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Dolpo in Nepal – ein letztes Stück traditionelles Tibet

Jochen Bockemühl

Mit der Unterwerfung Tibets durch das kommunistische China im Jahre 1959, der anschließenden, über dreißigjährigen menschenverachtenden Unterdrükkung, verbunden mit der systematischen Zerstörung der tibetischen Kultur, mit der Vertreibung und Vernichtung der Intelligenz, Zerstörung der Landschaft und der Zwangsansiedlung von Millionen von Chinesen hat das Land Tibet seine Identität verloren. Die Tibeter sind zur Minderheit in ihrem eigenen Land geworden. Die Zentren tibetischer Religion und Philosophie liegen heute weit außerhalb des traditionellen tibetischen Kulturkreises – in Indien, Europa und Nordamerika. Um einen Eindruck von der traditionellen tibetischen Lebensweise zu gewinnen, muß man die Randgebiete aufsuchen, die das Glück hatten, politisch außerhalb der Volksrepublik China zu liegen. Aber auch hier haben sich zum Teil schwerwiegende Veränderungen abgespielt, so in Zanskar und Ladakh, das durch indischen Straßenbau und Einwanderung der muslimischen Kaschmiri nur noch einen Rest seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. Ein anderes Beispiel ist das Königreich Lo (Mustang) in Nordnepal, das nach 20jähriger Abschottung 1992 für den Tourismus geöffnet wurde und seitdem mit etwa 1000 Besuchern pro Jahr regelrecht überflutet wird. So bleibt neben Bhutan mit seiner restriktiven Tourismuspolitik nur noch das kleine Gebiet von Dolpo im Norden Nepals (siehe Kartenausschnitt auf der nächsten Seite). Dolpo hat durch seine isolierte Lage und eine ebenfalls 20jährige Besuchersperre eine bemerkenswerte Ursprünglichkeit bewahrt.

Berichte von Corneille Jest [1], Joel Ziskin [2], George Schaller [3], Peter Matthiesen [4] und David Snellgrove [5, 6] hatten schon in den 70er und frühen 80er Jahren in mir den Wunsch und die Hoffnung entstehen lassen, dieses Gebiet zu erwandern und die Kraft der Landschaft und der heiligen Stätten zu erleben. Ein erster Versuch im Jahre 1989, von Jumla im Westen über Hurikot, den Kagmara- Paß, Pungmo und entlang des Phugsumdo- Sees das innere Dolpogebiet zu erreichen, scheiterte am Militär, das uns von Rigmo aus zurückschickte. Auch der zweite Versuch, durch das untere Tharap-Tal aufzusteigen, endete in Do (Tharap), wo mehrere Polizisten uns nach 24 stündiger Bewachung höflich und deutlich den Weg zurückwiesen.

Als dann 1993 das Sperrgebiet des inneren Dolpo unter strengen und leider auch kostspieligen Auflagen für Ausländer geöffnet wurde, beschlossen vier Freunde der Tour von 1989, Gabriela Wallner, Peter Engels, Jaques Lamon und ich, zu den ersten zu gehören, die nach 20jähriger Tourismussperre dieses Land besuchen würden. Das Erlebnis dieser 23tägigen Wanderung war so tief und unvergeßlich, daß wir sehr bald beschlossen, noch einmal wiederzukommen, um die Menschen, ihre Dörfer und die grandiose Landschaft auf uns wirken zu lassen. Über unseren schon bewährten Agenten in Kathmandu regelten wir die Formalitäten, und im September 1994 machten wir uns zu einer zweiten, 27tägigen Tour in das innere Dolpo auf.

