Geshe Lobsang Palden: Sanfter Meister der Gelehrsamkeit

Nach einem Bericht von Birgit Stratmann

Geshe Lobsang Palden, (1935 bis 2016), war einer der Hauptlehrer im Kloster Sera-je, Südindien, und der engste Schüler von Kensur Geshe Ugyen Rinpoche. Er kam im Juli 2004 für drei Monate ins Tibetische Zentrum Hamburg.

Bescheiden, fast demütig, und mit offenem Herzen begegnete Geshe Lobsang Palden den Menschen. Seine überragende Gelehrsamkeit und seine zahlreichen Tugenden erschlossen sich nicht auf den ersten Blick. Er erinnerte an einen Kadampa-Geshe, der seinen inneren Reichtum hinter einer gewöhnlichen Erscheinung verbirgt. Seine Natürlichkeit im Umgang mit anderen sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zu den größten zeitgenössischen Gelehrten des tibetischen Buddhismus und den bedeutendsten Lehrern im Kloster Sera-je zählte, wo er rund 1600 Schüler hatte; dies war etwa die Hälfte aller Mönche, die unter seiner Obhut ausgebildet wurden. Jedes Jahr zum Neujahrsfest reisten Tibeter extra aus Tibet an, um Initiationen zu erbitten und seinen Segen zu empfangen.

Starkes Interesse am Lernen

Er wurde 1935 als Bauernsohn Dorje Sangdrup in Longchönang, rund fünf Kilometer vom Kloster Dhargye entfernt, geboren. Er hatte neun Geschwister und lernte in seinem Elternhaus lesen und schreiben. Vor allem sein Vater, mit großem Interesse am Buddhismus, half ihm dabei. Als Dorje Sangdrup elf Jahre alt war, starb sein Vater. Damit schwand für den Jungen die Perspektive, zu Hause noch mehr zu lernen, und er trat 1946 ins nahe gelegene Kloster Dhargye ein. Die Klöster waren zu jener Zeit in Tibet Ausbildungszentren, und so wurde er Mönch, um etwas zu lernen.

Sein wichtigster Lehrer im Kloster Dhargye, wo auch Geshe Thubten Ngawang lebte, war Geshe Dschampa Khedrup. Wenn Geshe Lobsang Palden später an seinen Lehrer dachte, erinnerte er sich vor allem an seine Freundlichkeit und Güte. „Ich verdanke ihm essentielle Unterweisungen, etwa zum Stufenweg zur Erleuchtung (Lamrim), an die ich mich heute immer wieder erinnere. Durch den Kontakt entstand in mir ein tiefes Vertrauen in den Dharma und die Überzeugung, dass es das Beste ist, als Mönch zu leben.“

Er habe in dieser frühen Zeit auch gelernt, wie wichtig es ist, einen geistigen Lehrer zu haben: „Ich verstand plötzlich auch die Geschichte von Tilopa und seinem Schüler Naropa und war zu Tränen gerührt, wenn mein Lehrer mir Geschichten über die großen buddhistischen Meister der Vergangenheit erzählt,“ sagte der Geshe sichtlich bewegt. Er weinte auch später noch manchmal, erzählte er freimütig, wenn er an die geistigen Qualitäten seiner Lehrer dachte oder darüber sprach. Außenstehende mögen das merkwürdig finden, für ihn sei es ein Ausdruck seines großen Vertrauens.

Lieblingsbeschäftigung: Unterrichten von Dharma


1952, im Alter von 17 Jahren, wechselte er an die Klosteruniversität Sera nahe Lhasa, um intensive Studien aufzunehmen. Dort begegnete er weiteren großen Lehrern: Geshe Ugyen Rinpoche und Kangyurwa Rinpoche Lobsang Thupten. Sieben Jahre verbrachte der angehende Geshe dort und durchlief die Studien von Erkenntnistheorie (Gesammelte Themen zur Gültigen Erkenntnis) bis zum Eintritt in die Madhyamaka-Klasse über die Philosophie der Leerheit. Doch das Studium wurde jäh unterbrochen. Wie fast die gesamte geistige Elite floh auch Geshe Lobsang Palden 1959 nach Indien ins Exil. Dort verbrachte er die ersten Jahre im Auffanglager Buxa, wo er unter schwierigen Bedingungen seine Studien fortsetzte: Er machte zunächst in der Madhyamaka-Klasse weiter und studierte dann Abhidharmakoœa und Vinaya.

