Stille Kraft und menschliche Nähe – Eindrücke einer Tibetreise
zusammengestellt von Christine Rackuff
40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der spirituellen Therapiegruppe unter der Leitung des Dipl.-Psychologen Lotar Spieß hielten im Sommer 2004 ein Seminar für Geistestraining und Selbsterforschung in Tibet ab. Geshe Pema Samten hatte die Gruppe mit Spieß, der langjähriges Mitglied im Tibetischen Zentrum ist, nach Dhargye eingeladen. Christine Rackuff hat einige ihrer Erfahrungen zusammengetragen und aufbereitet.
Sehnsüchte aus der Tiefe des Herzens brauchen ihre Zeit, um ans Licht zu kommen. Ist das Ziel klar, werden auch groß erscheinende Hindernisse leicht gemeistert. Dieser Lebensweisheit folgen im Sommer 2004 rund 40 Teilnehmer einer Pilger- und Seminargruppe aus Deutschland. Ihr Wunschtraum mit fünf Buchstaben heißt Tibet - Schneeland im Himalaya zwischen Achttausendern und weiten Hochebenen, tiefblauen Seen mit kristallklarem Wasser, abgeschiedenen buddhistischen Klöstern, Yak-Herden und Nomadenzelten am fernen Horizont, der Himmel und Erde verschmelzen lässt.
Ein gutes Jahr lang bereiten sie sich vor: sprachlich, kulturell, finanziell, emotional und ganz praktisch. Geshe Pema Samten, seit dem Tode Geshe Thubten Ngawangs im Januar 2003 Lehrer am Tibetischen Zentrum, gleichzeitig auf Wunsch S.H. Dalai Lama Abt des Mönchsklosters Tashi Dargye in Tibet, spricht eine herzliche Einladung in sein Heimatkloster aus. Im November 2003 war der Förderverein Tashi Dargye e.V. für die tibetische Region Dargye entstanden, um die Lebensbedingungen der tibetischen Bevölkerung zu verbessern, insbesondere auf dem Gebiet der Ernährung, Bildung, medizinischen Versorgung und dem Erhalt der tibetischen Kultur.
Im Sommer 2004 ist es soweit: Alle Reiseteilnehmer haben ihr Visum von den chinesischen Behörden erhalten. Sie sind körperlich und mental gut vorbereitet, schließlich liegt Lhasa 3500 Meter über dem weit entfernten Meeresspiegel. Und es geht noch weiter aufwärts in dünner werdender Luft. Mehr als vier Wochen lebt die Gruppe in bescheidensten Verhältnissen in Retreathaus des Klosters Dargye. Nach der Rückkehr entsteht ein Reisebericht der menschlichen Begegnungen und persönlichen Erfahrungen:
Im Nonnenkloster
Eine kleine Gruppe tibetischer Nonnen kommt uns entgegen. Schon aus der Ferne hören wir vielfältiges „Tashi Delek“ zu unserer Begrüßung. Mit offenen Armen werden wir empfangen – wie alte Familienmitglieder, die endlich von einer langen Reise heimkehren. Die grenzenlose Freundlichkeit und Großzügigkeit, die uns geschenkt wird, ist überwältigend.
Andrea Gräßle (36), Hotelfachfrau
Bei der Müllaktion
Auch in Dargye fällt Müll an. Auf den im Sommer blütenübersäten Wiesen, in den
heißen Quellen, auf dem Klostergelände. Wir begannen, eine zwei Meter tiefe Grube auszuheben, was bei der dünnen Luft sehr anstrengend war. Später waren wir erstaunt, dass Müllsammeln auch Spaß machen kann. Unsere tibetischen Freunde halfen uns mit herzerfrischendem Einsatz und Achtsamkeit. Nicht das kleinste Teilchen Müll entging ihnen. Die vollen Säcke wurden auf einen Treckeranhänger geladen und in eine Grube entleert. Der sichtbare Erfolg lohnte alle Mühe.
Renate Geske (51), Kaufmännische Angestellte
In der Krankenstation
Die Zusammenarbeit mit den tibetischen Ärzten und Studenten der tibetischen Medizin war äußerst informativ. Viele Krankheiten dort sind mit den Methoden dieser Heilkunst gut behandelbar. Der Einsatz unserer beiden westlichen Ärzte in der Gruppe war eine Ergänzung zur Behandlung schwerer Erkrankungen wie Tuberkulose, chronische Bronchitis und Magenleiden. An manchen Tagen mussten die Kranken lange warten. Sie tun das mit großer Gelassenheit und Geduld, die Älteren mit Mala und Gebetsmühle in der Hand.
Christiane Spieß (51), Ärztin, und Wilfried Spieß (59), Arzt
Das Unmögliche!
Durch mein Alter, ich bin 69, hatte ich Schwierigkeiten zu Fuß. Das haben die Mönche mitbekommen, und ehe ich mich versah, saß ich schon auf dem Motorrad und wurde überall
hingefahren. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich fühlte mich jung und dynamisch und „das Unmögliche“ wurde mir möglich.
Dagmar v. Behr (69), Rentnerin
In der Schule
Die Kinder lernen offensichtlich mit Freude und sehr engagiert. Sie lassen sich durch neugierige Westler kaum ablenken, blicken nur kurz von ihren Texten hoch, die sie mit freudiger Hingabe stundenlang studieren und rezitieren. Die im Westen üblichen Verhaltensweisen wie Quatsch machen und laut sein habe ich nicht erlebt. Aus den Augen der Kinder strahlen Unschuld, Offenheit und Vertrauen. Dabei leben die Kinder in sehr armen Verhältnissen und haben kaum genug zu essen. In der Vorschule wird auf dem Fußboden unterrichtet.
Volker Meyer (39), Unternehmensberater
Vergängliches Glück?
Wir kochen zusammen mit den Mönchen, einer schält Kartoffeln mit dem Beil. Täglich kommen Mönche aus dem Hauptkloster zu uns. Sie beten mit lauter Stimme für die Welt, die Region und für uns. Nachts strahlt der Vollmond über dem Kloster, im Innenhof steht unser Pferd mit seinem Fohlen, ein leises Glöckchen am Hals. Vergängliches Glück? Na wenn schon, ich war in Tibet!
Ingeborg Bina (60), Altenpflegerin
Im Kloster
Ich gehe eine Klostergasse entlang. Plötzlich spüre ich eine Hand in meiner Hand. Erstaunt drehe ich mich um und schaue in die strahlenden Augen einer Tibeterin. Sie drückt liebevoll meine Hand. Diese Begegnung von Mensch zu Mensch trifft mitten in mein Herz.
Gerda Schäfer (54), Lehrerin |