Tibet & Buddhismus: Heft 10 3/1989 Schwerpunkt-Thema: Hilfe für tibetsche Nonnen

Editorial von Geshe Thubten Ngawang

Allen Verantwortlichen für das Zentrum, der Präsidentin und den anderen Mitgliedern des Vorstands, denjenigen, die im Zentrum studieren und arbeiten, allen, die von außerhalb dem Zentrum helfen, allen Mitgliedern und Förderern möchte ich meine herzlichen Grüße entrichten. Sie alle haben sich mit ganzer Kraft für das Zentrum eingesetzt, und es ist Ihrem Einsatz zu verdanken, daß es sich von Jahr zu Jahr zum Guten weiterentwickelt.

Im kommenden Vierteljahr wird das erste Jahr des siebenjährigen Studiums, das sich mit der Lehrmeinung der Vaibhasikas beschäftigt hat, zu Ende gehen. Die Teilnehmer studieren die vielfaltigen Themen in den Unterrichtsstunden und den Arbeitskreisen mit großem Interesse und viel Geduld. Den Eifer der etwa dreißig Direktstudenten, die regelmäßig zum Unterricht und zu den Diskussionsgruppen kommen, kann ich mit eigenen Augen verfolgen; aber auch die Abonnenten, die per Kassette und schriftlichen Unterlagen die Studien verfolgen, haben zum Beispiel durch die ersten Prüfungen gezeigt, wie intensiv sie auf diesem Wege lernen. Das freut und ermutigt mich sehr, und ich möchte Ihnen allen meine besten Wünsche für ein weiteres fruchtbares Studium der Buddhalehre senden.

Natürlich ist das Studium für viele von Ihnen sicher nicht einfach. Bei einigen stapeln sich sicher die Kassetten des Unterrichts und der Arbeitskreise, die Sie noch nicht hören konnten. Seien Sie bitte trotzdem nicht entmutigt, und versuchen Sie so gut Sie können, den Erklärungen und Diskussionen zu folgen und darüber nachzudenken. Denn ein solches Studium ist gerade heutzutage selten und nicht mit anderen Studien zu vergleichen. Wenn Schwierigkeiten auftreten, so ist es sicher aufgrund der Art des Studiums wertvoll zu versuchen, diese zu erdulden. Denn der eigentliche Zweck dieses Studiums ist es ja, die Mittel kennenzulernen, die den eigenen Geist disziplinieren, um dadurch allmählich die Fähigkeit zu entwickeln, anderen mit guten Lehren zur Weiterentwicklung ihres Geistes zu helfen. So wird dieses Studium zweifellos auch eine gute Auswirkung auf viele andere Menschen und auch auf den Frieden in der Welt haben. Wenn die Gedankengänge der buddhistischen Religion so vermittelt werden, daß sie von fähigen Lehrern erklärt und von fähigen Zuhörern aufgenommen werden, so sind sie sicher sehr gut nachzuvollziehen und anwendbar. Deshalb bin ich der Überzeugung, daß es gut ist, wenn sie sich auch hierzulande überliefern. Dies glaube ich nicht deshalb, weil der Buddhismus die Religion ist, der ich folge, sondern weil ich sicher bin, daß sie vieles zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft beitragen kann. Wenn wir um etwas bemüht sind, das der menschlichen Gemeinschaft hilft, so hat sich die Mühe gelohnt. Es reicht schließlich nicht aus, daß wir über etwas für die menschliche Gesellschaft Hilfreiches nur reden, sondern wir müssen auch etwas dazu tun. So tun wir bei diesem Studium sicher etwas, das die Mühe lohnt, und wir erdulden Schwierigkeiten, die des Erduldens wert sind.

