| Index "Tibet und Buddhismus" |

Das Kloster Sera

von Egbert Asshauer

Dr. Egbert Asshauer ist Arzt für innere Medizin, der sich seit langer Zeit mit tibetischer Heilkunde befaßt. Seine Reisen führen ihn immer wieder nach Ladakh und Indien, wo er diesmal auch die Krankenstation des Klosters Sera beriet.

Punkt neun Uhr rollte eine Limousine vom Typ Ambassador mit der Aufschrift »Sera Jhe Health Care Committee« in den Park des Hotels Metropol in Mysore. Drei strahlende Mönche in roten Roben entstiegen ihr und überreichten meiner Frau und mir, die wir schon einige Tage im ehemaligen Gästehaus der Maharadjas von Mysore verbracht hatten, die traditionellen weißen Begrüßungsschleifen.

Unser Ziel waren die tibetischen Siedlungen von Bylakuppe, etwa 75 Kilometer von Mysore entfernt, wo 18.000 Exiltibeter leben. Hier entstanden mit dem Kloster Sera die Mahayana Buddhist University und zwei kleine Klöster: Ein tantrisches Kolleg der Gelug- und ein Kloster der Nyingma- Tradition – als Bewahrer der mönchischen Kultur Tibets. Die Vorstellung von einem stacheldrahtumzäunten Flüchtlingslager, von indischer Polizei bewacht, wäre völlig falsch. Das Gebiet ist eine »restricted area«, d.h. hier hat das normale indische Visum keine Gültigkeit. Man kann sich vom Gandhi Square in Mysore ein Taxi mieten, das einen für 15- 20 DM in etwa zwei Stunden zum »Sera Lama Camp« bringt.

Bylakuppe war früher eine malariaverseuchte Wildnis, in der Tiger, Elefanten und andere wilde Tieren lebten, wie es sie heute noch in den nahegelegenen, riesigen Wildreservaten im Süden und Osten Karnatakas gibt. Die indische Regierung gab 1967 dieses unwirtliche Land den tibetischen Flüchtlingen – mit großen Zweifeln: Hier könne eigentlich niemand leben. Aber der Dalai Lama meinte: Meine Mönche werden es schon schaffen. Zusammen mit den anderen dort angesiedelten Tibetern machten sie das Land urbar, auch wenn viele in dem ungewohnten Klima krank wurden. Jetzt ist von der einstigen Wildnis auf dem in 1.000 Meter Höhe gelegenen Plateau nichts mehr zu ahnen.

Neuerungen in der Ausbildung: Englisch und Naturwissenschaften

Aber wir wollten nicht der Vergangenheit nachspüren, sondern etwas über die gesundheitlichen Probleme eines Großklosters unter den Bedingungen des Exils erfahren.

Das Kloster Sera besteht aus zwei Kollegien: Sera Jhe und Sera Mhe, die unabhängig voneinander verwaltet werden. 1967 hatten 250-300 Mönche, die alle aus dem Kloster Sera nördlich von Lhasa stammten, mit dem Bau begonnen. Jetzt leben hier 3.600 meist sehr junge Mönche, von denen allein 2600 zu Sera Jhe gehören. In den letzten Jahren sind jährlich mehr als 150 Mönche aus Tibet hinzugekommen.

Das Kloster liegt auf einer kleinen Anhöhe, auf deren Kuppe die weithin sichtbare Haupt-Versammlungshalle des Klosters steht. Unterhalb davon befinden sich die Mönchswohnungen, angelegt in einem Geviert von kleinen einstöckigen Häusern mit winzigen Gärten, durchzogen von schmalen Gäßchen. Das Kloster hat dadurch einen dörflichen Charakter. Dieser Kern wird umrandet von einer breiten, ungepflasterten Straße.

Hügelabwärts schließen sich zum Teil größere, zweistöckige Häuser an, Guru Village genannt. Hier leben meist jugendliche Tulkus, Reinkarnationen von hohem geistlichen Rang mit ihren Lehrern. Auch hochrangige Gesches (der Titel eines Gesche ist unserem Doktortitel vergleichbar) wohnen dort mit ihren Schülern. Prinzipiell kann sich ein von Haus aus vermögender Mönch jederzeit mit Genehmigung des Klosters ein eigenes Haus bauen. Darunter darf man sich natürlich keine Luxusvilla vorstellen, sondern bescheidene Häuser mit kleinen Räumen, in denen die Mönche, die oft aus kinderreichen Familien stammen, zusammen mit ihren Mönchsbrüdern und Schülern wohnen.

Für die minderjährigen Novizen gibt es eine Ganztagsschule. Hier werden zur Zeit 300 Schüler bis zur 12. Klasse unterrichtet und auch beköstigt. Die Novizen erhalten neben der traditionellen Ausbildung in buddhistischer Philosophie erstmals auch Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern – das hatte es bisher in tibetischen Klöstern nicht gegeben.

Unterrichtssprache ist neben Tibetisch auch Englisch, eine nicht zu unterschätzende Neuerung, da bisher nur sehr wenige Mönche Englisch sprechen. Die Lage des Klosters in einer »restricted area«, die Fremden den Zutritt nicht gestattet, und die fehlenden Sprachkenntnisse der Mönche sind nicht zuletzt der Grund gewesen, daß das Kloster so lange Zeit trotz seiner Größe unbeachtet von der Außenwelt und beinahe ohne Kontakt zu neuen Ideen existierte.

Geregelter Tagesablauf und Platz für neue Ideen

Das gemeinschaftliche Leben beginnt morgens um 5 Uhr mit einer zweistündigen Puja, dem gemeinsamen Gebet. In der Dunkelheit huschen aus allen Seiten Mönche zu einer kleineren Versammlungshalle, wo sie sich in langen Reihen niederlassen. Drei ältere Mönche sorgen gelegentlich mit mehr oder minder sanften Schlägen dafür, daß die jungen Mönche nicht einschlafen oder schwatzen. Gegen Ende der Pyja werden riesige Körbe mit pizzagroßen Fladenbroten hereingebracht, und aus großen Kannen wird Buttertee in die Teeschalen gefüllt, die alle Mönche mit sich führen. Der eigentliche Untericht findet in dem Haus des jeweiligen Lehrers statt. Die jüngeren Mönche lernen bei nicht viel älteren Gesches, während die fortgeschrittenen Semester sich um die Meister versammeln, die den Rang eines Gesche Lharampa haben, den höchsten Gesche-Rang. Öffentliche Vorlesungen, wie bei uns üblich, gibt es nicht. Gegessen wird zuhause oder in einem der drei winzig kleinen Restaurants, die von Indern betrieben werden.

Die Bäckerei des Klosters und die Teeküche arbeiten nur morgens. In der Großküche herrscht nur dann geschäftiges Treiben, wenn eine Puja gesponsert wird, d.h. wenn ein Laie oder ein durchreisender Würdenträger das Geld für eine volle Mahlzeit spendet. Am Nachmittag wird wieder memoriert und gelernt, und am Abend von 6 bis 9 Uhr finden die berühmten Debatten im Hof der Versammlungshalle statt, bei dem das Gelernte jeweils zwischen zwei Mönchen diskutiert wird. Dabei geht es sehr temperament- und geräuschvoll zu: Der Frager springt vor dem sitzenden Befragten mit genau festgelegter, weitausholender Gestik händeklatschend auf und ab, während die umsitzenden Mönche den Diskurs lebhaft anspornen.

In Sera Jhe arbeiten die Mönche auch körperlich: Auf dem Feld, beim Hausbau, beim Pflanzen von Bäumen. Den lachenden Gesichtern nach zu urteilen macht das Arbeiten den jungen Männern, die als Mönche keinen Sport treiben dürfen, enormen Spaß. So ganz selbstverständlich war die körperliche Arbeit von Mönchen im alten Tibet durchaus nicht. Aber der Dalai Lama hat über viele Jahre hinweg seinen Mönchen immer wieder das »ora et labora« (bete und arbeite) christlicher Mönche als beispielhaft dargestellt. Die jungen Mönche sehen nicht nur die Notwendigkeit ein, kräftig mit anzupacken, sie beziehen daraus auch ein neues Selbstbewußtsein. Und das scheint überhaupt das Bemerkenswerteste der Entwicklung der tibetischen Kultur im Exil zu sein, daß in allen Bereichen – nicht nur in den Klöstern – eine neue Generation Fuß faßt. Eine Generation, die sich ihre Vorbilder – zumindest was das Alltagsleben betrifft – im Westen sucht, sich gern westlich kleidet, den Fremden mit Handschlag begrüßt und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen ist. Computer halten ihren Einzug in die Büros, ebenso wie Kopierer und Faxgeräte. Immer mehr der Jüngeren sprechen Englisch, und immer öfter wagen es die jungen Leute, die streng hierarchische Ordnung tibetischen Lebens zu durchbrechen: Sie äußern nicht nur eigene Meinungen, sondern versuchen auch, sie durchzusetzen.

Gesundheitliche Verhältnisse verbessert

Wie sich solche Neuerungen durchsetzen, ist am Beispiel Sera Jhe nachvollziehbar. Die hygienischen Verhältnisse waren, bei der Enge der Behausungen und durch den ständigen Zuzug neuer Flüchtlinge verständlich, katastrophal. Die Ärzte der traditionellen tibetischen Medizin im etwa fünf Kilometer vom Kloster entfernten Camp 1 hatten alle Hände voll zu tun. Aber sie waren hier eher machtlos, da es sich fast immer um akute wassergeborene Infektionen, um Hautkrankheiten durch schlechte persönliche Hygiene und Ungeziefer und um Tuberkulose handelte. Hier wirken die traditionellen Pflanzenheilmittel zu langsam oder gar nicht.

1989 entschlossen sich fünf junge Gesches mit der Unterstützung ihres Abtes, das Health Care Committee zu gründen, das als eingetragener gemeinnütziger Verein unabhängig von der Exilregierung arbeitet, Spenden sammeln und über diese selbstständig verfügen kann.

Als erstes war das Wasserproblem zu lösen. Das benachbarte Kolleg Sera Mhe und die Schule für Novizen hatten gutes Wasser. Offensichtlich waren die Verwaltungen dieser drei unabhängig voneinander operierenden Institutionen bis 1989 nicht in der Lage gewesen, eine gemeinschaftliche Wasserversorgung zu organisieren. Bis dahin verfügte Sera Jhe lediglich über einen Brunnen außerhalb des Klostergeländes, der nicht einmal abgedeckt war und in der Monsunzeit vom nahegelegenen Fluß überschwemmt wurde. Die Folgen kann man sich leicht ausmalen, denn mit eben diesem Wasser wurde der Tee zubereitet, den die Mönche bei der Morgen-Puja erhielten.

Das Health Care Committee fand Sponsoren; es konnte ein 235 Meter tiefer Brunnen gebohrt und ein neuer, größerer Wassertank auf der Spitze des Hügels errichtet werden. Jedes Haus wurde an die neue Kanalisation angeschlossen, mit Ausnahme derer, die schon einen eigenen Brunnen hatten: Über die Wasserqualität dieser Brunnen gibt es bis heute keine Kontrolle.

Das nächste Projekt war 1992 die Errichtung eines eigenen Hospitals, das vor allem die Funktion einer Krankenambulanz erfüllt. Es ist klein, aber sehr zweckmäßig: Eine 2-Bettenstation für Notfälle, ein Konsultationsraum für einen indischen Arzt, der täglich zwei Stunden ordiniert, ein Zahnbehandlungsraum, ein Gips- und ein Verbandsraum, in dem Spritzen gegeben, Verbände gemacht und Unfälle versorgt werden.

Die Ambulanz wird täglich von 50-70 Patienten, manchmal auch mehr, aufgesucht. Sie werden nach Anweisung des Arztes von vier Mönchen betreut, die als Krankenpfleger ausgebildet sind und auch die Apotheke verwalten. Die Ambulanz versorgt beide Kollegien, aber auch Tibeter und Inder aus der Umgebung. Schwerkranke kommen in indische Hospitäler außerhalb von Bylakuppe.

Ein weiteres Problem ist die Zahnbehandlung. Die Zähne der 3600 Mönche, die sich Obst und Gemüse nur selten leisten können, sind schlecht, und indische Zahnärzte sind weit weg und teuer dazu. Deshalb wurde in Pondicherry in Südindien ein Mönch von ausländischen Zahnärzten ausgebildet, aber er kann bisher nicht arbeiten: Es fehlt das Handwerkszeug. Zum Kauf eines Zahnarztstuhls werden 5200 DM benötigt, auch an sonstigen Instrumenten besteht großer Mangel.

Nach Angaben des indischen Arztes haben 20-30 Prozent der Mönche Würmer und Amöben, etwa 10-15 Prozent Tuberkulose, davon aber nur noch 36 Mönche offene TB: Vor 1989 waren es 50 Prozent offener TB-Fälle. Magen- und Darmerkrankungen sind die häufigste Krankheitsursache. Sie sind in der Regel infektiös und nicht, wie bei uns, eher psychosomatisch. Außerdem dominieren Hautkrankheiten aufgrund der schlechten Körperhygiene: Diese durch entsprechende Aufklärung zu ändern, ist das nächste Ziel des Health Care Committees. Dazu gehört auch die Aufstellung von Toilettenhäuschen; später sollen auch kleine Badehäuser errichtet werden. Der Bau des Hospitals hat 62.000 DM gekostet und wurde vollständig durch Spenden finanziert. Die gesamten Unterhaltskosten für einen Monat betragen um die 2.300 Mark, für die zum großen Teil das Tibetische Zentrum in Hamburg aufkommt: Ein geringer Betrag verglichen mit entsprechenden Kosten hierzulande. Damit kann aber wirklich effiziente Hilfe geleistet werden.