Dolpo mit Siedlungen in Höhen zwischen 3800 und 4300 Meter ist das höchste ständig bewohnte Gebiet Nepals. Umgeben von einer 6000 bis 7000 Meter hohen Bergkette ist es nur zu Fuß über Pässe von über 5000 Meter zu erreichen – eine natürliche Grenze gegenüber den nepalesischen und tibetischen Nachbargebieten. Die rein tibetische, etwa 4000 Bewohner umfassende Bevölkerung verteilt sich auf die vier wichtigsten Siedlungsgebiete Nangkhong, Panzang, Tharap und Barbung. Die klimatischen Verhältnisse sind gekennzeichnet durch einen mäßigen Monsuneinfluß mit Nieselregen in den Sommermonaten und eine durchgehende Trockenperiode zwischen September und Mai. Dabei klettern die Temperaturen im Winter auch tagsüber kaum über den Gefrierpunkt. Die Landschaft ist hochgradig aride; Wüstengebiete wechseln je nach Niederschlagsmenge mit Steppe und alpiner Mattenvegetation, die als Weiden für Yaks, Schafe, Ziegen und Pferde dienen [7].

Wir sind auf unseren beiden Reisen von Kathmandu nach Dunai, dem zuständigen Verwaltungszentrum, geflogen und von Süden her, einmal durch das Suli Gad-Tal zum Phugsumdo-See, das zweite Mal entlang des Barbungund Tharap-Flusses, ins Dolpo-Gebiet gewandert. Der Phugsumdo-See mit dem Ort Ringmo liegt in einer lieblichen Gebirgslandschaft, die auch noch in 3600 Metern Höhe Baumvegetation mit Kiefern und Silberbirken aufweist. Der See hat glasklares Wasser, das je nach Lichteinstrahlung blau bis türkisfarben leuchtet. Das goldgelbe Herbstlaub der Birken und das tiefrote Laub der bodenbedeckenden Büsche erinnerten an einen skandinavischen Herbst und ließen uns vergessen, daß wir schon fast in einer tibetischen Region waren. Die Bewohner Ringmos sind allerdings nicht rein tibetisch, sondern auch verwandt mit den südlicher lebenden arischen Volksgruppen. Sie bekennen sich zur Bön- Religion und unterhalten außerhalb des Dorfes ein Bön-Kloster.

Nach Umrundung des farbenprächtigen Sees war bald die Baumgrenze erreicht, und es begann der lange und mühselige Aufstieg zum Gand-La (5300 Meter), der Eintrittspforte ins innere Dolpo. Der Blick von dort nach Norden war atemberaubend, er zeigte die typische tibetische, wüstenhafte Hochgebirgslandschaft. Nach weiteren vier bis fünf Stunden Weg erreichten wir schließlich Shey-Gompa und den Kristallberg, die wohl wichtigsten religiösen Stätten in Dolpo und für mich ein Ziel seit über zehn Jahren. Shey ist ein isoliert gelegener Tempel, umgeben von einigen kleinen Häusern, die nur zur Zeit der großen Wallfahrt im Sommer bewohnt sind. Ein weiterer kleiner Felsentempel und eine Klausur in Halbtages-Entfernung dienen als Meditationsstätten.

Dolpo gehörte über Jahrhunderte zu westtibetischen Königs- bzw. Fürstentümern und wurde erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts, nach der Vereinigung Nepals, langsam von Nepal absorbiert. Durch die isolierte Lage, das unwirtliche Klima und die Armut der Region ist aber das Interesse der Regierung in Kathmandu bis zum heutigen Tage begrenzt geblieben. Bei unseren beiden Reisen jeweils im September/Oktober hatten die Lehrer, Polizisten und sonstigen nepalesischen Administratoren das Gebiet bereits wieder verlassen.

Die Zugehörigkeit zu Tibet führte schon frühzeitig zur Ausbreitung des Buddhismus in Dolpo. Über lange Zeit herrschte die Sakya-Tradition vor, gründete bedeutende Klöster und beeinflußte Tempeleinrichtung und Ikonographie, was heute noch an spärlichen Überresten sichtbar ist. Vor „acht Generationen“ kam die Nyingma-Tradition in dieses Gebiet, die in der Folgezeit an Bedeutung gewann und heute die vorherrschende buddhistische Richtung ist. Gleichberechtigt gibt es größere Bön-Zentren, so in Ringmo und Pugmo südlich von Dolpo, in Phijor und dem nahegelegenen Kloster Samling sowie im Tharap-Tal.