Auf den ersten Blick erscheinen sieben Jahre als eine sehr lange Zeit. Das ist aber nur auf den ersten Blick so. Tatsächlich sind sieben Jahre nicht besonders lang. Wir sollten versuchen, sie so gut wir können zu nutzen; denn schon die bloße Beschäftigung mit der Lehre hinterläßt außerordentlich gute Eindrücke in unserem Geist. Selbst wenn jemand nur die Hälfte versteht, so ist das allein schon als sehr positives Resultat zu werten; umsomehr natürlich, wenn jemand die Möglichkeit hat, das Studium ganz durchzufuhren. Deshalb brauchen Sie nicht entmutigt zu sein und zu denken, daß das Studium gar keinen Wert hätte, wenn Sie es vielleicht nicht immer vollständig mitmachen können. Es heißt, daß jede einzelne Silbe der Lehre eine Kraft hat, die dazu beiträgt, die vierhundertundvier Plagen des Geistes zu unterdrücken und schließlich ganz aufzugeben. Wir sollten also den Effekt eines solchen Studiums nicht unterschätzen. Daher meinen Dank und meine besten Wünsche für alle Studenten. Sehr erfreulich für uns ist auch die Tatsache,.daß in der letzten Zeit die Zahl derer, die ins Zentrum kommen um zu helfen, größer geworden ist. Auch ihnen möchte ich meinen Dank und meine besten Grüße entrichten. Gleichzeitig möchte ich sie aber auch bitten, mit gleichem Engagement in die Zukunft zu blicken und weiterhin gut am Gedeihen des Zentrums mitzuhelfen; denn die Zukunft, die vor uns liegt, ist ja noch viel langer als die unmittelbare Vergangenheit oder die Gegenwart.

Im Juli wird uns Geshe Ugyen Rinpoche, der frühere Abt des Gyümä- Tantrakollegs, besuchen. Das Programm können Sie dieser Zeitung entnehmen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz Ende Juli möchte ich mich gern in Pisselberg für etwa zwei Wochen in Meditationsklausur begeben. Am Ende dieser Klausur (etwa 12.8.) werde ich ein Feuerpuja-Ritual der Weißen Tara durchführen. Wer gern zuhause eine Weiße Tara-Klausur durchführen und an der Feuerpuja teilnehmen mochte, kann dann gern nach Pisselberg kommen. Den genauen Termin sprechen Sie bitte noch direkt mit dem Zentrum ab.

Die Mönche und Nonnen haben im Sommer traditionell eine dreimonatige Zeit, während der sie sich zuriickziehen. Die Anweisung dazu besteht schon seit der Zeit Buddhas und wurde von ihm selbst und seinen Mönchen und Nonnen praktiziert. Ihr wird ein großer Wert beigemessen. Diese Zeit sollen die Ordinierten möglichst an einem abgeschiedenen Ort gemeinsam verbringen und sich der Meditation und dem Studium der Schriftabteilungen widmen. Während dieser Zeit werden sie von der Laiengemeinde unterstützt. Bisher hatten wir noch nicht die Möglichkeit gehabt, im Zentrumsbetrieb eine solche Zeit einzurichten. Weil wir aber doch sechs Mönche und Nonnen im Zentrum sind, wäre es meines Erachtens gut, dies für die kommenden Jahre zu versuchen. In diesem Jahr beginnt die Zeit nach tibetischem Kalender am 15. Juli. In den folgenden eineinhalb Monaten wollen wir versuchen, da8 die Irrdinierten im Hause mehr Zeit bekommen, um intensiver als sonst ihren Meditationen und ihrem Studium - besonders der Disziplin (Vinaya) - nachkommen zu können. Dies hängt natürlich auch davon ab, inwieweit sie sich in dieser Zeit von ihren üblichen Arbeiten für das Zentrum freimachen können; und deshalb ist gerade für jene Zeit Hilfe von außerhalb sehr willkommen.

