| Index "Tibet und Buddhismus" |

Die vier Traditionen des Tibetischen Buddhismus

Nyingma-Tradition
Kagyü-Tradition
Sakya-Tradition
Gelug-Tradition

Lesetipps

  • Jürgen Manshardt (Übers.), Buddhismus in Tibet. Der tibetische Buddhismus in seiner historischen und kulturellen Entwicklung. Hamburg, dharma edition 1994

  • Per Kvaerne, Der tibetische Buddhismus. Aufstieg und Untergang einer klösterlichen Tradition. In: H. Bechert/ R. Gombrich (Hrsg.), Der Buddhismus in Geschichte und Gegenwart. München, C.H. Beck, 1989.

  • John Powers, Religion und Kultur Tibets. München, O.W. Barth Verlag 1998

Zusammengestellt von Jürgen Manshardt aus dem Bericht "Tibetan Buddhism - Past and Present", herausgegeben vom Tibetan Department for Religion and Culture, Dharamsala.

Die Nyingma-Tradition

Die Nyingma-Tradition (rNying ma) ist die älteste Überlieferungslinie innerhalb des tibetischen Buddhismus. Sie ist die einzige, deren Anfänge bis in die Zeit vor der zweiten Verbreitung des Buddhismus zurückverfolgt werden können. Die zentrale Figur der Nyingma-Tradition ist der Meister Padmasambhava. Es wird erzählt, daß Padmasambhava auf wundersame Weise in der nordindischen Provinz Uddiyana Geburt angenommen hatte und schon in jungen Jahren rastlos durch das ganze buddhistische Indien reiste, um seinen spirituellen Durst zu stillen. Nachdem er unter verschiedenen indischen Meistern studiert hatte, gewann er allmählich große Berühmtheit.

Durch den Ruhm dieses tantrischen Meisters angeregt, lud Trisong Detsen, der damalige Herrscher in Tibet, ihn in sein Land ein, um Hindernisse für die Verbreitung des Buddhismus zu beseitigen. Während seiner Wanderschaft durch Tibet und angrenzende Länder verbarg Padmasambhava zahlreiche geheime Schriften und Lehren an vielen verschiedenen Orten. Diese geheimen Schätze, auch "Termas" genannt, wurden später von geeigneten Personen zu geeigneten Zeiten entdeckt. Der bedeutsamste unter den Entdekkern war Orgyen Lingpa (gestorben 1379), dem nachgesagt wird, er habe die Biographie von Padmasambhava aufgefunden. In dieser Biographie heißt es, daß der große Padmasambhava in dem gesamten Gebiet zwischen China und der Region um den Berg Kailash in Tibet 108 kostbare Schriften versteckt hat, dazu 125 bedeutsame tantrische Bildnisse und die "fünf sehr seltenen Essenzen", die die geheimsten Lehren beinhalten.

Die Entdeckung dieser Termas durch verschiedene große Persönlichkeiten mit hohen geistigen Fähigkeiten belebte die spirituelle Tradition und sorgte gleichzeitig für eine ununterbrochene Überlieferungslinie, von den Zeiten der alten Herrscher bis hin zu den später abgefaßten Lehren der Nyingma-Tradition.

Die Nyingma-Schatz-Lehren, welche man seit dem 12. Jahrhundert fand, wurden später zu einer Sammlung von einundsechzig Bänden zusammengestellt. Eine bedeutsame zusätzliche Tradition ging von Vimalamitra, dem indischen Weggefährten von Padmasambhava, aus. Dieser indische Gelehrte gab die grundlegenden Lehren der "Großen Vollendung" (Tibetisch "Dsogtschen") der Nyingma-Tradition an den tibetischen Gelehrten Nyang Tingzin weiter, der den Text versteckte.

Später wurde dieser Text, genannt Nying Tik oder Tropfen der innersten Essenz, wiederentdeckt. Eine Zeit nach seiner Entdeckung wurde er von Longtschenpa, einem bedeutenden Nyingma-Lama des 14. Jahrhunderts, in aller Klarheit erläutert. Dieser Kommentar genießt allgemeine Anerkennung in der gesamten Übertragungslinie.

