In Peking verhaftet für das Zeigen der Tibet-Flagge

Als ich in Stuttgart das Flugzeug bestieg, wusste ich schon, dass es eine ungewöhnliche Reise werden würde. Über Kopenhagen und Stockholm flog ich nach Beijing, um dort zusammen mit John Waterberg und Jeremy Well, zwei weiteren Aktivisten für ein freies Tibet und die Achtung der Menschenrechte zu demonstrieren.

Für solch eine Aktion vor den Augen der chinesischen Staatsmacht würden wir definitiv verhaftet  werden. Wir hofften, wie die anderen Olympia-Aktivisten vor uns nach 6 bis 10 Stunden abgeschoben zu werden. Aber wir rechneten auch mit der Möglichkeit, mehrere Tage oder sogar Monate in Haft zu verbringen. Es war eine Reise, auf die wir uns lange vorbereitet haben. Eine Reise, die man nicht unüberlegt antritt.

Ich hatte befürchtet, dass man mir aufgrund meiner tibetischen Herkunft die Einreise verweigern würde. Aber die Ankunft in Beijing verlief unerwartet reibungslos. Die Stadt war beeindruckend: Sie war riesig, sauber, voll imposanter Bauwerke, und das Essen war fantastisch. Die Menschen schienen alle im Olympiarausch zu sein. Überall sah man Olympia-T-Shirts, „I love China“-Aufkleber, und in jedem Fernseher liefen die Spiele rund um die Uhr.

Ich habe auch die Begeisterung der einfachen chinesischen Bürger gesehen. Ihnen sind die Olympischen Spiele sicherlich zu gönnen. Aber ich bedauerte, dass das IOC zugelassen hat, dass die chinesische Regierung die Spiele nutzte, um Ihre unrechtmäßige Besetzung von Tibet zu legitimieren und ihre Menschenrechtsverletzungen zu vertuschen. Das IOC und die westliche Regierungen hatten die große Chance vertan, die in diesen Spielen steckte. Statt durch die Olympiade die chinesische Regierung zu mehr Offenheit und Achtung vor den Menschenrechten zu zwingen, wurden die olympischen Werte erraten und verkauft.

Wenn man hinter die allgegenwärtigen Plakatwände "Beijing 2008. One world, one dream" schaute, konnte man die Armut des anderen Beijing erahnen. Und sobald man sich wichtigen Sehenswürdigkeiten oder gar dem olympischen Gelände näherte,fixierten einen von jedem Laternenmasten Kameras. Auch waren in der ganzen Stadt an jeder Ecke Polizisten in Position. Wir waren schon gewarnt worden, dass in allen Taxis Mikrofone installiert waren.

Aktion beim „Vogelnest“

Am 5. Tag in Beijing ging auf einmal alles schneller als geplant. Meine beiden Mitaktivisten wurden intensiv beschattet. Zuerst gingen die beiden in eine Bar in der Hoffung, dass die Verfolger das Interesse verlieren würden. Als aber bei mir dann noch das Hotelzimmertelefon klingelte – zum ersten Mal seit meiner Ankunft – und sich niemand am Apparat meldete, wusste ich, dass wir sofort etwas unternehmen mussten.

Wenn wir noch eine weitere Nacht warteten, so würde sicher unser Zimmer durchsucht, und wir würden unverrichteter Dinge abgeschoben werden. Also steckte ich die Tibetflagge in die Hosentasche und machte mich auf den Weg zu der Bar, in der John und Jeremy warteten. Gemeinsam fuhren wir mit einem Taxi zum ‚Vogelnest’, dem berühmten Olympiastadion. Gegen Mitternacht trafen wir an der Stelle ein, von der die Presse zuvor informiert sein sollte.

