Geshe Pema Samten: vom aufbrausenden Bauernjungen zum gelehrten Lama

von Brita Janssen

Geshe Pema Samten, geboren 1957, ist seit Anfang 2003 in Hamburg. Geshe Thubten Ngawang, der im Januar 2003 verstorbene Geistlicher Leiter des Tibetischen Zentrums, hatte ihn eingeladen, um ihn bei seinen vielfältigen Aufgaben im Tibetischen Zentrum zu unterstützen.

Geshe Pema Samten ist in Osttibet geboren, wo er von 1968 bis 1971 auch die Grundschule besuchte. Zwischen 1972 und 1981 half er seinen Eltern bei der Feldarbeit. 1982 nahm er noch in Tibet die Noviz-Ordination und verließ danach seine Heimat, um im indischen Exil zu studieren. Er wurde 1983 zum voll ordinierten Mönch geweiht und absolvierte die Geshe-Ausbildung im Kloster Sera Je.

Im Jahr 1997 legte er die Abschlussprüfung für den Lharampa-Geshe ab, den höchsten Ausbildungsgrad der tibetischen Klosteruniversitäten. Danach besuchte er ein Jahr lang das Gyudmed Tantra-Kloster in Südindien.

1999 ging Geshe Pema Samten nach Tibet zurück, wo er Abt des Dargye-Klosters ist. Das Dargye-Kloster ist das Heimatkloster von Geshe Thubten Ngawang, wo dieser seinem wichtigsten Lehrer, dem damaligen Abt von Dargye, Geshe Dschampa Khedrup, begegnete.

In Tibet geboren und aufgewachsen

Wenn er erstmal ins Erzählen kommt, dann ist er kaum zu bremsen. Nur sein unglaubliches Lachen, das harmlos kichernd-plätschernd einsetzt und dann zu einem gewaltigen, mitreißenden Strom anschwillt, unterbricht Geshe Pema Samtens Redefluss mitunter. An äußerlichen Förmlichkeiten ist dieser Mann nicht interessiert: Der Begrüßungskatag wird freundlich, aber ohne Getue entgegen genommen und ebenso wie die Blumen rasch beiseite getan. Der 46-Jährige wirkt energiegeladen und voller Tatkraft. „Der kann sicher auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen“, denkt man sich und ist überhaupt nicht erstaunt, zu hören, woher der Lama stammt: Aus der osttibetischen Provinz Kham, die seit Jahrhunderten berühmt ist für ihre kampfesmutigen Krieger.

Er kommt aus Jatzi, erzählt der Geshe, einem kleinen Dorf nahe beim Kloster Dargye. Aufgewachsen ist er in einer armen Bauernfamilie. „Wir hatten gerade das Nötigste zum Überleben, so wie unsere Nachbarn. Ich habe bei der harten Feldarbeit geholfen, wir haben Gerste, Bohnen und Weizen angebaut.“ Geshe-las Vater starb früh, und da sein jüngerer Bruder wegen einer Gehbehinderung nicht so viel arbeiten konnte, blieb das meiste an ihm hängen. Für den Schulbesuch war da nur drei Jahre Zeit: „Ich besuchte kurze Zeit eine chinesische Grundschule, denn wir leben dort in der Region mit Chinesen zusammen.“

Dass er im nahe gelegenen Kloster Dargye, in dem auch Geshe Thubten Ngawang lange bei seinem Hauptlama, dem Dargye-Abt Dschampa Khedrup, studierte, einmal Abt werden würde, hätte er sich zu der Zeit nicht träumen lassen. „Das Kloster war damals völlig zerstört, und religiöses Leben gab es kaum“, sagt Geshe Pema Samten. Dennoch hatte er schon früh Vertrauen in die Religion und zitierte gerne das Mantra von Guru Padmasambawa und das Bittgebet an Tsongkapa, das „Migzema“. „Das hatte ich von meinen Eltern gelernt. Der Wunsch, Mönch zu werden, entstand erst viel später, als es allmählich wieder Mönche in der Gegend gab, die mir Lesen und Schreiben beibrachten und mich Gebete lehrten.“

Aufbruch nach Indien

In seinem Dorf schätzten ihn die Menschen. „Ich war sehr kräftig und stark, ich sagte meine Meinung und war trotz meiner aufbrausenden Art im Grunde ein gutmütiger Kerl“, erzählt er und gestikuliert mit seinen langfingerigen Händen, die heute nicht mehr nach harter Feldarbeit aussehen. Die Leute wollten ihn sogar zum Verwalter des dörflichen Gemeinschaftsbesitzes ernennen, „doch das lehnte ich ab, da ich mir keinen Ärger einhandeln wollte“. Mit 23 nahm er von einem älteren Mönch das Novizgelübde. „Vor allem meine Mutter zählte darauf, dass ich weiter in der Familie bleiben würde, um bei der Arbeit zu helfen, aber mein Wunsch nach einer guten Ausbildung wuchs immer mehr“, erzählt der Geshe. So reifte in ihm der Entschluss, nach Südindien zu gehen und im Kloster Sera Je zu studieren.

