Tibet und Buddhismus Nr. 104, 1/2012
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Eine Zukunft für die tibetische Medizin
Von dem Versuch, östliches und westliches Wissen vom Heilen zu verbinden
Der Blick vom Potala-Palast auf die tibetische Hauptstadt Lhasa bietet ein trauriges Bild. Neben den endlos sich hinziehenden chinesischen Siedlungen ragt gegenüber vom Chakpori-Berg eine Fernsehantenne in den Himmel - Wahrzeichen des neuen Lhasa. "Was war denn hier, bevor es Fernsehen gab?", habe ich bei einem meiner Besuche einmal eine Reiseführerin gefragt. Die junge Tibeterin war in China ausgebildet worden und zeigte mit besonderem Stolz die Errungenschaften der Moderne. "Nichts", erklärte sie mit voller Überzeugung. "Wirklich nichts? Aber Fernsehantennen gibt es doch noch nicht lange", versuchte ich meine Frage zu rechtfertigen. "Nein, da war vorher wirklich nichts", blieb sie dabei. Ich wollte es nicht auf einen ernsthaften Disput ankommen lassen, da ich noch einige Recherchen geplant hatte, und dann ist es nicht gut, als kritischer Tourist aufzufallen. Gern hätte ich aber erfahren, ob sie es selbst nicht besser weiß, oder ob sie ihr Wissen nicht preisgeben darf. Bis 1959 stand nämlich die größte medizinische Hochschule des Landes auf dem Chakpori gegenüber vom Potala. Nicht ein Stein blieb von ihr übrig, und später haben die Chinesen und ihre Unterstützer der Welt erklärt, sie hätten Tibet ein Gesundheitssystem mit Krankenhäusern gebracht.
Interessanterweise erfreut sich die tibetische Medizin heute wieder einer gewissen Wertschätzung bei den chinesischen Besatzern. Das hat allerdings sehr pragmatische Gründe. Die Chinesen mussten einsehen, dass ihre Medizin auf viele Krankheiten, die mit der Höhe und den klimatischen Gegebenheiten des Himalaya zu tun haben, keine Antwort weiß. Aufgrund der Heilerfolge der tibetischen Medizin wird sie im bescheidenen Rahmen wieder respektiert. Auf dem Chakpori kann die Zeit indes nicht zurückgedreht werden; von einer systematischen Förderung und Forschung ist ohnehin keine Rede.
Szenenwechsel. Irgendwo in Deutschland ist der Vortrag eines tibetischen Arztes angekündigt. Schon frühzeitig füllen sich die Reihen im Saal. Am Ende stehen manche eineinhalb Stunden lang, nur um nichts zu versäumen. Für Einzelsitzungen gibt es eine lange Warteliste. Politische Referenten können von einer solchen Resonanz nur träumen. Und hier kommen nicht nur Menschen zusammen, die mit einer gewissen Verklärung die tibetische Kultur bewundern. Für einige ist die tibetische Medizin die letzte Hoffnung, von zum Teil langwierigen Leiden erlöst zu werden.
Szenenwechsel. Fast einen vollen Tag habe ich benötigt, um von Kalkutta nach Kalimpong zu gelangen, einem Ort im indischen Himalaya an der Grenze zu Sikkim. Für das letzte Stück nehme ich ein Taxi. Bald künden große tibetische Gebetsfahnen auf einer Anhöhe in dem kleinen Ortsteil Madhuban (auf deutsch Honigwald) davon, dass ich am Ziel meiner Reise bin, dem International Trust for Traditional Medicine (ITTM). Am Eingang empfängt mich Barbara Gerke, eine Deutsche, die das Projekt im Dezember 1995 mit dem Gelehrten Lama Chimpa sowie indischen und tibetischen Freunden ins Leben gerufen hat. So ungewöhnlich wie das Projekt ist auch der Werdegang der beiden Gründer. Lama Chimpa stammt aus der Mongolei, ist jedoch als junger Mann nach Tibet gezogen, um in den Klosteruniversitäten Drepung und Kumbum die traditionelle Ausbildung der tibetisch-buddhistischen Lamas zu absolvieren. Er machte einen Abschluss als Rabschampa, was einem Professor für buddhistische Philosophie entspricht. 1952, kurz nach dem chinesischen Einmarsch in Tibet, kam er zum ersten Mal nach Kalimpong, wo er Englisch und Sanskrit mit Dr. George Roerich studierte. Später nahm er eine Lehrtätigkeit an der Visva Bharati Universität in Santiniketan auf. Die 150 Kilometer nördlich von Calcutta gelegene renommierte Hochschule ist von dem Dichterfürsten Rabindranath Tagore gegründet worden. Seit seiner Pensionierung lebt der rüstige 73-Jährige in Kalimpong. Im Aufbau des ITTM hat er eine neue Herausforderung gefunden.