Bedeutende Zentren der buddhistischen Lehre scheinen nicht mehr zu existieren. Das im 13. bis 14. Jahrhundert von den Sakya gegründete Kloster Yangsher macht heute einen vernachlässigten Eindruck. Nur die staubbedeckten vergoldeten Statuen, zahlreiche Tschörten und Mauern aus sauber gearbeiteten Manisteinen zeugen von der einstigen Bedeutung. Gleiches gilt für das Bön-Kloster Samling, dessen heutiger Abt in dem Ruf steht, bedeutende Mengen alter Schriften und Statuen nach Kathmandu verkauft zu haben. Da der Abt bei unserem Besuch in Phijor weilte, konnten wir das Innere des Tempels nicht sehen, denn keiner wagte es, für uns die mit schweren Schlössern verhängten Türen zu öffnen. Lediglich in Goma fanden wir ein gepflegtes Kloster, durch das wir von einem jungen Mönch geführt wurden. Dieser berichtete, daß es dort zwei Lamas und mehrere Mönche gäbe, die aber zur Wallfahrt nach Kathmandu aufgebrochen seien. Die heiligen Stätten in und um Kathmandu sind für gläubige Dolpopa heute ebenso wichtige Ziele wie die Umrundung des Kailash oder des Kristallbergs bei Shey. Gleichwohl haben im täglichen Leben die Nyingma-Mönche, ebenso wie die Bön-Mönche, nach wie vor große Bedeutung. Sie bestimmen den Zeitpunkt der Feldbestellung und werden bei allen wichtigen Ereignissen im Leben des Dolpopa zu Rate gezogen und beteiligt. Mönche, die Rituale ausführen, werden als Lamas bezeichnet und entsprechend verehrt.

Im Sommer werden meist kleinere oder größere Wallfahrten in Dolpo durchgeführt, deren wichtigste die Umrundung des Kristallbergs ist. Im Juli/August, dem 6. tibetischen Monat, versammeln sich Hunderte von Menschen aus der ganzen Region um den Tempel von Shey. Damit wird verständlich, daß diese, die meiste Zeit des Jahres geschlossene Tempelanlage in einem äußerst gepflegten Zustand ist. Shey war ursprünglich eine Gründung der Kagyüpa, praktiziert wird aber heute die Nyingma-Tradition. Die Wandmalereien sind ikonographisch und farblich vorbildlich restauriert; neben tantrischen Figuren findet man, wie in allen Nyingma-Tempeln, Padmasambhava und Buddha Shākyamuni sowie als Besonderheit eine Darstellung aus dem Leben des Buddha.

Wir entschlossen uns auf unserer zweiten Reise zur Umrundung des Kristallbergs. Leider litt ich, wie im Vorjahr, wieder unter der Höhe (neben Kurzatmigkeit hatte ich Ödeme im Gesicht, an Armen und Beinen) und mußte deshalb die Anstiege reitend bewältigen. Am Fuße des Aufstiegs zum Dölma-La findet sich in der Nähe eines kleinen kubischen Heiligtums zum Gedenken an die Linie der Lamas von Shey (pho-lha) ein Rinnsal, das von den Gläubigen als eine der Gangesquellen (chu-mig gan-ga) verehrt wird. Weiter oben wird der Pfad von hohen Felswänden begrenzt, in die in übermannsgroßen Lettern das Mantra des Tschänräsig „Om mani padme hum“ als Relief eingeschlagen ist. Kleine Haufen schneeweißer Quarzkristalle wurden von den Gläubigen dort zusammengetragen. Schließlich erreichten wir den Dölma-La mit seinen Felsspitzen, die wie Finger aussehen. Hier wehte ein eisiger Wind, aber der Ausblick war überwältigend. Wir ließen schweigend die Größe dieser Landschaft auf uns einwirken und stiegen schließlich auf bequemem Weg in ein breites Tal. Über einen weiteren Paß mit fast senkrecht abfallenden Felswänden führte der Weg zu einem Felsentempel in der Nähe von Shey, wo wir auf zwei Herden der sehr scheuen Blauschafe stießen. Da am Kristallberg und in der Umgebung von Shey keine Tiere getötet werden dürfen, sind diese Wildschafe hier häufig anzutreffen.