John und Jeremy standen mit gesenkten Köpfen rechts und links von mir und reckten ihre Fäuste gegen den Nachthimmel, während ich meine Tibetflagge hochhielt. Wir wollten mit der Pose an die von Tommy Smith und John Carlos erinnern, die bei den Spielen 1968 in Mexico für die Rechte der Schwarzen demonstiert hatten. Deren mutige Aktion war für uns trotz der ihnen bekannten Konsequenzen – die Medaillen wurden aberkannt –, ein großes Vorbild.

Wir wollten zeigen, wie wenig die chinesische Regierung trotz gegenteiliger Beteuerungen die Menschenrechte achtet. Auch jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, werden meine Brüder und Schwestern in Tibet eingesperrt, gefoltert und einige sogar getötet. Die Aufstände, im März dieses Jahres begonnen, gehen weiter. Nur ist es der chinesischen Regierung inzwischen weitestgehend gelungen, die Berichte darüber zu unterbinden. Wie sollen die Tibeter sich selbst zu Wort melden, wenn sie Tausenden von bewaffneten Soldaten gegenüberstehen?

Ich war aufgeregt, aber ich spürte keine Angst. Ich wusste, was kommen würde. Unsere Pose dauert nur wenige Sekunden, und schon stürzten sich Zivilpolizisten auf uns. Ich erinnere mich an etwa zehn oder mehr Personen, die versuchten, mich zu Boden zu ringen. Ich rief fortwährend "Free Tibet! Tibet is no part of China!" Ich erinnere mich noch an einen Faustschlag gegen die Schläfe, später würgte mich eine Person, um meine Rufe zu ersticken.

Schließlich wurden wir in einen Polizeibus gezerrt und in ein leerstehendes Gebäude einer Universität gebracht. Leider trafen wir dort auch auf unsere Fotografin Amanda McKeown. Aus den wenigen Worten, die wir wechseln durften, erfuhren wir, dass es wahrscheinlich kein Presseteam geschafft hatte, Fotos zu machen. War alles umsonst gewesen?

Nach einem Tag mit Verhören wurden wir von der Universität in ein Gefängnis für Ausländer verlegt. Dort wurde ich nachts auf einen Stuhl geschnallt und unter Schlafentzug verhört. Tagsüber verbrachte ich meine Zeit in einer Zelle mit neun anderen Mithäftlingen, schlafen durfte ich aber auch dort kaum. Mit den anderen Aktivisten hatte ich keinen Kontakt. Am zweiten Tag endlich durfte ich mit einer Vertreterin der Deutschen Botschaft sprechen, die mir Grüße von zu Hause ausrichtete. Zehn Tage Administrativhaft waren gegen uns verhängt worden.

Am vierten Tag hieß es plötzlich: „Sachen packen!" Als ich aus der Gefängniskluft wieder in meine Zivilbekleidung schlüpfen durfte, wusste ich, dass es zum Flughafen gehen würde. Zusammen mit Amanda wurde ich nachts um zwei in einen Flieger nach Frankfurt gesetzt. Kurz vor dem Start konnten wir noch einen Anruf tätigen. Wir erfuhren, dass es doch ein Foto von unserer Aktion gab und dass sie weltweit ein großes Medienecho hervorgerufen hatte. So waren all die Anstrengungen nicht umsonst gewesen!

Ich will mich keinesfalls darüber beklagen, was mir persönlich widerfahren ist. Ich habe das Risiko bewusst auf mich genommen. Aber ich will darauf hinweisen, was einem chinesischen Staatsbürger oder einem Tibeter in Tibet droht, der einen ähnlichen Protest durchführt, ohne von einem westlichen Pass geschützt zu sein.

Zwei chinesische fast 80-jährige Damen, die Proteste in den designierten Protestzonen angemeldet hatten, waren zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt worden. Manche Leute fragen, warum jemand aus Europe nach China fahren muss, um dort zu protestieren. Die einfache Antwort ist, weil Chinesen und Tibeter nicht selbst für ihre Rechte demonstrieren können, ohne ihr Leben zu gefährden.

Florian Norbu Gyana Tshang

Wir verwenden auf dieser Seite Google Analytics