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Berg Kailas - Ein offenes Geheimnis im Land der Schneeberge

Zur religiösen Bedeutung des „Schneejuwels“

von Jürgen Manshardt

Auf dem windgepeitschten, kargen und nur von Karawanen, Pilgern und Nomaden durchzogenen Hochland im Westen Tibets erhebt sich ein Heiligtum ganz besonderer Art. Nicht von Menschenhand erbaut, nicht von geschickter Hand eines Künstlers in jahrelanger Arbeit geformt, nicht von ehrfurchtgebietenden Mauern umschlossen, nicht von goldenen Dächern behütet; ein Heiligtum, das auch ohne priesterliche Weihe, ohne Altäre und Gaben seine spirituelle Würde der geläuterten Seele darbietet. Ein Naturschauspiel, das nicht nur den Gläubigen und Wissenden in seinen Bann zieht, sondern auch den Unempfänglichen und Nicht-Aufmerksamen auf unerklärliche Weise Respekt und Ehrfurcht entlockt.

Allein die bloße schriftliche Kunde von dieser alten Pilgerstätte oder ihr Abbild kann eine leise, doch unauslöschliche Sehnsucht wecken, die schon so manchen eine lange, über mehrere tausend Kilometer lange Reise antreten ließ. Nicht nur Tibeter, die aus allen Winkeln ihres riesigen Landes dorthin aufbrechen, sondern auch zahllose Pilger und Reisende aus Indien, Nepal und zusehends auch aus westlichen Ländern haben sich den oft sehr gefahrvollen und beschwerlichen Weg in diese ansonsten unwirtliche und kalte Hochsteppe gebahnt.

Der aus den indischen Tiefebenen kommende Pilger muß auf seiner Route über den Transhimalaya, vorbei an dem 7728 Meter hohen Gurla Mandatha, nicht nur mehrere Klimazonen durchqueren, sondern auch mehr Kilometer an Höhenunterschied überwinden als er an Distanz zurücklegt, liegt doch der Saum dieses erhabenen Heiligtums auf einer Höhe von ca. 5000 Metern. Es selbst erhebt sich inmitten eines eher flach wirkenden Gebirgszuges in der Zone des ewigen Eises, bis auf 6675 Meter, weshalb es auch von den Tibetern als „Kang Rinpotsche“ oder „Schneejuwel“, bezeichnet wird.

Aber nicht nur die äußerst symmetrische Form, die an eine Tempelanlage gigantischen Ausmaßes erinnert, sondern gerade ihre Lage an einer Schnittstelle so vieler geographischer Achsen und Eigentümlichkeiten läßt Verwunderung aufkommen. Dieser „selbstentstandene Tempel“, dem übrigens die aus dem Fels herausgemeißelten Kailāoeanatha-Tempelanlage im indischen Ellora nachgebildet wurde, stellt nicht nur in der Kosmologie Indiens und Tibets den Weltberg Meru dar – oder anders ausgedrückt den Nabel der Welt –, sondern ist unbestreitbar der Mittelpunkt des Quellgebietes von vier großen Strömen, die das Siedlungsgebiet rund eines Fünftels der Menschheit mit lebensspendendem Wasser versorgen.

Es läßt sich darüber rätseln, ob die beiden Seen Manasarovar und Rakshals Tal, die sich unweit dieses heiligen Berges befinden, und die dem Betrachter von sich aus schon eine Fülle von mythologisch- spirituellen Deutungen aufdrängen, nicht das verwirklichte Idealbild eines mit heiligen Wassern umgebenen asiatischen Tempels vervollständigen. Dieses natürliche Heiligtum, das weniger durch Heilige zu einem solchen gemacht wurde, sondern eher umgkehrt – Sucher zu Heiligen werden ließ, ist der Berg Kailas, der zusammen mit seiner näheren Umgebung von den tibetischen Buddhisten als ein Mandala, ein göttlicher Bereich von Cakrasamvara, einer tantrischen Verkörperung des Buddha, verehrt wird. Cakrasamvara (Tib.: Demtschok) ist eine „göttliche“ Manifestation der Weisheit und des Mitgefühls aller Erleuchteten, und noch spezieller, der Vereinigung von Glückseligkeit und der Erkenntnis der letztgültigen Realität, der Leerheit.