Die Siedlungen in Dolpo sind Oasen in der Nähe von kleinen Seitenflüssen, deren Wasser zur Bewässerung der Felder abgeleitet wird. Die Instandhaltung des Bewässerungssystems ist eine Gemeinschaftsaufgabe der Dorfgemeinschaft. Die Reihenfolge der Bewässerung wird von der Dorfversammlung unter Leitung eines von allen anerkannten Chefs festgelegt. Eine Terrassierung der Felder ist im Nangkhong- Tal bei Namdo und Saldang besonders ausgeprägt, während in Tharap und dem oberen Panzang-Tal die Talsohle recht breit ist; damit wird eine horizontale Anordnung der Felder möglich. Angebaut wird überwiegend Gerste, in einigen Dörfern auch Buchweizen und etwas Gemüse. Im Oktober hört man in allen Orten das rhythmische Klopfen der Dreschflegel, mit denen die Bewohner in kleinen Gruppen das Getreide bearbeiten. Wenn dann aber eine kleine Gruppe exotisch anmutender Wanderer vorbeikommt, ist dies immer ein Grund für eine kurze Unterbrechung der Arbeit und eine Gelegenheit zu Späßen mit diesen komischen Menschen. Die Dolpopa sind unkomplizierte und stets freundliche Menschen, die gerne lachen und den Fremden an ihrem Leben teilhaben lassen.

Ihre Häuser sind meist zweigeschossig und mehr oder weniger kubisch mit dicken Wänden aus Bruchstein oder Erdbeton; es entsteht der Eindruck, als wären sie aus der Landschaft gewachsen. Im Erdgeschoß befinden sich die Stallungen, im ersten Geschoß ist der große Wohnraum mit der Feuerstelle. Weiterhin gibt es hier meist noch ein oder zwei kleine Zimmer und einen Kultraum mit dem Hausaltar. Einige Häuser, besonders im Tharap- Tal, besitzen einen eigenen Haustempel. Das Dach ist flach und hat häufig noch ein offenes oder geschlossenes Halbgeschoß zur Lagerung der Vorräte. Als Besucher nimmt man an der Feuerstelle Platz und wird mit Buttertee, Tsampa (geröstetes Gerstenmehl) oder Tschang (alkoholisches Getränk aus Gerste) bewirtet. Außerhalb des eigentlichen Dorfes haben manche Siedlungen noch „Sommerdörfer“ oder Häuser in der Nähe von weiter entfernt gelegenen Feldern, in denen ein Teil der Bewohner die Zeit von der Feldbestellung bis zur Ernte verbringt.

Außer dem Anbau von Getreide kommt der Viehzucht große Bedeutung zu. Hier in Höhen über 4000 Meter sind die Yaks und Dris die wichtigsten Nutztiere, die den Dolpopa Fleisch, Wolle und Milch liefern und als Zugtiere zum Pflügen sowie als Lasttiere dienen. Diese zotteligen, schwerfällig wirkenden Rinder sind von einer beachtlichen Trittsicherheit und Ausdauer, allerdings auch einem eigenen Willen. Nicht nur an dem Geläut der Glocken, sondern auch am Pfeifen und Rufen der Treiber, begleitet von gezielten Steinwürfen, erkennt man eine Yak-Karawane von weitem. Auch Schafe und Ziegen werden in Herden gehalten und allmorgendlich auf die Almen getrieben. Dies ist meist die Aufgabe der Frauen und Kinder. Große, oft an einer Kette gehaltene Wachhunde, die tibetischen Mastiffs, veranlassen den Fremden, einen großen Bogen um das bewachte Areal zu machen. Wie in Tibet, lieben es die Männer in Dolpo, auf kleinen ausdauernden Pferden auf Reisen zu gehen.

