Geshe Lobsang Palden: Sanfter Meister der Gelehrsamkeit
von Birgit Stratmann
Geshe Lobsang Palden, 69, ist einer der Hauptlehrer im Kloster Sera-je, Südindien, und der engste Schüler von Kensur Geshe Ugyen Rinpoche. Er kommt im Juli 2004 für drei Monate ins Tibetische Zentrum Hamburg.
Bescheiden, fast demütig, und mit offenem Herzen begegnet Geshe Lobsang Palden den Menschen. Seine überragende Gelehrsamkeit und seine zahlreichen Tugenden erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Der 69-Jährige erinnert an einen Kadampa-Geshe, der seinen inneren Reichtum hinter einer gewöhnlichen Erscheinung verbirgt. Seine Natürlichkeit im Umgang mit anderen sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zu den größten zeitgenössischen Gelehrten des tibetischen Buddhismus und den bedeutendsten Lehrern im Kloster Sera-je zählt, wo er rund 1600 Schüler hat; dies ist etwa die Hälfte aller Mönche, die unter seiner Obhut ausgebildet werden. Jedes Jahr zum Neujahrsfest reisen Tibeter extra aus Tibet an, um Initiationen zu erbitten und seinen Segen zu empfangen.
Starkes Interesse am Lernen
Er wurde 1935 als Bauernsohn Dorje Sangdrup in Longchönang, rund fünf Kilometer vom Kloster Dhargye entfernt, geboren. Er hatte neun Geschwister und lernte in seinem Elternhaus lesen und schreiben. Vor allem sein Vater, mit großem Interesse am Buddhismus, half ihm dabei. Als Dorje Sangdrup elf Jahre alt war, starb sein Vater. Damit schwand für den Jungen die Perspektive, zu Hause noch mehr zu lernen, und er trat 1946 ins nahe gelegene Kloster Dhargye ein. Die Klöster waren zu jener Zeit in Tibet Ausbildungszentren, und so wurde er Mönch, um etwas zu lernen.
Sein wichtigster Lehrer im Kloster Dhargye, wo auch Geshe Thubten Ngawang lebte, war Geshe Dschampa Khedrup. Wenn Geshe Lobsang Palden heute an seinen Lehrer denkt, erinnert er sich vor allem an seine Freundlichkeit und Güte. „Ich verdanke ihm essentielle Unterweisungen, etwa zum Stufenweg zur Erleuchtung (Lamrim), an die ich mich heute immer wieder erinnere. Durch den Kontakt entstand in mir ein tiefes Vertrauen in den Dharma und die Überzeugung, dass es das Beste ist, als Mönch zu leben.“
Er habe in dieser frühen Zeit auch gelernt, wie wichtig es ist, einen geistigen Lehrer zu haben: „Ich verstand plötzlich auch die Geschichte von Tilopa und seinem Schüler Naropa und war zu Tränen gerührt, wenn mein Lehrer mir Geschichten über die großen buddhistischen Meister der Vergangenheit erzählt,“ sagt der Geshe sichtlich bewegt. Er weint auch heute noch manchmal, erzählt er freimütig, wenn er an die geistigen Qualitäten seiner Lehrer denkt oder darüber spricht. Außenstehende mögen das merkwürdig finden, für ihn sei es ein Ausdruck seines großen Vertrauens.
Lieblingsbeschäftigung: Unterrichten von Dharma
1952, im Alter von 17 Jahren, wechselte er an die Klosteruniversität Sera nahe Lhasa, um intensive Studien aufzunehmen. Dort begegnete er weiteren großen Lehrern: Geshe Ugyen Rinpoche und Kangyurwa Rinpoche Lobsang Thupten. Sieben Jahre verbrachte der angehende Geshe dort und durchlief die Studien von Erkenntnistheorie (Gesammelte Themen zur Gültigen Erkenntnis) bis zum Eintritt in die Madhyamaka-Klasse über die Philosophie der Leerheit. Doch das Studium wurde jäh unterbrochen. Wie fast die gesamte geistige Elite floh auch Geshe Lobsang Palden 1959 nach Indien ins Exil. Dort verbrachte er die ersten Jahre im Auffanglager Buxa, wo er unter schwierigen Bedingungen seine Studien fortsetzte: Er machte zunächst in der Madhyamaka-Klasse weiter und studierte dann Abhidharmakoœa und Vinaya.
