BUDDHISMUS auf einen Blick |
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Der folgende Auszug aus dem neuen „Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften“, herausgegeben von der Universität Hamburg, wurde vom Tibetischen Zentrum und der Buddhistischen Gesellschaft Hamburg verfaßt. Die Lehre: Leiden und Täuschungen überwindenDie Lehre des Buddha konzentriert sich auf die Analyse des menschlichen Daseins und der erfahrbaren Welt. Beide sind unvermeidlich mit Leid verbunden, und das Ziel der buddhistischen Lehre ist die Befreiung von diesem Leid. Der Buddha lehrte in seiner Daseinsanalyse drei Merkmale der erfahrbaren Welt: daß alle Produkte unbeständig sind (P: anicca, S: anitya), daß alles Befleckte (mit Leidenschaften Verbundene) leidhaft ist (P: dukkha, S: duçkha) und daß alle Wissensobjekte leer und ohne Selbst sind (P: anattā, S: anātman). Letzteres bedeutet nicht, daß sie überhaupt nicht existieren, sondern, daß sie nur in Abhängigkeit existieren. Die Täuschung in bezug auf diese Daseinsmerkmale führt zu Leiden. Vor allem die Gier nach letztlich Unbefriedigendem und Unbeständigem, die aus dieser Täuschung entsteht, spielt im Prozess der Leidensentstehung eine große Rolle und führt zu ständiger, unfreiwilliger Wiedergeburt im Daseinskreislauf (P/S: Samsāra). Der Unerlöste befindet sich damit in einem unendlichen Kreislauf von Existenzen, in denen er hofft, dauerhafte Freude finden zu können, aber stattdessen Enttäuschung und Leid erfährt, z.B. in Form von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Die Art der Wiedergeburt in nächste Existenzen wird durch gute oder schlechte Taten (P: kamma, S: karma) in der gegenwärtigen Existenz bestimmt. Eine Wiedergeburt kann in der Hölle, der Tierwelt, im Reich der hungrigen Geister, der Menschenwelt oder in dem Bereich weltlicher Götter erfolgen. Durch die Erkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten, des Fundaments der buddhistischen Lehre, beginnt der Weg zur Befreiung aus dem Leid. Die Vier Edlen Wahrheiten besagen: 1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll. Dies ist zu durchschauen. Die Glieder dieses Pfades sind: Rechte Ansicht, Rechtes Denken, Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebensunterhalt, Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit und Rechte Sammlung. Diese acht Glieder lassen sich zusammenfassen zu den drei Schulungen in Ethik (P: sïla, S: shïla), Konzentration (P und S: samādhi) und Weisheit (P: paññā, S: prajñā). Darüber hinaus enthält die buddhistische Geistesschulung die Entwicklung der Fünf Kräfte Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit, die in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander entwikkelt werden müssen. Das Ziel des Heilsweges (des Pfades) ist die vollständige Umwandlung des Menschen. Die Illusion von einem beständigen, unabhängigen „Selbst“ wird aufgegeben, die Daseinsgier verlischt, und die drei „unheilsamen Wurzeln“ (Gier, Haß und Verblendung) werden restlos beseitigt. Dadurch wird die Befreiung aus dem Daseinskreislauf erreicht. Diese Beendigung des Leidens wird als Verlöschen (des Leidens) (P: nibbāna, S: Nirvāna) bezeichnet, dessen Beschreibung vielfältige Auslegungen erfährt (siehe unten). Auf dem Pfad zur Beendigung des Leidens unterscheidet man verschiedene Stufen der persönlichen Entwicklung und der Heiligkeit. So gibt es z. B. die Hörer (P: sāvaka, S: shrāvaka) und Alleinverwirklicher (P: paccekabuddha, S: pratyekabuddha), die den Zustand persönlicher Befreiung (P: arahat, S: arhat) anstreben. Der Bodhisattva strebt den Zustand der Buddhaschaft an, indem er sowohl das eigene als auch das Wohl der anderen zu verwirklichen sucht. In der Buddhaschaft erreicht die Person vollkommene Kraft, vollkommenes Mitgefühl und vollkommene Weisheit, mit denen sie zum Wohl aller Lebewesen wirkt. Das endgültige Wesen der Buddhaschaft wird in den verschiedene Philosophien des Buddhismus unterschiedlich dargestellt, wie z.B. in der Dreikörperlehre (siehe unten). Der Buddha begründete zu seinen Lebzeiten vier Stände von Nachfolgern: Mönche (P: Bhikkhu, S: Bhikshu), Nonnen (P: Bhikkhunï; S: Bhikshunï), Laienanhänger (P/S: Upāsaka) und Laienanhängerinnen (P/S: Upāsikā). Diese nehmen entsprechende Selbstverpflichtungen (Gelübde) auf sich, deren Überlieferung sich vom Buddha bis heute ununterbrochen zurückverfolgen läßt. Der historische BuddhaMit „Buddha“ wird nicht nur ein Voll-Erwachter bezeichnet, sondern auch der Zustand des Erwachtseins. Das Erscheinen eines Buddha ist nach buddhistischer Lehre nicht einmalig, sondern geschieht viele Male in diesem Zeitalter. Der historische Buddha Sakyamuni (P) / Buddha Shākyamuni (S), der Weise aus dem Volk der Sakya (P) / Shākya (S), aus dem der Buddha stammte, war der vierte. Meist versteht man unter „dem“ Buddha diesen Menschen, der den letztendlichen, höchsten Zustand erlangte und dann, aus dieser Erfahrung heraus, anderen die Mittel gab, um jenen Zustand selbst zu erlangen. Er ist also der unübertroffene Lehrer, keinesfalls aber der „Gott“ der Buddhisten. (Die buddhistische Lehre ist nicht-theistisch; sie verneint die Existenz eines allmächtigen Schöpfergottes.) Der historische Buddha wurde als Siddhattha Gotama (P) bzw. Siddhārtha Gautama (S) in Nordindien bei Lumbinï im heutigen Nepāl als Prinz geboren. Mit 29 Jahren verließ er Palast und Familie, um durch Askese und Einsicht eine Erlösung aus dem Leiden zu suchen, welche er sechs Jahre später im Alter von 35 Jahren unter einem Baum bei der Stadt Uruvelā (der heutigen Stadt Bodh Gayā im indischen Bundesstaat Bihār) erlebte. Erst von diesem Zeitpunkt an war er ein Buddha, ein vollkommen Erwachter, und begann zu lehren. Seine erste Lehrrede, die als die Lehrrede vom In-Bewegung-Setzen des Rades der Lehre (P: dhammacakkappavattanasutta, S: dharmacakrapravartanaSutra) bezeichnet wird, hielt er in Sarnath bei Vārānasï (Benāres). Seine Lehrtätigkeit dauerte 45 Jahre, in denen er Bihar und die angrenzenden Gebiete Nordindiens durchwanderte. Mit 80 Jahren ging er in Kusinagara in das vollkommene Nibbāna (Nirvāna) (P: parinibbāna, S: pariNirvāna) ein. Die buddhistische Zeitrechnung beginnt mit diesem Datum des Parinibbāna / PariNirvāna, wobei aber erhebliche Uneinigkeit über die exakte Datierung herrscht. Die Angaben schwanken zwischen 544 und 365 v. Chr. Im Jahr 1956 wurde in Indien von Buddhisten verschiedener Traditionen das 2500-jährige Nibbāna bzw. Nirvāna des Buddha gefeiert, wobei sich zum Beispiel indische, singhalesische und tibetische Experten einig waren, das Nibbāna bzw. Nirvāna des Buddha auf 544 v. Chr. zu datieren. Dieses Datum bleibt aber weiterhin umstritten, besonders unter westlichen Wissenschaftlern. Quellen und Schulen: Reichtum an TraditionenDie Lehrreden des historischen Buddha Sakyamuni / Buddha Shākyamuni wurden erst nach seinem Parinibbāna / PariNirvāna gesammelt, kodifiziert und niedergeschrieben. Der