Die Erzeugnisse von Landwirtschaft und Viehzucht reichen aber nicht aus, die Ernährung der Bevölkerung zu sichern. Diane Summers [8] zitiert den Ausspruch eines Dolpopa: „Obwohl unsere Körper vor Arbeit schmerzen, gibt unser Land nicht genug Getreide zum Überleben. Deshalb muß jeder Bauer in Dolpo auch ein ziehender Händler sein.“ So ziehen jährlich im Juli Yak-Karawanen mit Getreide, das in den Gebieten südlich Dolpos erworben wurde, nach Tibet, um es bei den Drogbas, den tibetischen Viehzüchtern, gegen Salz, Wolle, Trockenfleisch, chinesischen Tee u.a. einzutauschen. Ein Teil des Salzes bleibt in Dolpo, der größere Teil wird kurz vor Einbruch des Winters mit Karawanen in die südlich gelegenen Täler gebracht, um es bei den Rongpa, den „Menschen des Tals“, wieder gegen Getreide einzutauschen. Der uralte Tauschhandel gerät zunehmend in Gefahr, seitdem von Süden her Straßen in die bisher nur zu Fuß erreichbaren Gebiete des nördlichen Nepals gebaut werden, auf denen billigeres indisches Salz mit Lastwagen in den Norden gelangt. Der Weg der Salzkarawanen ist von Eric Valli und Diane Summers mit eindrucksvollen Bildern beschrieben worden [8, 9, 10].

Die isolierte Lage hat die Bewohner von Dolpo zu einer völlig autarken Lebensweise gezwungen; Baumaterialien werden vor Ort gewonnen, und praktisch alle Gegenstände des täglichen Bedarfs können selbst hergestellt werden. Männer und Frauen tragen stets eine Spindel bei sich, mit der in Ruhepausen und selbst beim Gehen Wolle gesponnen wird. Das Klappern der Webstühle ist ein typisches Geräusch, das aus den mit Mauern umfriedeten Höfen klingt. Errungenschaften westlicher Zivilisation fehlen noch völlig, und es mangelt auch an einer geregelten schulischen Erziehung und einer adäquaten medizinischen Versorgung. In den wenigen staatlichen Schulen haben wir im Herbst bereits keine Lehrer mehr angetroffen; außerdem erfolgt der Unterricht in Nepali, einer für tibetische Volksgruppen sehr fremden Sprache mit einem völlig anderen kulturellen Hintergrund. Der Unterricht in tibetischer Schrift und Religion obliegt den Mönchen oder den Familien, wobei der tägliche Kampf um die Sicherung des Lebensunterhalts stets vorrangig ist.

Für die medizinische Versorgung sind traditionell die tibetischen Heiler zuständig, die sich religiöser und psychologischer Praktiken bedienen und zudem aus einheimischen Pflanzen Medikamente herstellen. Ich hatte das Glück, mit Labrang Tundrup einen erfahrenen und angesehenen Arzt kennenzulernen. Tundrup, gleichzeitig Dorfchef von Saldang, einer der größten Siedlungen in Dolpo, begleitete uns 1993 für drei Tage, als ich wegen Schwierigkeiten der Höhenanpassung sein Pferd „gemietet“ hatte. Die Möglichkeiten der traditionellen Heilkunst sind aber naturgemäß begrenzt, vor allem, wenn es um Erkrankungen geht, die einen chirurgischen Eingriff erfordern würden. Auf unserer zweiten Reise im Herbst 1994 hatten wir mit Gino als Internisten und Gabriela als Krankenschwester ein kompetentes medizinisches Team, das jeden Abend in den Dörfern „Sprechstunde“ abhielt und Krankheiten behandelte. Hierbei zeigten sich als vordringliche Probleme unbehandelte, oft große Wunden, Verbrennungen, Hautinfektionen, Augen- und Bindehautentzündungen sowie Darm- und Atemwegsinfektionen. Obwohl wir 12 Kilogramm an Medikamenten und Verbandsmaterial mitgenommen hatten und verteilten, war diese dankbar angenommene Hilfe natürlich nur eine kurzzeitige und punktuelle, die die Grundprobleme der Armut und fehlenden Hygiene nicht beeinflussen konnte.