1967 war er einer der ersten Tibeter, die an dem neu gegründeten Central Institute of Higher Tibetan Studies (CIHTS) in Sarnath, Varanasi, ihr Studium aufnahmen. Das CIHTS ist bis heute die einzige tibetische Universität in Indien, die im internationalen Universitätssystem anerkannt ist und an der Männer und Frauen, Ordinierte wie Laien buddhistische Philosophie studieren können. In Sarnath lernte der 32-Jährige auch Sanskrit und Hindi und setzte das Studium der fünf großen Schriften fort. Geshe Lobsang Palden gehörte zu den Pionieren, die das Studium maßgeblich mitentwickelten.
Nachdem er in Sarnath seinen Acarya-Abschluss gemacht hatte, wechselte er 1978 ins neu gegründete Kloster Sera nach Bylakuppe, Südindien, um seine Geshe-Prüfungen abzulegen. Mit Bravour machte er seine Abschlüsse und erlangte den Titel eines Geshe-Lharampa, des höchsten Ausbildungsgrades der Klosteruniversitäten. Danach ging er nicht, wie viele andere Geshes, ins Tantrakolleg, sondern folgte dem Rat S.H. des Dalai Lama, sofort im Kloster Sera-je zu unterrichten. Diese Aufgabe erfüllt er seit 1980 ohne Unterbrechung mit unermüdlichem Enthusiasmus.
Kein Urlaub, keine Auszeit
Morgens um 7 Uhr beginnt Gen Putruk („Kleiner“), wie er von allen im Kloster genannt wird, zu unterrichten. Der Unterricht geht bis 16.30 Uhr, unterbrochen nur von einer halbstündigen Mittagspause. So lehrte der heute 68-Jährige neun Stunden täglich. Aber damit ist sein Tagewerk noch lange nicht erledigt. Um 18.00 geht Geshe-la oft zum Debattierhof, wo er sich um seine Mönche kümmert, insbesondere die Neulinge im Kloster. Zurück von der Debatte liest er bis zum Abend Schriften, um sich auf den Unterricht am folgenden Tag vorzubereiten. Gegen 21 Uhr trifft er mit seinem Lehrer Kensur Geshe Ugyen Rinpoche zusammen. Danach beginnt er mit der Rezitation seiner täglichen Gebete, bis er gegen Mitternacht oder noch späterer ins Bett fällt. Nur Sonntags hat er frei.
Seit 24 Jahren unterrichtet Geshe Lobsang Palden tagaus tagein seine Mönchsschüler und widmet sein Leben ganz dem Erhalt des kostbaren Dharma. Ob er manchmal trotz der schönen Aufgabe Ermüdungserscheinungen hat? „Ja, besonders in den heißen Monaten April bis Juni empfinde ich es als sehr anstrengend, den ganzen Tag ohne Pause unterrichten zu müssen. Ich habe dann manchmal Lust, einfach nur spazieren zu gehen oder mich zu bewegen, statt immer zu sitzen.“ Weil er jedoch große Freude daran hat, den Dharma zu erörtern und sich über Dharmafragen auszutauschen, kommt er darüber hinweg.