Seine Mutter wollte ihn nicht gehen lassen. „Da bin ich regelrecht getürmt,“ meint Geshe-la und lacht. Eine Zeit lang plagte ihn das schlechte Gewissen, seine verzweifelte Mutter im Stich gelassen zu haben. Doch die Desillusionierung über das leidhafte weltliche Leben und das Streben nach höheren spirituellen Zielen trieben ihn an, seinen Dharma-Weg konsequent weiterzugehen. Aus Indien schrieb er einen Brief an seine Mutter, in dem er ihr die Beweggründe seiner Entscheidung noch einmal darlegte. Seine Mutter antwortete darauf versöhnlich und freute sich, dass aus ihrem Sohn ein guter Mönchsstudent geworden war. 1983 hatte der damals 26-Jährige die volle Ordination genommen.

„Im Kloster war ich anfangs sehr einsam. Ich kannte keinen und stammte im Vergleich zu anderen aus einfachsten Verhältnissen. Außerdem entmutigten mich viele, indem sie mir sagten: „Was willst du denn hier? Du kannst nicht mal richtig lesen und schreiben und willst mit 25 noch studieren?“ Doch ein kämpferischer Khampa lässt sich nicht beirren. „Ich stürzte mich mit großem Eifer ins Studium. Das war auch eine Art, die Liebe und Güte meiner Eltern zurückzugeben. Und je mehr ich meinen Geist im Dharma schulte, umso geringer wurde meine Neigung zum Jähzorn.“ Schon nach fünf Jahren wurde er gebeten, jüngere Studenten zu unterrichten. Einige Klassen konnte er wegen guter Leistungen überspringen, und bereits nach 14 Jahren machte er 1997 die Prüfung zum Lharampa-Geshe. Seine Lehrer in Sera waren Geshe Lobsang Palden und Geshe Trinlä Dorsche.

Zurück nach Osttibet

Kurz darauf wurde Geshe Pema Samten gebeten, ins Kloster Dargye zu kommen. „Dort herrschten sehr instabile Verhältnisse, und in der dörflichen Umgebung gab es viel Auseinandersetzungen.“ Geshe-la lehnte zunächst ab: „Sucht euch jemanden mit viel Durchsetzungskraft, hohem Ansehen und großen Tugenden“, sagte er und nahm erst einmal Geshe Thubten Ngawangs Rat an, ins Tantra-Kolleg zu gehen, um die Rituale zu erlernen. „Geshe Thubten Ngawang hat mir immer wieder ideell mit Ratschlägen und materiell mit Unterstützung durch einen Paten geholfen. Obwohl ich nie Unterricht von ihm bekommen habe, betrachte ich ihn als einen meiner Lehrer“, sagt Geshe Pema Samten.

Als er zurück nach Tibet fuhr, um seine Mutter zu besuchen, holte man ihn doch ins Kloster Dargye, um dort für Ordnung zu sorgen. „Da hatte mich aber schon Geshe Thubten Ngawang gebeten, ihn als Lehrer in Hamburg zu unterstützen. Also einigten wir uns alle darauf, dass ich zunächst für drei Jahre als Abt in Dargye bleibe, um dann nach Deutschland zu gehen.“ In Dargye hat Geshe Pema Samten mittlerweile viel bewirkt, und auch die Dorfbevölkerung schätzt ihn, weil er zu einem friedlichen Leben auch mit den Chinesen beigetragen hat. „Ich werde dort wirklich gebraucht und habe auch zu vielen Menschen spirituelle Verbindungen geknüpft, die ich nicht abbrechen will“, meint Geshe Pema Samten. Er könnte sich vorstellen, neben seiner Tätigkeit in Hamburg weiterhin Abt in Dargye zu bleiben und jedes Jahr für rund zwei Monate dorthin zu reisen.

Von Geshe Thubten Ngawang hat er vor dessen Tod noch ein paar Kassetten bekommen. „Ich weiß ungefähr, wie seine Pläne für das Zentrum waren, konnte es aber nicht mehr mit ihm besprechen. Jetzt muss ich durch seine Schüler erfahren, was meine Aufgaben hier sein sollen.“

Geshe Pema Samten wird zunächst in Hamburg Kurse leiten, die Geshe Rinpoche noch geplant hatte. Vor allem wird er die Studienlehrgänge betreuen. Eins steht für ihn fest: „Ich bin nur zufrieden, wenn ich gebraucht werde und Nutzen bringe. Es macht mich unglücklich, tatenlos zu sein.“