Lhasa:
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von André Alexander VERANTWORTLICHE DES TIBET HERITAGE FUND (THF) André Alexander, Pimpimm de Azevedo (Direktoren), John Harrison und Ken Okuma (Architekten), Yutaka Hirako (Buchhaltung), John Niewoehner (Wasseringenieur), Sylvester Kaben (Agraringenieur). Mehr Informationen über den THF unter: www.asianart.com/lhasa_restoration Der folgende Artikel beschreibt die Arbeit des Tibet Heritage Fund (THF), der in Lhasa arbeitet, um alte tibetische Häuser zu restaurieren und wiederaufzubauen. Seit der Gründung 1997 konnten 76 Gebäude restauriert werden, darunter Tempel, die über 1200 Jahre alt sind. Im August 2000 wurden überraschend die beiden Direktoren der Nichtregierungs- Organisation aus Lhasa ausgewiesen. Die Arbeit des THF wurde gestoppt, die Konten eingefroren. Die Regierung in Lhasa warf dem THF u.a. vor, illegal Broschüren in Umlauf gebracht zu haben. Darin beklagten die engagierten Tibetfreunde die Zerstörung der traditionellen tibetischen Häuser in Lhasa durch die neuen Stadtentwicklungsprogramme. Der THF zog die Publikation zurück und hofft, seine Arbeit bald wieder aufnehmen zu können. Mit Bestürzung stellte ich während meiner nächsten Besuche in Lhasa fest, daß meine Bekannte mit ihrer Nachricht recht zu haben schien. Ich konnte immer weniger und weniger alte Häuser und krumme Gassen zählen. An ihrer Stelle entstanden gerade Straßen und gerade, hoch gebaute Betonhäuser. Sicher, viele davon bekamen eine tibetische Fassade aufgemalt, aber sie waren alle identisch und gerade, ohne eigenen Charakter. Wie viele Besucher bewegte auch ich mich, wenn möglich, nur in der romantischeren "tibetischen" Welt der Gassen und Hinterhöfe und versuchte das andere Lhasa aus Beton und Blech und breiten Straßen zu ignorieren. Doch mein Spielraum, sich in dem "alten" Lhasa zu bewegen, wurde kleiner und kleiner, wie in einem Buch von Boris Vian schienen sich die Wände zu meinen Ungunsten zu verschieben. Als schließlich die Bewohner der neuen Häuser mir gegenüber klagten, wie kalt diese dünnwandigen Scheusale doch seien, und dazu ohne Toiletten, beschloß ich, etwas zu tun. Nach kaum drei Jahren harter Arbeit gründeten wir mit Hilfe vieler Freunde aus Deutschland, Portugal, Italien und Frankreich den Tibet Heritage Fund (THF) mit einem Büro in Lhasa, als Zweigstelle des Berliner Vereines Freie Kultur Aktion. Als erste Maßnahme retteten wir zwei alte Wohnhäuser an der nord-westlichen Ecke der Barkorstrasse vor dem gerade beginnenden Abriß und finanzierten deren Restaurierung. Dabei machten wir die Erfahrung, daß die staatlichen oder halb-staatlichen Baufirmen, obwohl sie tibetisch waren, vieles von der traditionellen Baukunst bereits verlernt zu haben schienen. Wer in Frage stellt, daß Tibet eine außerordentlich hoch entwickelte Baukunst hat, braucht sich lediglich den Potala-Palast in Lhasa anzusehen. Es war also nicht genug, die Häuser zu bewahren, wir mußten auch die Baukunst retten. Zu diesem Zweck suchten wir alte Handwerksmeister, meist schon weit über 60 Jahre alt, die die verschiedenen Baukünste von der Pike auf gelernt hatten und die bereit waren, trotz schmerzender Knie noch einmal auf Baustellen zu kommen und jüngere Kollegen anzulernen. Eine Meisterin ist z.B. die 64-jährige Ama Tashi-la, die bereits als junges Mädchen in der Innenstadt an den traditionellen Flachdächern aus Arga-Lehm gearbeitet hatte. Obwohl wir weiterhin einige Aufträge an die offiziellen Baufirmen vergaben, lag es uns nun am Herzen, eine unabhängige Gruppe von tibetischen Handwerkern auszubilden. Diese Gruppe war schnell auf 270 Personen angewachsen, je zur Hälfte Männer und Frauen. Männer arbeiten mit Stein und Holz, die Frauen mit Lehm, wichtig für Dächer und Verputz von Wänden und Fußböden. Die Anfrage war riesig, über tausend Leute haben sich über die Jahre beworben, um als Handwerker oder Restaurator (oder Klempner oder Elektriker) ausgebildet zu werden. Im Laufe der Zeit hat der THF acht historische Wohngebäude und einen Tempel von Grund auf saniert, instandsetzende Maßnahmen und Notreparaturen an elf weiteren Gebäuden durchgeführt und zusätzlich zu den sanierten Gebäuden vielerorts Toilettensysteme und Trinkwasserleitungen installiert. Insgesamt verhalfen wir über 1000 Menschen zu hygienischeren Toiletten und sicherem Trinkwasser, und drei öffentliche Toiletten entstanden. Die Gelder dafür kamen von der holländischen, kanadischen und deutschen Botschaft, der amerikanischen Trace Foundation, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Heinrich-Böll-Stiftung, Misereor, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und von privaten Spendern. Merunyingba-KlosterDie Barkorstraße ist ein etwa 800 Meter langer Pilgerkreis um den heiligsten Tempel Tibets, den Dschokhang. Der Barkor besteht in seiner heutigen Form etwa seit dem 15.Jahrhundert. Er umschließt aber nicht nur den Dschokhang, sondern auch 37 Wohnhäuser, zwei kleine Gassen, das heute als Museum hergerichtete ehemalige Gericht, zwei Kaufhäuser und drei weitere Tempel. Im Jahre 1998 bekam der THF die offizielle Erlaubnis, einen der anderen im Barkor enthaltenen Tempel zu restaurieren, das Kloster Merunyingba. Der Platz des Klosters wurde bereits von König Songtsen Gampo während des Baus des benachbarten Dschokhang-Tempels als heiliger Platz angesehen. König Ralpatschen baute Anfang des 9. Jahrhunderts den heute noch existenten Schrein mit seinem einfachen Umkreisungsweg. Über dem Schrein liegt eine Kapelle. Im 17. Jahrhundert ließ der Fünfte Dalai Lama den Dschokhang- Tempel erweitern. Bei dieser Gelegenheit wurde Merunyingba zum Sitz des Netschung-Staatsorakels in Lhasa erhoben und um einen großen Hof, ein neues vierstöckiges Tempelgebäude und umgebende Mönchswohnungen und Stallungen erweitert. Während der Kulturrevolution wurde das Kloster zu Pferdeställen umfunktioniert, und in die Mönchswohnungen wurden tibetische Familien einquartiert. Die vergoldeten Dachverzierungen sowie alle Statuen und Bücher des Klosters sind tragischerweise verlorengegangen. Bis auf die Übermalung der Wandmalereien ist dem Gebäudekomplex an sich aber kaum Schaden zugefügt worden. Mitte der 80er Jahre durften die beiden äußeren Kapellen wiedereröffnet werden, und auch in dem zentralen vierstökkigen Tempel wurde die Haupthalle wieder für die Mönche des Netschung-Klosters freigegeben. Allerdings wohnten über der Tempelhalle und im Hofgebäude immer noch Familien. Die gemeinsame Nutzung der Tempelhalle von Mönchen und darin wohnenden Familien warf einige Probleme auf, und einige Zeit vor der Renovierung half das kommunale Wohnungsamt, Ersatzwohnungen für die oberhalb der Tempelhalle wohnenden Familien zu besorgen. Merunyingba ist eine Zweigstelle von Netschung, und das Kloster Netschung ließ die Haupthalle von Merunyingba bereits Mitte der 80er Jahre restaurieren. Aber in den vergangenen 30 Jahren wurden an den Hofwohnungen keinerlei Reparaturen oder instandhaltende Maßnahmen durchgeführt. Entsprechend heruntergekommen war der Komplex. Drei verschiedene Behörden, Kulturamt Lhasa, Amt für religiöse Angelegenheiten und das "Democratic Management Committe" des Drepung Klosters (dem wiederum Netschung und Merunyingba unterstehen) stellten schriftliche Genehmigungen für die Arbeiten aus. Die Mönche führten zu Beginn der Arbeit eine spezielle Segnungszeremonie für die Arbeiter und deren Arbeitsgeräte durch. Wie während der gesamten vier Jahre der Altstadtsanierung, traf sich THF regelmäßig mit den Bewohnern des Hofes. Einmal wöchentlich kamen Vertreter von jeder Familie, und es wurde über Sinn und Zweck der Arbeiten gesprochen. Die Bedürfnisse der Bewohner nahmen wesentlich Einfluß auf die Planung und die Ausgestaltung der Arbeiten. Für die Vermessung halfen dem THF chinesische Architekturstudenten aus Hong Kong, die als Freiwillige nach Lhasa kamen, sowie der THF-Architekt John Harrison und zwei weitere freiwillige Architekturstudentinnen aus Schweden und Deutschland. Das ganze Team des THF war mit der Planung beschäftigt, und die beiden Direktoren des THF besorgten die tägliche Leitung der Arbeiten. Ein Restaurator aus Bonn half, die übermalten und verdreckten Malereien in den oberen Stockwerken freizulegen. Diese Kunstfertigkeit lehrte er einer Gruppe von tibetischen Malern, die seither für den THF weitere Malereien reinigten. Der amerikanische Wasseringenieur John Niewoehner baute eine Solardusche und drei Toiletten, und der japanische Architekt Ken Okuma plante die Verlegung der elektrischen Leitungen. Das Projekt wurde vom Kulturhaushalt der deutschen Botschaft in Peking gefördert, zusätzlich hat die amerikanische Trace Foundation einige während der Arbeiten stattfindenen Handwerkerausbildungen gefördert. Dem Schalu Deutschland e.V. ist der Einsatz des Malrestaurators zu verdanken. Nach Ende der Arbeiten bedurfte es noch umfangreicher Reinigungszeremonien, denn die Bauarbeiten haben die Erdgeister erheblich aufgeschreckt. Merunyingba hielt im Frühjahr 2000 ein dreimonatiges Gebetsritual ab, an dem Tausende Pilger und Bürger aus Lhasa teilnahmen. Der THF begann mit der Restauration von sechs weiteren Wohnhäusern im Zentrum. Bei einer Altstadtsanierung hat man es mit vielen unterschiedlichen Interessen zu tun. Die Bedürfnisse der Anwohner sind nur ein Teil davon. Neben erhofften Tourismuseinnahmen sind Vergebung von Bauaufträgen und steigende Grundstückspreise ebenfalls starke Interessen, die es auszubalancieren gilt. Mitte August 2000 forderte das Kulturamt Lhasa den THF überraschend auf, alle Baumaßnahmen in der Innenstadt vorerst einzustellen. Eine Wiederaufnahme der Maßnahmen ist noch nicht in Sicht. |