Die Nyingmapas unterteilen die Lehren des Buddha in neun Kategorien oder "Fahrzeuge". Die ersten drei werden dem "Ausstrahlungskörper" zugeordnet und sind vom Buddha verkündet. Es handelt sich hierbei um:

  1. das Fahrzeug der Sravakas, die den Hinayana-Lehren des Buddha folgen, um dadurch den Zustand eines Arhat - einem, der aus allen Leiden befreit ist - zu erreichen;
  2. das Fahrzeug der Pratyeka-Buddhas, die ebenfalls die Freiheit aus dem leidhaften Daseinskreislauf anstreben und Gehalt der Lehren zwar für sich erkennen, aber nicht in Lage sind, die Welt darin zu unterweisen;
  3. das Fahrzeug der Bodhisattvas, die den Mahayana-Lehren der Vollkommenheit der Weisheit nachfolgen.

Die nächsten drei Fahrzeuge werden dem "Körper des vollkommenen Erfreuens" zugeordnet. Hierbei handelt es um die drei Fahrzeuge des Handlungs-, des Ausübungsund des Yoga-Tantra, welche die Lehren der unteren Tantras umfassen. Dann folgen die höchsten drei Fahrzeuge, die dem "Wahrheitskörper" zugeordnet werden. Diese werden als die Lehren des Höchsten Yoga-Tantras angesehen und bestehen aus dem Maha-, dem Anu- und Ati-Yoga. Letzteres Fahrzeug ist synonym mit dem Übungssystem der Großen Vollendung".

Neben den Klöstern Dordsche Trak und Mindroling, beide in Zentraltibet, befinden sich die wichtigsten Klöster dieser Tradition wie Kathog, Palyül, Dsogtschen und Zhedun in Kham in Osttibet.

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Die Kagyü-Tradition

Der Begründer der Kagyü-Tradition (bKa? rgyud) des tibetischen Buddhismus war der große Übersetzer Marpa (1012-1098). Er wurde im südtibetischen Distrikt von Lhodrag geboren. Von dem Übersetzer Drogmi erlernte er Sanskrit. Angespornt durch seine Entschlossenheit, die Lehre zu meistern, verkaufte Marpa all seine weltlichen Güter gegen Gold und machte sich auf den Weg nach Indien. Dort traf er auf einen der berühmtesten Vajrayana-Lehrer jener Zeit, den Meister Naropa, der nahe bei dem weithin bekannten Kloster Nalanda lebte. Naropa empfing ihn freudig und weihte ihn in verschiedene tiefgründige Lehren, einschließlich der Sechs Yogas von Naropa ein, die auch von den anderen Schulen des tibetischen Buddhismus übernommen wurden.

Marpa war von seinem ersten Aufenthalt in Indien nicht befriedigt, sondern kehrte noch zwei weitere Male nach Indien zurück, um noch mehr heilige Schriften der Vajrayana- Tradition nach Tibet zu bringen, die er dann später auch übersetzte. In Tibet traf er mit Atisha zusammen.

Während Marpa in Tibet Belehrungen gab und den Dharma verbreitete, schloß sich ihm ein außergewöhnlicher Schüler, Milarepa ("der Baumwollgekleidete") an, dessen autobiographischen Einhunderttausend Gesänge, in denen er seine spitituellen Erfahrungen beschreibt, eines der Juwelen innerhalb der tibetischen Literatur darstellt.

Milarepa (1040-1123) wurde im Distrikt Gungthang geboren, nicht weit von der nepalesischen Grenze entfernt. Als er noch sehr jung war, starb sein Vater und ließ die ganze Familie in Armut zurück. Weil sich Milarepas Mutter weigerte, den Bruder ihres Gatten zu heiraten, nahm ihnen dieser auch noch den letzten Rest des übriggebliebenen Eigentums fort. Milarepas Mutter sann auf Rache und veranlaßte ihren Sohn, sich in der Kunst der schwarzen Magie ausbilden zu lassen, um dann den Feinden der Familie Unglück und Verwüstungen bringen zu können. So zerstörte Milarepa unter Anwendung seines neu erworbenen Wissens Besitztum und Leben jener, die das Unglück über seine Familie gebracht hatten. Schon kurz danach wurde Milarepa jedoch von heftigen Gewissensbissen über seine begangenen schrecklichen Untaten geplagt und faßte daraufhin den Entschluß, die Erleuchtung zum Wohle der Wesen zu erlangen. Schließlich wandte er sich an den berühmten Übersetzer Marpa Nachdem dieser ihn vielen schweren Belastungen ausgesetzt hatte, um sein früheres Leben der Zerstörung und der Untaten zu bereinigen, gab Marpa schließlich die Lehren, die er von Naropa erhalten hatte, an Milarepa weiter. Milarepa wurde später Marpas wichtigster und einflußreichster Schüler.

Die Kagyü-Tradition führt ihren Stammbaum auf Dordsche Tschang, den Adibuddha Vajradhara, zurück, der seine Lehren an den Meister Tilopa weitergab. Dieser wiederum führte dann Naropa in die Lehren ein. Wie bereits erwähnt, übertrug Naropa die Lehren an Marpa, und dieser gab sie wiederum an Milarepa weiter. Von Milarepa wird gesagt, er habe acht "geistige Söhne" und dreizehn "geringere Söhne". Gampopa (1079-1153) und Retschungpa (1084-1161) sind die beiden bekanntesten Schüler des großen tibetischen Asketen und Heiligen. Die verschiedenen Unterschulen der Kagyü-Tradition entsprangen der von Gampopa weitergegebenen Überlieferungstradition.

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Die Sakya-Tradition

Das Sakya-Kloster in der zentraltibetischen Provinz Tsang wurde von Khön Köntschok Gyalpo erbaut. Die Sakya-Tradition (Sa skya) des tibetischen Buddhismus leitet ihren Namen von diesem Kloster ab. Die zentrale Lehre der Sakya-Tradition ist die Lehre über "Pfade und ihre Früchte", welche auf die Tradition des Meisters Drogmi zurückgeht, eines einflußreichen Übersetzers und Lehrers, der in Indien studierte. Manjushri, dem Bodhisattva der Weisheit, wird in dieser Tradition eine große Bedeutung zugemessen; denn entsprechend der Überlieferung wird angenommen, daß sieben seiner Reinkarnationen in der Überlieferungslinie der Sakya erschienen sind.

Einer der interessantesten und historisch prägnantesten Aspekte der Sakya-Tradition ist die Tatsache, daß sie die erste unter allen Traditionen war, die weltliche und spirituelle Macht in sich vereinte. Innerhalb dieser säkularen und spirituellen Entwicklung der Sakya-Tradition war der Meister Kunga Gyaltsen (1182- 1251) von besonderer Bedeutung. Ihn verehrt man auch heute noch als den Meister Sakya Pandita. Er war es, der eine enge Verbindung mit der aufkommenden Macht der Mongolen knüpfte, die rückblickend als diplomatisch bezeichnet werden kann. Diese immer enger werdende Verbindung zwischen Sakya Pandita und den Mongolen-Herrschern war ein Hauptgrund dafür, daß Tibet während der großen Mongolen-Invasion vor Zerstörung bewahrt blieb. Es gibt eine Überlieferung, nach der Dschingis Khan und der Großlama von Sakya regelmäßig miteinander korrespondierten. Später wurde Sakya Pandita tatsächlich an den Hof des Mongolen-Prinzen Godan Khan eingeladen, wo er den Prinzen im Jahre 1244 von einer ernsthaften Krankheit heilte. Aufgrund der großen Weisheit und tiefen Würde dieses Großlama von Sakya wurde der Buddhismus als eine einflußreiche kulturelle Kraft in der Mongolei fest verankert.

Die säkulare Machtentfaltung der Sakya-Tradition setzte sich während der Zeit des Meisters Phagpa (1235-1280), eines Neffen von Sakya Pandita, weiter fort, als die Sakya-Lamas die weltliche Vorherrschaft über drei tibetische Distrikte zugesprochen bekamen. Diese Machtübertragung stärkte den Einfluß der Sakya-Lamas im weltlichen Bereich und brachte ihnen die politische Vorherrschaft über weite Gebiete Tibets, welche sie über neunzig Jahre hinweg behaupten konnten.

Genau wie sein Onkel Sakya Pandita war Phagpa ein großer buddhistischer Gelehrter und wurde deshalb an den Hof des obersten Mongolen-Prinzen Kublai Khan eingeladen. Dort wurde er gebeten, die administrative Gewalt über die von den Mongolen eroberten Territorien Chinas zu übernehmen. Phagpa nahm die Einladung an und bewegte sich selbstbewußt und mit höchster Würde am Hofe Kublai Khans und bestand sogar darauf, mit dem Herrscher auf dieselbe Stufe gestellt zu werden. Diese Angelegenheit wurde auf diplomatische Weise geregelt, so daß der Großlama in allen spirituellen und Tibet betreffenden Fragen die vorrangige Entscheidungsmacht erhielt, während der mongolische Herrscher in allen weltlichen Belangen höher gestellt war.

Der Großlama von Sakya übte großen Einfluß auf Kublai Khan, den obersten Herrscher über das mongolische Imperium, aus. Phagpa beeindruckte Kublai Khan und die Mongolen nicht nur durch seine Gelehrsamkeit, Weisheit und sein würdiges Verhalten, sondern entwickelte auch ein der mongolischen Sprache angepaßtes Alphabet. Am Ende wollte der mongolische Herrscher sogar ein Gesetz erlassen, welches zur Folge gehabt hätte, daß sich die Buddhisten in Tibet, in der Mongolei und in China der Sakya-Tradition des Buddhismus hätten anschließen müssen. Bezeichnenderweise überzeugte Phagpa den Herrscher jedoch, von seinem Vorhaben abzulassen, mit dem Argument, daß ein solches Gesetz den Prinzipien der Lehren des Buddha widerspräche, da jeder Buddhist das Recht habe, diejenige Form des Buddhismus anzunehmen, die seinem individuellen Charakter und seinen Fähigkeiten entspräche.

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Die Gelug-Tradition

Die Ursprünge der Gelug-Tradition gehen auf die Kadampa-Überlieferung zurück, die von Atisha begründet wurde. Die Person jedoch, die diese Tradition in eine gut strukturierte und organisierte religiöse Gemeinschaft verwandelte, war der Meister Tsongkapa. Er wurde 1357 in der tibetischen Provinz Amdo geboren und zeigte schon von früher Kindheit an eine große Neigung zum Studium. Im Alter von sieben Jahren nahm er das Novizengelübde an und wanderte mit sechzehn Jahren auf Anraten seines Lehrers nach Zentraltibet, um seinen geistigen Horizont durch weitere Studien und Übungen zu erweitern. Dort angekommen, machte er sich mit den verschiedenen Strömungen des tibetischen Buddhismus vertraut. Besonders fühlte er sich von der buddhistischen Logik angezogen und studierte sie, um die Lehren besser ergründen und verstehen zu können. Von den vielen Werken, die er verfaßte, ist der Lamrim Tschenmo oder Die große Darlegung des Stufenweges zur Erleuchtung das bekannteste.

Die Anhängerschaft Tsongkapas wuchs schnell. Im Jahre 1393 hatte er nur acht Schüler. Sechzehn Jahre später jedoch war seine Anhängerschaft zahlenmäßig so stark angewachsen, daß sie den Kern einer neuen Schule bildete. Diese betonte unter anderem die Bedeutung einer strikten Einhaltung der monastischen Disziplin und hielt eine profunde Ausbildung als Grundlage religiöser Praxis für besonders wichtig. Durch seine umfangreichen Studien und Einsichten war Tsongkapa auch im besonderen Maße dazu befähigt, die aufgekommenen philosophischen Unklarheiten und Fehlinterpretationen zu beseitigen. 1409 gründete er das berühmte Kloster Ganden, dessen erster Abt er wurde. Das Kloster Drepung wurde 1416 und Sera (Se ra) 1419 gegründet. Diese drei berühmten Zentren der buddhistischen Gelehrsamkeit bildeten das Fundament für das Gebäude der Gelug-Schule und zogen Mönche aus allen Teilen Tibets und darüber hinaus an.

Tsongkapa oder, wie die Tibeter ihn nennen, "Dsche Rinpotsche" - der "Kostbare Meister", - verstarb 1419 im Kloster Ganden. Das Vermächtnis, das er hinterließ, beeinflußte das gesamte Tibet. Gendün Drub, der nachträglich als erster Dalai Lama anerkannt wurde, war sein Neffe und einer der begabtesten Schüler Tsongkapas. Er gründete das erste Gelug-Kloster außerhalb von Lhasa in der Provinz Tsang: Taschi Lhünpo, welches später zum Sitz der Pantschen Lamas wurde. Der erste Pantschen Lama war der Lehrer des vierten und fünften Dalai Lama. Die Dalai Lamas werden als Verkörperung von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls und Beschützer Tibets, angesehen. Die Pantschen Lamas betrachtet man als Verkörperung des Buddha Amitabha.

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