Cakrasamvara wird in seiner äußeren Erscheinungsform gewöhnlich mit blauer Körperfarbe, vier unterschiedlich farbigen Häuptern, mit zwölf Armen, in denen er verschiedene tantrische Ritualgegenstände hält, und in Vereinigung mit seiner Gefährtin Vajravārāhï (Tib.: Dordsche Phagmo) dargestellt. Bezeichnenderweise hält Cakrasamvara in einer Hand den Kopf der hinduistischen Gottheit Brahmā und trampelt auf einer anderen Gottheit des hinduistischen Pantheons, Bhairava und seiner Gefährtin, herum, was unmißverständlich die Überlegenheit Cakrasamvaras und damit der buddhistischen Lehre zum Ausdruck bringen soll. Um die buddhistisch-religiöse Bedeutung dieses heiligen Berges zu verstehen, ist es wichtig den Hintergrund dieser Darstellungsweise zu beleuchten.

Nach der buddhistischen Überlieferung heißt es, daß sich einst dieses Universum unter der Macht der weltlichen (hinduistischen) Gottheit Ïoevara befand, dessen Symbole in Form von Lingams und dessen besondere Orte der Manifestation als Mandalas der 24 Plätze sehr verehrt wurden. Man brachte unzählige Gaben, aber auch Tieropfer dar, was dieser weltlichen Gottheit gefiel, und sie übertrug auf viele ihrer Anhänger besondere Kräfte, Wohlstand, Erfolg und Ansehen. Denjenigen jedoch, die wirkliche spirituelle Fortschritte erzielen und den leidhaften Daseinskreislauf vollständig hinter sich lassen wollten, war Ïoevara nicht wohlgesonnen, im Gegenteil, er versperrte ihnen den Weg zur Befreiung.

Dieser Umstand bewog schließlich Buddha Vajradhara dazu, aus Mitgefühl für diese ernsthaft nach Befreiung Strebenden seine gewaltigen Segenskräfte in der Gestalt von Cakrasamvara zu nutzen, um die Macht Ioevaras zu brechen. Und so wandelte der Buddha alle Orte, an denen zuvor Ïoevara gewirkt hatte, in göttliche Aufenthaltsorte von Cakrasamvara um. In der Fülle der verschiedenen Mandalas kommen diesen Orten zwei Besonderheiten zu. Die erste besteht darin, daß diese Mandalas – im Gegensatz zu fast allen anderen – nicht wieder in die letztliche Sphäre der Leerheit aufgelöst wurden, sondern in dieser Welt an konkreten Orten, von denen eben der Kailas einer der markantesten und segensreichsten ist, weiterbestehen. Als zweite Besonderheit kommt hinzu, daß die spirituelle Kraft und der Segen, die von der Gottheit Cakrasamvara und seinen Aufenthaltsorten ausgeht, besonders in dieser Zeit der Degeneration, in der die Leidenschaften anwachsen, immer weiter zunehmen.

So ist der gläubige Buddhist, der sich auf die Pilgerschaft zu diesem heiligen Berg in Westtibet aufmacht, überzeugt, in seinen Wirkungsbereich einzutauchen und damit besonders viele heilsame Potentiale ansammeln und viele hindernde und negative Anlagen bereinigen zu können. Er erhält damit auf seine Weise eine Art Initiation in die besonderen Kräfte und Qualitäten dieser buddhagleichen Gottheit Cakrasamvara, auch wenn sich die tieferen Geheimnisse nur intensiv Meditierenden und vollständig Eingeweihten erschließen werden.

Der gewöhnliche Pilger, dem es aus den verschiedensten Gründen nicht gegeben ist, die tiefgründigen und lange Vorbereitungen erfordernden Praktiken der tantrischen Lehren des Buddha, insbesondere die des Cakrasamvara- Tantra, durchzuführen, wird sich auf keinen Fall davon abhalten lassen, den heiligen Berg ein- oder mehrere Male im Uhrzeigersinn auf dem äußeren oder inneren Parikrāmam (Umrundungsweg) zu umwandeln und dabei Gebete zu sprechen und Gaben darzubringen. Die besonders für tibetische Buddhisten typische Umrundung von heiligen Orten findet aber speziell hier am Kailas eine besondere Sinngebung; denn bis zur Zeit ihrer Zerstörung durch die chinesischen Machthaber befanden sich an dem äußeren Umwandlungsweg acht Tempel, die die acht Speichen des „Rades der Lehre“ symbolisieren sollten; wer diese acht Speichen, die wiederum den Edlen Achtfachen Pfad repräsentieren, in Gang setzt, der wird auch das gesamte „Rad der Lehre“ in Bewegung setzen und somit die von den zwölf Taten des Buddha als wichtigste Tat angesehene, nämlich das Darlegen des Befreiungspfades, nachvollziehen.

