TODLOSIGKEIT UND REINKARNATION

Gespräch mit Zurmang Gharwang Rinpoche

Zurmang Gharwang Rinpoche wurde von S.H. dem 16. Karmapa als 12. Tulku der Zurmang-Linie anerkannt. Die erste Reinkarnation dieser Linie galt als Emanation des Mahasiddhas Tilopa und wurde durch den 5. Karmapa Deshin Shegpa eingesetzt. Der derzeitige Zurmang Gharwang Rinpoche wurde 1965 als Prinz im Königshaus von Sikkim geboren. Als seine Mutter mit ihm schwanger war, überreichte  ihr während der Aufführung einer tibetischen Oper im Kloster Rumtek beim Part des berühmten „Tanz des Tilopa“  S. H. der 16. Karmapa überraschend ein für ihn bestimmtes Juwel, mit den Worten: „Dies ist für den nächsten Gharwang Rinpoche“.

Seine Ausbildung erhielt Zurmang Gharwang Rinpoche von den großen Persönlichkeiten seiner Linie. Nach Jahren weltweiter buddhistischer Lehrtätigkeit studiert er gegenwärtig in Harvard, wo er sich zurzeit mit Nietzsche, Schopenhauer und anderen westlichen Philosophen herumplagt, und nach eigenem Bekunden sehr dankbar vor allem für die Einblicke in das „normale“ Leben ist, die ihm das Studentendasein bescherte. Seine charismatische, herzlich-humorvolle Ausstrahlung und seine aufmerksame Freundlichkeit lassen leicht vergessen, dass man es mit einer sehr besonderen Person zu tun hat.

Als ein Lehrer des Buddhismus und reinkarnierter Lama, wie erklären Sie den Begriff „Todlosigkeit“ und das „Überwinden des Todes“?

Rinpoche: Todlosigkeit lässt sich auf zwei Arten unterschiedlich erklären. Für die meisten Leute ist Tod etwas Erschreckendes, Furchteinflößendes. Durch Beschäftigung mit den Lehren gewinnt man dann ein Verständnis, dass Tod ein Prozess ist, durch den jeder hindurchgehen muss. Durch das Wissen um diesen Prozess scheint die Angst mehr und mehr zu schwinden. Das ist ein Anlass zu sagen: man überwindet den Tod. Auf der ultimativen Ebene natürlich sind Tod, Wiedergeburt und alles damit Verbundene Teil der Illusion. Sie sind nicht real, denn sie alle bestehen in gegenseitiger Bedingtheit.  Man kann sie nicht gegeneinander abgrenzen. Für sich allein besitzt Tod keine unmittelbare Gegenwart. Es gibt die generelle Auffassung, die Wiedergeburt sei der Beginn des Todes. Aber in sich selbst ist sie somit auch der Beginn der Wiedergeburt; es ist ein Kreislauf. Es geschieht in jedem Moment, dass wir sterben. Zerstört man den Kreislauf, dann gibt es nichts davon.

Was bedeutet dann „Geburt“? Buddha sagt nach seiner Geburt: „Dies ist meine letzte Geburt!“ Ist sie nur ein Konzept?

Rinpoche: Solange es Dualismus gibt, wird man einem bestimmten Vorgang das Etikett „Geburt“ anhängen. Und da gibt es etliche Möglichkeiten: Geburt aus einer Gebärmutter, aus einem Ei oder aus physikalisch-chemischen Prozessen wie Feuchtigkeit und Hitze heraus. Bewusstsein wird nie „geboren“.  Was im Buddhismus beschrieben wird, ist tatsächlich jenseits des gewöhnlichen menschlichen Vorstellungsvermögens, deshalb lehrt es ein Buddha. Wenn man anfängt, die Lehren Buddhas für sich zu entdecken, hat man die völlige Freiheit, Fragen zu stellen, um wirklich zu verstehen. Mit dem Wachsen des eigenen Verständnisses, wenn man tiefer und tiefer in die Materie eindringt und Verwirklichungen erlangt, kommen immer weniger Fragen auf. Es wird einfach klarer und deutlicher, dass die Aussagen tatsächlich Fakt sind.  Die Leute sagen gerne: „Es gibt keine Wiedergeburt, denn das hat ja noch nie jemand direkt gesehen!“  Und kein Mensch ist zurück gekehrt und hat gesagt: „Dies ist meine Wiedergeburt!“ Dann kann man aber nicht einmal sagen „Morgen gibt es ein Morgen.“ Weil im Moment niemand das Morgen sehen kann. Warum glaubt man an ein Morgen, warum glaubt man, dass es ein Gestern gab? Wenn man einem neugeborenen Kind sagt: „Gestern waren wir so aufgeregt, dass Du kommst!“ Welche Bedeutung hätte das für dieses Kind? Die Wissenschaft bemüht sich, messbare Ergebnisse zu erhalten, aber auch sie ist ein Produkt des menschlichen Geistes und befindet sich in einem Prozess. Sie kann noch nicht alles akkurat ausloten.

Für das westliche Verständnis scheint die Idee von Wiedergeburt und Reinkarnation besonders fremd zu sein. Sie als Tulku, als Reinkarnation, gelten als jemand, der seine Wiedergeburt absichtsvoll und freiwillig wählte. Gibt es unterschiedliche Ebenen von Tulkus?

...

Wenn Ihnen der Text  gefällt, möchten Sie vielleicht auch den ganzen Beitrag lesen?

Einfach Probeheft anfordern unter rg(at)tibet.de oder gleich ein Abo abschließen.

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics