Konferenz englischer Tibetisch-Übersetzer

Die Konferenz der Tibetisch-Übersetzer
vom 26. bis 28. Sept. 2008 in Boulder, Colorado

Ein Bericht von Susanne Schefczyk

Es war ein historisches Ereignis. Zum ersten Mal überhaupt trafen sich weit über hundert Übersetzer, die tibetischen Buddhismus ins Englische übersetzen, um sich auszutauschen. Dazu kamen hauptsächlich Teilnehmer aus den US und Canada, aber auch aus Europa, Nepal, Taiwan und Südamerika.

Zur Konferenz luden die Übersetzer von Light of Berotsana. Der Erfolg dieser Konferenz ist allein ihrer wohl bedachten und weitblickenden Planung, Organisation und Durchführung zu verdanken. Selbst für das leibliche Wohl war gesorgt. Das Shambhala Meditation Centre in Boulder stellte seine dreistöckigen Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Naropa Universität unterstützte das Ereignis mit öffentlichen Nebenveranstaltungen wie Filmshows, einem Vortrag von Prof. J.I. Cabezón und mehr. Und auch die University of Colorado nutzte die Anwesenheit der Übersetzer, um Prof. Donald S. Lopez zu einem öffentlichen Vortrag zu bitten. Zahlreiche freiwillige Helfer unterstützen den problemlosen Ablauf der Konferenz.

Teilnehmende Rinpoches wie Alak Zenkar Rinpoche, Tülku Thöndup Rinpoche und Ringu Tülku Rinpoche berichteten über ihre Erfahrungen mit englischen Übersetzungen durch die letzten Jahrzehnte. In einem herzergreifenden und lustigen Vortrag beschrieb Ringu Tülku seine Hochachtung vor der sicheren Präzision, mit der die Dolmetscher schwerste tibetische Philosophie übersetzen, und sein Mitgefühl für genau eben diese Dolmetscher, wenn sie ins Schwimmen kommen sobald der Lama Geschichten erzählt oder Witze macht. Er bot allen Übersetzern seine Unterstützung an.

Öffentliche Vorträge von Dzigar Kongtrül Rinpoche und Prof. Jeffrey Hopkins bewegten ein noch größeres Publikum zu dieser Konferenz. Wobei Prof. Hopkins seine einsame Vorreiterrolle und seinen bewegten Austausch durch die ‚Geschichte’ der Entwicklung einer inzwischen ziemlich großen Übersetzerschar beschrieb, wie er mit zwei bis dann vorliegenden Werken zu studieren begann und nun schließlich auf eine Vielzahl von Büchern und elektronischen Medien zurückgreifen kann. Dankbar war er, dass seine Übersetzertätigkeit durch seine Anstellung an der Universität durchgehend finanziert wurde, bis zum heutigen Tag, da er, in der Zwischenzeit pensioniert, weiterhin seiner Leidenschaft des Übersetzens nachgehen kann und das ‚nicht nur’ zum Wohle der anderen.

Die Tage wurden dazu genutzt, wichtige übersetzerspezifische Themen zu diskutieren, wie z.B.: Was soll übersetzt werden?, Wörtliche Übersetzung kontra Übertragung der Kultur?, Präzision oder literarische Schönheit? Was macht eine Übersetzung gut? Übersetzer: Gelehrte vs. Praktizierende?, Wie können neue Übersetzer ausgebildet werden? und Materielle Überlebenssicherung der Übersetzer. Mehr als die eingeplante Zeit wurde der Diskussion über Fachbegriffe gewidmet.

In Kleingruppen diskutierten die Übersetzer über ihre Erfahrungen zu den Themen. Ein Schriftführer notierte die Ergebnisse. Danach wechselten die Gruppen nach dem gleichen Prinzip, so dass sich fast alle Übersetzer kennenlernten. Die festgehaltenen Diskussionsergebnisse wurden jeweils nach zwei Diskussionsrunden dem Plenum präsentiert.