Voneinander Lernen
Barbara Gerke ist eine Krankenschwester aus dem Bergischen Land. Eigentlich hatte sie als Entwicklungshelferin nach Afrika gehen wollen, doch vor zwölf Jahren verschlug es sie in den indischen Himalaya. Sie blieb dort und ist heute eine wichtige Mittlerin zwischen der tibetisch-buddhistischen Heiltradition und der abendländischen Medizin. Sie spricht gut tibetisch und hat ihre Kenntnisse als Krankenschwester durch ein Studium der tibetischen medizinischen Literatur an der Universität von Nord-Bengalen erweitert. Einige Zeit ist sie mit dem tibetischen Arzt Dr. Trogawa Rinpoche, der gleichzeitig ihr Lehrer war, durch Europa gereist, um seine Diagnosen oder Ratschläge für die Hilfesuchenden zu übersetzten. Darin sah sie jedoch langfristig keine Perspektive.
Beim Kräutertee zur Begrüßung im geräumigen Esszimmer umreißt sie ihre Motivation für das Projekt: "Die tibetisch- buddhistische Kultur erfährt häufig eine unreflektierte Bewunderung. Auch ich schätze den Reichtum dieser Kultur sehr, doch wenn es langfristig zu einer Symbiose von östlichem und westlichem Wissen vom Heilen kommen soll, die mehr ist als eine Modeerscheinung, dann benötigen wir nicht nur tibetische Ärzte, die in den Westen gehen. Wir brauchen ein wissenschaftliches Fundament als Basis für einen echten, gleichberechtigten Austausch. Mit dem Trust wollen wir dazu beitragen." Durch ihre langjährige Erfahrung weiß Barbara Gerke, dass Bewusstseinsarbeit auf beiden Seiten nötig ist. Kritik an den Ärzten, die von vielen Menschen in Europa als letzte Rettung konsultiert werden, ist für sie kein Tabu: "Wenn tibetische Mediziner nach Europa gehen, dann müssen sie mehr von der westlichen Medizin verstehen und mit westlichen Medizinern zusammenarbeiten, die ihrerseits Einblick in die tibetische Medizin haben sollten. Diese Art von Austausch lässt häufig zu wünschen übrig. So ist es zum Beispiel medizinisch unverantwortlich, wenn jemand seit Jahren unter Hormonbehandlung steht und dann unvermittelt auf die tibetische Heilkunst umsteigt, weil er sich dort bessere Ergebnisse verspricht. In der tibetischen Medizin existiert das Konzept von "Hormonen" nicht, und ein tibetischer Arzt weiß nicht, welche Gefahren eine plötzlich unterbrochene Hormontherapie mit sich bringt. Auch der Übersetzer kann ihm das nicht erklären. Tibetische Ärzte müssen wissen, worauf sie sich im Abendland einlassen. Wenn sie mit westlichen Medizinern zusammenarbeiten wollen, bedarf das gezielter Vorbereitung und Weiterbildungsmöglichkeiten. Daran mangelt es."
Wie der Name des ITTM verrät, geht es nicht nur um die tibetische Medizin im engeren Sinne. Der Verein will auch das noch vorhandene Wissen über weitere Heilmethoden aus dem Himalaya sammeln, erfassen, systematisieren und damit für die Allgemeinheit nutzbar machen. Um ihren Anspruch zu verwirklichen, verfolgt der Trust folgende Schwerpunkte:
1. Die Mitarbeiter erstellen eine Datenbank von den wichtigsten medizinischen Werken, die in Tibet vor der chinesischen Besetzung bekannt waren. Die elektronische Version von tibetischen Medizintexten soll die langwierige und immer noch ausstehende Übersetzungsarbeit der Texte in westliche Sprachen für Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsbereichen erleichtern.
