Tibet & Buddhismus: Heft 21 2/1992 Schwerpunkt-Thema: Geist und Materie

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

Liebe Mitglieder und Freunde,

Alle drei Monate nutze ich bei Veröffentlichung unserer neuesten Ausgabe von „Tibet und Buddhismus“ die Ge legenheit, Ihnen meine Gedanken über unsere Arbeit mitzuteilen.

Auch diesmal möchte ich zunächst alle Mitarbeiter, Mitglieder, Schüler, Spender und Abonnenten herzlich grüßen und Ihnen für Ihre Bemühungen danken. Meinen Eindrucken nach sind sich alle Mitwirkenden Ihrer Verantwortung für das Zentrum voll bewußt, und auch von außen finden wir die nötige Unterstützung. Der größte Nutzen ergibt sich dann, wenn die wichtigsten Arbeiten und die Arbeiten, für die sich noch kein Helfer gefunden hat, ausgeführt werden, ohne dabei wählerisch zu sein. Aufgrund unserer gemeinsamen Anstrengungen können viele Menschen von dem Geschmack der Lehre Buddhas kosten. Sie kann damit ihre positive Wirkungskraft auf die Entwicklung des Geistes entfalten. Wenn wir auf diese Weise dazu beitragen, daß sich heilsame Gewohnheiten im Denken und Handeln ein wenig mehr verbreiten, so ist der Zweck unserer Arbeit erfüllt, und es ergibt sich daraus sowohl kurz- als auch langfristig gewiß auch ein Nutzen für die Gesellschaft. Darüber hinaus kann auf dieser Grundlage die größte Frucht der Lehre, die Erleuchtung, angestrebt werden.

Nach dem tibetischen Kalender ist am 5.März Neujahr (Losar) gewesen. In Tibet wird traditionell als gutes Vorzeichen für das neue Jahr weißes Mehl unter Segenssprüchen in die Luft geworfen. Außerdem stellt man in großen Mengen besonders schmackhaftes Gebäck her, mit dem man sich beschenkt. Auch wenn ich Ihnen auf diesem weißen Blatt Papier kein Gebäck überreichen kann, sende ich Ihnen doch auf diesem Wege herzliche Neujahrsgruße.

Im Zusammenhang mit der anhaltenden Zerstörung der tibetischen Kultur unter der chinesischen Besatzung wurde in den letzten zwölf Monaten weltweit ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm zum Tibet-Jahr durchgeführt. Der Höhepunkt in Deutschland war dabei für uns sicherlich die Ausrichtung des Besuches S. H.’ des Dalai Lama im Oktober 91 in Hamburg. Neben den Aktivitäten des Zentrums haben hauptsächlich die Tibet-Initiativen, Menschenrechtsgruppen und engagierte Einzelpersonen dazu beigetragen, daß die Öffentlichkeit zunehmend auf das Tibet-Problem aufmerksam wurde. Leider sind die Probleme in Tibet, trotz großer Fortschritte in Hinsicht auf die weltweite Unterstützung, nach wie vor ungelöst, und wir sollten uns weiter bemühen, die Leiden des tibetisehen Volkes möglichst schnell zu lindem. Das kann nur mit dem Engagement von Menschen wie Ihnen geschehen, die in einem wohlhabenden und freien Gemeinwesen leben. Wenn diejenigen, denen es in dieser Hinsicht gut geht, denen helfen, die dessen immer noch ermangeln, so ist das eine hervorragende und erfüllende Lebenseinstellung, die unserer Verantwortung als menschliche Wesen gerecht wird.

In Indien erfahren die Tibeter viel Unterstützung durch unsere Flüchtlingshilfe und insbesondere durch die Deutsche Tibethilfe unter der Leitung von Irmtraut Wäger. Als Tibeter, der auch seinen Landsleuten gegenüber immer wieder deutlich macht, wie großherzig diese Zuwendungen von Menschen aus einem fernen Land sind, möchte ich Ihnen, den vielen Paten und Spendern, ganz herzlich danken.

