Tibet - bedrohte Hochkultur

Tibet ist das größte Hochland der Erde. Umgeben von den Bergmassiven des Himalaja, die im Süden 8000 Meter sowie im Osten und Westen 6000 Meter überschreiten, liegt das besiedelte Hochplateau auf einer Höhe von 3600 bis 5200 Metern. Mit 2,5 Millionen Quadratkilometern erstreckt sich Tibet über eine Fläche, die sieben Mal so groß ist wie Deutschland.

Mit dem tibetischen König Songtsen Gampo gelangte ab dem 7. Jahrhundert der Buddhismus aus Indien nach Tibet. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich eine Hochkultur, die auf dem indischen Buddhismus basierte und auch die umliegenden Länder wie die Mongolei und Bhutan beeinflusste. Besonders Merkmal der tibetisch-buddhistischen Kultur ist die Betonung von Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und Weisheit.

Politisch isolierte sich Tibet Jahrhunderte lang vom Rest der Welt und verschloss sich modernen Entwicklungen wie der Industrialisierung, Demokratisierung und  Wissenschaft. Die Regierung hatte es verpasst, 1945 einen Aufnahmeantrag in die Vereinten Nationen zu stellen. Die Neuordnung der Welt nach dem zweiten Weltkrieg ging völlig an den Tibetern vorbei.

Das Interregnum zwischen dem Tod es 13. Dalai Lama und dem Herrschaftsantritt des 14. Dalai Lama war durch eine Isolationspolitik nach außen und eine korrupte Politik im Innern gekennzeichnet. Sozialreformen, die der 13. Dalai Lama angestoßen hatte, wurden zurückgenommen.

Die Politik des Mittleren Weges

S.H. der Dalai Lama, der 1959 aufgrund der chinesischen Besatzung aus seiner Heimat Tibet fliehen muss, konstituiert 1960 im indischen Dharamsala die Regierung  Tibets im Exil. Seither setzt sich der Friedensnobelpreisträger für Verhandlungen mit der chinesischen Regierung zur Lösung des Tibetproblems ein.

Im Juni 1988 legt er vor dem Europaparlament seinen als „Straßburger Vorschlag“ bekannten Plan vor. Demnach soll Tibet zu einer Friedenszone werden, echte Autonomie erhalten, aber im chinesischen Staatsverband bleiben. Der Dalai Lama verzichtet mit diesem „Mittleren Weg“ erstmals auf die Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit Tibets.

Als Antwort verkündet die chinesische Regierung im September 1988 ihre Bereitschaft, mit den Tibetern zu verhandeln, zieht aber schon zwei Monate später ihr Angebot zurück und lehnt den Straßburger Vorschlag ab. Nach friedlichen Demonstrationen für die Unabhängigkeit Tibets in Lhasa verhängt Peking im März 1989 das Kriegsrecht über die tibetische Hauptstadt, das bis zum Frühjahr 1990 in Kraft bleibt.

Im Juni 1992 reist der Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondup, auf Einladung von chinesischen Regierungsstellen zu Gesprächen nach China. Diese bleibt jedoch bei ihrer ablehnenden Haltung und bricht 1993 alle offiziellen Kontakte zu tibetischer Vertretern ab. Der Dalai Lama betont weiterhin seine Bereitschaft zu Gesprächen.

Erst 2002 kommt es zur Wiederaufnahme offizieller Kontakte zwischen der chinesischen und tibetischen Führung. Der Dalai Lama ernennt Kelsang Gyaltsen und Lodi Gyari zu seinen Sondergesandten. Dieses reisen im September 2002 nach China und Tibet. Es ist das erste Gespräch hochrangiger Diplomaten seit 1993, das von chinesischer Seite jedoch als „privat“  tituliert wird. Es folgen weitere Gespräche, das vorerst letzte fand im Oktober 2008 in Peking statt.

Auf Druck der internationalen Gemeinschaft nach den großen Unruhen in ganz Tibet im März 2008 hatte Peking in weitere Gespräche im Juli und Oktober 2008 eingewilligt. Dabei hatte die chinesische Seite darauf gedrängt, dass die tibetische Exilregierung einen Plan vorlegt, wie sie sich die tibetische Autonomie vorstellt.  Im Oktober legten die Gesandten einen detaillierten Plan vor. Kurz nach dem Ende der Gespräche erklärte der chinesische Verhandlungsführer die Gespräche für gescheitert. Seine Regierung werde nie Verhandlungen über Autonomie zustimmen.