Buddha hat für die Mönche und Nonnen unter anderem die Einhaltung von drei Grundlagen (vastu) vorgeschrieben. Die erste ist die Reinigungs-Zeremonie (posatha) an jedem Voll- und Neumondtag. Diese müssen nicht nur die voll ordinierten Bhiksus und Bhiksunis einhalten, sondern auch schon die Sramaneras und Sramanerikas. Die zweite Grundlage stellt die Einhaltung der genannten Sommerklausur (varsika) in Abgeschiedenheit, Meditation und Studium dar. Die dritte Grundlage ist die Auflösung der Sommerklausur (pravarana). Während der Sommerklausur selbst werden Verfehlungen des Verhaltens nicht besprochen. Dies geschieht während der Auflösung der Klausur. Damit verbunden ist die Möglichkeit, Verfehlungen offenzulegen und zu bereinigen. Damit beginnt nach der Klausur auch wieder die dem Dharma gemäße Beziehung der Mitglieder der ordinierten Gemeinde untereinander. Während also die Reiniguns-Zeremonie regelmäßig durchgeführt wird, sind die Sommerklausur und ihre Auflösung einmalige Ereignisse eines jeden Jahres. Diese “drei Grundlagen” sind sehr wichtig im Leben der Mönche und Nonnen, und ist es gut, wenn wir auch hier versuchen, sie zu praktizieren und weiter zu überliefern.

Die Anweisung zur Sommerklausur ist keine neue Idee von mir, sondern eine Anweisung, die Buddha selbst gegeben hat. Schon zu seiner Zeit wurde sie von der Gemeinschaft der Ordinierten durchgeführt, welche dabei von der Laiengemeinde unterstützt wurde. Dadurch ver- 6 half man sowohl sich selbst als auch den anderen zu religiösen Verdiensten. Diese Anweisung des Buddha steht also ganz im Zusammenhang mit der Gesetzmäßigkeit von Handlung (karma) und Wirkung.

Schon in den letzten Ausgaben der Zentrumsnachrichten haben wir den Plan vorgestellt, auf dem Gelände des Zentrums einen kleinen Maitreya-Schrein in der Nahe des Stupas zu bauen. Obwohl sich einige Helfer bei der Herstellung der Maitreya-Figuren für das Innere des Schreins gefunden haben, haben wir noch niemanden, der die äußeren Arbeiten, insbesondere die Maurerarbeiten, machen kann und mochte. Auch daran möchte ich Sie bitten zu denken.

Noch ein letztes: Viele von Ihnen haben Buddha-Statuen zu Hause. Oft sind diese nicht geweiht. Das ist besonders für diejenigen, die Zuflucht zu den Drei Juwelen genommen haben, nicht gut. Die Statuen sollten mit heiligen Mantras vorschriftsmäßig gefüllt und gesegnet werden. Deshalb ist es richtig, daß viele von Ihnen mir Ihre Statuen zum Füllen bringen. Ich mache diese Arbeit sehr gerne, sie erfordert aber einige Vorbereitungen, bei denen ich Sie bitten möchte, mir zu helfen. Insbesondere möchte ich Sie bitten, die Statuen von innen gut zu säubern. Oft linden sich noch Rückstande vom Gießen usw. Außerdem müssen die Mantras kopiert, mit Safran eingefärbt und gerollt werden. Bringen Sie mir bitte Ihre Statuen und sprechen Sie direkt mit mir ab, welche Vorbereitungen Sie machen können.

Heft 10 - 3/1989

Schwerpunkt-Thema: Hilfe für tibetsche Nonnen

  • Editorial (PDF)
  • Besuch des Dalai Lama in Offenburg (PDF)
  • Vesakhfeier der Hamburger Buddhisten (PDF)
  • Neues Flüchtlingshilfe-Projekt: Bitte helfen Sie tibetischen Nonnen! (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang erzählt sein Leben - Biographie (Fortsetzung) (PDF)
  • Geshe Thubten Ngawang: Unterweisung (Fortsetzung) - Einführung in die Meditation (PDF)

Tibet & Buddhismus: Heft 10 Hilfe für tibetsche Nonnen

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