Überlieferung zufolge wurde diese Arbeit von der Mönchsgemeinde geleistet. Das Ergebnis war der sogenannte Dreikorb (P: tipi°Ëaka, S: tripi°Ëaka). Unterschiedliche Versionen dieser ersten Sammlung weisen auf verschiedene Richtungen schon in der Anfangszeit hin. Die kanonischen Sammlungen scheinen untereinander große Ähnlichkeit aufgewiesen zu haben, jedoch existieren viele heute nur noch als Fragmente. Vollständige kanonische Sammlungen existieren aus der Sicht der jeweiligen Traditionen noch heute auf Pāli, Tibetisch und Chinesisch. Die letzten beiden stellen Übersetzungen aus dem Sanskrit dar, wobei die Sanskrit- Originale im Laufe der Jahrhunderte durch den Niedergang des Buddhismus in Indien zum größten Teil verlorengingen. Ein Wesenszug des Buddhismus ist der Reichtum an verschiedenen Traditionen. Schon vor der christlichen Zeitwende bildeten sich unterschiedliche Schulen, deren Zahl von den einzelnen Traditionen mit 18 oder mehr angegeben wird. Allerdings gibt es Abweichungen in der Darstellung, welche diese 18 Schulen waren, in welcher chronologischen Reihenfolge sie sich herausgeformt haben, in welcher Sprache der Buddha lehrte u.a. In der westlichen Buddhismusforschung wird allgemein davon ausgegangen, daß der Buddha in Māgadhï gelehrt hat, der regionalen Sprache. Die Worte des Buddha wurden über mehrere Jahrhunderte mündlich tradiert; schließlich wurden sie von den oben genannten 18 Schulen in unterschiedlichen Sprachen, wie z.B. Pāli und Sanskrit, niedergeschrieben. Die Tradition des Vinaya von drei dieser 18 Schulen ist heute noch lebendig: Theravāda (Sri Lanka, Thailand, Burma, Laos, Kambodscha, Indonesien), Dharmagupta (China, Korea, Vietnam) und Mulasarvastivada (Tibet). Desweiteren unterscheidet man innerhalb des Buddhismus vom Aspekt der Methode oder Ausübung her das Fahrzeug der Hörer (P: sāvakayāna, S: shrāvakayāna) und das Fahrzeug der Bodhisattvas (P: bodhisattayāna, S: bodhisattvayāna), die gewöhnlich auch Kleines Fahrzeug (hïnayāna) und Großes Fahrzeug (mahāyāna) genannt werden. Der buddhistische Weg des Tantra gehört zum Großen Fahrzeug. Vom Aspekt der Weisheit oder Ansicht her gesehen gibt es im Buddhismus vier philosophische Schulen: die Schule der Großen Ausführlichen Erläuterung (S: vaibhāshika), die Sutraschule (P: suttavāda, S: sautrāntika), die Nur-Geist-Schule (S: cittamātra) und die Schule des Mittleren Weges (S: madhyamaka). Das Hïnayāna umfaßt dabei die ersten beiden Schulen und das Mahāyāna die letzten beiden. Der Begriff des Hïnayāna entstand aus der Sicht des Mahāyāna, wobei die Theravādins den Begriff Hïnayāna als abwertend empfanden, weswegen er von Anhängern des Mahāyāna teilweise durch den Begriff Shrāvakayāna (Hörerfahrzeug) ersetzt wurde. Die Theravādins ziehen jedoch den Begriff Theravāda vor. Diese Schulen verbreiteten sich von Indien aus nach Südost-, Zentral- und Ostasien. Der Theravāda-Buddhismus wurde bestimmend in Sri Lanka, Burma (erste Erscheinung 3. Jh. v. Chr.), Indonesien (5. Jh.), unter den Thai- Völkern (13. Jh.), unter den Laoten (13.-14. Jh.) und in Kambodscha (13.