2. Ebenfalls in Arbeit ist ein Glossar (Sanskrit-Tibetisch-Englisch-Deutsch) der medizinischen Begriffe aus einem bekannten ayurvedischen Sanskrittext des 7. Jahrhunderts, der ins Tibetische übersetzt wurde und Einblick in die Terminologie der tibetischen Medizin gibt. Damit soll die Basis für weitere Übersetzungen von Texten aus der tibetischen und ayurvedischen Tradition geschaffen und die indischen Ursprünge der tibetischen Medizin genauer untersucht werden.
3. Eine Bibliografie soll alle bekannten Werke der tibetischen Medizin erfassen, darunter auch solche aus der frühen Zeit, die in anderen Texten erwähnt, deren Originale aber verlorengegangen sind. In diesem Bereich ist der Nachholbedarf besonders groß, weil es solche Initiativen selbst in den klassischen tibetischen Medizinhochschulen vor der chinesischen Besetzung kaum gegeben hat. Die Bibliographie erscheint auch digital, so dass sie für alle Interessierten in aller Welt jederzeit abrufbar ist.
4. Heilpflanzen aus der Himalayaregion, die für die tibetische und ayurvedische Medizin unerlässlich sind, werden im eigenen Garten nach biologisch- dynamischen Grundsätzen angebaut. Daneben gedeihen auch Produkte für den täglichen Bedarf.
Biologisch-Dynamischer Anbau
Vor allem mit dem letzten Punkt betreten die Initiatoren Neuland. In Indien und dem Himalaya hat die biologischdynamische Landwirtschaft keine nennenswerte Tradition. Dennoch begeistern sich die beiden einheimischen Gärtner Mahendra und Babu Rai für die Erzeugnisse, die ganz ohne Kunstdünger möglich sind. "Kommen Sie mit", fordern sie mich auf, "wir haben gerade Ingwer geerntet. Es sind prachtvolle Knollen." Behände klettern die beiden gar nicht mehr sonderlich jungen Männer den kleinen Abhang hinunter. Dort, wo noch vor kurzem Wiese war, die sich bis zur Straße hinzieht, haben sie große Rabatten angelegt. Auf den Ingwer sind sie offenbar besonders stolz. Doch auch Kohl, Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln und andere Gemüsearten gedeihen gut hier auf 1.350 m Höhe, obwohl der Boden selbst nicht sonderlich nährstoffreich ist. "Wir haben drei Lastwagenladungen voll Kuhmist und vermodertem Laub kommen lassen, als wir den Garten angelegt haben", erläutert Mahendra. Darüber hinaus werden die Abfälle aus der Küche in drei Tonnen kompostiert und biodynamische Präparate hinzugefügt. Diese Zutaten haben den Boden spürbar verbessert.
Eine ganz besondere Pflege benötigen die Heilkräuter. Mehrere dutzend Arten kultiviert der Trust inzwischen selbst. Dazu zählen euro päische wie einheimische Heilpflanzen. Plastikplanen schützen die Beete vor den kräftigen Niederschlägen. Um im biologisch- dynamischen Anbau weitere Erfahrungen zu sammeln, sucht Barbara Gerke den Kontakt zu kundigen Individualisten, die ihr Wissen mit dem ITTM teilen möchten. Natürlich ist nicht nur der Austausch mit der abendländischen Welt gefragt. Da es angesichts der politischen Bedingungen nicht möglich ist , mit Medizinern in Tibet in Verbindung zu treten, bestehen enge Kontakte zur Mongolei. Das hängt nicht nur mit der Herkunft von Lama Chimpa zusammen. In der Mongolei hat es seit der politischen Öffnung und der Loslösung aus der engen Abhängigkeit von Sowjetrussland eine erstaunliche Renaissance der buddhistischen Tradition gegeben. Im 13. und 16. Jahrhundert haben mongolische Fürsten tibetische Lamas ins Land geholt, um den Buddhismus zu verbreiten. Diese Wurzeln konnten auch einige Jahrzehnte aufgezwungener Kommunismus nicht ausrotten. Das Interesse aneinander ist beidseitig; viele Mongolen suchen ebenfalls wieder den Kontakt zur tibetisch-buddhistischen Welt. So hat der Botschafter der Mongolei in Indien, Oidov Nyamdavaa, im vergangenen Jahr eigens den Trust aufgesucht und sich über die laufenden Projekte informiert. Einige Monate später ist Barbara Gerke zu einer Reise in die Mongolei sowie ins benachbarte Altai und Burjatien aufgebrochen, Gebiete, die von der tibetisch-buddhistischen Kultur geprägt sind. Auf dem Programm stand vor allem der Besuch traditioneller Hospitäler, die heute in der modernen Hauptstadt Ulan Bator wieder Zulauf haben. "Ich konnte mit den bekanntesten mongolischen Ärzten zusammentreffen und hatte den Eindruck, es besteht ein großes Bedürfnis, sich mit anderen Teilen der Welt auszutauschen. Die Menschen wollen endlich heraus aus der jahrzehntelangen Isolation", meint sie über die Stimmung im Land.