Die beachtliche Anzahl der Teilnehmer an unseren zwei Lehrgängen zum Systematischen Studium des Buddhismus beweist das große Interesse an einem solchen kontinuierlichen Lehrgang. Noch wichtiger aber als die quantitative Beteiligung ist mir die Intensität der Bemühungen. Am besten ist es, wenn man als Student regelmäßig persönlich beim Unterricht und den Arbeitskreisen anwesend sein kann und sich in der Diskussion einbringt. Das Studium wird mittlerweile durch das schriftlich vorliegende, übersetzte Material wesentlich erleichtert. Diese Textunterlagen sind von hohem Wert, und es ist gut, wenn man daraus den größtmöglichen Nutzen ziehen kann. Die siebenjährige Dauer des Kurses ist bei näherer Betrachtung und im Vergleich zur traditionellen Ausbildung in Tibet, die sich über mehrere Jahrzehnte hinzog, auch gar nicht so lang, wie es zunächst erscheint. Ich bin überzeugt, daß der auch in den Prüfungen schon bewiesene Eifer der Studierenden gute Fruchte bringen wird.

Seit vielen Jahren ist das Tibetische Zentrum im interreligiösen Dialog aktiv. Fast jeden Mittwoch treffen wir uns während der Studiensemester um 16.00 Uhr im Rahmen einer Sozietät der Hamburger Universität mit Christen und Moslems zu Vortrag und Gespräch. In diesem Jahr werden zusätzlich noch russisch-orthodoxe Christen zu Wort kommen, und Prof. Schwarz, ein jüdischer Theologe aus Jerusalem, hat mit viel Engagement seine Mitarbeit zugesagt. Damit wird der Wert dieser Treffen weiter gesteigert, und ich würde mich sehr freuen, wenn auch aus unserem Kreis mehr Teilnehmer als bisher zu den Versammlungen kommen wurden. Die Termine entnehmen Sie bitte unserem Programmteil. Ich bin überzeugt, daß es einen großen Nutzen für die Allgemeinheit hat, wenn man die Gemeinsamkeiten der Religionen erkennen lernt. Zwar vertreten heute viele Menschen die Auffassung, die Religionen hätten zumeist mehr Streit als Frieden in die Welt gebracht, aber ich denke, das ist eine nur oberflächliche Betrachtungsweise, die die inneren Werte der Religionen nicht voll berücksichtigt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen ergeben sich meines Erachtens weniger aus dem Wesen der jeweiligen Religionen, deren Gründer sicherlich sehr hochstehende Menschen waren, als aus der unsachgemäßen Anwendung dieser Lehren durch Menschen, die ihre schlechten Eigenschaften in den religiösen Bereich hineintragen. Gewöhnliche Menschen sind an ihre negativen Charakterzüge, die mit chronischen Krankheiten zu vergleichen sind, sehr stark gewöhnt. Die negativen Eigenschaften des Geistes sind aber auch mit religiösen Mitteln nur durch lange, intensive Schulung zu beseitigen. Wenn man die ursprünglichen Lehren der traditionellen Weltreligionen genauer kennenlernt und untersucht, wird sich eine Gewißheit über ihre inneren Werte entwickeln, die der Harmonie der Kulturen auf dieser immer mehr zusammenwachsenden Erde sehr dienlich ist. Tatsächlich sind die Probleme der gegenwärtigen Menschheit allein mit materiellen Mitteln unlösbar. Es bedarf der Ergänzung durch gegenseitiges Verständnis und die Entwicklung innerer Tugenden wie Weisheit, Mitgefühl, Vertrauen und Tatkraft. Wenn wir als Vertreter der Religionen unseren gegenseitigen Respekt demonstrieren, wird das auch auf Menschen, die gegenwärtig nicht auf diese Mittel vertrauen, einen positiven Eindruck machen.

Heft 21 - 2/1992

Schwerpunkt-Thema:

  • Editorial (PDF)
  • Nachrichten (PDF)
  • Geist und Materie (PDF)
  • Zum Abschluß des Internationalen Jahres der Solidarität mit Tibet (PDF)
  • Tibet - einst und jetzt (PDF)
  • Die Grundlage aller Vortrefflichkeiten (PDF)
  • Theorie und Praxis der tibetischen Medizin (PDF)
  • Noch’n Verlag? (PDF)
  • Was Sie schon immer über den Buddhismus wissen wollten (PDF)
  • Auf dem Weg zur geistigen Freude (PDF)
  • Kostbare Menschengeburt (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 21 Geist und Materie

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