- 14. Jh.). Der Mahāyāna-Buddhismus breitete sich von Indien über China (1. Jh.) nach Korea und Vietnam (4. Jh.) sowie nach Japan (6. Jh.) aus. Nach Tibet kam der Buddhismus direkt aus Indien (7./8. Jh.). Theravāda-Buddhismus: Ethik, Konzentration und WeisheitDer Theravāda-Buddhismus stützt sich auf den im 1. Jh. v. Chr. niedergeschriebenen Pāli-Kanon. An diesen schließt sich eine umfangreiche Kommentarliteratur an. Der bedeutendste Kommentator war Buddhaghosa (5. Jh., Indien / Ceylon), der den Vinayapi°Ëaka (ethische Disziplin), den überwiegenden Teil des Suttapi°Ëaka (Lehrreden) und den Abhidhammapi °Ëaka (Systematisierung der Inhalte der Lehrreden, Höherer Dhamma) kommentierte. Neben den o.g. Ausbreitungsgebieten muß erwähnt werden, daß der Buddhismus seit dem 19. Jh. von Sri Lanka aus in der Form des Theravāda in Indien, besonders an den historischen Orten, wiederbelebt wird, nach- dem er zum großen Teil aufgrund der moslemischen Invasionen in das Kernland des Buddhismus, Bihār, und der Zerstörung buddhistischer Heiligtümer und Klöster gegen Ende des 12. Jh. aus Indien nahezu verschwunden war. Heute gehören in Indien nur noch wenige dieser Religion an. Deutsche und englische Wissenschaftler erschlossen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Quellen des Theravāda durch Editionen und Übersetzungen. Unter ihnen waren auch die ersten Buddhisten, die unter anderem durch die Gründung buddhistischer Gemeinschaften den Theravāda in Deutschland in den zwanziger Jahren zu einer Blüte führten und auf deren Initiativen einige heute in Deutschland bestehenden Zentren zurückgehen. Neben den bereits genannten Inhalten des Buddhismus bildet die Grundlage des Theravāda-Buddhismus die Zuflucht zum Buddha, dem unübertroffenen Lehrer, seiner Lehre (P: dhamma, S: dharma) und der Gemeinschaft (P/S: Sangha). Weitere grundlegende Praktiken sind die Vier Grundlagen der Achtsamkeit, die Vier Unbegrenzten Geisteshaltungen von Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sowie die Ethik, wie sie in den fünf Tugendregeln (P: sïla, S: shïla) zum Ausdruck kommt: Keine Lebewesen zu töten oder zu verletzen, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, keine unheilsamen sexuellen Beziehungen zu pflegen, nicht zu lügen oder unheilsam zu reden und sich nicht durch berauschende Mittel das Bewußtsein zu trüben. Für Mönche und Nonnen gelten weitere Regeln. Generell richtet sich die Lehre des Buddha an alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Rasse, Land und Geschlecht. Sie richtet sich an die Erkenntnisfähigkeit des Menschen; ihre Richtigkeit erweist sich dem Suchenden dadurch, daß sie erfahrbar und nachvollziehbar ist. Sie ist eine durch Hören und Nachdenken rational verständliche und in Tugendentfaltung und den verschiedenen Methoden der Meditation praktisch anwendbare Lehre zur Erlösung vom Leiden. Der Allgemeine Mahāyāna-Buddhimus: Wirken zum Wohl aller WesenDer Allgemeine Mahāyāna-Buddhismus, auch Pāramitāyāna Vollkommenheitsfahrzeug) genannt, übernimmt diese Grundlagen und ergänzt sie durch die besondere Motivation, auch Erleuchtungsgeist (S: bodhicitta) genannt, einen Zustand zu erreichen, der über die persönliche Befreiung hinaus vor allem für andere von größtem Nutzen ist, die Buddhaschaft. In diesem Zusammenhang werden die Praktiken eines Bodhisattvas, die Sechs Vollkommenheiten, gelehrt. Diese sind die Vollkommenheiten der Freigebigkeit, der ethischen Disziplin, der Geduld, der Tatkraft, der Konzentration und der Weisheit. Charakteristisch für die Metaphysik des Mahāyāna ist die Lehre von der Buddhanatur (S: tathāgatagarbha). Weiterhin folgte im Mahāyāna-Buddhismus eine besondere Ausformung der Lehre vom endgültigen Wesen des Buddha, die Dreikörperlehre (S: trikāya) genannt. Diese Körper sind der Ausstrahlungskörper (S: nirmānakāya), der Körper des Vollkommenen Erfreuens (S: sambhogakaya) und der Wahrheitskörper S: dharmakāya). Dabei erscheint der irdische Buddha als die Inkarnation eines transzendentalen Wesens. Während man im Theravāda zumeist davon ausgeht, daß nach dem Erlangen des Parinibbāna / PariNirvāna die Fünf Konstituenten bzw. Aggregate der Person (P: khandha, S: skandha) zu einem endgültigen Erlöschen kommen, akzeptiert der Mahāyāna-Buddhismus nur das Erlöschen der befleckten (leidenschaftsverbundenden) Aspekte der Persönlichkeit, nicht aber der Kontinuität des Geistes überhaupt. Auf dieser Grundlage wendet sich der Mahāyāna- Anhänger mit seinem Gebet an allzeit vorhandene Buddhas und Bodhisattvas, die nach seiner Überzeugung in Abhängigkeit vom eigenen Vertrauen stets ihre Heilsaktivität zum Wohle der Wesen aussenden und die notwendigen Bemühungen auf dem Weg zur Befreiung segensreich unterstützen können. Die Literatur und Quellen der Mahāyāna-Tradition sind besonders reichhaltig. Die große Anzahl der Schriften teilt sich in zwei Arten ein, in die Sutras und Shāstras. Die Sutras geben die Worte des Buddha wieder und umfassen nach Auffassung der Mahāyāna-Vertreter zuzüglich zu denjenigen Sutras, die die Grundlage des Hörerfahrzeuges bilden, auch die sogenannten Mahāyāna-Sutras, die der Buddha Schülern mit besonderer Neigung im engeren Kreis gelehrt hat. Der Großteil dieser Schriften wurde im 1.- 3. Jh. n. Chr. schriftlich niedergelegt. Bekannte Mahāyāna-Sutras sind: das Sutra von der Vollkommenheit der Weisheit (Prajnaparamitasutra), das Sutra vom Weißen Lotus der Guten Lehre (Saddharmapundarikasutra), das Sutra vom König der meditativen Versenkung (Samadhirajasutra) und das Goldglanz-Sutra (Suvarnaprabhasasutra). Die Shāstras (Lehrwerke) sind philosophische Abhandlungen, die die Lehre kommentieren. Zwei äußerst wichtige Verfasser dieser Shāstras waren Begründer der Madhyamaka-Schule: Nāgārjuna und āryadeva. Die wichtigsten Werke Nāgārjunas sind: Grundverse über den Mittleren Weg (Madhyamakakārikā), Zurückweisung von Einwänden (Vigrahavyāvartanï) und Juwelenkette (Ratnāvalï). In diesen Werken führt er die Lehre von der Leerheit (Shunyata), dem zentralen Begriff der Mahāyāna-Philosophie, maßgebend aus. Tantrischer Buddhismus: Der schnelle Weg zur BuddhaschaftDer tantrische Buddhismus wird von seinen Anhängern als ein besonders schneller und effektiver Weg zur Buddhaschaft innerhalb des Mahāyāna- Buddhismus angesehen. Voraussetzung für das Beschreiten dieses Weges sind insbesondere ein gutes Verständnis des Stufenweges zur Erleuchtung, die Entwicklung von Entsagung (Wunsch nach Befreiung aus dem Daseinskreislauf ), altruistisches Erleuchtungsstreben (bodhicitta) und die Einsicht in die Leerheit (Shunyata). Diese Form des Buddhismus ist indischen Ursprungs und hat sich bis heute vollständig nur nach Tibet und in angrenzende Länder wie Nepal verbreitet. Die Schulung basiert völlig auf den vorher genannten Übungen des Shrāvakayāna und Pāramitāyāna, verlangt aber noch größere Fähigkeiten von den Schülern und kann für Nicht-Initiierte gefährlich sein, weshalb sie traditionell geheim gehalten wird. Im wesentlichen geht es dabei um die Selbstidentifikation mit dem Zustand der Vollkommenheit, der in Form von göttlichen Wesenheiten und anderen bildlichen Darstellungen seinen Ausdruck findet. Grundlage der tantrischen Schulung ist die enge Beziehung zu einem qualifizierten geistigen Lehrer bzw. spirituellen Freund (P: Kalyānamitta, S: Kalyānamitra), das