Neben den genannten Aktivitäten veröffentlichte der Trust die Zeitschrift Ayur Vijnana (auf deutsch: "Bewusstes Wissen vom langen Leben"). Jede Ausgabe ist ein kleines Beispiel für bibliophile Buchdruckkunst, denn sie erscheint auf handgeschöpftem Papier und wird an Unterstützer und Interessierte in aller Welt verschickt. Wem es mehr auf die nüchternen Informationen ankommt, kann die Artikel auch im Internet lesen. Für die Zukunft hat der Trust noch große Pläne. Er möchte ein internationales Forum für die Ausbildung in traditioneller Medizin anregen. Zudem soll der unmittelbare Kontakt zwischen Heilern, Ärzten und Medizinstudenten aus der westlichen Welt und dem Himalaya verbessert werden. Studenten der Tibetologie, Anthropologie, Ethnologie, Botanik, Medizin und alternativen Heilmethoden stehen im ITTM Möglichkeiten für Forschungen offen.
All die Initiativen und Pläne hätten keine Chance ohne die finanzielle Unterstützung und ehrenamtliche Mithilfe eines wachsenden Freundeskreises. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Zu den wichtigsten Gönnern zählt zum Beispiel das Schweizer Unternehmen Padma, das mit tibetischer Medizin auf dem europäischen Markt große Erfolge erzielt hat. Aber ITTM setzt auch auf die konkrete Mitarbeit vor Ort. Der Verein bietet Freiwilligen, die an tibetischer Medizin oder biologisch-dynamischer Landwirtschaft interessiert sind, die Möglichkeit zur Mitarbeit an, allerdings sollten die Betreffenden mindestens drei, möglichst sechs Monate Zeit mitbringen. Viele Arbeiten können auch von Laien nach einer Einarbeitungsphase erledigt werden. Für Kurzbesuche aus Neugierde stehen einige komfortable Fremdenzimmer zur Verfügung. Und für alle lässt der atemberaubende Blick auf den Kanchenjunga im Norden des Honigwaldes die Mühen der Reise und der Arbeit vergessen.
Kontakt:
<dl><dd>International Trust for Traditional Medicine </dd><dd>Vijnana Niwas, Madhuban </dd><dd>Kalimpong 734 301 </dd><dd>INDIEN </dd><dd>e-mail: ittmk@cal.vsnl.net.in </dd><dd>Telefon: 0091.3552.56459 oder 53502 </dd><dd>www.kreisels.com/ittm </dd></dl>
Tipps zum Lesen:
<dl><dd>Amipa-Desam, Tendhon, Dr.: </dd><dd>Klassische tibetische Medizin. </dd><dd>Die Heilkunst aus dem Land des Dalai Lama. Ratgeber </dd><dd>Ehrenwirt, München 2000 </dd><dd> </dd><dd>Asshauer, Egbert: </dd><dd>Heilkunst vom Dach der Welt. </dd><dd>Tibets sanfte Medizin. </dd><dd>Herder Verlag, Freiburg 1993 </dd><dd> </dd><dd>Choedrak, Tenzin: </dd><dd>Ganzheitlich leben und heilen. </dd><dd>Herder Verlag, Freiburg, 1994 </dd><dd> </dd><dd>Choedrak, Tenzin: </dd><dd>Der Palast des Regenbogens. </dd><dd>Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich. </dd><dd>Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig 1999 </dd><dd> </dd><dd>Clifford, Terry: </dd><dd>Tibetische Heilkunst. </dd><dd>Eine Einführung für westliche Leser in eines der ältesten ganzheitlichen Heilsysteme. </dd><dd>O. W. Barth Verlag, München, Bern, Wien 1989 </dd><dd> </dd><dd>Ludwig, Klemens: </dd><dd>Tibet. Eine Länderkunde </dd><dd>Beck Verlag, München 2000 </dd></dl>
Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 59, 2001
www.tibet.de/zeitschrift