Zur Rückkehr in die verkehrsmäßig erreichbaren Gebiete Nepals wählten wir auf beiden Reisen die östliche Route über Charka und Sangda nach Jomosom, von wo aus wir mit kleinen Propellerflugzeugen wieder nach Kathmandu zurückflogen. Bis Jomosom waren es vom Tharap- bzw. Panzang- Tal aus jeweils sechs- bis siebentägige Wanderungen durch eine eindrucksvolle alpine Landschaft, in der es täglich Pässe um und über 5000 Meter zu überwinden galt. Die kahlen, braun, grau und violett erscheinenden Berge Tibets im Norden und die mächtigen schneebedeckten Gipfel des Daulagiri- Massivs im Süden boten einen unvergleichlichen, grandiosen Anblick und erinnerten uns an die Worte Caspar David Friedrichs: „Nichts ist kostbarer als der Blick auf eine Landschaft, die sich nach allen Seiten öffnet.“

Eine Reise ins innere Dolpo ist keine übliche Bergwanderung. Sie erfordert vielmehr eine expeditionsmäßig, langfristig vorbereitete Organisation über einen für diese Gebiete akkreditierten Agenten in Kathmandu. Da für mehrere Wochen Lebensmittel und Brennstoff mitgenommen werden müssen, bedarf es vor allem einer zuverlässigen, von einem erfahrenen einheimischen Bergführer geleiteten Trägermannschaft, die schwere Belastungen zu tragen bereit ist. Auch für den europäischen Reisenden bedeuten derartige Touren eine Herausforderung, der er physisch und psychisch gewachsen sein muß. Einige von uns hatten mehrtägige Probleme der Höhenanpassung, die ärztliche Hilfe erforderlich machten, und jeder von uns erlebte Tage, an denen er sich bis an die „Grenze der Leistungsfähigkeit“ gefordert fühlte. Die positive Einstellung und die Freude auf das Einmalige, das uns erwartete, standen jedoch für uns alle im Vordergrund. Und so wurde Dolpo mit seiner tibetischen Religion und Kultur, seinen Bewohnern, seiner Landschaft und seinem zeitlosen Leben für uns ein Erlebnis, das uns in diesem Leben begleiten wird und das uns manche kurzlebigen Wichtigkeiten unseres täglichen Lebens relativieren läßt.

Der Autor dieses Beitrags, Prof. Dr. med. Jochen Bockemühl, ist Direktor des Hygienischen Instituts in Hamburg, Mitglied des Tibetischen Zentrums und Vorstandsmitglied der Studienstiftung für Tibetischen Buddhismus.


Literatur:
[1] Jest, C.: Dolpo. Communautés de Langue Tibétaine du Népal. Centre National de la Recherche Scientifique, Paris (1975)
[2] Ziskin, J.F.: Trek to Nepal’s Sacred Crystal Mountain. National Geographic 151 (1977), S. 500-517
[3] Schaller, G.B.: Journey to Crystal Mountain. In: Stones of Silence, S. 203-277. Vikas Publishing House Pvt. Ltd., New Delhi (1980)
[4] Matthiesen, P.: Auf der Spur des Schneeleoparden. Scherz Verlag, Bern-München-Wien (1982)
[5] Snellgrove, D.: Himalayan Pilgrimage, 2nd. Ed. Prajna Press, Boulder, Colorado (1981)
[6] Snellgrove, D.L.: Four Lamas of Dolpo, 2nd Ed. Himalayan Book Sellers, Kathmandu (1992)
[7] Kleinert, C.: Dolpo – das höchste Siedlungsgebiet im Nepal-Himalaya. Geographische Rundschau 26 (1974), S. 359-363
[8] Summers, D., Valli, E.: Das Salz der Berge. Geo Nr.10 (Oktober 1994), S. 38-84
[9] Valli, E., Summers, D.: Dolpo. Hidden Land of the Himalayas. Aperture Foundation, New York (1987)
[10] Valli, E., Summers, D.: Aufbruch am Ende der Welt. Geo-Buch, Verlag Gruner+Jahr, Hamburg (1994)