In mühevollen Zeiten führt er sich vor Augen, dass S.H. der Dalai Lama ihn schon 1980 gebeten hat, diese zentrale Aufgabe im Kloster Sera zu erfüllen, weil davon die Bewahrung der Tradition abhängt. Geshe Lobsang Palden fühlt sich auch gestärkt, wenn er daran denkt, welche Mühen S.H. der Dalai Lama auf sich nimmt, um den Dharma aufrechtzuerhalten. Sein Lehrer Kensur Geshe Ugyen Rinpoche, den er jeden Tag sieht, bestärkt ihn ebenfalls regelmäßig darin, seine Lehrtätigkeit fortzusetzen. Und Geshe Lobsang Palden selbst ist überzeugt, dass er für seine Schüler einen echten Nutzen bewirkt.
Den tibetischen Buddhismus bewahren
Mit der Zeit lernt er den einzelnen gut kennen und hilft den Mönchen individuell und entsprechend ihrem geistigen Vermögen, ihr Verständnis weiterzuentwickeln. Er betont, dass ihm sein freundschaftliches Verhältnis zu den Schülern wichtig sei: „Ich orientiere mich in meinem Unterricht an den Bedürfnissen der Mönche und versuche herauszufinden, wie sie die Inhalte am besten verstehen können. Es wäre nicht sinnvoll, stur nach den Schriften vorzugehen, ohne die Fähigkeiten und Neigungen des Einzelnen zu berücksichtigen.“ Egal, wen man fragt, seine Schüler loben ihn für sein überragendes Wissen, das sich auch auf komplizierteste Dharmathemen erstreckt, seinen großen Schatz an tantrischen Überlieferungen und Erfahrungen sowie die Freundlichkeit und Sanftmut, die er bei seinen Aktivitäten walten lässt.
Obwohl er kein Freund von Sitzungen ist, wie Geshe Lobsang Palden selbst sagt, ist ihm die Teilnahme an der so genannten Gelehrtenversammlung in Sera-je sehr wichtig. Diese besteht aus dem Abt, früheren Äbten und Disziplinaren. Das Gremium fällt maßgebliche Entscheidungen im Kloster, insbesondere in Bezug auf die Studien. Hier kann Geshe Lobsang Palden Impulse zur Weiterentwicklung der Tradition geben, eine Aufgabe, in der er große Erfüllung findet und die für die Bewahrung des tibetischen Buddhismus von immenser Bedeutung ist.
Einige Mönche in seiner Umgebung sind besorgt, weil Geshe-la zu viel arbeitet. Manchmal, sagt einer seiner Assistenten, lassen sie ihm abends ein Bad einlaufen, um ihm etwas Erholung zu verschaffen. Aber er ist so vertieft in seine Lektüre, dass er diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lässt. Dann lassen sie das Wasser wieder heraus. Auch vergisst er manchmal im Eifer der Dharma-Unterweisungen, den Tee zu trinken, der ihm von seinen Mönchen gereicht wurde. Die indischen Ärzte, zu denen er regelmäßig geht, drängen ihn, mehr Rücksicht auf seinen Körper zu nehmen, damit er lange gesund bleibt. S.H. der Dalai Lama hat zu ihm gesagt, es sei erstaunlich, dass er bei dem Pensum, das er jeden Tag absolviert, eine so gute Konstitution habe. Dennoch, so Seine Heiligkeit, solle er mehr auf seine Gesundheit achten.
Seit 1980 ist Geshe Lobsang Palden im Kloster permanent präsent. „Ich habe nie Urlaub gemacht, keine Auszeit genommen und bin nie ins Ausland oder nach Tibet gegangen wie andere Geshes. Im Kloster haben sie sich daran gewöhnt, dass ich immer zur Verfügung stehe. Und weil ich hier so einen großen Nutzen für so viele Mönche bewirke, gibt es kaum Angriffsfläche für Kritik,“ sinniert der Geshe. Und in der Tat, wo immer man in Sera hinkommt, hört man Worte der Bewunderung und des Respeks für diesen großen Lehrer.