In der Folge der Konferenz werden diese Ergebnisse von Freiwilligen gesammelt, niedergeschrieben und auf der Website präsentiert werden. Eine Gruppe Übersetzer arbeitet weiter daran, ein Internetforum für Übersetzer zu erstellen, in dem über Probleme und Begrifflichkeiten diskutiert werden kann, Vokabellisten hinterlassen und verglichen werden können, Übersetzer ihre Veröffentlichungen und derzeitige Arbeiten vorstellen können, um Doppeltübersetzungen zu vermeiden, Dolmetscher vermittelt werden und vieles mehr.

Eine weitere Gruppe arbeitet an der Bildung einer Übersetzergilde, wodurch die Übersetzer zwar weiterhin unter der buddhistischen Devise zum Wohle der Wesen arbeiten, gleichzeitig aber auch materiell überlebensfähig werden sollen. Dies bezieht sich auf Definieren des Gebotes ‚Dharma darf nicht verkauft werden’, Absprachen zu Tarifen, Schaffen von Arbeitsverträgen, Schutz bei Urheberrechtsverletzungen wie in einem Fall berichtet, sogar ein gemeinnütziger Verein den Copyrightmissbrauch anwaltlich gegen seinen eigenen Übersetzer unterstützte, und auf das Beschaffen von finanzieller Unterstützung zur Krankenversicherung der Übersetzer. Die Gilde soll auch der Ausbildung neuer Übersetzer zu Gute kommen.

Die Abende wurden genutzt, um elektronische Angebote für Tibetisch Übersetzer vorzustellen: Gerry Wiener präsentierte die Sambhota-Tibetisch-Sofware, Jeff Wallmann die neue Technologie des Tibetan Buddhist Resource Center, Steven Weinberger die neuen Hilfsmittel der Tibetan-Himalyan (Digital) Library und Rafael Ortet das digitale Übersetzer- und Lehrwerkzeug zum Vergleich von Textquellen, das er mit Unterstützung der Tsadra-Foundation entwickelt.

In dem Café-Raum befand sich ein wandfüllendes Plakat mit einer Huldigung der Vielzahl von Sanskrit-Tibetisch-Übersetzern, die alle ihrem zeitlichen Wirken entsprechend namentlich aufgeschrieben waren, angefangen mit Berotsana bis hin zu Übersetzern des 19. Jhds. An einer zweiten Wand befand sich ein ebensolches Plakat, angefangen mit kurzen Lebensbeschreibungen von Evens-Wentz, Herbert V. Günther u.a., den Pionieren unserer Ära, nämlich der Übersetzungen des Tibetischen in westliche Sprachen. Alle Übersetzer wurden gebeten, sich dem Beginn ihrer Tibetischausbildung entsprechend dort einzutragen. So wurde sichtbar, dass die große Mehrheit der anwesenden Übersetzer länger als ein Vierteljahrhundert studiert.

Die Konferenz wurde mit einem kleinen Ritual beschlossen, in dem zwei erfahrene Übersetzer (Elizabeth Napper und Yeshe Gyamtso), zwei Neuanfängern gegenüberstehend, ihre Erfahrungen in Ratschlägen zusammenfassten und sinnbildlich den jungen Übersetzern übergaben. Diese verbeugten sich und lieferten mit kurzen Erklärungen ihrer Zukunftsvisionen einen erfrischenden Abschluss.


Von Susanne Schefczyk zusammengestellte und übersetzte Bücher:

* Übergang & Befreiung, Erklärungen zur Meditation im Bardo

Tenga Rinpoche, Khampa Buchverlag, Osterby, 1996; ISBN 3-9805251-0-4

* Die fünf Nägel des Naropa, Methoden zum Umgang mit Hindernissen

Tenga Rinpoche, Khampa Buchverlag, Osterby, 1998; ISBN 3-9805252-1-2

* Alltagsbewußtsein und Buddha-Erwachen

Khentschen Thrangu Rinpotsche, Kagyü Dharma Verlag, Langenfeld, 1999; ISBN 3-933558-01-8

* Gesang zur Leerheit

Khenpo Tsultrim Gyamtso Rinpoche, Khampa Buchverlag, Osterby, 2001; ISBN 3-9805251-3-9

* Samantabhadra-Dzogchen-Gebet

Gangteng Tulku Rinpoche, Khampa Buchverlag, Osterby, 2003; ISBN 3-9805251-5-5

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics