Buchbesprechungen |
||||||||||||||||||||||||||||||
Das vorliegende Buch durchleuchtet religiöse und politische Hintergründe der tibetischen Geschichte und Kultur und zeigt ihre gegenseitige Verwobenheit. Es liefert einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Tibet. Eine Ernüchterung bringt das Werk vermutlich jenen Lesern, die vielleicht ein idealisiertes Bild vom „Mythos Tibet“ haben. Der Autor stellt im Hauptteil des Buches fundiert und mit einer Fülle von Details die teils gewaltsam geführten Machtkämpfe zwischen Klöstern der verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus dar, denen auch einige Dalai Lamas zum Opfer fielen. Das sachlich, kenntnisreich und zugleich wohlwollend verfaßte Buch des bekannten Professors für Religionswissenschaft und langjährigen Dialogpartners des Dalai Lama, Michael von Brück, ist besonders begrüßenswert, da es eine hervorragende Übersicht über zentrale Themen und Entwicklungen der tibetischen Geschichte und Religion bietet. Es gibt einen Abriß über die tibetische Geschichte von den Anfängen des Buddhismus bis hin zum gegenwärtigen Dalai Lama und präsentiert die Inhalte des Mahāyāna, vor allem auch des tantrischen Buddhismus. An vielen Stellen setzt es sich mit dem 1999 erschienenen Buch „Der Schatten des Dalai Lama“ und seinen obskuren Aussagen und Thesen über die tibetische Kultur auseinander. Ein eigenes Kapitel ist der Shugden-Kontroverse gewidmet, zu der Michael von Brück viele Informationen recherchiert hat. Ganz jedoch erfüllt das Buch die Erwartungen nach Einsichten in die Zusammenhänge von Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus nicht, denn die beiden Themenkomplexe stehen relativ unverbunden nebeneinander. Der Leser bleibt bis auf wenige Ausnahmen seinen eigenen Deutungs- und Vergleichsmöglichkeiten überlassen. Auch das angefügte Gespräch des Autors mit dem Dalai Lama von 1987 hat in seinem breitgefächerten Themenspektrum keine spezielle Relevanz für die Hauptthemen des Buches. Zu den kritischen Fragen, die sich aus den dargestellten Fakten ergeben, wird der Dalai Lama nicht konsultiert. Beispielsweise wäre es interessant zu wissen, wie sich das tibetische Oberhaupt den Widerspruch zwischen dem hohen Niveau der geistigen Entwicklung durch das Studium und die Praxis des tibetischen Buddhismus in den Klöstern und den Auswüchsen der Gewalt, die teilweise von eben diesen Klöstern ausgingen, erklärt. Auch hätte das Interview dazu dienen können, die Stellung des Dalai Lama im Shugden-Konflikt zu präzisieren, die, wie der Autor sehr treffend bemerkt, „...ein Schlaglicht auf ein Hauptproblem der gesamten Geschichte des tibetischen Buddhismus wirft...“. Insgesamt jedoch ist es ein lesenswertes Buch, das zwar keine leichte Kost ist, aber die tibetische Religionskultur ausgewogen und sachkundig behandelt. Jürgen Manshardt
Bereits der Titel des Buches „Zen, Nationalismus und Krieg“ kündigt Brisanz an. Der englische Titel ist noch kürzer und noch prägnanter: „Zen at war“, „Zen im Krieg“ thematisiert die Instrumentalisierung von Religion zum Zweck der Politik, in diesem Fall von Zen für den japanischen Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Alle offiziellen Zen- Schulen haben ihr Wissen um die Natur des Geistes zugunsten der Schulung von Kriegern zur Verfügung gestellt. Sie haben den Dharma derart verdreht, daß sie das Töten des Feindes als einen Akt des Mitgefühls erklärten. In Praxis und Theorie das „Krieger-Zen“ lehrend, etablierten sie den Mythos des Samurai- Zen. Von Zen-Meistern geleitete Trainingskurse bereiteten die jungen Männer auf ihre „Kunst zu Töten“ für den Einsatz in China und im ganzen pazifischen Raum vor. Die Ichlosigkeit und die Einspitzigkeit des Geistes galt es auf dem Schlachtfeld zu praktizieren. „Disziplin, Gehorsam, Konformität und körperliche und geistige Ausdauer“ waren 1945 nach dem verlorenen Krieg die Leitworte auch für die japanische Wirtschaft. Die Täter waren mehrheitlich offiziell erleuchtete Meister. Autor dieses Buches ist Brian Daizen A. Victoria. Der Verlag stellt ihn als Zen-Priester vor, der an der Universität von Auckland (Neuseeland) asiatische Literatur und Sprachen lehrt. Dieses Geschichtsbuch wurde also nicht von einem Historiker verfaßt, sondern von einem Zen-Priester. Dies hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil liegt zweifelsohne in der fundierten Kenntnis des Dharma. Ein anderer Vorteil ist, daß Victoria nicht wie bei Forschungsarbeiten üblich mit einer These arbeitet, sondern das Material sukzessive ausbreitet und keine Schlüsse vorreicht. Wie in einem Dokumentarfilm läßt er die Zitate der betreffenden Zen-Meister sprechen. Die ermüdenden additiven Folgen von Zitaten mit verbindenden Anmerkungen verleihen dem Buch allerdings eine Schwerfälligkeit, da es sich methodisch immer wieder auf dieselbe Art aufbaut. Außerdem verhindert eine solche Vorgehensweise jegliche Polemik in der Darstellung. Denn mit dem Zettelkasten, wie ihn Brian Daizen A. Victoria in Bibliotheken und Archiven erarbeitet hat, hätte auch ein ganz anderes Buch entstehen können. Die Liste sowohl der westlichen wie auch der japanischen Literatur ist von imponierendem Umfang. Der Autor scheint offenbar alles, was erreichbar war, gesichtet und sorgfältig exzerpiert zu haben. Für einen der japanischen Sprache Unkundigen ist eine sachgemäße Beurteilung der Bibliographie unmöglich; auch kann er nicht wissen (und wird auch vom Autor im Ungewissen belassen), ob und in welchem Ausmaß die offizielle japanische Geschichtsschreibung das hier angesprochene Thema bearbeitet hat. Die Aufarbeitung des japanischen Zen hat, wie Victoria zeigt, erst jetzt, fünfzig Jahre nach dem Krieg, zögerlich begonnen. Für den Westen, der sich vom japanischen Zen blenden ließ, bringt dieses zähflüssig geschriebene Buch ein Korrektiv. Gewiß kennen wir auch aus der europäischen Geschichte von den Kreuzzügen bis zum Zweiten Weltkrieg das unheilsame Zusammenspiel von Katholizismus, Kurie und Politik. Die Zen-Ästhetik als Ausdruck von Schönheit, die sich in Ordnung und Disziplin offenbart, bleibt weiterhin ein Faszinosum für den Westen. Vielleicht müßten auch Bücher wie „Zen und Bogenschießen“ oder „Zen und Motorradfahren“ nach der Lektüre von“Zen und Krieg“ nochmals überprüft werden. Erschwerter, jedenfalls befangener wird der Umgang werden mit Lehrern, die für den Westen maßgebend waren und am Samurai-Zen aktiv mitgeschrieben haben. Berühmtestes Beispiel ist in dieser Hinsicht D.T. Suzuki (nicht zu verwecheln mit Shunryu Suzuki). Der von westlichen Intellektuellen (unter anderem von Erich Fromm) so sehr verehrte Suzuki prägte die Rezeption des japanischen Zen in den USA entscheidend auch deshalb, weil er die englische Sprache perfekt beherrschte; wie man jetzt dank Victorias Forschung weiß, hat sich dieser Zen-Meister in den USA zensuriert: Suzukis Äußerungen zu „Zen und Schwert“ in Japan unterscheiden sich von jenen in Amerika. Beklemmend, ja geradezu unheimlich mutet an, daß Philip Kapleau, renommiert als Autor von wegweisenden Zen-Publikationen, als Lehrer einen selbst nach japanischer Auffassung „fanatischen Militaristen“ (Harada Daiun Sogaku) hatte. „Zen at war“ erschien 1997 in New York und Tokyo in Englisch. Für die vorliegende deutsche (hervorragend übersetzte) Fassung hat Victoria zwei volle Kapitel dazugeschrieben. In diesen versucht er eine historische Antwort auf den Samurai-Zen, legt die Antworten westlicher Zen-Autoren vor und diskutiert die Frage der Gewaltanwendung als Methode eines Bodhisattva. Die Abbildungen in der englischen Ausgabe hat der deutsche Verlag (weshalb nur?) nicht übemommen; schade, die paar Karikaturen sind kein wirklicher Ersatz. Laura-Sophia Arici
„Sanft entschlafen“, „in Frieden eingeschlafen“ sind gebräuchliche Wendungen in Todesanzeigen. Sie beschreiben weniger den tatsächlichen Sterbevorgang als vielmehr die Sehnsucht der Hinterbliebenen nach einem sanften, friedvollen Sterben. Die Realität sieht anders aus: Vier von fünf Menschen sterben, laut einer amerikanischen Untersuchung, gepeinigt von seelischen und körperlichen Qualen. Wie groß das Entsetzen vor dem Tod ist, zeigen die kulturellen Leistungen, welche die Menschen von jeher als Gegengewicht gegen den Kulminationspunkt der Vergänglichkeit erbracht haben, Kultur antwortet so der Natur, welche im Sterben und Werden dem universellen Gesetz untersteht. Den Tod, diesen Gang ins Ungewisse, haben Religionen und Philosophien aller Couleur zum Zentrum ihrer Darlegung gemacht. Der tibetische Buddhismus hat sich in der Durchdachtheit des Themas, in der Stringenz der Gedankenführung, aufgrund der exakten Empirie der Außen- und Innenschau eine Kenntnis über die Phänomene Sterben, Tod, Wiedergeburt und Leben erworben, die, wenn überhaupt, mit den Leistungen der Physik im Abendland verglichen werden kann. All den tibetischen Meistern, die uns an ihrem profunden Wissen teilhaben lassen, sei gedankt. Ohne ihre Anweisungen wäre auch das anzuzeigende Buch nicht möglich gewesen. Christine Longaker kommt aus der amerikanischen Hospiz-Bewegung und entdeckte während dieser Zeit den Tibetischen Buddhismus. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Schülerin von Sogyal Rinpoche und leitet Ausbildungsseminare zur Sterbebegleitung. Ihre gesammelten Erfahrungen hat sie in einem Handbuch zusammengefaßt. Christine Longaker beginnt mit der Krankheit ihres Mannes und erzählt ihre Leidensgeschichte, wie sie als junge Frau und Mutter vollkommen unvorbereitet der Krankheit, dem Sterben und dem Tod ihres Mannes begegnet. Sie erzählt, was sie und ihr Mann in dieser ihnen verbleibenden Zeit lernen, sie erzählt vom Tod und vor allem auch von der schmerzlichen Zeit der Trauer. Ihre Geschichte bildet die Grundlage für alle weiteren Ausführungen und Ratschläge zum Sterben, Trauern und Leben mit dem Unvermeidbaren. Diese emotionale Bezogenheit zeichnet dieses Buch aus. Die Autorin weiß, wovon sie spricht. Sehr sachte und behutsam führt sie den Leser in die spirituelle Sicht des Leidens und Sterbens ein. Sie ermutigt die Betroffenen, die Beziehungen zu heilen, indem sie immer wieder von der Angst spricht, die sich lähmend auf alle Beteiligten auswirkt. Wie wird damit umgegangen? Die Autorin erklärt die Praxis des Tonglen und die Meditation der Liebenden Güte. Sie streift mit einem Exkurs die Vorbereitungen auf den Tod aus christlicher und jüdischer Tradition. Auch wenn sie sich an Leser und Leserinnen aller Religionen wendet, bestimmt ihre Zuflucht zum Buddhismus ihre Sichtweise. Sensibel und sorgfältig bleibt sie auch im Formulieren. In bemerkenswerter Eloquenz entfaltet sie ihre Gedanken. Vielleicht liegt es auch an der kongenialen Übersetzung von Karin Behrendt und Thomas Geist, daß sich das Buch so leicht liest. Laura-Sophia Arici
In diesem sehr anrührenden Buch erzählt Tenzin Choedrak in stellenweise fast poetischer Sprache seine Lebensgeschichte, beginnend mit der Kindheit und der Zeit als Novize im Kloster Choede 1922-1950. Aus unserer Sicht waren dies nicht gerade idyllische Jahre, denn die Familie war arm, das Kind eine Waise und die Klosterordnung streng, aber verglichen mit dem, was folgte, waren es paradiesische Zeiten. Der innigste Wunsch des Knaben war es, die traditionelle Heilkunde zu erlernen. Mit 17 Jahren verließ er sein Kloster, um in Lhasa in den Men Tse Khang einzutreten, die Medizinschule, die der 13. Dalai Lama 1916 errichten ließ. Dort studierte er ab 1940 und wurde 1944 Menzin, der unter Aufsicht eines Arztes für die Arzneimittelherstellung verantwortlich war. Ab 1950 lernte er die Herstellung der Juwelenpillen: das Geheimnis, Schwermetalle zu entgiften. In dieser Zeit begann er auch, Patienten zu behandeln und verinnerlichte die ethischen Grundsätze, nach denen ein tibetischer Arzt lebt und arbeitet. 1952 schloß er seine Studien als Klassenbester ab. Die Schilderung dieser Jahre ist ein wichtiges medizin-historisches Dokument. In der Folge wurde er zunächst der Arzt der Mutter des Dalai Lama und 1956 zum Lhamenpa, einem von vier Leibärzten des Dalai Lama ernannt. Nach der Flucht des Dalai Lama 1959 wurde Tenzin Choedrak verhaftet. Damit begannen kaum vorstellbare Leiden: Verhöre, Foltern und Zwangsarbeit in Lagern und Zuchthäusern. Er überlebte dank seiner tiefen Religiosität und ohne bleibenden Haß, auch dank bestimmter Meditationstechniken und seiner Kenntnis von Heilkräutern, die er hier und da pflücken konnte. Ab 1974 wurde ihm erlaubt, Patienten zu behandeln, und ab 1976 konnte er sich als Freigänger in Lhasa und Umgebung relativ frei bewegen, Heilkräuter sammeln und 1977 am Men Tse Khang Juwelenpillen herstellen. 1980 wurde ihm die Ausreise nach Indien gestattet. Die Zeit im Exil wird relativ kurz abgehandelt mit besonderer Hervorhebung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei der Herstellung der Pflanzenmedizin in Dharamsala, der vielen Reisen um die ganze Welt und der Erfolge mit tibetischer Medizin bei der Behandlung der Strahlenopfer von Tschernobyl. Für mich ist Tenzin Choedrak immer der Inbegriff eines buddhistischen Arztes gewesen, für den Mitgefühl mit allen Lebewesen und der Wunsch, ihnen zu helfen die Maxime seines Lebens und Handelns gewesen ist. Und er hat dies der nachfolgenden Generation in aller Bescheidenheit und Demut weiter vermitteln können. Sein großes Vorbild ist der langjährige Direktor des Men Tse Khang in Lhasa, Khyenrab Norbu gewesen, den er als gütig schildert, voller Mitgefühl und unermüdlich in seiner Bereitschaft, sein Wissen und seine Weisheit mit seinen Schülern zu teilen. Dr. Choedrak hat als Mensch, Arzt und Lehrer sein Vorbild in jeder Weise erreicht. Egbert Asshauer
Das sehr ansprechend aufgemachte, großformatige Buch ist kein Lehrbuch der tibetischen Medizin. Vielmehr hat der Autor in Zusammenarbeit mit einem nepalesischen Maler eine Auswahl aus den Abbildungen der 79 Thangkas getroffen, die der Regent des 5. Dalai Lama, Sangye Gyatso, 1787 hat schaffen lasen. Sie illustrieren den „Blauen Beryll“, den Kommentar des Regenten zu den Vier Tantras, dem Hauptwerk der tibetischen Medizinlehre. Einige komplette Sets haben in Lhasa und in Burjatien überlebt und sind in den letzten Jahren wissenschaftlich ediert und kommentiert worden. Das vorliegende Buch hat nicht den Anspruch, wissenschaftlichen Kriterien zu genügen, sondern will dem Leser die tibetische Medizin in Wort und Bild nahebringen. Ich denke, dies ist dem Textautor wie dem Maler durchaus gelungen. Die Bilder, die in den erwähnten alten Editionen sehr kleinformatig abgebildet sind, wurden hier in einer Größe gemalt und wiedergegeben, die das Auge des Betrachters nicht ständig überfordert. Sie sind dabei malerisch sozusagen frei übersetzt worden, teilweise auch in anderer Zusammenstellung als in den Originalen: Die nepalesischen Malschulen haben in den letzten Jahren durchaus an künstlerischer Bedeutung gewonnen und zeichnen sich durch einen besonders kräftigen, sehr typischen Malstil aus. Die Texte sind knapp und beschreiben in einer oft esoterischen Sprache unter Verwendung zahlreicher Zitate die Grundlagen der Medizinlehre, wobei der spirituelle und spezifisch buddhistische Hintergrund sehr viel stärker betont wird, als dies dem Originaltext zu entnehmen ist. So mag sich der Leser in eine exotische, sehr reizvolle und oft recht drastische Welt entführen lassen und eine Ahnung bekommen von einem Schatz der tibetischen Kultur, der in dieser Form schon nicht mehr existiert. Egbert Asshauer |