Tradition in einer sich wandelnden Welt

Ein Problem ist immer noch die Beseitigung des täglichen Abfalls – die Häuser selbst haben biologische Klärgruben. Die Mönche waren es bis 1989 gewöhnt, Abfälle sorglos auf einen Haufen zu werfen, eine Freude für die vielen Ratten. Als im Oktober 1994 in Indien die Pest ausbrach, haben wir erlebt, was das bedeuten kann. Bis jetzt sind 15 Container aufgestellt worden, deren Entsorgung noch nicht gelöst ist.

Um ein dauerhaftes Einkommen zu schaffen, wurde ein Gästehaus mit 12 Zimmern, einer Küche und einem großen Meditationsraum neben dem Hospital gebaut, in dem wir als erste Gäste wohnen konnten. Das Gästehaus wird Laien offenstehen, die Meditationskurse besuchen wollen und für Touristen, die sich für die berühmte Mönchsuniversität interessieren. In einem benachbarten Haus ist eine Druckerei untergebracht, in der im Laufe der Jahre 25.000 hölzerne Druckstöcke – wie es bislang in Tibet traditionell üblich war – von religiösen und philosophischen Texten angefertigt wurden. Die Holzdrucke werden zu einem geringen Preis verkauft, der Gewinn muß reinvestiert werden. Aber auch High Tech hat im Kloster Einzug gehalten: Unter einem Dach mit der Druckerei wandeln Mönche an fünf Computern – Sera Mhe verfügt über zusätzliche 10 Computer – mit einer speziellen Software auf tibetisch eingegebene Texte in eine Umschrift mit lateinischen Buchstaben um. Im Rahmen dieses lang angelegten Projektes, das sich »Asian Classics Input Projekt« nennt, soll der gesamte buddhistische Kanon (Kangyur und Tangyur) mit dem Computer erfaßt werden. Auch andere Klöster werden daran beteiligt.

Die Offenherzigkeit, mit der uns alles erklärt und gezeigt wurde, hat uns sehr beeindruckt. Niemand hat beschönigt, daß vieles im Argen gelegen hat. Einige Gründe dafür habe ich schon erwähnt; dazu kommt noch die passive Haltung der älteren Mönche. Man hatte sicher schon lange das Gefühl, es müsse etwas geschehen, aber die Regierung im Exil war weit entfernt und hatte kein Geld. Die vermehrte Zahl der Flüchtlinge in den letzten Jahren hat hier Druck erzeugt; sie half den jungen Gesches, die fehlende Flexibilität zu überwinden und sich von dem traditionell hierarchischen Denken zu lösen. Nur so war überhaupt eine Anpassung an die neue Situation im Gastland möglich.

Thubten Gyaphel, unser Mentor in Sera und selbst Mitglied des Gesundheits- Komitees, war uns ein lebendes Beispiel. Er betonte immer wieder im Gespräch »I am a modern monk!« Thubten-la, jetzt um die dreißig Jahre alt, stammt aus einer wohlhabenden nepalesischen Familie und ist mit sieben Jahren als Novize in das Kloster eingetreten. In Dharamsala wurde er als health worker (Sozialarbeiter) ausgebildet und sieht nun seine Bestimmung darin, sich sozial zu engagieren und nicht allein als religiöser Lehrer zu wirken: Auch das ist neu im tibetischen Mönchsleben, in dem aktives soziales Engagement nicht zur Ausbildung gehörte: Das Engagement eines Mönches war im wesentlichen spiritueller Art. Er ist stolz darauf, zusammen mit seinen Kollegen bislang verschlossene Türen weit aufgestoßen zu haben und über das gesundheitliche Wohlergehen auch zum spirituellen Wohl seiner Mitbrüder beizutragen.

Aber Thubten Gyaphel ist nicht nur ein »moderner Mönch«: Für ihn war und bleibt die religiöse Tradition Tibets geistige Heimat, die es zu bewahren gilt. Jetzt ist ihm aber auch bewußt geworden, daß ein Verharren nur in der Tradition in einer sich wandelnden Welt nicht nur Stillstand, sondern langsames Absterben eben dessen bedeutet, was man bewahren will. Und in dieser Auffassung fühlt er sich vom Dalai Lama, dem Vorbild jedes Tibeters, immer wieder bestärkt.