Nehmen von Initiationen, das Einhalten von Gelübden, Rezitations- und Meditationsverpflichtungen sowie das damit verbundene Rezitieren von Mantras (den Geist beschützenden Worten). Buddhismus in Tibet umfassende Überlieferung aus IndienVom 7. Jh. an wurde der Buddhismus von Indien nach Tibet überliefert. Die Übersetzung zahlreicher Texte im 7. und 8. Jh. führte zur ersten Festigung des Buddhismus dort (erste Ausbreitung des Dharma). Die Überlieferung der Lehren aus Indien und Kaschmir bis zum 10. Jh. brachte aber nur in westlichen und östlichen Teilen des Landes einen Aufschwung. Die Ankunft des Mönches Atisha in Tibet (1042) und die damit verbundene neue Übersetzungstradition, die von dem tibetischen Gelehrten und Übersetzer Rintschen Sangpo ausging, markierte dann die Verbreitung des Buddhismus im ganzen Land in der Form des Mahāyāna- Buddhismus, auch als zweite Ausbreitung des Dharma bekannt. Atishas literarische Tätigkeit war besonders wichtig: sein Werk „Lampe, die den Weg zur Erleuchtung erhellt“, faßt alle verschiedenen Ausprägungen des Buddhismus in einem Stufenweg (Tibetisch: Lamrim) zusammen, der von jedem einzelnen zu durchlaufen ist. Atïsha reinigte die Lehre von falschen Praktiken, stärkte die Disziplin und förderte das Studium. Sein Wirken in Zentraltibet ist gleichzeitig der Höhepunkt der Aufnahme der Lehren aus Indien, die sich aber noch über mehrere Jahrhunderte fortsetzte. In der Folgezeit bildeten sich die verschiedenen buddhistischen Schulen Tibets aus. Bei den Schulen handelt es sich nicht um verschiedene Konfessionen wie in der christlichen Religion. Sie gehen alle auf die indische Tradition zurück, sind in ihrer Philosophie gleich und unterscheiden sich oft nur in Terminologie und Gewichtung. Die Vielfalt der Traditionen entstand zum Teil aufgrund geographischer Gegebenheiten. Wenn in einer Region ein großer Lehrer auftrat und Schüler um sich sammelte, wurde dies schließlich eine Tradition genannt, die dann weiter vom Lehrer auf den Schüler überliefert wurde. Die Schule, die sich auf die Übersetzungen aus der Phase der ersten Ausbreitung beruft, wird Nyingma genannt. Ihr wesentlicher Lehrer ist Padmasambhava (8. Jh.), der auch sogenannte „Schatztexte“, das heißt buddhistische Schriften, die für die Nachwelt gedacht waren, in der Erde verbarg, die von Sehern in späteren Jahrhunderten entdeckt wurden. Die Kagyü-Schule geht auf die indischen Siddhas Tilopa (980-1069) und Nāropa (1016-1100) zurück. Der Übersetzer Marpa (1012-1098) ging nach Indien und studierte dort ihre Lehren. Sein berühmtester Schüler ist Milarepa (1040-1123), der Inbegriff eines Yogis und Heiligen in Tibet, dessen poetische Lehrgedichte und skurrile Lebensgeschichte sich in Tibet äußerster Beliebtheit erfreuen. Die Sakya-Schule pflegte schon früh das indische Erbe der Debattierkunst und Logik. Ihr Begründer war Köntschok Gyalpo (1034-1102). Später gelangten die Sakya-Patriarchen in Verbindung mit den Mongolen auch zu großem weltlichen Einfluß. Die Gelug-Tradition berief sich auf das Erbe Atishas. Ihr Gründer Tsongkapa (14. Jh.) lernte bei allen Schulen und erlangte maßgebenden Einfluß in der tibetischen Interpretation der indischen Philosophen. Dem Vorbild entsprechend, das Atisha gab, reinigte er die Lehre erneut, beseitigte Mißverständnisse, straffte die Disziplin und gründete die großen Staatsklöster. Aufgrund ihres guten Rufes gelang es seinen Nachfolgern, so vor allem dem 3. Dalai Lama, die Mongolei im 