1967 war er einer der ersten Tibeter, die an dem neu gegründeten Central Institute of Higher Tibetan Studies (CIHTS) in Sarnath, Varanasi, ihr Studium aufnahmen. Das CIHTS ist bis heute die einzige tibetische Universität in Indien, die im internationalen Universitätssystem anerkannt ist und an der Männer und Frauen, Ordinierte wie Laien buddhistische Philosophie studieren können. In Sarnath lernte der 32-Jährige auch Sanskrit und Hindi und setzte das Studium der fünf großen Schriften fort. Geshe Lobsang Palden gehörte zu den Pionieren, die das Studium maßgeblich mitentwickelten.

Nachdem er in Sarnath seinen Acarya-Abschluss gemacht hatte, wechselte er 1978 ins neu gegründete Kloster Sera nach Bylakuppe, Südindien, um seine Geshe-Prüfungen abzulegen. Mit Bravour machte er seine Abschlüsse und erlangte den Titel eines Geshe-Lharampa, des höchsten Ausbildungsgrades der Klosteruniversitäten. Danach ging er nicht, wie viele andere Geshes, ins Tantrakolleg, sondern folgte dem Rat S.H. des Dalai Lama, sofort im Kloster Sera-je zu unterrichten. Diese Aufgabe erfüllt er seit 1980 ohne Unterbrechung mit unermüdlichem Enthusiasmus.

Respekt für das Tibetische Zentrum

Einer seiner engsten Freunde war Geshe Thubten Ngawang, der allerdings einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, indem er ein Dharmazentrum im Westen aufbaute und hauptsächlich Laien unterrichtete. Hatte Geshe Lobsang Palden dafür Verständnis? Seine Antwort ist ein uneingeschränktes Ja: „Geshe Thubten Ngawang hat mehr geleistet als wir hier in Sera, denn wir haben letztlich nur unsere Tradition fortgeführt.“

Geshe Thubten Ngawang jedoch habe vor allem mit dem Systematischen Studium des Buddhismus, in dem die wichtigsten Inhalte des Klosterstudiums enthalten sind, Pionierarbeit in einer ganz anderen Kultur geleistet. Geshe Rinpoche habe nicht den Fehler gemacht, die traditionellen Inhalte und Methoden eins zu eins zu übertragen, sondern er habe sie den Verhältnissen im Westen und den Fähigkeiten der Schüler entsprechend vermittelt, etwa durch die Einrichtung von Arbeitskreisen und Diskussionsgruppen.

Im Juli 2004 macht Geshe Lobsang Palden sich zu seiner ersten Auslandsreise auf: ins Tibetische Zentrum nach Hamburg. Die Reise hat eine längere Vorgeschichte. Schon im Jahr 2002 bat S.H. der Dalai Lama ihn zu sich, um dem verblüfften Geshe vorzuschlagen, einmal das Kloster zu verlassen, ins Ausland zu gehen „und seinen Erfahrungshorizont zu erweitern“. Aber wohin sollte er gehen? Es lag keine einzige Einladung eines Klosters oder Dharma-Zentrums vor. Niemand hätte es gewagt, den berühmten Gelehrten aus Sera wegzulotsen, wo er so wichtige Aufgaben zu erüllen hat. Und so konnte Geshe Lobsang Palden im Gespräch mit Seiner Heiligkeit nicht mit einer Idee aufwarten.

Erster Auslandsbesuch

Erst ein Jahr später, im Sommer 2003, kam die Einladung des Tibetischen Zentrums. Hier hatten die Verantwortlichen kaum zu hoffen gewagt, dass es einmal möglich sein würde, Geshe Lobsang Palden einzuladen, und niemand wusste von dem Ratschlag des Dalai Lama an den Geshe aus dem Jahr 2002. Trotzdem schien sechs Monate nach dem Tod Geshe Thubten Ngawangs die Zeit reif für eine Anfrage an einen seiner besten Dharmafreunde. Geshe Lobsang Palden konnte zu der Einladung aus Hamburg kaum etwas anderes sagen als „Ja“ und betrachtet es heute als eine glückliche Fügung: „Das Karma für meinen Deutschlandaufenthalt ist jetzt herangereift, und selbst wenn ich nicht fahren wollte, so könnte ich wohl nichts mehr dagegen ausrichten.“ Das Zentrum wurde durch seine Unerweisungen sehr bereichert.

Im Mai 2016 verstarb Geshe Lobsang Palden nach langer Krankheit.

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