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Die Vier Siegel der buddhistischen Lehre

von Geshe Thubten Ngawang

Die Grundlage aller Erklärungen, die im Buddhismus gegeben werden, ist die Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten, die der Buddha im Ersten Rad der Lehre dargelegt hat. Die Vier Siegel, das sind die sogenannten Vier Zusammenfassungen der Lehre, hängen eng mit den Vier Edlen Wahrheiten zusammen; sie sind eine andere Form, diese auszudrücken. Diese Vier Siegel, auf denen alle Erklärungen im Buddhismus basieren, lauten:

• Alle Produkte sind unbeständig.

• Alles Befleckte ist leidhaft.

• Alle Phänomene sind leer und ohne Selbst.

• Nirvāna, die Befreiung, ist Frieden, das endgültige Glück.

Das erste Siegel:
Das erste der Vier Siegel lautet, daß alle Produkte unbeständig sind. Auf den ersten Blick scheinen alle Dinge und Ereignisse eine gewisse Beständigkeit, eine Dauerhaftigkeit zu haben; sie erscheinen uns unveränderlich. Wenn wir zum Beispiel an eine jahrhunderte oder jahrtausende alte Stadt, ein Schloß oder ein Land denken, haben wir das Gefühl, als handele es sich um ein beständiges Phänomen, das immer in dieser Weise vorhanden war und auch in Zukunft weiter so existieren wird. In Wirklichkeit verhält es sich ganz anders: Selbst wenn etwas über hunderte oder tausende von Jahren besteht, setzt sich diese lange Zeit aus vielen einzelnen Jahren zusammen; jedes einzelne Jahr besteht aus Monaten, die Monate setzen sich aus Tagen zusammen, die Tage aus Stunden, die Stunden aus Minuten, die Minuten aus Sekunden. Auch die Sekunden sind nur eine Ansammlung von Bruchteilen; ein einzelner Augenblick ist nur in einem Augenblick vorhanden und löst sich schon im nächsten Moment unwiederbringlich in die Vergangenheit auf. Auf diese Weise existieren all die Dinge, die uns umgeben. Alle Produkte, also alles, was aus Ursachen und Umständen entstanden ist, bestehen in einer solchen momentanen Art und Weise, und sie bleiben keine zwei Augenblicke lang identisch. Dies trifft auf alle Dinge und Ereignisse zu, deshalb lautet das erste Siegel, daß alle Produkte unbeständig sind.

Das zweite Siegel:
Im zweiten Siegel heißt es, daß alles Befleckte leidhaft, d.h. mit Leid verbunden ist. Alle Dinge, die wir erleben und die mit fehlerhaften Geisteszuständen wie Unwissenheit, Begierde etc. im Zusammenhang stehen, sind befleckter Natur und damit leidhaft. Oft erscheinen uns die Dinge, vor allem Sinnesobjekte, sehr attraktiv und rein, als könnten sie in jeder Hinsicht all unsere Wünsche befriedigen. Entsprechend streben wir diese Dinge an, sei es unseren eigenen Körper, den Körper von anderen, oder seien es irgendwelche Gebrauchsgüter. Wenn wir diese Dinge in Besitz nehmen, scheinen sie im Moment unsere Wünsche ganz und gar zu erfüllen, aber wir wissen, daß dieser Zustand nicht lange andauert. Schon bald zeigen sich die Nachteile, mit denen dieses Objekt behaftet ist, und wir hegen den Wunsch nach etwas Besserem. Im nächsten Jahr brauchen wir wieder etwas Neues, das Alte entspricht nicht mehr der Mode oder unseren momentanen Wünschen.

Solche befleckten Gegenstände können nicht nur unsere Wünsche nicht erfüllen, sie verursachen immer auch eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die wir nicht bedacht haben. Kurz gesagt, all diese „befleckten“ Objekte, die wir aufgrund von Begierde für sehr attraktiv halten, können unmöglich unsere tiefsten Wünsche befriedigen und sind letztlich immer mit Leiden und Problemen verbunden. Deshalb lautet eine Grundannahme im Buddhismus, daß alles Befleckte leidhaft ist.

Das dritte Siegel:
Im dritten Siegel wird erklärt, daß alle Phänomene leer und ohne Selbst sind. In Verbindung mit den verschiedenen Objekten kommen in uns negative Geisteszustände wie Begierde, Haß usw. auf. All diesen Leidenschaften liegt eine grundlegende Täuschung zugrunde; wir erkennen die eigentliche Wirklichkeit nicht — weder die eigentliche Realität unserer eigenen Person noch die der Objekte, auf die wir treffen. In unserer Verblendung schreiben wir diesen Objekten eine eigenständige Existenz zu, ein sogenanntes Selbst, das sie nicht besitzen. Tatsächlich sind alle Phänomene leer von einem Selbst, das heißt sie besitzen keine selbständige, unabhängige Existenz; alles, was existiert, kann nur in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Faktoren wie Ursachen, Umständen, Teilen und Benennungen bestehen. Nur in Abhängigkeit von vielen Faktoren existiert überhaupt irgendein Phänomen — sei es die eigene Person oder ein anderes Phänomen.