16. Jh. endgültig für den Buddhismus zu gewinnen, nachdem bereits im 13. Jh. durch Sakya Pandita politische und religiöse Beziehungen zwischen den beiden Völkern hergestellt worden waren. Mit den Dalai Lamas, deren Titel Dalai, „Ozean der Weisheit“, mongolischer Herkunft ist, gewann diese relativ spät entstandene und sich schnell ausbreitende Schule bald auch die weltliche Macht. Der tibetische Buddhismus insgesamt entwickelte in dieser Zeit drei bedeutende Errungenschaften:• Die Übersetzung der kanonischen Literatur und der Kommentarliteratur indischer Meister ins Tibetische. Diese Übersetzungen wurden von Kommissionen tibetischer Übersetzer (Lotsawa) und indischer Gelehrter (Pandit) erstellt (7.-14. Jh.) und umfassen zwei Teile, den Kangyur (Übersetzung der Worte des Buddha), der im 13. Jh. kodifiziert wurde, und den Tängyur (Übersetzung der Lehrwerke), der im 14. Jh. im Kloster Schalu kodifiziert wurde, dem der tibetische Gelehrte Butön (Bu-ston) vorstand. Die Worte des Buddha in den Drei Körben Vinayapitaka (ethische Disziplin), Sutrapitaka (Lehrreden einschließlich der Mahayanasutras und Tantras) und Abhidharmapitaka (Höheres Wissen) bilden den Inhalt des Kangyur. Die Sammlung der Shāstras (Kommentare indischer Meister zu den Sutras und Tantras) bildet den Tängyur. Die Namen der Übersetzer gehen aus den Kolophonen der entsprechenden Werke hervor. Beide Kompilationen liegen heute, abgesehen von den Handschriften, in mehreren Blockdruckausgaben vor, wie z.B. der von Peking (1410), Narthang (1731, 1742), Derge (1733) oder Lhasa. Letzterer wurde vom 13. Dalai Lama in Auftrag gegeben (1876-1933). • Die Schaffung einer umfangreichen einheimischen Literatur, die Handbücher, Kommentare und Geschichtsbücher umfaßt. Der Mönch Butön (Bu-ston) schrieb in dieser Zeit die bedeutende „Geschichte des Buddhismus in Indien und Tibet“ (1322). • Die tiefe Verwurzelung des Buddhismus im Leben des tibetischen Volkes. Auf der Grundlage der Dreikörperlehre des Mahāyāna entwickelte sich in Tibet die besondere Praktik der Wiederfindung der Reinkarnation verstorbener Lamas in Kindern, die als Tulkus („Ausstrahlungskörper“) bekannt sind. Buddhisten tibetischer Tradition lehnen den westlich geprägten Begriff „Lamaismus“ ab, weil es sich bei der tibetischen Tradition um die authentische Fortführung der indischen Tradition handelt und nicht um eine Neuschöpfung tibetischer Lamas. Der Einmarsch der Chinesen in Tibet im Jahre 1949/50 bedeutete einen schweren Schlag für den Buddhimus. Mehr als 6.000 heilige Stätten und Klöster wurden in der Folgezeit zerstört. Der geistige Führer der tibetischen Buddhisten, der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso (Friedensnobelpreisträger 1989), und 70.000 weitere Tibeterinnen und Tibeter flohen 1959 nach Indien, Bhutan und in andere Länder. Tibet als unabhängiges Land hörte auf zu existieren, die Sozialstruktur und Kultur wurden weitgehend vernichtet. Der tibetische Buddhismus wird seitdem in den im Exil errichteten Klöstern aufrechterhalten. Gleichzeitig beobachtet man eine zunehmende Verbreitung der Lehren des tibetischen Buddhismus in der westlichen Welt, die mit der Vertreibung tibetischer Lamas aus ihrem Land zeitlich zusammenfällt. Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften. Religionsvielfalt in der Stadt von A-Z. Herausgegeben vom Seminar für Praktische Theologie der Universität Hamburg, W. Grüneberg, D.L. Slabaugh, R. Meister-Karanikas. Hamburg 1994 |