Respekt für das Tibetische Zentrum
Einer seiner engsten Freunde war Geshe Thubten Ngawang, der allerdings einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, indem er ein Dharmazentrum im Westen aufbaute und hauptsächlich Laien unterrichtete. Hat Geshe Lobsang Palden dafür Verständnis? Seine Antwort ist ein uneingeschränktes Ja: „Geshe Thubten Ngawang hat mehr geleistet als wir hier in Sera, denn wir haben letztlich nur unsere Tradition fortgeführt.“
Geshe Thubten Ngawang jedoch habe vor allem mit dem Systematischen Studium des Buddhismus, in dem die wichtigsten Inhalte des Klosterstudiums enthalten sind, Pionierarbeit in einer ganz anderen Kultur geleistet. Geshe Rinpoche habe nicht den Fehler gemacht, die traditionellen Inhalte und Methoden eins zu eins zu übertragen, sondern er habe sie den Verhältnissen im Westen und den Fähigkeiten der Schüler entsprechend vermittelt, etwa durch die Einrichtung von Arbeitskreisen und Diskussionsgruppen.
„Wenn man in dieser Weise vorgeht und einen langen Atem hat, bin ich überzeugt, dass gute Gelehrte dabei herauskommen, wie wir es im Tibetischen Zentrum Hamburg sehen“ sagt Geshe Lobsang Palden. „Dort gibt es mittlerweile hervorragend ausgebildete Buddhismuskenner, die selbst wieder andere unterrichten können, ähnlich wie im Kloster, wo die Älteren die Jüngeren unterweisen. Nur so kann sich eine neue Tradition begründen. In alten Zeiten war es nicht anders, als beispielsweise das Kloster Nålånda oder die Klosteruniversitäten in Tibet aufgebaut wurden.“
Im Juli 2004 macht Geshe Lobsang Palden sich zu seiner ersten Auslandsreise auf: ins Tibetische Zentrum nach Hamburg. Die Reise hat eine längere Vorgeschichte. Schon im Jahr 2002 bat S.H. der Dalai Lama ihn zu sich, um dem verblüfften Geshe vorzuschlagen, einmal das Kloster zu verlassen, ins Ausland zu gehen „und seinen Erfahrungshorizont zu erweitern“. Aber wohin sollte er gehen? Es lag keine einzige Einladung eines Klosters oder Dharma-Zentrums vor. Niemand hätte es gewagt, den berühmten Gelehrten aus Sera wegzulotsen, wo er so wichtige Aufgaben zu erüllen hat. Und so konnte Geshe Lobsang Palden im Gespräch mit Seiner Heiligkeit nicht mit einer Idee aufwarten.
Erster Auslandsbesuch
Erst ein Jahr später, im Sommer 2003, kam die Einladung des Tibetischen Zentrums. Hier hatten die Verantwortlichen kaum zu hoffen gewagt, dass es einmal möglich sein würde, Geshe Lobsang Palden einzuladen, und niemand wusste von dem Ratschlag des Dalai Lama an den Geshe aus dem Jahr 2002. Trotzdem schien sechs Monate nach dem Tod Geshe Thubten Ngawangs die Zeit reif für eine Anfrage an einen seiner besten Dharmafreunde. Geshe Lobsang Palden konnte zu der Einladung aus Hamburg kaum etwas anderes sagen als „Ja“ und betrachtet es heute als eine glückliche Fügung: „Das Karma für meinen Deutschlandaufenthalt ist jetzt herangereift, und selbst wenn ich nicht fahren wollte, so könnte ich wohl nichts mehr dagegen ausrichten.“
Geshe Lobsang Palden ist neugierig, was ihn hier erwartet. Er wird während des Sommercamps im Meditationshaus den Geistesschulungstext „Das Rad der scharfen Waffen“ unterrichten. Im September und Oktober erklärt er die weltberühmte Schrift „Ratnåvalï“ des indischen Meisters Någårjuna. Es ist das erste Mal, dass im Tibetischen Zentrum ein philosophisches Werk Någårjunas vollständig erklärt wird – von einem der größten zeitgenössischen Gelehrten des tibetischen Buddhismus.