Tibet und Buddhismus Nr. 94, 3/2010
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Klimakonferenzen: der Gipfel der Technikgläubigkeit
Klima und Wetter - Themen, die uns gelegentlich beschäftigen, insbesondere, wenn es nicht aufhören will zu regnen oder wir uns überlegen, wohin wir in Urlaub fahren. Aber was haben sie sonst als Umwelthemen mit mir zu tun? Umwelt, das ist die Welt um mich herum. Das Ich bildet die Mitte, innen - alles andere ist Umwelt, draußen. Die Mitte erscheint immer gleich, nur die Umwelt, "mein Umfeld" verändert sich. Gefällt mir die Welt nicht, so schaue ich in eine andere Richtung, gehe woanders hin oder verändere meine Umgebung.
Wie sich diese Herangehensweise auswirkt, zeigte sich auf den letzten Klimakonferenzen in Bonn und Marrakesch. Dort ging es darum, die Staaten der Welt dazu zu bringen, Maßnahmen und Ziele festzulegen, um die vom Menschen gemachte Erwärmung des Weltklimas zu bremsen. Eine bereits messbare durchschnittliche Erwärmung um einige Grad, das Schmelzen der Hochgebirgsgletscher und der Polkappen, der Anstieg der Meeresspiegel, eine Häufung extremer Hitze- oder Kälterekorde, verheerende Überschwemmungen und Dürreperioden, ungewöhnlich heftige Stürme zeigen, dass der Klimawandel schon begonnen hat.
Längst hätte etwas getan werden müssen, um die Gefahr abzuwenden. Doch seit über 20 Jahren dreht sich die Diskussion lediglich darum, wie die Hauptverursacher in den reichen Ländern des Nordens mit dem Problem so umgehen können, dass sie eines auf keinen Fall tun müssen, nämlich ihr Denken und Verhalten ändern. Über alles darf verhandelt werden, bloß nicht über eine Infragestellung und Reduzierung des verschwenderischen Lebensstils, unserer Wünsche nach Haben und Genuss. Verändern soll sich die Betrachtung des Problems, indem es einfach weiter ignoriert wird (siehe USA-Regierung) oder indem die Wirkungen angezweifelt und umgedeutet werden. Oder die Maßnahmen mit solchen Schlupflöchern verabschiedet werden, dass sich letztlich nichts ändert (z.B. Emissionshandel).
Das zentrale Wundermittel für alle Probleme der Moderne heißt jedoch: Technik. Vertreter der USA und Japans plädierten in Bonn dafür, das Klima-Problem mit Hilfe von "Mega-Engineering", d.h. durch groß angelegte technische Projekte zu lösen. Ungeachtet ökologischer Risiken erwägen sie, Kohlendioxyd (CO2) aus der Atmosphäre abzusaugen und in unterirdischen Lagerstätten zu deponieren oder Ozeane großflächig mit Eisen zu düngen, um das Wachstum der Grünalgen anzuregen, die dann der Atmosphäre CO2 entziehen. Einen Tag nach dem kläglichen Abschluss der Bonner Klimakonferenz forderte der amerikanische Physiker Gregory Benford in einem Zeitungsbeitrag, dass der Mensch angesichts der nun unvermeidlichen Klimaveränderung dazu übergehen solle, das Klima und das Wetter selber zu machen. [Gregory Benford: "Wolken machen! Vergesst Kyoto: Selbstbeschränkungen reichen nicht, der Mensch muss das Klima aktiv gestalten", Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.7.2001] Mit einem wahrhaft verrückten Plan wartete die amerikanische Weltraum-Behörde NASA auf: Sie will die Umlaufbahn der Erde ein wenig von der Sonne abrücken, um das alte Temperaturverhältnis wiederherzustellen. Die Technik dazu werde bereits entwickelt und an kleinen Himmelskörpern erprobt. Ein Problem hierbei könne allerdings sein, dass die Erde unter Umständen auf den Mond verzichten müsse... [Nico Stehr, Süddeutsche Zeitung vom 20.7.2001: "Aus der Bahn - Wie man die globale Erwärmung vermeiden kann".]
Buddha lehrte uns zu erkennen, dass allem Leiden der Menschen Unwissenheit, zum Beispiel in Form der Vorstellung der Abgetrenntheit des Ichs von der Welt zugrundeliegt. Die Umwelt ist keine fremde, uns gegenüberstehende Welt, sondern das sind wir selbst. Es gibt letztlich kein Innen und Außen. Darum können wir die Umweltprobleme, die wir geschaffen haben, nur wahrhaft lösen, indem wir sie als unsere eigenen erkennen und uns selbst verändern. Technik soll uns die fremd und bedrohlich gewordene Welt unterwerfen. Wäre es nicht einfacher und erfolgreicher, uns mit ihr in Einklang zu bringen?
Erschienen in "Tibet und Buddhismus", Heft 60, 2002
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