Darüber hinaus werden verschiedene Abschnitte des Parikrāmam mit Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt in Verbindung gebracht, und der aufmerksame und hingebungsvolle Pilger wird somit auch eine innere Läuterung erfahren können. Aus all diesem wird verständlich, warum in dem tibetischen Werk von Köntschok Tendsin, "Der kristallene Spiegel der Erklärungen über den [Pilger]-Ort des Schneeberges [Kailas]", Dschetsün Tsangpa Gyarä mit den Worten zitiert wird: „Umwandelt man einmal den großen Palast Tise (Kailas), werden die Verdunkelungen eines Lebens bereinigt; führt man zehn Umwandlungen durch, werden die Verdunkelungen eines Zeitalters bereinigt; hat man ihn einhundertmal umwandelt ..., wird man in einem Leben die Buddhaschaft erlangen.“

Aber nicht nur dem Buddhisten, der sich bei seiner Pilgerschaft zum Kailas zum Mittelpunkt des Makrowie des Mikrokosmos bewegt und zu den Meditationsstätten vieler herausragender Meister wie Padmasambhava, Milarepa, Gyälwa Götsangpa und anderen (es heißt, einst hätte sogar der Buddha selbst einige Zeit am Kailas verbracht und einen Fußabdruck hinterlassen), ist der Berg mit seiner weiteren Umgebung ein Heiligtum. Für die Hindus ist der Kailas der Aufenthaltsort der Gottheit Shiva, und sie meinen, dessen Gesichtszüge in den Felsformationen des Berges wiedererkennen zu können. Auf dem Umwandlungsweg sehen sie in bestimmten Felsformationen auch den Affengott Hanuman, aber auch Nandi, den Ochsen, der das Reittier von Shiva darstellt. Viele Hindus nehmen ein rituelles Bad in den eisigen Wassern des für sie heiligen Manasarovar- Sees, auf dem 1948 die Asche des Leichnams von Mahātmā Gandhi verstreut wurde. Nach hinduistischer Überlieferung ist der See aus der rein mentalen Kraft des Schöpfergottes Brahmā hervorgegangen.

Auch den Anhängern der Bön-Religion ist der Kailas heilig, der die himmlischen und irdischen Kräfte miteinander vereinte, und der Ort war, an dem ihr Religionsstifter, Schenrab Miwo, in seinem Emanationskörper herabstieg. Der Berg bildete den Mittelpunkt des im 7. Jahrhundert untergegangenen Bön-Reiches Schang-Schung, dessen Hauptstadt die „Silberne Burg“ von Kyunglung war, und deren Überreste erst kürzlich unweit des Kailas wiederentdeckt wurden. Ebenso kommt dem Kailas im Jainismus, der zur gleichen Zeit wie der Buddhismus im 6. Jahrhundert v. Chr. in Indien entstanden war, eine besondere spirituelle Bedeutung zu. Nach der Überlieferung des Jainismus hatte der erste in der Linie der Stifter ihres Glaubens, Tïrtha‡kāra mit Namen, an diesem heiligen Berg, den sie Astapāda nennen, die Befreiung erlangt.

Obwohl die Anhänger dieser vier Religionen sich im allgemeinen friedvoll und mit Respekt an diesem für sie alle heiligen Ort begegnen, war der Kailas nicht immer ein Ort andachtsvoller Pietät, sondern auch Zeuge eines der bekanntesten religiös-magischen Machtkämpfe im alten Tibet, welcher im gewissen Sinne zugleich Ausklang und Höhepunkt der meist als Antagonisten verstandenen Traditionen des Buddhismus und des althergebrachten Bön-Glaubens darstellt. Folgendes trug sich zu:

Der berühmte buddhistische Dichter-Heilige und „König der Yogis“, Milarepa, befand sich auf dem Weg zum Kailas, als er an den Ufern des Manasarovar-Sees dem Bön- Meister Naro Böntschung begegnete, der wegen seiner Erkenntnisse und magischen Kräfte bekannten Heiligen wenig übrig hatte. Der Bön- Meister gab ihm daher zu verstehen, daß sich das Schneejuwel, der Kailas, im Besitz der Bönpo befinde und er seinen Glauben wechseln müsse, wenn er in dieser Region zu verweilen und zu meditieren gedenke. Milarepa, wenig geneigt, dieser Forderung zu entsprechen, entgegnete, daß der Buddha selbst prophezeit hätte, der heilige Berg würde in die Einflußsphäre der Buddhisten gelangen.

