ein gegenseitiges Verständnis ergeben können. Einigen von Ihnen wird vielleicht auch eine weite Entfernung zum Zentrum zu schaffen machen. Ich möchte Sie daher bitten, sich von vornherein eine ,,Rüstung der Geduld“ anzulegen, und sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Sie bei der Ausbildung auf Schwierigkeiten stoßen können.

Um noch einmal auf die gute Motivation zurückzukommen, so hat diese wirklich eine große Bedeutung: Vor unzähligen Zeitaltern, als Buddha Shakyamuni und seine 999 Freunde im Dharma als Bodhisattvas vor dem Buddha oder Tathagata Rinchen Nyingbo ihr Gelöbnis ablegten, zu welcher Zeit und an welchem Ort sie Geburt nehmen werden, um zum Wohle der Lebewesen zu wirken, erklärte sich Buddha Shakyamuni bereit, die schwierigste Aufgabe zu übernehmen. Er versprach in der Welt, die die Untrennbare genannt wird, zu der armseligsten Zeit, wenn die fünf Degenerationen anwachsen und die Menschen hundert Jahre ah werden, Geburt zu nehmen, um für die Menschheit durch die Anweisungen zur Ausübung von Liebe und Mitgefühl und des Weges des abhängigen Entstehens einen umfangreichen Nutzen zu vollbringen. Die wohltuenden Ratschläge des Buddha Shakyamuni, auf die wir uns noch heute stützen, kamen durch jenes Gelöbnis zustande, durch das er als Bodhisattva Brahma Gyatzo Dül unter den 999 anderen Bodhisattvas, die sich dieser Aufgabe sozusagen nicht gewachsen fühlten, eine besonders große Verantwortung übernahm. Daran sehen wir, wie wichtig es ist, daß unser Plan der Dharmalehrerausbildung, der von seinem Wesen her darauf ausgerichtet ist, einen umfangreichen Nutzen für die Lebewesen zu bewirken, von Anfang an auf die Grundlage einer guten Motivation gestellt wird. Viele große Meister haben gesagt, daß Handlungen, wenn sie auf der Grundlage einer von Natur her guten Motivation durchgeführt werden, durch das Zusammenwirken im Sinne des subtilen abhängigen Entstehens, tatsächlich zu sehr umfangreichem Nutzen führen. Bitte denken Sie daran.

Heft 3 - 4/1987

Schwerpunkt-Thema: Das Rechte Handeln

  • Editorial (PDF)
  • Buddhisten auf dem Ev. Kirchentag in Frankfurt (PDF)
  • Konventssitzung der BRG (PDF)
  • Sakyadhita (PDF)
  • Unterweisung von Geshe Thubten Ngawang: 6. Vom Rechten Handeln (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 3 das Rechte Handeln

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