Von Natur her sind wir weder allwissend noch erkennen wir die Wirklichkeit korrekt; unser Bewußtsein ist behaftet mit Täuschungen und Unwissenheit. Wir beherrschen zum Beispiel nicht einmal die Gesetzmäßigkeiten unserer eigenen Sprache, die Grammatik, wobei dies noch ein oberflächliches Wissensgebiet ist. Viel weniger erkennen wir die endgültige Wirklichkeit der Phänomene, einschließlich unserer eigenen Person. So schreiben wir aufgrund von Unwissenheit unserem Ich sowie anderen Personen und Objekten eine eigenständige und unabhängige Existenz, ein sogenanntes Selbst zu. Das ist die grundlegende Unwissenheit, die unser Denken beherrscht. Auf der Grundlage dieser Unwissenheit entstehen unheilsame Geisteszustände wie Begierde, Haß usw.

Das vierte Siegel:
Nirvāna ist die völlige Beendigung von allen Befleckungen im Geist, d.h. von allen Leidensursachen wie Gier, Haß und Verblendung zusammen mit ihren Samen. Man erlangt Nirvāna durch die Meditation auf dem Pfad. Der Pfad zur Befreiung läßt sich in fünf Pfade einteilen: in den Pfad der Ansammlung, der Vorbereitung, des Sehens, der Meditation und des Nicht-mehr-Lernens; die ersten beiden Pfade sind noch befleckte Geisteszustände, und erst ab dem Pfad des Sehens werden unbefleckte Geisteszustände erlangt, mit denen man die Ursachen für alle Leiden vollständig ausmerzen kann.

Unserem Geist wohnt eine natürliche Reinheit inne, die darin besteht, daß der Geist frei ist, und zwar, nach Mādhyamika-Meinung, frei von inhärenter Existenz. Auf dem Pfad beendet man durch Meditation schrittweise die vorübergehenden Befleckungen wie Gier, Haß, Verblendung usw. und erlangt dann — neben der natürlichen Reinheit — die Reinheit von den vorübergehenden Befleckungen. So erlangt man eine zweifache Reinheit, und das ist das Nirvāna oder die Befreiung im Geist.

Der Dharma ist das Mittel, Nirvāna zu erlangen. Einmal gibt es den verbalen bzw. schriftlich überlieferten Dharma, das sind die Worte, die der Buddha gesprochen hat, und die Schriften, die tradiert worden sind. Außerdem gibt es den erkenntnismäßigen Dharma, also die Erkenntnisse und die Tugenden, die man durch die Praxis dessen erlangt, was schriftlich bzw. mündlich überliefert ist. Der verbale Dharma besteht, grob gesagt, in den Drei Schriftabteilungen der Disziplin, der Lehrreden und des Höheren Wissens, auch als Tripi°Ëaka, die Drei Körbe, bekannt. Der erkenntnismäßige Dharma sind die Beendigungen, die Verwirklichungen, die man durch die Schulung von Disziplin, Konzentration und Weisheit im eigenen Geist hervorgebracht hat. Diese Phänomene — die Buchstaben, Worte, aber auch die Tugenden, die man auf der Grundlage dieser Lehren im Geist entwickelt hat — sind zuerst befleckter Natur. Man kann nicht damit beginnen, unbefleckte Tugenden zu entfalten, sondern man muß erst befleckt Heilsames entwickeln und es allmählich in Unbeflecktes umwandeln.

Es ist vorteilhaft, wenn wir unsere Gedanken auf die Vier Siegel lenken und uns fragen, wie die Dinge wirklich existieren, besonders jene Objekte, die wir für attraktiv oder schädigend halten und die wir mit Begierde oder Haß betrachten. Inwieweit haben die Dinge die Beständigkeit, die wir ihnen unbedacht zuschreiben? Inwieweit existieren die Dinge aus sich selbst oder nicht aus sich selbst? Dies zu erforschen, ist wichtig. Die Themen werden im Buddhismus behandelt, und wir sollten nicht bloß die Informationen sammeln und sie danach wieder ad acta legen, sondern uns die Dinge wirklich bewußt machen.

Wenn beispielsweise erklärt wird, daß Produkte unbeständig sind, dann müssen wir uns fragen, was das eigentlich bedeutet. Wie erleben wir die Dinge, nehmen wir sie gewöhnlicherweise als beständig oder unbeständig wahr, entspricht dies ihrer eigentlichen Wirklichkeit? Wir sollten uns überlegen, was es heißt, daß alles Befleckte leidhaft ist. Wie erscheinen uns die Dinge, die wir für besonders attraktiv halten? Tragen sie wirklich diese Attraktivität in sich, oder sind mit ihnen nicht auch viele Schwierigkeiten verbunden, so daß sie uns nicht wirklich befriedigen können?

Auch sollten wir Klarheit darüber erlangen, ob uns die Dinge — sei es unsere eigene Person, seien es Objekte — so erscheinen, als existierten sie aus sich selbst heraus, unabhängig von anderen. Erscheinen sie so, als könnten sie unabhängig, aus sich selbst heraus dieses oder jenes bewirken, als könnten sie uns z.B. aus sich selbst heraus Freude oder Leid bereiten? Inwieweit existieren die Dinge so eigenständig, wie wir sie gewöhnlich wahrnehmen?