Nach einigen weiteren Wortwechseln forderte der Bön-Priester den buddhistischen Yogi zum Wettkampf auf dem Gebiet der magischen Kräfte heraus. Der Verlierer sollte nach altindischer Tradition seinem eigenen Glauben entsagen und den des Siegers annehmen und der Gewinner den heiligen Berg zugesprochen bekommen. Zum Auftakt stellte sich Naro Böntschung breitbeinig über den Manasarovar-See und sang ein Loblied auf seine eigenen Wunderkräfte, während er Milarepa herabwürdigte. Als Entgegnung deckte dieser den immerhin 330 Quadratkilometer großen See mit seinem Körper zu, ohne dabei seinen eigenen Körper auszudehnen, und anschließend ließ er sogar den gesamten See auf seiner Fingerspitze tanzen. Man sagt, daß sich der tibetische Name für den Manasarovar, Tso Mapam, was so viel bedeutet, wie „der See Unüberwindlich“, von eben diesem Sieg Milarepas über Naro Böntschung ableitet.

Der Bön-Priester war beeindruckt, gab sich jedoch nicht geschlagen und drängte darauf, den Wettstreit fortzusetzen, der dann über verschiedene Etappen, aus denen immer wieder Milarepa siegreich hervorging, schließlich in die nähere Umgebung des Kailas verlegt wurde, an einen Ort, der heute ein kleines Drukpa-Kagyü-Kloster beherbergt und Dsütrül Puk, die Höhle der magischen Wunderkräfte, genannt wird. Hier schlug Milarepa seinem Opponenten vor, einen Schutz gegen den aufgekommenen, heranpeitschenden Regen zu bauen, woraufhin er einen riesigen Fels spaltete, den Naro Böntschung hochheben und als Dach verwenden sollte. Da aber die Kräfte des Bön-Priesters nicht ausreichten, mußte Milarepa selbst zur Tat schreiten und hinterließ dabei noch heute sichtbare Abdrücke seines Hauptes und seiner Hände in dem Fels.

Da der Bön-Meister sich aber immer noch nicht geschlagen gab, blies man zum Finale, aus dem derjenige siegreich hervorgehen sollte, der am Tage des Vollmonds als erster die Spitze des heiligen Kailas erreichte. Während Naro Böntschung keine Mühen scheute, sich auf den bewußten Tag vorzubereiten, verbrachte Milarepa seine Tage mit entspanntem Müßiggang. Als dann der Morgen der endgültigen Entscheidung anbrach, schwang der Bön-Priester sich auf seine magische Trommel und flog auf ihr der Spitze des Schneejuwels entgegen. Als er sich seines Sieges schon fast gewiß war – denn Milarepa schien sich weiterhin dem Müßiggang hinzugeben – tauchte plötzlich der erste Sonnenstrahl über dem Gipfel auf, und ehe sich Naro Böntschung versah, glitt Milarepa im Bruchteil einer Sekunde völlig gelassen an ihm vorüber und erreichte sein Ziel ohne die geringsten Mühen. Der Bön- Meister war davon so mitgenommen, daß er mitsamt seiner Trommel den Kailas hinunterfiel, wobei die Trommel die tiefen, stufenförmigen Furchen an der Südwand des Berges hinterlassen haben soll.

Nun endlich mußte sich der Bön- Priester geschlagen geben, erhielt aber vom gütigen Milarepa die Erlaubnis, daß er und seine Anhänger auch weiterhin den Kailas gegen den Uhrzeigersinn umrunden dürfen. Zudem übertrug er auf Bitten von Naro Böntschung den Bön-Anhängern die Rechte auf den in süd-östlicher Richtung gelegenen Berg, von dem aus man das „Schneejuwel“ betrachten kann, und der dementsprechend als Bönri oder Berg der Bönpos bekannt wurde.